Friedrich Karl Schmidt (Pseudonym: Karl S. Friedrich)
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Mit seinem belletristischen Erstlingswerk „Grenze im Nebel“hat Karl S. Friedrich (Pseudonym) ein neues Genre erschaffen: den „romantischen Öko- Thriller“.
....Mit gestrecktem Hals flatterten sie über den See, kreisten über das Schilf, ließen sich nieder. Zögernd setzte die Dämmerung ein, nichts rührte sich, Moor und See schienen zu schlafen. Da hörte er seinen Namen rufen, leise, aber deutlich...
graphic  Karl S. Friedrich (Pseudonym): "Grenze im Nebel" ISBN 3-  8334-3102-4- 287 Seiten - €  16,80; zu bestellen bei www.amazon.de, www.libri.de, www.buecher.de oder http://www.bod.de (Bestellzeit ca. 1 Woche) oder in Buchhandlungen (1 - 2 Wochen) bestellt werden.    
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Die Sammlung von 69 Kurzgeschichten 'Notizen aus Russland' von Friedrich Karl Schmidt kann bei www.amazon.de, www.libri.de, www.buecher.de oder http://www.bod.de (Bestellzeit ca. 1 Woche) oder in Buchhandlungen (1 - 2 Wochen) bestellt werden. Norderstedt 2010, 288 Seiten, Paperback, ISBN 978- 3- 8391- 6891-1, Ladenpreis 16,80 €
Die 'Notizen' sind eine gute Einführung in die nicht immer leicht zu verstehende russische Mentalität. Umschlagbild siehe Rubrik 'Notizen aus Russland'.
darin: "Spiritus als Lebensretter": ... Eine norwegisch- sowjetische Expedition war über 100 Jahre später mit Hubschraubern auf einer Insel des arktischen Archipels gelandet. Mit Hilfe der Zeichnungen des Polarforschers Fridtjof Nansen fanden sie.....
Über zwanzig Jahre Erfahrung in der Zusammenarbeit mit Russland vgl. "Notizen aus Russland" und unter "Studium Sozialarbeit in Archangelsk" in einer Suchmaschine oder auf der Website http://www.profschmidt.com
                                                                     
1. "Grenze im Nebel" Sehr gute Idee
Karl S. Friedrich, „Grenze im Nebel“, Inhalt:
Im romantischen Öko-Thriller „Grenze im Nebel“ geht es um Liebe und um den Kampf gegen die Naturzerstörung. Hannes ist ein Träumer, der bei Nacht und Nebel durch die Stadt läuft, sonntags durch die Wälder streift, mit Kindern ein Floß baut, dem Trott im Büro und zu Hause entfliehen will. Auf seinen einsamen Wanderungen lernt er Maid kennen und lieben, die ihn durch die Nebelgrenze ins Moorland führt. Dort ist die Natur noch unversehrt und gilt eine andere Zeitrechnung: Zwei Wochen dort sind in Wirklichkeit vier Monate.
Aufgerüttelt durch das Zerstören natürlicher Lebensräume wird Hannes zum Kämpfer und schließt sich den Radikalen Naturschützern an. Er kundschaftet Fabriken aus, die giftige Substanzen in die Flüsse leiten oder durch den Schornstein blasen; sein Gegenspieler ist ein skrupelloser Medienzar und habgieriger Immobilienhai. Müde vom unsteten Leben zwischen zwei Welten findet Hannes bei der Wirtin eines Landgasthauses Geborgenheit. Doch er muss weiter, organisiert einen Boykott von Tankstellen, wird zusammengeschlagen.
Maid rettet und pflegt ihn im Moorland. Er erkennt, das Paradies funktioniert nur, weil die rigorose Geburtenkontrolle die Zahl der Bewohner konstant hält. Von einem mysteriösen Berg aus sieht er in die Zukunft: Die Klimaänderung hat Trockenheit und Verkarstung, Überschwemmung und ungenießbares Wasser zur Folge, weite Landstriche werden unbewohnbar, die Natur rächt sich. Als er absteigt, ist er ein alter Mann, legt mit letzter Kraft die ‚Erfahrungen aus der Zukunft’ nieder.
„Grenze im Nebel“ ist ein packender Abenteuer- und Liebesroman, der Krimi- Elemente mit der Magie des märchenhaften Moorlandes verbindet.
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Leseproben
„Knarrend zerrte das Boot an der Kette, Nebelschleier tanzten über den See. Fröstelnd saß er auf einem umgestürzten Birkenstamm, das Schreien der Wildgänse schreckte ihn auf. Mit gestrecktem Hals flatterten sie über den See, kreisten über das Schilf, ließen sich nieder. Zögernd setzte die Dämmerung ein, nichts rührte sich, Moor und See schienen zu schlafen. Da hörte er seinen Namen rufen, leise, aber deutlich. „Hannes!“ Er spähte umher, fasste sich an die Stirn: Halluzinationen, Fieber? Vor sich im Wasser bildeten sich konzentrische Kreise, als hätte jemand einen Stein hineingeworfen. Die Oberfläche zitterte, als mühte sich etwas, nach oben zu gelangen. … „

"In ihrer seelischen Not habe sie gelernt, in sich hinein zu horchen: Nicht immer sei die Melodie zu hören, aber es gebe eine. Der Großvater habe früher sein dunkelbäuchiges Cello poliert, sie belehrt, es gebe Celli, die keine Seele hätten. Bei den Menschen sei es ähnlich: Die meisten hätten eine Grundmelodie, nicht alle hörten sie auch, aus manchen sei nicht mehr herauszuholen als Misstöne, etliche blieben stumm."

„Unstet schweifte sein Blick durchs Zimmer, während er die scharfen Kontrollen in den Fabriken darstellte, die Kampagnen gegen die Organisation in den Medien, die brutalen Methoden des Betriebsschutzes, das Hetzen gegen das Gesetz, das Giftstoffe in der Fertigung verbot. Unversehens stöhnte Hannes auf, presste die Fingerspitzen an den Kopf, fuhr über die Stirn, als wollte er einen Vorhang beiseite ziehen. „Da war noch etwas, Gott, so hilf mir doch!“ Das Dunkel lichtete sich nicht, die Gedanken verliefen sich, sobald er sie fassen wollte, Erinnerungen vermischten sich mit Träumen. Er fühlte, etwas fehlte, das ihm im blinden Ablauf der Zeit Geborgenheit und Halt geschenkt hatte.“
Kapitel 1
1.
Die spitzen Pfeile, getränkt mit dem Gift fein dosierter Missachtung, fanden nach Jahren noch ihr Ziel. Im Verlauf der ehelichen Dispute hatte Erika ihn einen versponnenen Einzelgänger genannt, einen Mann ohne Durchschlagskraft und ohne Ehrgeiz, der beruflich auf der Stelle trat, dem Anerkennung versagt blieb. Hatte sie es anfangs umschrieben, weil offene Kritik nicht ihr Stil war, so wurde sie deutlicher, als er wiederholt feststellte, der Bau der Schnellstraße sei nicht mehr abzuwenden, die Vernichtung der Auen nicht aufzuhalten. „Du Träumer, du geißelst mit Worten, ohne etwas zu tun – ein Don Quijote ohne Pferd und Lanze.“
Schweigend, mit unbewegter Miene nahm er es hin, wunderte sich, dass das Gift noch wirkte. Eine Stimme flüsterte: Hat sie nicht Recht, du grübelst und grübelst, tust aber nichts? Die Kälte zu Hause und die Monotonie im Büro verstärkten den Drang, sein Lebensschiffchen in andere Gewässer zu steuern – Untiefen und Riffe schreckten ihn nicht.
Es gab Anzeichen für eine Wende: Die sich oft ins Unerträgliche steigernde Unrast, verbunden mit einer Sehnsucht ohne Ziel, die wie eine Woge über ihm zusammenschlug. In langen Märschen suchte er ihr zu entkommen. Glaubte er, ein Ereignis bringe die Umkehr, musste er bald feststellen, wieder nichts. Im Kopf ging ein Umschichtungsprozess vor sich, Gedanken und Erinnerungen ordneten sich neu. Verwirrt merkte er, der Prozess lief ohne sein Zutun ab, das Bewusstsein war nicht beteiligt. Mehr zu schaffen machte ihm der Druck, der sein Inneres wie ein eiserner Reif umschloss, ihn einengte, dass er nach Atem rang. Der Hausarzt konstatierte, das Herz sei in Ordnung, vermutete seelische Ursachen, empfahl Doktor Waldmann, den Psychiater. Hannes zögerte, bis ihm Albträume so zusetzten, dass er sich morgens zerschlagen fühlte. Der Psychiater machte ein EEG: erhöhter Hirndruck, nichts Auffälliges. Sein Gehirn laufe ständig auf Hochtouren, die Dauerbelastung lasse jeden Motor heißlaufen, führe zum Kolbenfraß. Doktor Waldmann kaute auf dem Mundstück der kalten Pfeife herum, fragte, ob Hannes nicht sagen wolle, was ihn belaste.
Er habe das Gefühl, antwortete dieser zögernd, in seinem Kopf forme sich eine eigene Welt, ein paralleler Gedankenkosmos, auf den er keinen Einfluss habe.
Aufmerksam betrachtete ihn der Seelenarzt über die Brillengläser, lächelte. „Wollen Sie andeuten, nachts tröpfelten Informationen in Ihr Hirn wie durch einen Nürnberger Trichter?“ Dann machte er ihm klar, das Gehirn könne riesige Datenmengen speichern, aber nicht verarbeiten. Ob er’s nicht mit dem Schlaflabor versuchen wolle?
Hannes schüttelte den Kopf.
Das habe er vermutet, meinte der Arzt. Die Dauerlast habe Auswirkungen auf die Seele, zerfresse die Seele, führe zu einer Art Seelenkrebs, der das Ich zerstöre. Der Psychiater bemerkte die abwehrende Haltung des Patienten. „Psychopharmaka lehnen Sie ab, nehmen sie Johanniskraut, das beruhigt.“ Besser wäre eine Therapie, aber sie setze die Bereitschaft voraus, den Therapeuten an sich ranzulassen.
Der Psychiater hatte Hannes darin bestärkt, seine Lebensweise zu ändern. Nur wie den Kurs ändern, ohne das Ziel zu kennen? Seine Gedanken liefen im Kreis, er hastete zwei Stufen auf einmal nehmend die Treppe hinunter, riss die Haustür auf, lief an den Hausfronten entlang, bis ihn Seitenstechen zwang, in die normale Gangart zu fallen. Er ahnte, das Laufen durch die nächtliche Stadt bei Nebel und Regen war nicht nur Flucht vor der häuslichen Atmosphäre, sondern auch vor der Kraft, die sein Bewusstsein ummodelte.
Von den Peitschenmasten flutendes Neonlicht formte die s-förmige Straße zum Lichterband. Scheinwerfer griffen nach der Fußgängerbrücke, ließen sie ins Dunkel zurücksinken, fröstelnd stellte Hannes den Kragen auf. Er hasste die Umgebung: Der Eingang zum Supermarkt mit der zuckenden Leuchtstoffröhre; der mit Graffiti verschmierte Windschutz an der Busstation; die Telefonzelle mit dem Schild, der Apparat sei mutwillig zerstört worden. Nach dem Einzug hatte er sich geschworen, eine andere Bleibe zu suchen.
Kontakte mit Hausbewohnern mied er, hatte der größten Klatschbase versichert, er schätze Kaffeekränzchen oder bierselige Abende mit Leuten nicht, die immer die Nadel in der gleichen Rille aufsetzen, ob eine Woche oder ein Jahr vergangen sei. Die Schwätzerin hatte ihn nie wieder behelligt, im Haus grüßte man ihn merklich kühler.
Die Einladung des Architekten, mit dem er vor Monaten über die Flussverbauung diskutiert hatte, überraschte ihn. Es komme, brüllte der Anrufer in den Hörer – Geräusche im Hintergrund wiesen auf einen Bauplatz hin –, ein Anwalt aus Übersee, der Umweltverbände verteidige. „Man rennen ihm die Bude ein, seit er den Prozess gegen den größten Autokonzern gewonnen hat. Ein Fernsehredakteur wird auch da sein.“
In der Villa aus den Zwanziger Jahren stellte der Architekt den auffallend mageren Anwalt, den Journalisten und Hannes einander vor. „Redan hat Bücher über die Zerstörung der Umwelt geschrieben, die international Beachtung gefunden haben. Er ist in die USA ausgewandert, hatte genug von der klein karierten Kultusbürokratie. Jetzt ist kämpft und schreibt er als Anwalt drüben.“
Redan grinste. „Man merkt es meiner Aussprache an, dass ich lange weg bin, nicht?“ Trotz des Regens wollte er den Garten sehen. Unter den vor Nässe triefenden Bäumen fragte er den Gastgeber, ob er noch Vorlesungen über Städtebau halte.
„Das weißt du noch, Ralph?“ Sie haben in Stockholm eine Tagung besucht, wo es darum gegangen sei, dass sich in jeder Epoche die Psyche der Bewohner in der Gestaltung der Stadt spiegle. „Das ist zehn Jahre her“, fuhr der Architekt fort. Schon damals hätten in Trabantenstädten Einsamkeit und Kontaktarmut dominiert. Tausende Vorschriften regelten von der Geburt bis über den Tod hinaus alles, schnürten kühnen Entwürfen die Luft ab. „Als könnten Shows und Erlebnisse aus zweiter Hand urbanes Leben ersetzen. Ich ziehe Altbauten und knorrige Bäume vor.“
„Wie passt das zusammen“, fragte der Journalist, „08–15–Bauten entwerfen und so leben?“
Der Jurist lächelte, als ahnte er die Antwort. „Erwarten Sie, dass ich nach der Pfeife des Geldgebers tanze und dies noch gern tue?“ Es dämmerte, er bat zum Tee in den Wintergarten.
Redan, dessen scharf geschnittenes Gesicht es erschwerte, das Alter zu schätzen, schwieg meist.
Während der Architekt einschenkte und Kuchen anbot, beobachtete Hannes das von Furchen durchzogene Antlitz, die Einkerbungen in den Wangen und die brennenden, tief in den Höhlen liegenden Augen Redans. Die anliegenden Ohren und der in den Ecken schütter werdende Haaransatz machten den Schädel noch schmaler. §Unvermittelt hob der Anwalt den Kopf, fixierte den Beobachter; seine Lippen verzogen sich zu einem Lächeln, als hätte er gefunden, was er gesucht.
Hannes war froh, als der Architekt fortfuhr, seine Psychologie des Städtebaus auszufeilen. Es belaste die Bewohner, immer wieder mit der Nase darauf gestoßen zu werden, in einem Gebäude zu leben, das Jahre nach dem Einzug aussehe, als hätten die Geldgeber kurz vor Fertigstellung den Geldhahn zugedreht. Sei die Umwelt nicht zu ändern, passe man sich eben an, nehme nur das Positive wahr: Komfort, frische Luft, Sandkiste im Hof, den Stellplatz, um am Feierabend das geliebte Vehikel zu wienern. „Einmal eingelebt lässt man nichts mehr über das Milieu kommen.“
„Genau!“, rief der Fernsehjournalist, dessen aufgedunsenes Gesicht die Vermutung nahe legte, er habe den Kampf gegen den Alkohol aufgegeben. „Mein Film über die Satellitenstadt hat das voll bestätigt.“ Nach dem Einzug hätten Mieter über den Mangel an Geschäften, Kindergärten, Spielplätzen und Handwerksbetrieben geschimpft. Zwei Jahre später habe er erneut eine Reportage versucht: Aufgebrachte Bewohner hätten sich der Kamera bemächtigen wollen und nur weil der Kameramann geistesgegenwärtig aufs Dach des Kleinbusses geklettert sei und weitergedreht habe, sei der Bericht möglich gewesen. Ein Mieter habe geschrieen: „Wir haben es satt, uns im Fernsehen als Opfer der Wohnungspolitik zu sehen! Wir leben nun mal hier, fühlen uns wohl!“ Eine Frau mit einem greinendem Jungen habe gerufen, entscheidend sei, wie sie sich fühlten und nicht, wie andere meinten, dass sie sich fühlen sollten. Nach fünf, sechs Stunden Schuldienst, nerviger Schleichfahrt durch verstopfte Straßen freue sie sich auf ihr Zuhause.
Der Anwalt fuhr zum Flughafen, Hannes ging zu Fuß nach Hause, überlegte, ob die Maschine im Nebel starten würde. Die wie glühende Kohlen in den Höhlen liegenden Augen Redans ließen ihn nicht los. Gedankenverloren beobachtete er, wie der Wind aus dem scharf umrissenen Lichtkegel der Straßenlampe Nebelfetzen riss und die Lücke sich im Nu wieder füllte. Beim Weitergehen kam ihm jener Sommerabend in den Sinn, als er schweißgebadet aus einem Albtraum aufgeschreckt war: Auf allen vieren durch einen Stollen kriechend hatte er in der Ferne Licht erblickt; der Gang war so eng geworden, dass ihn die Angst, verkehrt zurückrobben zu müssen, aus dem Liegestuhl hochfahren hatte lassen. Nun konnte er nach dem langen Marsch durch die Stadt eine ruhige Nacht erwarten.
Dröhnendes Gerassel weckte ihn, er stürzte auf die Terrasse, sah einen Caterpillar vom Tieflader rattern. Die Ketten stanzten tiefe Muster in die Wiese, quietschend begann die Planierraupe die Erde aufzureißen. Hannes kam zu spät ins Büro, missbilligend guckte der Oberingenieur, der ihn ohnehin nicht ausstehen konnte, aus dem Glasverschlag. Zäh schlichen die Stunden vor dem Reißbrett und am Bildschirm dahin.
Am Abend klafften breite Gruben, wo sich gestern Gräser im Wind gewiegt hatten, am Rand lagen meterhohe Erdhaufen. Hannes schaute durchs Glas zum Fluss, das Wasser gleißte im Gegenlicht wie flüssiges Blei. Er schreckte zusammen, als ihn Erika ansprach.
„Stundenlang starrst du zum Fluss! Du triffst dich nie mit Freunden, sieht man von Elmar ab.“ Sie bemerkte seine abwehrende Haltung, setzte schnell fort: „Du gehst nie wie andere auf den Fußballplatz oder zum Golfen. Bist du schon immer ein Eigenbrötler gewesen?“
Auf die Diskussion wollte er sich nicht wieder einlassen, sagte: „Am Ufer schlagen sie markierte Pfähle ein, es geht los.“
„Es stand vor Monaten schon in der Zeitung, dass mit dem Bau begonnen wird.“
„Ja gewiss“, murmelte er. Seine Hoffnung, das Land, das keine Mittel hatte, um Lehrer modern auszubilden, das die Hochschulen verhungern ließ, werde auch das Geld für den Bau überflüssiger Straßen nicht aufbringen, hatte sich als Trugschluss erwiesen.
Es wurde allmählich wärmer, er freute sich schon auf die Ausflüge in die Umgebung, da erwischte ihn die Grippe. Im Bett hörte er das quietschende Mahlen von Raupenketten, das zornige Brüllen von Motorsägen und der Wind trug das helle Klingen von Axtschlägen heran. Trotz des nasskalten Wetters spazierte er, noch wackelig auf den Beinen, zum Fluss. Planierraupen brachen durchs Unterholz, walzten Erlen- und Weidenbüsche nieder, hinterließen breite Schneisen der Verwüstung und Zerstörung. Auch im Krieg gegen die Natur kennt der Mensch kein Erbarmen.
Sobald er hustete, durchzuckte ihn ein stechender Schmerz, mit glühendem Kopf schleppte er sich nach Hause, sank zähneklappernd ins Bett. Der Arzt diagnostizierte Lungenentzündung. Im Fiebertraum weinte Hannes um die Bäume in der Au, sprach mit dem Fluss wie mit einem Freund. Befremdet blickte Erika auf ihn, überließ erleichtert der Pflegerin das Feld.
Nach drei Wochen stand er das erste Mal wieder auf der Terrasse, beobachtete, wie die Mischmaschine auf der Baustelle gegenüber Beton in den Kübel spie, der Kran ihn hoch zog, schwenkte, herab ließ; Arbeiter mit gelben Helmen rissen den Verschluss auf, Steine polterten gegen die Schalbretter. Hannes nahm das Fernglas: Am Flussufer kippten Staubfontänen nachziehende Lastwagen Schotter aus. Flussabwärts detonierten Sprengladungen, der Rauch des brennenden Astwerks stieg auf.
Am Sonntag radelte er zur Baustelle: Kein Baum mehr, der den Vögeln Schutz bot; kein Busch, unter dem sich ein Kaninchen verkriechen konnte; kein Schilfhalm beugte sich mehr im Wind. „Mein Gott", flüsterte er, „sie haben alles kaputt gemacht! Die Natur wird sich eines Tages rächen, sie wird zurückschlagen." Der Gedanke war ihm neu, schien sich von selbst in einem Winkel seines Hirns entwickelt zu haben. Er schob das Rad an den in Reih und Glied abgestellten Kipplastwagen und Kettenfahrzeugen vorbei. Auf einmal vernahm er ein Scheppern und Stampfen im Takt, es klang wie der Gesang von Robotern.
Lasst uns das Maschinenlied singen:
Bald werden die Ketten wieder klirren,
unsre Kolben auf und nieder sausen,
kein Strauch, kein Halm bleibt stehen,
alles Leben werden wir zermalmen,
unter grauem Asphalt begraben.
Statt Vogelgesang das Surren der Reifen,
Benzingestank statt Blumenduft,
und ewig das Dröhnen der Motoren.

Die Baufahrzeuge standen geordnet da wie zuvor, weit und breit kein Mensch, zwitschernd flog eine Schwalbe über den Platz, leise gurgelte das Wasser. Kopfschüttelnd machte er sich auf den Heimweg. „Wohl das Fieber..."
Trotz des Vorsatzes, die Einweihung der Schnellstraße zu ignorieren, radelte er hin, wollte vor sich selbst nicht als Feigling dastehen, der nicht ertragen konnte, dass die Zerstörung der Auen wie ein Volksfest zelebriert wurde.

Kamerabewusst zerschnitt der Minister unter den Klängen der Blaskapelle das rote Band. Links und rechts von ihm standen schwarz gekleidete Beamte, ratlos guckte das Mädchen von einem zum anderen, die Herren mit dem gefrorenen Lächeln ähnelten sich so. Der Lehrer flüsterte der Kleinen ins Ohr, sie drehte sich um, überreichte den Blumenstrauß, ratterte ihr Sprüchlein herunter, der Minister dankte gerührt. Arbeiter und Techniker bekamen Würstchen und Freibier, der Chefingenieur einen Händedruck, in den Nachrichten pries der Minister die Arbeit der Regierung.
Erste Autos rollten über den Asphalt. Wenige Stunden und es war, als wären sie immer hier entlang gebraust, als hätten nicht Monate zuvor Tausende Vögel in den Auen geträllert und gezirpt. Hannes ertappte sich dabei, darauf zu warten, dass jemand das Reifensurren und den Motorenlärm abdrehte wie das Licht. Selbst der ins gemauerte Bett gezwängte Fluss beeilte sich, den ungastlichen Landstrich, wo man seine Seitenarme amputiert, seine Auen abgeholzt und eingeebnet hatte, hinter sich zu lassen. Gnädig schirmte der Rohbau gegenüber den Lärm ab, verdeckte die Kahlschläge. Hannes’ Blick irrte die Fensterhöhlen auf und ab, als müsste ein Durchblick zu finden sein.
Obwohl der Fluss von der Terrasse aus nicht mehr zu sehen war, lag er dennoch an lauen Abenden gern im Liegestuhl. Erika werkelte in den Blumentrögen oder organisierte per Telefon Wohltätigkeitsbasare und Besuche. Sie hatte ihn des Öfteren in ein Heft kritzeln sehen, vermutet, er schreibe ein Buch, werde, wenn er Zeit finde, es ins Reine übertragen. Durch Zufall kam er dahinter. „Ich muss dich enttäuschen meine Liebe, wieder mal enttäuschen: Es sind nichts als Eintragungen ins Tagebuch." Ihm vertraute er Träume und Gedankensplitter an, die wie Glasstückchen im Kaleidoskop bei jeder Drehung ein neues Muster ergaben.
Obwohl er nie eine Andeutung gemacht hatte, ein Buch zu schreiben, fühlte sich Erika betrogen, war sie doch vor der Eheschließung überzeugt gewesen, in ihm stecke etwas Besonderes. Auch diese Hoffnung war nun perdu. Irgendwie war sie erleichtert, dass sie das triumphierende: ‚Ich hab’s immer gesagt: Er ist ein Nobody, wird ewig einer bleiben!' ihrer Mutter nicht mehr zu hören bekam. Deshalb hätte sie nicht ausgerechnet am Geburtstag der einzigen Tochter sterben müssen, als wollte sie ihr den Festtag für alle Zeiten vermiesen. Verwandte und Freunde bekundeten Beileid, bemitleideten sie doppelt: Die Mutter zu verlieren – „Zumal an deinem Geburtstag!“ – und mit dem Sonderling verheiratet zu sein. „Wir haben es stets gut mit dir gemeint, sind immer für dich da!" Gut mit mir oder gut mit euch hätte sie am liebsten zurückgefragt. Ein wenig musste Hannes' Denken abgefärbt haben, ansonsten war ihr sein In-den-Tag- hinein-Träumen fremd geblieben. Sie packte nur an, was Sinn ergab, zweckmäßig war. Dem Apothekerblatt hatte sie entnommen, der Körper brauche so und soviel Liter Sauerstoff, Stunden Ruhe, Einheiten Vitamine, hielt sich selbst im Urlaub daran.
Im ersten Ehejahr waren sie in den Süden gereist. Sie hatte ein detailliertes Programm ausgearbeitet, sich von seinen spöttisch hochgezogenen Augenbrauen nicht verunsichern lassen, Sehenswürdigkeiten besucht. Am zweiten Tag hatte sie allein die Liste abgearbeitet, während er in Trödlerläden gestöbert hatte, sich im Straßencafé die Mortadella und den Landwein munden ließ, das Treiben auf dem Markt genoss. Es war ihr erster und letzter gemeinsamer Urlaub.
Er lauschte dem Rauschen des Regens, ließ das Buch sinken. Wieder einmal hatten seine Gedanken nach wenigen Seiten ein Eigenleben begonnen, flugs eine neue Geschichte gesponnen. Nie legte er der Phantasie Fesseln an oder rief sie zur Ordnung. Früher hatte ihn Erika angesprochen, wenn er, ein Buch auf dem Schenkel, Löcher in die Luft gestarrt hatte. Doch hatte er so verloren geguckt, dass sie es sein hatte lassen. Wie hätte er erklären sollen, dass sich wie Blätter im Herbststurm dahinjagende Gedanken nicht festhalten oder beschreiben ließen? Wie die Sehnsucht nach etwas verdeutlichen, das er selbst nicht benennen konnte? Wie begreiflich machen, dass das Verlangen nach dem Unbekannten manchmal so mächtig wurde, dass er glaubte, sein Herz zerspringe? Ihr gestehen, dass er mitunter eine Leichtigkeit verspürte, als könnte er abheben? Sie würde darauf dringen, abermals Doktor Waldmann aufzusuchen.
Er ahnte, dass etwas auf ihn zukam, das sein Leben verändern würde und befürchtete zugleich, den Zeitpunkt zu übersehen, an dem er so oder so handeln musste. Oder ihm könnte wie vielen, die nach dem großen Los Ausschau halten und das kleine Glück übersehen, die Zeit zwischen den Fingern zerrinnen. Und am Ende wartete das Nichts, das ewige Schweigen. Über das Reich der Schatten, größer und mächtiger als alle Reiche der Lebenden, wissen wir nichts und auch vom Reich der Träume gibt es wenig Gesichertes, obwohl wir häufig dort weilen. Zwischen dem Schattenreich und dem Traumland sind keine Grenzen gezogen, sie gehen ineinander über.
Seit der Lungenentzündung verschonten ihn die Albträume. Der Traum, der ihn in letzter Zeit öfter heimsuchte, war harmlos und passte zur Vorstellung, er warte auf etwas, das zwischen dem Gestern, das jedes Mal enttäuschte und dem unbekannten Morgen liegen musste: Er stand auf der Bühne und saß gleichzeitig im Zuschauerraum, sah sich selbst auftreten; doch der auf der Rampe beachtete die Zurufe des Sitzenden nicht.
Immer öfter musste er sich in letzter Zeit zwingen, die Figuren der Tagträume von der Arbeitswelt fern zu halten. Sobald er den weißen Mantel in den Schrank hängte, streifte er auch das Korsett ab, das die Phantasie im Zaum gehalten hatte. Verbissen verteidigte er jede freie Stunde, plante nur, wenn es sich nicht vermeiden ließ. Er bildete sich ein, die Zeit vergehe schneller, wenn er sie durch Termine zerteilte, unternahm manchmal nichts, ließ die Gedanken wie den Schatten eines Segelflugzeugs über Berg und Tal gleiten.
Als Junge hatte er sich am sehnsüchtig erwarteten Sonntag oft nicht an den Spielen beteiligt, damit der Tag nicht so rasch verfloss. Von seiner Baumhütte aus hatte er das Wandern des Kirchturmschattens über Dorfplatz, Dächer und Zäune beobachtet, der schließlich den Schatten der Zeder an der Friedhofsmauer geschluckt hatte. Nach einer Ewigkeit hatte der lange den kurzen Schatten wieder ausgespuckt. Selbst Großvater, der immer alles wusste, hatte nicht erklären können, was mit dem kleinen Schatten im Bauch des großen geschah. Jeden Augenblick auskostend hatte Hannes an die Zeit gedacht, die gerade verstrich – die doch in dem Augenblick bereits verronnen war. Niemand hätte ihn von der Überzeugung abbringen können, vom Sonntag mehr zu haben als seine Kumpane, die Räuber und Gendarm spielten, ohne darauf zu achten, wie die Stunden verflogen.
Das Laufen lassen der Gedanken hatte Spuren hinterlassen: Oft stierte er, ein Buch in der Hand, auf den Einband, als wäre die Handlung durch den Buchdeckel zu erkennen. Zuweilen wurde er sich seiner Verlorenheit bewusst, riss Mantel und Hut vom Haken und begann durch die Stadt zu laufen, ob’s regnete oder stürmte.
Ein Ruhepunkt war das Café mit den Plüschmöbeln am Marktplatz. Der Ober alter Wiener Schule brachte den Mokka und ein Glas Wasser, ohne dass er bestellen musste. Im Sommer saß Hannes in der Mittagspause draußen, schaute auf die Passanten, ohne sie wahrzunehmen. Sie rückten ins Blickfeld und verließen es wie vorüber ziehende Schatten. Es war eine Abwesenheit, in der in seinem Hirn etwas vorging, das sich seinem Bewusstsein entzog. Die Absenzen hinterließen ein Gefühl der Hilflosigkeit, als triebe er in einem reißenden Fluss, ohne dem Ufer näher zu kommen.
Wanderte oder radelte er durch die Gegend, wurde er ruhiger. Nicht nur einmal zog er nach der Arbeit ohne Ziel los, fragte am Schalter, wohin er um einen Zehner fahren könne. Gefiel ihm eine Station, stieg er eher aus, lief durch Wälder und über Wiesen, kam abends in den Dorfkrug. War der letzte Zug fort, nächtigte er im Wirtshaus, zur Not im Heu.
In den ersten Monaten der Ehe hatte er mit Erika Ausflüge unternommen, nicht weit und von ihr geplant. Während er auf einer Decke am Waldrand lag und einer in den Kelch einer Akelei kriechenden Biene zusah, langweilte sich Erika. Wie konnte jemand Insekten mehr Interesse entgegenbringen als gesellschaftlichen Ereignissen? Ihre Interessen waren von jeher unterschiedlich, sie hatten nie den Reiz verspürt, gemeinsam Neues zu entdecken, hatten sich auseinander entwickelt, bis sie auch seinen Träumen fern blieb. Aber der Weg von der Erkenntnis bis zum Vollzug der auf der Hand liegenden Konsequenz ist beschwerlich, deshalb lebten sie weiter unter einem Dach, wenn auch in verschiedenen Welten. Schließlich wanderte er wieder allein und fühlte sich frei, herrlich frei.
Kapitel 2
2.
Irgendwann zwischen Jugend und Reife war es der Bach leid geworden, immerzu von Süden nach Norden zu fließen, war in weitem Bogen gegen Nordwesten geschwenkt. Müde vom Lauf durch die Schlucht hatte er Felsbrocken abgelagert, auf denen sich Moos, Gras und Krüppelkiefern angesiedelt hatten. Auf der Brücke machte Hannes Rast, schaute durchs Fernglas auf das durch die Enge schäumende Wasser, ehe er zur Badebucht weiter radelte.
Etwa zehn Kilometer vor der Einmündung in den Strom, an dem entlang die neue Schnellstraße führte, floss der durch die Aufnahme kleinerer Bäche selbst zum kleinen Fluss gewordene Bach breit und gemächlich dahin. Die silbergrauen Blätter von Sanddorn und Pappel verliehen dem Ufer einen Hauch von Schwermut. In einer Bucht hatte ein Seitenarm eine Insel vom Ufer abgeschnitten, Kinder wateten durch das warme Wasser, bewarfen sich mit Matsch. Die Eltern aalten sich im Mehlsand. Hannes sperrte das Rad ab, schlenderte zur nächsten Bucht. In den ins Wasser hängenden Ästen einer Weide hatten sich Bretter und Balken verheddert, Spuren des letzten Hochwassers. Gedankenlos begann er, Bretter herauszuziehen, bemerkte den rothaarigen Jungen erst, als dieser fragte: „Was machst du damit, Brennholz?“
Hannes drehte sich um. „Weiß es noch nicht.“ Dann rutschte ihm der Satz heraus: „Als ich so alt war wie du, wollte ich unbedingt ein Floß haben.“
Begeistert rief der Junge: „Du willst ein Floß bauen?“
Ein Blick in das vor Aufregung rote Gesicht und Hannes brachte es nicht über sich, einen Rückzieher zu machen. So fischten sie zusammen Holz aus dem Wasser. „Ich bin Hannes und wie heißt du?“
„Eugen. Fangen wir morgen an?“
„Morgen ist Sonntag, da wollte ich eigentlich...“ Wieder ließ ihn ein Blick in die Augen des Jungen anders entscheiden. „Gut, morgen gegen zehn.“
Eugen war vor ihm da. Sie wickelten ein Seil um etliche Bohlen, zogen sie im Wasser zur Insel. Andere Kinder kamen hinzu, bald hatten sie einen Haufen Holz beisammen. „Aber wie klein machen ohne Werkzeug?“
Hannes zeigte auf seinen Platz. „Holt mal den Jutesack!“ Zwei Jungen stürzten hin, entnahmen eine Bogensäge, ein Beil, Zimmermannsklammern und eine Schachtel Nägel. An der in den Sand gezeichneten Skizze wurde nur die fehlende Piratenflagge bemängelt. Die Frage, ob Mädchen mitmachen dürften, entschied Eugen: „Wenn sie eine Fahne mit Totenkopf und gekreuzten Knochen nähen, können sie helfen. Aber“, schränkte er ein, „Kapitän muss ein Junge sein!“
Sie klammerten Balken zusammen, nagelten Bohlen fest, setzten einen Birkenstamm als Mast ein, schoben das Floß ins Wasser. Das Triumphgeschrei: „Hurra, es schwimmt!“ schreckte die Vögel auf den Bäumen und die im Sand dösenden Eltern auf. Zwei Väter halfen, bis zu den Hüften im Wasser stehend, Pfähle einzurammen und ein Tau zu spannen. Ein Hemd war die Flagge, verknotete Badetücher das Segel. Getauft wurde das Floß auf ‘Schwarzer Pirat’, Eltern spendierten Limonade und Kekse. Jauchzend ließen sich die Kinder zum Wehr treiben, zogen den Piraten zurück, die nächste Tour begann. Das Essen, sonst Höhepunkt des Tages, wurde nebenbei verzehrt. Dem Planer wurde ein Apfel und sogar eine halbe Tafel Schokolade zugesteckt. Am späten Nachmittag frischte der Ostwind auf, das Hemd flatterte am Mast, es wurde kühl. Die Kinder zogen das Floß aufs Ufer, fachten die Glut an, warfen Schilf drauf, um die Mücken zu vertreiben. Als die Eltern zur Heimfahrt riefen, folgten die Kinder widerwillig. Hannes schob das Rad auf dem Pfad durch die Au. Kröten sprangen in die Lachen, ehe sein Schatten auf sie fiel.
Radelte er am Wochenende zur Insel, sah er die Kinder Floß fahren, am Mast flatterte die Piratenflagge mit Totenkopf und gekreuzten Knochen. Gegen Ende der Ferienzeit strampelte er an einem Montag – Ausgleich für Überstunden – bei starkem Gegenwind zur Insel, hörte von weitem das Quietschen von Raupenketten, das polternde Schleifen eines Baggerlöffels. Er warf das Rad ins Gestrüpp, rannte zum Ufer. Ein Bagger stand dort, belud einen Lastwagen mit Schotter, ein zweiter wartete auf der durch die Au gewalzten Zufahrt. Ungläubig starrte Hannes auf die zu zwei Drittel abgetragene Insel und die Trümmer vom Floß, watete hinüber, hob die Piratenflagge auf, strich sie glatt. Verblüfft schauten die Fahrer seinem Treiben zu, begannen laut zu lachen, einer rief den anderen zu: „Wenn ich das dem Boss erzähle, macht er sich vor Lachen in die Hose!“
Auf der Rückfahrt schenkte Hannes dem tiefblauen Septemberhimmel keinen Blick, empfand Wut und Zorn über seine Ohnmacht und hätte es doch besser wissen müssen: Überall wurde Schotter für die Schnellstraße abgebaut. Unvermittelt fiel ihm der Satz Redans ein: „Nur der organisierte Kampf bietet eine Chance, die Zerstörung aufzuhalten.“ Mit einem Mal wurde ihm klar, er musste auch kämpfen. Kaum hatte er den Entschluss gefasst, verschwand der Druck im Kopf, als hätte ein Ventil den Überdruck abgesenkt. Er besuchte einen Naturschutzbund, doch nervten ihn die Vereinsmeierei und die Ängstlichkeit, sich gegen Vorschriften zur Wehr zu setzen. Die Projekte des Vereins waren von Redans Zielsetzung Lichtjahre entfernt. Er ging zu den Sitzungen der Öko-Partei, doch die Macher waren vor allem mit Auseinandersetzungen über Wahltaktik beschäftigt, der Kampf gegen die Umweltzerstörung schien eine Nebenrolle zu spielen.
Bis er den Landwirt hörte, der zuerst schwerfällig nach Worten suchte. Als er jedoch auf das kam, was ihn bewegte, riss er Hannes mit. Der Bauer mit dem vom Wetter gegerbten Gesicht sprach von Milliardensubventionen, die Agrarfabriken und Tiermästereien kassierten, während kleine Bauern und Ökobauern leer ausgingen. Man habe ihm unterstellt, er rege sich auf, weil er vom Geldregen nichts abbekomme. Die klaren blauen Augen wanderten von einem zum anderen. Richtig sei aber, dass Landwirte, die nachhaltig wirtschafteten und gesunde Nahrungsmittel auf den Markt brächten, wirtschaftlich mit dem Rücken zur Wand stünden. Die Gleichgültigkeit der Konsumenten fördere Betriebe, die Pestizide und Kunstdünger einsetzten und die Zerstörung der gewachsenen Landschaft in Kauf nähmen. „Konsumenten kaufen, was billig ist, egal, ob sie ihre Gesundheit oder die ihrer Kinder ruinieren!“
Endlich einer, der kein Blatt vor den Mund nahm. Da hörte Hannes neben sich flüstern: „Ist wohl was dran, dass er sauer ist, weil er nichts von den Subventionen abbekam.“
Der Landwirt wurde in der eigenen Partei nicht ernst genommen. Beide Organisationen vermochten Hannes nicht zu überzeugen, so beschloss er, zunächst sein Wissen zu vertiefen, befasste sich mit der Entstehung und Entwicklung der Erde. Nach Wochen intensiven Nachtstudiums wechselte er ins andere Extrem, zur Astronomie, hoffte, im Werden und Vergehen von Sternen Hinweise über die Weiterentwicklung der Erde zu finden.
Erika sah die Bücher auf seinem Schreibtisch, fragte: „Wäre es nicht sinnvoller, dich in dein Fachgebiet zu vertiefen?“ Sie konnte oder wollte sich nicht damit abfinden, dass ihm seine Karriere nichts bedeutete.
Je tiefer er in die Theorien über Entstehen und Vergehen von Galaxien eindrang, auf desto mehr Widersprüche stieß er. Fachleute hätten ihm sagen können, das sei bei einem Forschungsgebiet, wo man vom größten Teil der Studienobjekte noch wenig wisse, zu erwarten gewesen. Alarmierend fand er dagegen, dass während seiner Reisen ins Erdinnere und in die Welt der Sterne in seinem Kopf Prozesse der Umorientierung stattfanden, bei denen er sich in die Rolle eines unbeteiligten Zuschauers versetzt sah, während sein Verstand offenbar nachts laufend Informationen aufzunehmen schien. Erstaunt stellte er fest, dass ihm am Morgen Zusammenhänge klar waren, die ihm am Vortag höchstens ansatzweise bewusst waren. Als wäre tatsächlich durch einen Nürnberger Trichter über Nacht Wissen ins Hirn geträufelt worden. Er wusste genau, über dieses oder jenes Phänomen nichts gelesen, keine anderen Medien genutzt zu haben. Der Prozess beunruhigte ihn, weil er sich nicht steuern ließ. Oft war er am Morgen völlig zerschlagen.
Vermutlich hatte Doktor Waldmann Recht, dass sich sein Gehirn gegen die ständige Reizüberlastung zur Wehr setzte, die Fülle der Informationen nicht verarbeiten konnte. Kopfschmerzen und Alpträume, die ihn seit der Erkrankung verschont hatten, setzten wieder ein.
Nun wollte er es mit der empfohlenen Akupunktur versuchen. Das Gesicht des schmalen Inders wurde von dunkelbraunen großen Augen beherrscht, die Kraft und starken Willen verrieten. Der Vertreter der chinesischen Medizin setzte geschickt die Nadeln und nach einigen Behandlungen fühlte sich Hannes besser. Der Inder riet ihm, alles, was sich in seinem Kopf abspiele, einfach zuzulassen, nicht dagegen anzukämpfen, das koste Energie und bringe nichts. „Wie das Geräusch eines Schnellzugs einfach kommen lassen, durchfahren und wieder verschwinden lassen.“
Ruhiger geworden nahm sich Hannes das Buch Redans wieder vor. Und kaum hatte er sich in seine Anleitung zum Handeln, dessen einziges Ziel war, der Naturzerstörung Einhalt zu gebieten, eingelesen, hörte der bohrende Druck auf. Redan behauptete, Europa sei dabei, das US-Modell zu übernehmen: Wichtige Entscheidungen treffen nicht die Parlamente, sondern Konzernspitzen, die ihnen genehme Politiker an die Macht hievten. Je intensiver er sich mit Redans Buch beschäftigte, desto mehr gerieten Sichtweisen ins Wanken, die Hannes für unumstößlich gehalten hatte. So machte der Glaube, die Demokratie habe Gerechtigkeit und Wohlfahrt für alle zum Ziel, der Erkenntnis Platz, dass die Schwachen erst dann an die Reihe kommen, wenn die Interessen der Mächtigen befriedigt sind. Denn sie definieren, was Gemeinwohl ist. Wer über eine schwache Lobby verfüge wie die Natur, falle durchs Raster. Das Umdenken war nicht nur eine Folge von Redans Einfluss, sondern hing mit der Umschichtung seiner Denkstrukturen zusammen. Als wäre sein Denken wie der Fluss in gemauerte Bahnen gezwängt: Die Gedanken waren nicht mehr wirklich frei, etwas zwang sie, sich in vorgezeichneten Bahnen zu bewegen. Speicherung und Einordnung dieser Informationen verlief parallel zur Verarbeitung sonstiger Inhalte und Eindrücke, als wäre es ein unabhängiges, in sich geschlossenes System, das sich zunehmend verselbständigte.
Wenn er dagegen am Fluss war, fand er Ausgeglichenheit, die gleichmäßig strömenden Wassermassen hatten etwas Unwandelbares, Ewiges an sich. Ihm gefiel der Glaube, ein Fluss spreche zu den Menschen.
Von der Brücke aus beobachtete er den Strudel vor dem Pfeiler, der Blätter und kleine Äste in die Tiefe saugte, wenige Meter weiter wieder hochschnellen ließ. Er ließ das Rad die Brückenabfahrt hinunter rollen, fand einen Weg, der ihm nie aufgefallen war, auch das Fahrverbot nicht: ‘Ausgenommen Forstfahrzeuge und Anrainer’. „Anrainer?“, murmelte er. „Welche Anrainer denn?“ Der Feldweg führte an dichtem Buschwerk und Brombeergestrüpp entlang, wieder eine Tafel: ’Keine Wendemöglichkeit’. Keuchend strampelte er einen Hohlweg hinauf, stellte das Rad ab, kletterte den Abhang hinunter. Das Rauschen verstärkte sich, dann stand er am Rand der Schlucht, durch die die Gischt schoss. Abends beim Kartenspiel erzählte er Elmar davon.
„Du hättest weiterfahren sollen!“ Der Freund, die Zigarette im Mundwinkel, das linke Auge zugekniffen, spielte einen Trumpf aus, brummte: „Auf dem Plateau liegt eine Au, zu Fuß gut eine Stunde breit.“ Er deckte die Karten auf. „Gehört alles mir, machst keinen Stich mehr!“ Er mischte, teilte aus. „Am Ende der Au steigt das Land an, oben liegen ein Hochmoor und ein See.“ Er griff nach dem Glas. „Betörend schön, ganz verträumt.“
Verwundert blickte Hannes den Freund an, solche Worte hatte er noch nie von ihm vernommen.
„So viel ich weiß, ist alles Privatbesitz.“ Nach der nächsten Runde: „Lassen wir’s, du passt nicht auf! Hab’ dir wohl einen Floh ins Ohr gesetzt...“
Elmar hatte nicht übertrieben. Umgestürzte Bäume lagen herum, in Tümpeln spiegelten sich Weiden und Erlen, alles wucherte wild durcheinander. Pfeifend umrundete Hannes die Pfützen, hielt vor einer Schranke: ‚Durchfahrt verboten, Privatbesitz!’ Im Begriff, den Schlagbaum zu heben, sah er Schatten auf sich zujagen, registrierte, auch in Gefahr nimmt das Hirn Nebensächlichkeiten wahr. Es waren zwei Doggen, die wie von unsichtbaren Leinen zurückgerissen hinter der Schranke zum Stehen kamen und knurrten. Hannes schüttelte die Erstarrung ab, sprang aufs Rad, raste zurück, drehte sich einmal um: Regungslos standen die Hunde dort, starrten ihm nach.
Elmar lachte ins Telefon. „Deshalb also verirrt sich niemand dorthin. Wem die Au gehört? Werde mich im Verein umhören, Angler wissen über jedes Wasser Bescheid. Bis Freitag.“
Hannes saß am Tresen, hatte das Glas fast leer, als Elmar erschien, einigen Gästen zunickte, zum Wirt rief: „Hallo Max! Das Geschäft läuft wie geschmiert, was?“
Der Wirt, der kaum mit dem Zapfen nachkam, wischte sich die Hände trocken, ergriff Elmars Rechte. „Ein Durst, als gäbe es Bier umsonst. Lange nicht gesehen, alles in Ordnung?“
„Bin viel auf Achse, du weißt ja, Betriebsratswahlen.“
Max schob ihm ein Glas zu. Gemächlich zündete sich Elmar eine Zigarette an, nahm einen Schluck, wischte den Schaum von den Lippen. „Also pass auf! “ Er ignorierte Hannes‘ Ungeduld, berichtete, der Auwald gehöre bis zum Flussufer Kern, dem Industriellen, auch die Sumpfwiesen und das Moor; er habe verhindert, dass der Weg ausgebaut werde. „Also nix mit einem Campingplatz dort. Kannst dir vorstellen“, das Grinsen ließ Elmars Gesicht noch breiter erscheinen, „wie traurig wir Angler sind.“ Kern sei der größte Arbeitgeber und Steuerzahler der Region, spende für soziale Vorhaben, habe sich durchgesetzt.“ Er trank aus, rief: „Max, hast du noch mehr davon?“
„Für dich reicht’s allemal“, schrie der Wirt, ließ Minuten später zwei volle Gläser über die Theke sausen. Er neigte sich zu Elmar, flüsterte halblaut: „Unter uns: Im Keller steht noch ein Fass!“
Hannes’ Augen tränten, Elmar spöttelte, er vertrage wohl die Kneipenluft nicht mehr. Dann erzählte er, wie schlau es Kern eingefädelt habe, das Areal zu erwerben. „Pass auf!“
Es war sinnlos, Elmar zu drängen.
„Das Land benötigte Liegenschaften zum Tausch, die Enteignung hätte Jahre gedauert. Kern besaß Grund und signalisierte Bereitschaft - gleichwertigen Ersatz vorausgesetzt.“ Elmar klopfte eine Zigarette aus der Schachtel, riss ein Streichholz an. „Raffiniert, was?“
„Würde doch jeder machen.“
„Das Schlitzohr tat, als wollte es sich nicht vom Familienbesitz trennen. Kapiert?“
„Nein.“
Elmar grinste mitleidig. „Als Makler würdest du glatt verhungern. Überlege mal: Weit und breit kein Ersatz, aber der Staat...“
„...hat Gelände am Fluss und auf dem Plateau!“ ergänzte Hannes. „Aber wozu gleichwertigen Grund verlangen, wenn keiner vorhanden ist?“
„Um den Preis hochzuschrauben, was sonst? Der alte Fuchs hat getan, als wäre er an der Au nicht interessiert.“ Erst als man ihm ein Vielfaches der Fläche angeboten habe, sei die Gleichwertigkeit des Bodens nicht mehr wichtig gewesen. Anerkennend hob Elmar das Glas. „Die Baubewilligung für ein Haus bekam er auch.“ Den folgenden Satz ließ er auf der Zunge zergehen. „Die Wahl rückte näher und das Mittelstück der Schnellstraße fehlte noch.“
„Und die Au?“
„Kommt gleich!“ Elmar war verstimmt, dass die Feinheiten des Geschäfts nicht gewürdigt wurden. Kern habe die Unterschrift hinausgezögert, bis die Widmung als Erholungsgebiet zurückgenommen worden sei. Elmar kicherte.
Der Wirt eilte herbei. „Ein Witz, Elmar?“
„I wo, ich beschreibe Kerns Meisterwerk.“
Das Gesicht des kahlköpfigen Gastwirts verklärte sich. „Das war es in der Tat! Möchte bloß wissen, was er damit macht.“ Er latschte zum Zapfhahn zurück.
„Vielleicht will er einfach Ruhe haben“, murmelte Hannes.
Niemand wisse genau, fuhr Elmar fort, wie groß die Fläche sei. Schließlich habe es Kern geschafft, das Areal zum Naturschutzgebiet erklären zu lassen. Hannes fragte, ob er isoliert lebe. Der Hausmeister bringe Listen zur Buchhandlung, hole nächstes Mal die Bücher ab. Er nahm einen Schluck. „Wozu willst du das wissen? Du kennst Kern nicht!“
„Ein Gefühl sagt mir, dort wartet etwas auf mich, das mein Leben verändert.“
„Ja“, griente Elmar, „die Doggen. Sie werden dir ein Stück aus dem Hintern reißen. Ich geh‘ jetzt, muss früh raus.“
Am nächsten Tag stand Hannes an der Schranke, redete, respektvoll Abstand halten, auf die Hunde ein, warf ihnen Fleischreste hin, doch die Biester rührten nichts an, knurrten nur. Jedes Mal, wenn er kam, die gleiche Zeremonie, seine Bestechungsversuche fruchteten nicht. Entweder waren die Hunde abgerichtet oder sie hatten Charakter.
Erste bunte Blätter tänzelten zur Erde. Auf dem Weg zur Au überlegte Hannes, ob er aufgeben sollte. Als hätten es die Doggen geahnt, knurrten sie nicht, als hätten sie beschlossen, nun sei es genug. Vorsichtig hob er den Schlagbaum, ließ sich beschnuppern, schwang sich aufs Rad, die Hunde trabten neben ihm zum Ufer des Baches. Er legte sich ins Gras, den Anorak unterm Kopf, die Altweibersonne wärmte noch. Er ließ die Gedanken treiben wie die Wellen im Fluss, bis sie sich irgendwo an verborgenen Hindernissen brachen. Auf einmal wurden die Doggen unruhig, gaben aber nicht Laut. Schritte näherten sich, müde Schritte. Die Hunde liefen auf einen alten Herrn mit Spazierstock zu.
„Können Sie nicht lesen?“ herrschte er Hannes an.
„Doch, kann ich.“ Er stand auf, knöpfte das Hemd zu.
Es musste Kern sein, der Eigentümer, der ihn musterte. „Was haben Sie mit den Hunden gemacht?“
„Nichts, nur Geduld, viel Geduld…“
„Haben Sie ihnen etwas gegeben?“
„Sie glauben Betäubungsmittel in Fleisch verpackt oder dergleichen? Keine Sorge, sie nehmen nichts.“
Wieder ein prüfender Blick. „Das hat noch niemand fertig gebracht.“ Freundlicher: „Da Sie nun mal hier sind, kann ich Ihnen auch das Übrige zeigen.“ Er deutete mit dem Stock auf Pflanzen oder einen Vogel, nannte die Namen. „Die Wiesen wurden dem Auwald abgetrotzt, er hätte alles überwuchert. Jetzt blüht nicht mehr viel, Sie hätten eher kommen sollen.“ Den Satz: „Man kommt so oft zu spät…“, nuschelte er in sich hinein. Am Waldrand hob Kern die Hand. „Vorsicht!“ Eine Eidechse sonnte sich auf einem Stein. „Dort hinauf“, er deutete auf eine sumpfige Wiese, „führt der Pfad zum Moor.“ Nach kurzem Zögern: „Und zum See.“
„Ein Stück Eden“, meinte Hannes. „Touristen hätten das Paradies zerstört.“
Der alte Herr drehte sich um, nickte.
„Deshalb also das hartnäckige Verhandeln: Sie wollten das hier bewahren. Ich heiße übrigens Hannes, Hannes Werner.“
Kern schmunzelte. „Ich weiß.“
Hannes guckte überrascht.
„Ich habe mich erkundigt und Sie haben sich offenbar auch umgehört, wie der verrückte Sonderling zu all dem kam.“
Den Gedanken, wie Kern das wissen konnte, verdrängte Hannes schnell. „Wer das hier erhält, weiß, um was es geht. Verrückt sind die Gleichgültigen und jene, die zerstören.“
Prüfend schaute Kern sein Gegenüber an. „Das schien von innen zu kommen!“ Er ging weiter. „Es heißt, nachts spuke es im Moor – Unsinn!“ Der Pfad führte im Bogen zurück, bei jedem Schritt sank der Stock ein.
„Warum machen Sie nichts damit?“
„Hat noch niemand versucht.“ In die nur von Vogelrufen unterbrochene Stille hinein sagte er: „Der See ist nicht groß, übt aber einen Zauber aus, dem sich niemand entziehen kann. Es geht die Mär, es liege ein Fluch auf ihm, das ist natürlich Quatsch.“ Schweigend gingen sie hintereinander, bis Kern sich abermals umdrehte. „Der Bruchwald am anderen Ufer ist unzugänglich. Dahinter liegt ein kleinerer See und nicht weit davon steht ein Häuschen, vermutlich inzwischen verfallen.“ Dann kam ein Satz, mit dem Hannes nichts anfangen konnte. „Ich darf nicht mehr hin, war Jahre nicht dort.“ Das klang traurig, es schien besser, nicht daran zu rühren.
Aber das Haus am anderen Ufer ließ Kern nicht los. „Angeblich hat man drüben Licht gesehen.“ Erregt fügte er hinzu: „Habe nie eines gesehen, alles Hirngespinste!“
Die Heftigkeit des Ausbruchs überraschte Hannes.
„Auch die Wirtschafterin und der Hausmeister behaupten, im Winter hätte Licht durch die Bäume geschimmert. Dummes Zeug!“ Er schnaubte. „Martha glaubt gar, es seien Irrlichter, lächerlich!“ Er warnte noch vor den tückischen Stellen im Moor, humpelte zurück.
Am nächsten freien Tag war Hannes wieder dort. Als hätten sie sich verabredet, wartete der Besitzer unter der Buche. Hannes bat um den Stock, schraubte eine von Elmar gedrehte Aluminiumscheibe fest.
„Oh, Sie haben nicht vergessen!“ Sie spazierten Richtung Moor. „Es geht sich tatsächlich besser, danke. Ich mache jetzt kehrt. Folgen Sie dem Pfad, er führt direkt zum See.“
Er ging zwischen Moospolstern, Erlensträuchern und Erika. Der Boden schwankte bei jedem Schritt, der Geruch von Faulwasser und Modder stieg aus dem Moor, ein dichter Algenteppich täuschte Moosboden vor, die Lichtreflexe verrieten das Wasser. Der Stumpf einer Moorbirke reckte die Äste in die Luft, als riefe sie um Hilfe. Ohne äußeren Anlass ergriff Hannes eine Spannung, die sich steigerte, bis er den Schilfgürtel durchquert hatte und auf den See stieß. Der Himmel spiegelte sich im Wasser, einsam stand eine Birke am Ufer. Ein Boot war angekettet, Hannes nahm auf der Ruderbank Platz, schaute übers dunkle Wasser. Die Anspannung wich, ein lange nicht verspürter Friede erfüllte seine Seele. Er spürte, alles war darauf zugelaufen, hierher zu gelangen. Es war später Nachmittag geworden, als ein Schatten aufs Wasser fiel, eine Stimme ihn aus seinen Überlegungen schreckte.
„Tag, ich bin der Hausmeister Kerns, heiße Jäger, bin aber keiner. Der Alte, ich meine der Chef“, verbesserte sich Jäger, „erwartet Sie. Er lädt selten jemanden ein, lebt wie ein Einsiedler.“
In der Stimme des Hausmeisters schwang ein Unterton mit, der Hannes missfiel. Er stieg ans Ufer.
Jäger ging durch das bläulich schimmernde Moor voran. Ein Winkelhaus und ein kleineres Haus tauchten auf, beide mit Schilf gedeckt, der Auwald im Hintergrund wirkte wie eine grüne Mauer. Reetdächer und Kletterrosen erweckten den Eindruck, als hätten die Häuser immer hier gestanden. Hohe Flügeltüren führten auf die Terrasse. Mitten auf dem Rasen stand eine gewaltige Blutbuche. Jäger führte Hannes in die Bibliothek mit Bücherregalen bis zur Decke.
Kern stemmte sich aus dem Lederfauteuil. „Da sind Sie ja! Franz, sagen Sie Martha Bescheid?“
Jäger warf dem Hausherrn einen sonderbaren Blick zu, Sekunden später drückte sein Gesicht wieder Ergebenheit aus.
Kern beobachtete den Gast amüsiert, der die Buchreihen abschritt. „Sie wundern sich zu Recht: Eine der besten Bibliotheken über all unsere Frevel gegen die Natur.“
Hannes zog den Band ‚Gefährdete Feuchtgebiete und Gewässer ‘ heraus, blätterte.
„Die Au mit dem Moor und der See wären auch verzeichnet“, erklärte der Unternehmer, „hätte ich sie nicht gekauft.“
Hannes nickte. „Die Flussauen fehlen noch.“ Bei Kaffee und Kuchen schilderte er seine ohnmächtige Wut, als man die Auen abgeholzt und den Fluss ins steinerne Bett gezwängt hat, um die Schnellstraße zu bauen. „Redan hat regulierte Flüsse mit toten Schlangen verglichen.“
„Sie kennen den bekannten Umweltpionier Ralph Redan?“
„Wir waren zusammen eingeladen. Dass er berühmt ist, erfuhr ich hinterher.“
„Redans Analogie passt. Für mich war die Schnellstraße ein Glück, ich hätte sonst das Gelände nie erwerben können.“ Um Kerns Augen spielte ein Lächeln. „Manchmal ist des einen Leid des anderen Freud.“ Er reichte Hannes ein Buch. „Das ist von ihm, lesen Sie es. In den Staaten tun Konzerne alles, um moderne Umweltgesetze zu verhindern, geben viel Geld für Anwälte aus. Es geht um Öl und Autos, um Milliarden.“ Die Konzerne hätten zwar Prozesse verloren, holten aber nun zum Gegenschlag aus, kauften Zeitungen, Fernseh- und Radiostationen auf. Besonders aktiv sei ein Ölkonzern, der kein Mittel scheue, um Naturschützer zu diskriminieren. Er habe Redan auf der Liste ganz oben stehen.
Mit bitterem Auflachen fügte Kern hinzu, viele Industrielle betrachteten den Umwelt- und Naturschutz als reine Kostenfaktoren. Konzerne und Banken übten Druck auf die Politiker aus, um Kosten zu senken. Ein Wirtschaftsboss, der selbst Abgeordneter sei, tue sich als ihr Sprecher hervor. Vor Jahren sei er in Kerns Werk beschäftigt gewesen. Heute gehörten ihm ein Revolverblatt mit hoher Auflage, Aktien des privaten Fernsehens und Immobilien, mit denen er spekuliere.
„Er hat in Ihrem Betrieb gearbeitet?“
„Ja, er hat auch mich getäuscht. Er greift den Naturschutz an, wo er kann. Paulsen ist gefährlich, er geht über Leichen und hat mächtige Verbündete.“
Kapitel 3
3.
Ausgerechnet Regans Revolverblatt fand Hannes nun jeden Tag in seinem Briefkasten, obwohl nie bestellt. Jede Woche erschienen Hetzartikel gegen Naturschützer und ihre Organisationen. Welten lagen zwischen der Zeitung und Redans Büchern, obwohl sich beide mit der Umwelt beschäftigten, wenn auch unter entgegengesetztem Vorzeichen. Redan kämpfte für die Erhaltung der Natur, setzte mitunter Mittel ein, die über das Erlaubte hinausgingen. Das Sex-and-Crime-Blatt Paulsens dagegen verunglimpfte den Natur- und Umweltschutz grundsätzlich, hätte das Rad am liebsten zurückgedreht; teure Anwälte wurden engagiert, um jede Lücke im Gesetz zu nutzen.
Hannes legte Regans Buch beiseite, lief in die Nacht hinaus, an den Peitschenlampen entlang, an denen schmutzig gelbe Nebelfetzen vorbeizogen. Die Aussage des Architekten fiel ihm ein, dass Häuser Schutz vor Kälte, Nässe und Feinden gewähren, Geborgenheit schenken, Einsamkeit erträglich machen, Schwächen verbergen. Einem Impuls folgend fuhr Hannes mit dem Lift ins Hochhauscafé, schaute auf die wie in Watte gepackten Dächer, auf die verschwommenen Farbkleckse der Fenster. Alles war vage geworden, floss ineinander. Nebel verwischt Grenzlinien, verwandelt Sein in Schein.
Verschwommen wie die Gebäude im Nebel tauchten Brocken aus jenem Traum auf, dem er zuerst keine Beachtung geschenkt hatte, der aber öfter kam. Das erste Mal war nur das Gesicht aufgetaucht, später hatte der unheimliche Greis zu sprechen begonnen und zuletzt war er neben ihm gegangen, hatte Ratschläge erteilt. Der Ober riss ihn aus seinen Gedanken, er war der einzige Gast, starrte seit einer Stunde auf die verhangene Stadt - bei einer Tasse Kaffee.
Hannes zahlte, lief durch den Park, verweilte vor dem bronzenen Feldherrn zu Pferd, der in die Ferne stierte. Denkmäler sind Markierungen im Strom der Zeit, ob von Staatsmännern oder Tyrannen. In Geschichtsbüchern steht mehr über Kriege und Katastrophen als über Friedenszeiten, eine Geschichte ohne Höhepunkte wird wohl als Ungeschichte gewertet. Tafeln, die an Geknechtete, Gefolterte und Ermordete erinnern, findet man selten, mitunter in einer Friedhofsecke.
Vor Unscharfwurden ihm einer Villa verweilte er, die Silhouette einer Frau zeichnete sich wie ein Schattenriss im Fenster ab. Sie drückte die Stirn an die Scheibe, wölbte die Hände um die Augen, als könnte sie ihn im Dunkeln sehen. Sie hatte ein schmales Gesicht, große Augen, dunkles Haar. Mit einem Ruck zog sie den Vorhang zu. Klavierspiel erklang, aufgewühlt und zornig, wurde sanfter, schwermütig dann. Minuten stand er im Nieselregen, plötzlich eine schrille Dissonanz – aus. Er schlenderte weiter, wusste, das schemenhafte Bild würde in seine Traumwelt Einzug halten und wie andere Schattenwesen ein Eigenleben beginnen. Wie immer auf seinen nächtlichen Rundgängen tauchten Erinnerungen und seiner Traumwelt marschierte er durch die grauen Häuserschluchten.  auf, begleiteten ihn, so wie in der Kindheit die Telegrafendrähte dieer Eisenbahn: auf und ab, auf und ab. Vergangenes und Verdrängtes meldete sich zu Wort,  mitunter vermischten sich Träume und Erlebtes.
Während er in seinen Tagträumen locker und selbstbewusst auftrat, entsprach die Wirklichkeit eher jenem Morgen, da er auf den Frühbus wartete: Die Frau mit nass glänzendem dunklem Haar und großen Augen kam ihm bekannt vor, er kramte im Gedächtnis, da fuhr der Bus vor, er wurde zum hinteren Einstieg gedrängt. Sich an die Haltestange klammernd neigte er sich über die Sitzenden, entdeckte sie, wandte den Blick nicht ab, bis sie fragend die Brauen hochzog, schließlich das Lächeln erwiderte. Leute stiegen zu und auf einmal stand sie draußen, erwiderte sein Winken. Nun kam die Erleuchtung: Sie war die Klavierspielerin am Fenster, verlängerte die Liste versäumter Gelegenheiten.
Einige Nächte ließ ihn der Traum in Ruhe, dann kam er gleich mehrmals wieder. Eine tiefe Stimme rief seinen Namen, das von Furchen durchzogene Gesicht mit dem stechenden Blick erschien. Der Greis sah ihn an, forderte ihn dann auf, endlich aktiv zu werden, verschwand. Am Morgen fühlte er sich ganz zerschlagen.
Zwei Mitschüler auf der Durchreise besuchten ihn. Siegfried, der ein Mädchen aus der Parallelklasse geheiratet hatte, stellte nach dem ersten Was-ist- aus-dir-und-all- den-anderen-geworden fest: „Hast dich kaum verändert, älter halt...“ Seine Frau - sie war schon in der Schule extrem kurzsichtig - beugte sich über den Tisch, musterte Hannes wie ein Insekt unter der Lupe.
„Älter sind wir alle geworden. Ihr mögt doch Kaffee?“ Durch die mit einer Kommode verstellte Durchreiche hörte er Siegfried sagen: „War immer ein Einzelgänger, hat am helllichten Tag geträumt. Im Job fehlt ihm der Biss.“
„Die Mädchen haben ihn gemocht, wohl weil er anders und“, fügte seine Frau hinzu, „weil er ein Träumer war.“
„Klingt, als hättest auch du für ihn geschwärmt!“
„Alle taten es und er merkte es nicht einmal. Er strahlte etwas aus...“, sie suchte nach einem Vergleich, „wie der lesende Jüngling von Rembrandt im Zeichensaal. Er hat sich völlig ins Schneckenhaus zurückgezogen, hast du bemerkt?“
Siegfried hatte nicht, er war Geschäftsmann. Höhepunkt und Ende seiner romantischen Ära zugleich war die Heirat seiner Jugendliebe gewesen. Er drängte zur Weiterfahrt.
Siegfried hatte Recht: Es kümmerte Hannes nicht, dass Kollegen Sprosse um Sprosse an ihm vorbei aufstiegen. Erika hatte gefragt, ob er denn keinen Ehrgeiz habe. Seine Antwort: Nein, keinen! hatte ihr die Sprache verschlagen. Sie änderte die Taktik, wies auf die Villen der Erfolgreichen hin, auf ihre Reisen in ferne Länder, ihre Urlaubsfilme.
„Fünf Minuten pro Sehenswürdigkeit“, spottete er, „sind wirklich wenig. Im Film kann man jede zehnmal anschauen.“
Sie kniff die Augen zusammen. „Meyers, du weißt schon, der Bankdirektor, machen eine Weltreise, werden tolle Bilder mitbringen.“
„Ah, wie ich mich freue“, grinste Hannes. „Das Ehepaar Meyer – Meyer mit Ypsilon wohl gemerkt – betritt das Deck, feierlicher Rundgang, Schwenk übers Meer mit Sonnenuntergang, majestätisch natürlich, Abgang. Wer den Film schon gesehen hat, sollte um Wiederholung bitten, seltene Speisen und erlesene Weine haben ihren Preis. Wozu Hitze, Dreck und Moskitos ertragen, wenn es niemand bewundert?“
Während er solch krause Ideen entwickelte, dachte Erika an seine Weigerung, ein Haus zu kaufen, weil er sich nicht mit Handwerkern oder Nachbarn herumstreiten wollte. Dabei hätte ihnen Mutter das Geld geliehen.
Sprachen sie miteinander, redeten sie meist aneinander vorbei. Als Erika verkündete, sie fange wieder zu arbeiten an, verkniff er sich die Frage, warum sie aufgehört hatte: Sie hatten keine Kinder, er aß in der Kantine, die Wäsche kam in die Reinigung, an der Hausarbeit beteiligte er sich. Sie erwähnte, die neue Kanzlei liege in der Nähe der Wohnung ihrer Mutter. Er verbiss sich das Lachen, erinnerte sich an die Mahlzeiten bei der Schwiegermutter, die nach dem Motto gekocht hatte: Geschwindigkeit ist keine Hexerei. Seine Frage, ob sie das Suppenhuhn nicht besser kochen denn braten hätte sollen, bedeutete für ihn das Ende der Hexenküche. Das muss nach der Operation des Schwiegervaters gewesen sein; er war einen Tag früher entlassen worden, aber nicht nach Hause gekommen, sondern hatte sich in seinem Stammlokal einquartiert, genauer bei der Besitzerin, einer Witwe. Dem Skandal war die Scheidung auf dem Fuß gefolgt. Das Wirtshaus lag am anderen Ende der Stadt, sonst wäre Hannes Stammgast geworden. Der Schwiegerpapa hatte enorm zugelegt, aber das war nicht der einzige Grund für seinen frühen Tod: Die üppige Wirtin schien nicht nur den Magen überbeansprucht zu haben. An Erikas Tonfall merkte er, dass sie sich dem Ende näherte, schaltete auf Aufnahme.
„… fange ich wieder beim gleichen Anwalt an.“
„War sicher langweilig, den ganzen Tag allein.“ Die steile Falte auf ihrer Stirn erinnerte ihn, dass sie überall erzählt hatte, er wünsche nicht, dass sie arbeite. Um einer erneuten Auseinandersetzung zu entgehen, machte er sich zur Eckkneipe mit dem beleuchteten Bierglas über dem Eingang auf den Weg. Die Straßenlampen an den von Haus zu Haus gespannten Drahtseilen schaukelten im Wind. In die Kneipe kamen Arbeiter nach der Schicht, zu später Stunde Taxifahrer und Strichmädchen zum Aufwärmen. Der Wirt, in jungen Jahren Boxer, entschied, wer genug hatte, da half kein Bitten, kein Wedeln mit einem Zehner.
Der Gegensatz zwischen Kneipengästen und Erikas Bekannten hätte kaum größer sein können. Selten ließ sich Hannes überreden, mitzugehen, die Einladung ihres Chefs war eine Ausnahme. Die Herren rauchten im Salon, er saß mit einem Maler bei den Damen. Eben wurde der junge Dirigent, der das Orchester aus dem Dornröschenschlaf geweckt hatte, durch den Kakao gezogen. „Er springt herum wie ein Kasper, degoutant geradezu!“ Das Organ der Frau, deren großzügiger Ausschnitt erkennen ließ, dass nichts da war, das zu verbergen sich gelohnt hätte, schrillte durch den Raum. Nun war die Solistin an der Reihe. „Dieses dünne Stimmchen, weder Beifall noch Blumen hat sie verdient! Jede von uns hätte das gebracht...“
Hannes schauderte beim Gedanken, die von der Natur so stiefmütterlich Bedachte könnte ein Lied zum Besten geben.
Gegen zehn zogen sich die Herren wieder zurück, bis auf ihn und den Maler, dem die Frau des Gastgebers ein Bild abkaufen wollte. „Eine dringende Besprechung“, verkündete der Hausherr und bat, die Damen zu unterhalten. Am vom Hals in die Wangen steigenden Rot erkannte Hannes, dass sich Erika ärgerte, nicht zugezogen worden zu sein.
„Frau Krause hatte im Theater ein Kleid an, sehr gewagt“, ging das Sticheln weiter, „in dem Alter!“ Es folgte ein Loblied auf die Schnellstraße und den Zeitgewinn.
„Der rasche Themenwechsel irritiert“, sagte Hannes über die Schulter zum Maler, drehte sich um. Der Künstler schlief wie ein Huhn mit halb offenen Augen, den Kopf an die Säule gelehnt. Der Klatsch wandte sich dem Pastor zu. „Hat er nicht bei der Friedensdemo mitgemacht, sogar den Aufruf zum Ausstieg aus der Kernenergie unterzeichnet - wo doch der Ministerpräsident persönlich die Sicherheit des Atomkraftwerks garantiert hat?“ Die Anklägerin schaltete eine dramaturgisch wirkungsvolle Pause ein, die Hälse reckten sich. „Der Pastor nimmt nicht zur Kenntnis: Ein Drittel des Kirchenvorstandes hat ihm die Stimme verweigert, ich auch.“ Empört schnaubte sie ins Taschentuch.
Die Hoffnung, sie würde den Faden verlieren, erwies sich als frommer Wunsch, der Kirchenvorstand war dran. Aber Hannes passte nicht auf, das unheimliche Gesicht des Alten war wieder erschienen, dieses Mal am helllichten Tag. „Ist dir deine Zeit nicht zu schade?“, fragte der Greis. Das Antlitz verschwand, das Geschwätz ging weiter.
„Sogar der Bischof soll zweifeln, ob der Neue der Gemeinde gewachsen ist!“ Hannes überlegte, ob das gegen den Pastor oder gegen die Gemeinde sprach. Eine vollbusige Frau mit grell geschminkten Lippen, blondem Toupet und schlaffem Hals rief: „Er hat gepredigt, die Masse der Bevölkerung habe die Naziverbrechen hingenommen! Sollen unsere Enkel noch in Sack und Asche gehen? Schließlich haben wir Milliarden gezahlt! Wie lange noch Wiedergutmachung?“
Nun konnte sich Hannes nicht mehr zurückhalten. „Der Tod eines Angehörigen kann doch nicht durch Geld wieder gut gemacht werden!“
Die einsetzende Stille schreckte den Maler auf, er rief: „Bravo, bravo!“ Die Hausherrin warf ihm einen vernichtenden Blick zu, er verstand die Welt nicht mehr, sonst hatte es immer gepasst.
Hannes fuhr fort: „Die Mittel für Überlebende und für Israel waren in Ordnung, sie wecken aber keine Toten auf.“ Gerade waren die Männer zurückgekommen, glotzten ihn an wie ein Tier im Zoo, die Dame neben ihm rückte mit dem Stuhl ab. Ein Schmerbauch mit Glatze fragte: „Wer um Himmels willen ist denn das?“
Unbeirrt fuhr Hannes fort: „Keiner, der überlebt hat und kein Angehöriger wird die Ansicht teilen, Geld wiege Leid, Folter und seelische Qualen auf.“
Sekundenlanges Schweigen, bis Gespräche und Gelächter wie auf Kommando wieder einsetzten. Die Dame mit den klirrenden Armbändern fuhr fort, als wäre sie nie unterbrochen worden: „Der Pastor billigt sogar die Rentenansprüche ehemaliger Zwangsarbeiter! Ein Fass ohne Boden: Polinnen und Ungarinnen, die Trümmer wegräumten, verlangen Entschädigung, als hätten nicht alle Übermenschliches geleistet!“ Hart klopften ihre Ringe auf den Tisch. Zustimmendes Gemurmel.
Der Maler, der die Chancen eines Bilderverkaufs inzwischen realistisch einschätzte, wandte ein: „Die Trümmerfrauen bekommen auch Rentenzeiten angerechnet.“
Empört hielt man ihm entgegen: „Aber das sind unsere Leute!“
Hannes stand auf, wandte sich dem Ausgang zu. Die Gastgeberin fing ihn ab. „Sie wollen schon weg? Hat Sie jemand gekränkt? Sie sind doch nicht, nein, das kann nicht sein, sonst hätte Erika nicht..., oh pardon...“ Kalt glotzten ihn ihre Fischaugen an.
Im Begriff, grußlos zu gehen, hängte sich Erika bei ihm ein, bedankte sich für den Abend und wies auf die Überarbeitung ihres Mannes hin. Zu Hause fuhr sie ihn an: „Du hast die Frau meines Chefs blamiert und die Gäste schockiert!“
Er war selbst überrascht, sich gegen alle gestellt zu haben, früher wäre er einfach gegangen. Es gab ein Nachspiel, die Frau des Anwalts rief an. Bevor er auflegen konnte, flötete sie: „Lieber Herr Werner, das wäre nicht nötig gewesen, finde ich aber ganz reizend!“
„Ich weiß nicht ...“ stotterte er.
Sie fiel ihm ins Wort: „Die hübschen Blumen mit Karte kamen eben, danke und grüßen Sie Ihre Frau!“
„Das muss ein ...“ Den Irrtum hörte sie nicht mehr, hatte aufgelegt. „Du Biest!“ rief er in den tauben Hörer. Am Abend stellte er Erika zur Rede: „Du hast für mich Blumen abgegeben, ich habe nichts Falsches gesagt.“
Kurz angebunden gab sie zurück: „Du wirst es künftig unterlassen, meine Leute zu vergraulen!“
Es war das letzte Mal, dass sie gemeinsam zu einer Veranstaltung gingen, das Zusammentreffen im Haus der Architekten war zufällig. Er lehnte an der Wand neben dem Büfett, drehte das Glas zwischen den Fingern und überlegte, sich davonzustehlen, als eine dunkelhaarige Frau auf ihn zusteuerte.
„Wagen Sie ein Tänzchen?“
„Meinen Sie mich?“
Lächelnd nickte sie.
„Nehmen Sie es mir nicht übel, ich mache mir nichts aus der Hopserei. Sie verzeihen hoffentlich.“ Leise setzte er hinzu: „Wenn nicht, geht die Welt nicht unter.“
Sie lachte. „Nein, das wird sie nicht. Erinnern Sie sich? Die Haltestelle, der Bus...“
Er schlug sich mit der Hand auf die Stirn. „Oh Gott, ich Esel!“
Hell lachte sie auf, stellte sich auf die Zehenspitzen, küsste ihn auf die Wange. „Aber wahrscheinlich der einzige ehrliche Mensch hier.“
In diesem Moment kam seine Frau dazu. „Du hier? Das ist eine Überraschung! Du unterhältst dich offenbar gut, willst du nicht vorstellen?“
Der spitze Ton zerstörte die Stimmung, dennoch konnte er das Grinsen nicht unterdrücken. „Wollen schon, weiß nur den Namen nicht.“
„Du lässt dich küssen und weißt nicht, wie die Dame heißt?“
„Ersteres kann ich schlecht leugnen, das zweite können wir nachholen.“ Er deutete eine Verbeugung an. „Hannes Werner, meine Frau, wie Sie vermutlich erraten haben.“
Die Dunkelhaarige ging auf das Spiel ein, machte einen Knicks. „Ilse Selters, es war nett, Sie wieder getroffen zu haben.“
„Ich wollte Sie nicht vertreiben, bin froh, wenn sich mein Mann amüsiert, der Eigenbrötler.“
„Ich vermute eher“, entgegnete die andere, „er meidet Menschen, die ihn langweilen. Ich wollte ohnehin gehen, hat mich gefreut.“
Erika glaubte ihm nicht, dass er die Frau nicht kannte. Er wunderte sich über den Anfall von Eifersucht, hatte sich ihr Sexualleben doch bald nach der Hochzeit auf das von ihr festgelegte Maß beschränkt, war weniger geworden, schließlich zum Erliegen gekommen. Jeder Ofen geht aus, wenn nichts nachgelegt wird. Unbegreiflich war ihm der fremde Geruch Erikas, besser der abhanden gekommene Körpergeruch. Früher wäre ihm das nicht aufgefallen, die Empfindlichkeit seines Riechorgans musste zugenommen haben.
Längst ging jeder eigene Wege. Erika traf sich mit Leuten, die ihrem Lebensstil entsprachen, unterließ vergebliche Erziehungsversuche, hatte eingesehen, es lohnte nicht, mit ihm zu streiten: Kritik glitt an ihm ab wie Regen am Ölzeug. Als sie ihm wieder einmal vorwarf, nichts für seine Karriere zu tun, gab er zu: „Schon deine Mutter hat mich als taube Nuss eingestuft: kein Amt, keine Auszeichnung, kein Titel, nicht einmal Vorsitzender des Kaninchenzüchtervereins. Und?“
Sie entgegnete: „Aber Rad fahren, nachts durch die Stadt laufen und träumen kann doch nicht alles sein!“

Die Schatten waren lang geworden, Nebel stieg vom Fluss hoch, strich über die abgeernteten Äcker. Knarrend zerrte das Boot an der Kette, Nebelschleier tanzten über den See. Fröstelnd saß er auf einem umgestürzten Birkenstamm, das Schreien der Wildgänse schreckte ihn auf. Mit gestrecktem Hals flatterten sie über den See, kreisten übers Schilf, beäugten ihre Schlafplätze, ließen sich nieder. Zögernd setzte die Dämmerung ein, nichts rührte sich, Moor und See schienen zu schlafen. Da hörte er seinen Namen rufen, leise, aber deutlich. „Hannes!“ Und: „Hannes, komm zu mir!“ Das Ruderboot lag an der Kette, weit und breit kein menschliches Wesen. Und wieder das feine Rufen: „Hannes, komm zu mir!“
Er spähte umher, fasste sich mit der Hand an die Stirn: Halluzinationen, Fieber? Vor sich im Wasser bildeten sich konzentrische Kreise, als hätte jemand einen Stein hineingeworfen. Die Oberfläche zitterte, als mühte sich etwas, nach oben zu gelangen. Verschwommen wie hinter Milchglas erschien ein Mädchengesicht, wurde deutlicher. Traurig blickten die Augen zu ihm auf. Hannes suchte das zum Spiegelbild gehörende Objekt - nichts. Er zwickte sich in den Arm, das Antlitz im Wasser blieb. Hell leuchteten die Haare, der Kopf wiegte sich im Takt einer schwermütigen Melodie. Gebannt starrte er auf die Erscheinung, wollte ihr zurufen, brachte keinen Laut hervor. Das Flehen in ihren Augen schnitt ihm ins Herz, dann löste sich das Spiegelbild auf.
Benommen ging er zurück, fuhr den Hohlweg hinunter, verstaute das Rad, kauerte sich auf dem Rücksitz zusammen. Es war stockdunkel, als er vor Kälte schlotternd erwachte, auf die Hauptstraße steuerte. Plötzlich bremste er, das Auto hinter ihm kam ins Schleudern, der Fahrer hupte und blinkte. Hannes ließ den Wagen auf den Randstreifen rollen, blieb stehen, saß starr hinter dem Lenkrad. Das Antlitz des Mädchens hatte sich in seine Seele gebrannt, die Sehnsucht ein Ziel gefunden.
Kapitel 4
4.
Novemberschwere lag auf den Stoppelfeldern, kauerte zwischen den Bäumen, die Konturen verloren ihre Schärfe. Hannes liebte die Zeit der langen Dämmerung und der Unbestimmtheit, den Monat der tanzenden Irrlichter. Er kauerte auf der Ruderbank, die Kapuze in die Stirn gezogen, bis die Kälte die Glieder hoch kroch und er durchs nasse Gras zurückstapfte. Wedelnd liefen ihm die Hunde entgegen, an der Lenkstange hing eine Plastikhülle mit einem Zettel: Kommen Sie doch zum Kaffee! Die Dogge mit dem hellen Fleck am Hals stupste ihn mit der Schnauze, als wollte sie der Einladung Nachdruck verleihen.
Das gedeckte Tischchen vor der Bücherwand und das Feuer im Kamin schienen auf ihn zu warten. Kern machte eine einladende Handbewegung, schenkte ein. Stumm hingen sie ihren Gedanken nach, als säßen sie sich jeden Tag zur blauen Stunde gegenüber. Je dunkler es wurde, desto mehr Schärfe gewann ihr Spiegelbild in der Scheibe.
Genüsslich schlürfte Hannes den Kaffee, streckte die Füße zum Kamin, Wohlgefühl breitete sich aus. Just da begann das Kribbeln vom Herzen hochzusteigen, stets Vorbote einschneidender Veränderungen.
Der Hausherr brach das Schweigen. „Hat Sie der Moorsee also in seinen Bann gezogen!“ Nachdenklich musterte er sein Gegenüber. „Ich möchte etwas mit Ihnen besprechen. Sie haben doch Zeit?“
Hannes nickte. „Ob ich jetzt oder später fahre, ist egal, dunkel ist es allemal.“
„Wartet niemand auf Sie?“
Nach kurzem Zögern antwortete Hannes, er sei zwar verheiratet, lebe aber eigentlich allein. Die Umrisse der Bäume lösten sich im Dunkel auf.
„Sie übernachten am besten hier.“ Jeden Einwand beiseite schiebend hob Kern die Hand. „Einverstanden?“
„Danke, im Dunklen ist das Fahren durch den Hohlweg kein Spaß. Außerdem fühle ich mich wohl hier.“
Das strenge Gesicht leuchtete auf. „Meine Frau und ich haben das Haus gemeinsam geplant und eingerichtet.“ Ich habe sie über alles geliebt.“ Jäh erlosch das Lächeln in den Augen. „Dann ist sie fort gegangen und nie mehr.“
Eigenartig, die Formulierung für sterben, dachte Hannes.
Der Unternehmer stand auf, sagte abweisend, beinahe schroff: „Aber darüber wollte ich nicht mit Ihnen reden!“
Hannes wunderte sich, dass sich der ruhige Mann erregte wie damals über das Licht am anderen Ufer.
Es klopfte, eine mollige Frau schob einen Teewagen herein. „Danke Martha, sieht lecker aus. Das ist Hannes - meine Haushälterin“, stellte er vor. „Ist alles fertig?“
„Aber natürlich.“ Die Stimme passte zum gutmütigen Gesicht.
Später fragte Hannes, ob er sich seiner Sache immer so sicher sei.
„Keineswegs, in diesem Fall schon. Greifen Sie zu!“ Er schenkte Rotwein ein, hob das Glas. „Erbstücke, Biedermeier. Der Burgenländer wird Ihnen munden, kommt direkt vom Winzer.“ Er nahm einen Schluck, ließ den Rebensaft von einem Mundwinkel in den anderen fließen und ohne erkennbare Schluckbewegung durch die Kehle rinnen. „Sie haben vermutlich gehört, dass ich zurückgezogen lebe. Ich bin aber nicht von der Welt abgeschnitten.“ Er stand auf. „Ich zeige Ihnen was. Nehmen Sie bitte das Tablett mit?“ Der Eichenschreibtisch im Raum nebenan war mit Zeitungsausschnitten, Büchern und Kassetten übersät. „Ich schaffe es nicht, das alles zu verarbeiten.“
„Ein Unternehmer wie Sie müsste sich einen Sekretär leisten können!“
„Darum geht es nicht“, erwiderte Kern. „Sie werden gleich verstehen.“ Er zog einen Band aus der Bücherwand, drückte auf einen Knopf, das Regal rollte zur Seite und gab eine Stahltür frei. „Der erste Fremde, der das zu sehen bekommt.“ Sie betraten den Raum, in dem Computer, Monitore, Drucker, Telefone und andere Geräte standen. Kern tippte auf einer Tastatur, auf dem Schirm erschien: HCl–P–F/ K/ 5231/ OK. „Was glauben Sie bedeutet das?“
„HCl könnte Salzsäure sein, das andere…“ Hannes zuckte die Achseln.
„Es geht in der Tat um Chlorverbindungen, hochgiftige sogar. P steht für Papier, F für Fabrik, K für Kanalisation. Das Zeug fließt von einer Papierfabrik in den Kanal, der in den Fluss mündet.“ Er ließ eine Wandtafel zur Seite rollen, eine Landkarte kam zum Vorschein. „Jedes Planquadrat ist in zehn weitere geteilt; die zwei ersten Zahlen der Formel sind waagrecht, die zweiten senkrecht zu lesen. Von dieser Papierfabrik“, er wies mit dem Stock auf eine rote Nadel, „läuft mit dem Abwasser Salzsäure in den Fluss. Unser V–Mann hat es gemeldet, wir haben nachgefragt.“
„Und?“
„Das Übliche: Abwiegeln, Zeit schinden, das Auffinden des Lecks sei schwierig. Wir drohten mit Anzeige, da wurde der Schaden behoben, dafür das OK.“
„Hätten Sie angezeigt?“
„Aber sicher! Die Kollegen“, sein Mund deutete ein Lächeln an, die Augen blieben ernst, „wissen, dass wir nicht bluffen.“
„Und die Behörden?“
Um eine Daseinsberechtigung zu haben, suchten Beamte nach Vorschriften, um Innovationen zu behindern; sie reagierten, wenn überhaupt, träge. Um ihnen Dampf unterm Hintern zu machen, lasse die Organisation Journalisten Informationen zukommen. Seitdem ignoriere man Meldungen der RUNO nicht mehr. Das Staunen des Gastes amüsierte Kern. „Sie haben von der Organisation gehört?“
„Wollen Sie damit sagen, Sie arbeiten für die radikalen Umwelt- und Naturschützer?“
Gelassen schenkte der Gastgeber nach, erklärte, er leite sogar ein Informationszentrum. Mitunter müssten sie Methoden einsetzen, die gesetzliche Bestimmungen großzügig auslegten. Über die Aktionen schreie am lautesten, wer selbst Dreck am Stecken habe. Es sei schwer gewesen, die Organisation aufzubauen, es sei noch mühsamer, die Menschen zum Umdenken zu bewegen. Er stierte auf die Karte. „Sie haben Redans Buch gelesen?“
„Ja.“ Einer der Hunde hatte sich zu seinen Füßen ausgestreckt, den Kopf auf seinem Fuß.
„Nun schau mir einer den Kerl an!“ Ein Lächeln hellte für Sekunden das Gesicht Kerns auf. Redan beschreibe, dass nach wie vor produziert werde, als gäbe es Rohstoffe bis in alle Ewigkeit, als wäre die Bedrohung der Natur eine Erfindung von Spinnern. Er schildere auch, wie die Wirtschaft Wälder zu Holzlieferanten, Flüsse zu billigen Verkehrsadern, Tiere zu Rohstoffbasen degradiert habe. Was zähle, sei die Rentabilität. Er wies auf ein Regal. Der graue Ordner enthalte Leiter aktiver Umweltbehörden. „Sie sehen, er ist dünn.“ Im gelben Ordner seien Journalisten verzeichnet, die sich für den Naturschutz einsetzten, im grünen die Anwälte, alle verschlüsselt. Längst sollte alles im Computer und vernetzt sein, aber sie hätten Angst, die Gegner könnten zugreifen. Er nahm sein Glas, nippte. „Wozu ich Ihnen das zeige? Zuerst eine Gegenfrage: Sind Sie bereit, gegen die Zerstörung der Natur zu kämpfen? Falls nicht, vergessen Sie bitte alles.“
„Sie haben sicher bemerkt“, entgegnete Hannes hitzig, „wie mich das fasziniert! Und hätten Sie gesehen, mit welch ohnmächtiger Wut ich das Abholzen der Auen verfolgt habe, würden Sie nicht fragen!“ Unwillkürlich war er lauter geworden, stockte: „Entschuldigen Sie, ich ...“
Kern winkte ab. „Wäre übel, wenn Sie gleichmütig blieben. Außerdem wissen wir über Sie Bescheid.“
Im Gesicht des Jüngeren spiegelten sich widersprüchliche Gefühle. „Heißt das, ich wurde beobachtet?“
„Nun, wir haben uns erkundigt. Wenn Sie mehr über uns wissen, werden Sie verstehen.“ Er klappte eine Mappe auf. „Politiker, für die Naturschutz mehr ist als Wahlwerbung, wenige. Hier haben wir Chemiker und Biologen, die nicht fragen, woher die Proben kommen, auch sonntags Analysen durchführen.“
„Am Sonntag?“
„Viele Umweltvergehen ereignen sich am Wochenende – wenig Mitwisser.“
„Arbeiten Sie auch mit der Polizei zusammen?“
Sie gäben Hinweise, aber die Polizei schreite meist erst ein, wenn das Kind in den Brunnen gefallen sei. Vor allem, seit übereifrige Polizisten Rügen erhielten. Der Einfluss der Wirtschaft reiche bis ganz nach oben. Für die Karriere sei es nützlicher, Diebe und Verkehrsrowdies zu verfolgen. Sie gingen ins Wohnzimmer zurück.
Seltsam, ging es Hannes durch den Kopf: Obwohl er das erste Mal davon höre, kam ihm alles bekannt vor.
Kern schilderte, dass Mitarbeiter heimlich Proben aus den Abwässern von Fabriken entnehmen; bestätige die Analyse den Verdacht, werde die Organisation tätig. Sie beschafften sich Informationen über geplante Fernstraßen, Flugplätze und Industrien; jeden Tag asphaltiere und betoniere man Quadratkilometer von Grünflächen. Habe Widerstand eine Chance, mobilisierten sie Vereine, verständigten die Presse.
„Gibt es keinen Gegendruck?“
Es gebe Konzerne, die alles unternähmen, um die Organisation zu kriminalisieren. Und weil ihre Methoden nicht immer stubenrein seien, wenn sie etwas erreichen wollten, sei das gar nicht so schwer. Noch immer stelle man gesundheitsschädliche Produkte her. Das sei eigentlich verfassungswidrig, doch zögerten die Gerichte, das Denken zu übernehmen.
„Obwohl es richtig ist?“
„Recht haben und Recht bekommen sind zweierlei.“ Müde fuhr Kern fort, das Recht der Schwachen immer erkämpft werden müssen. Ihre Sachwalter seien beschimpft, verfolgt, eingesperrt, gefoltert oder umgebracht worden. Wenige hätten nach dem Tod Anerkennung gefunden. Kern legte ein Buchenscheit in die Glut, beide beobachteten das Züngeln der Flammen.
„Aber wir leben in einem Rechtsstaat!“, wandte Hannes ein.
„Die Gleichheit vor dem Gesetz nützt dem Jungen wenig, der im Kaufhaus ein Jojo- Spiel mitgehen lässt und bestraft wird, während dem Gangster im Nadelstreifenanzug, der die Umwelt für Generationen vergiftet, nichts passiert.“
„Und wo bleibt die Gerechtigkeit?“
„Gerechtigkeit!“ schnaubte Kern. „Für den Jungen der Beginn einer kriminellen Karriere, für den Beamten, der die Vorschriften missachtet, die Versetzung in den vorzeitigen Ruhestand.“ Ein Fabrikant, der das Grundwasser vergifte, zahle, wenn es zu einer Strafverfolgung komme, ein lächerliches Bußgeld. Früher habe man Menschen vor Naturgewalten schützen müssen, heute sei die Natur vor dem Menschen zu bewahren.
„Und die Umweltpolizei?“
„Mit einzelnen Dienststellen arbeiten wir gut zusammen.“ Er warf Hannes einen prüfenden Blick zu. „Übrigens wurde ein Preis ausgesetzt, wer unsere Organisation auffliegen lässt – nicht offiziell natürlich.“
Ungläubig fragte Hannes: „Eine Prämie für Verrat?“
Kern zuckte die Achseln. „Der Kampf ist hart geworden, es geht um Milliarden. Unsere Organisation muss rasch reagieren, wir sind auf schnelle, verlässliche Angaben angewiesen.“
Wie in einem Puzzle formte sich im Kopf des Zuhörers allmählich ein Bild. „Sind auch Mitglieder gespeichert?“
„Nur ihre Codes.“
„Eine Geheimorganisation!“ Hannes schluckte. „Und warum vertrauen Sie mir das an?“
Kern ließ sich Zeit. „Ich brauche einen Assistenten, der schweigen kann. Das ist ein Angebot, überschlafen Sie es!“
„Donnerwetter, zum Kaffee kommen und nun dies!“ Der junge Mann stützte den Kopf in die Hand. „Ich bin auf mein Gehalt angewiesen und nebenbei wird die Arbeit hier nicht zu schaffen sein.“
Wieder das warme Lächeln. „Wie Sie andeuteten, kann ich mir in der Tat einen Sekretär leisten. Sie würden gleich viel verdienen.“
Hannes war seit dem Morgengrauen auf den Beinen, nur Kerns eindringliche Art zu sprechen verhinderte, dass er im Sitzen einschlief.
Naturschutz dürfe sich nicht nur am Nutzen orientieren. Werde zum Beispiel Insektengift gespritzt, habe das den Tod Zehntausender Vögel zur Folge; über Umwege auch die Vergiftung des Grundwassers. Gott habe dem Menschen geboten, sich die Erde untertan zu machen und über alles Getier zu herrschen – von Zerstörung habe er nichts gesagt. Kern stand auf, lief mit abgezirkelten Schritten wie ein Wachsoldat hin und her. „Die Aufforderung, fruchtbar zu sein, hat der Mensch übererfüllt. Beim Auftrag, über Gottes Geschöpfe zu herrschen, hat er jämmerlich versagt.“
Unwillkürlich folgten Hannes’ Augen dem durchs Zimmer marschierenden Gastgeber.
„Bevor der Mensch begann, die Erde auszubeuten, zu verstümmeln und zu zerstören, war sie ein sich selbst regulierender Organismus. Der Mensch als Maß aller Dinge? Lächerlich! Überschwemmungen, Erdbeben und Vulkanausbrüche zeigen ihm, wer der Herr ist.“
Ein Lämpchen im Lichtschalter leuchtete auf, Kern schob eine Tür in der Vertäfelung auf, von den anderen Tafeln kaum zu unterscheiden. Ein Monitor stand in der Vertiefung, Hannes blickte verblüfft auf ein Stück des Hohlwegs. Die Scheinwerfer eines Autos blinkten zwischen den Bäumen auf. „Aha, der Hausmeister kommt zurück“, sagte Kern.
„Sie können ja“, stammelte der Besucher, „jeden, der des Weges kommt, kontrollieren!“ Er überlegte: „Haben Sie mich auch beobachtet?“
„Einige Male schon. Wir müssen vorsichtig sein, haben mächtige Gegner. Es sind drei Kameras installiert.“
Hannes starrte auf den Schirm. Minuten später näherte sich das Brummen eines Motors, erstarb vor dem Haus.
„Es ist spät, beenden wir die Sitzung.“
Übermüdet lag Hannes im Bett, konnte lange nicht einschlafen. Während des Gesprächs war der Druck im Kopf verschwunden und was ihn noch mehr wunderte: Viele Informationen waren ihm bekannt vorgekommen, er wusste nicht woher.
Jäger hatte das Fahrrad an die Rückwand des Geländewagens gehängt, die Hunde saßen auf dem Rücksitz. „Ich bringe Sie zum Auto.“
„Bin froh bei dem Sauwetter.“ Hannes schaute zurück, der Unternehmer stand vor der Tür, schaute ihnen nach.
Es regnete noch, als er bei Elmar klingelte. „Ungern störe ich euren Sonntag, aber ich brauche Rat.“
„Komm rein!“
„Ich möchte mit dir allein reden.“ Sie setzten sich ins Auto.
Elmar zeigte sich von Kerns Angebot nicht überrascht, fragte in seiner bedächtigen Art: „Mit Vertrag?“
„Wurde nicht besprochen, nehme es an.“
„Dann greif’ zu, die Chance kommt nie wieder!“
Gleichwohl schob Hannes die Entscheidung hinaus, fuhr zum Moor, so oft er konnte, mied aber Kerns Haus. Manchmal überkam ihn die Sehnsucht nach dem Mädchen im See wie ein Fieber. Dann konnte er sich nicht konzentrieren, glotzte aufs Zeichenbrett, auf dem sich Träger, Mauern und Fensteröffnungen bogen und krümmten, wie außer Rand und Band geratene Geister übers Blatt tanzten, bis ihn das blecherne Organ des Oberingenieurs aufschreckte.
„Wieder mal beim Träumen, Ingenieur Werner?“ Er betonte das Wort Ingenieur, als spucke er es aus. „Sie wissen doch, der Auftrag hat Dringlichkeitsstufe eins!“
Den Kollegen war klar: Wie immer Hannes reagierte, es würde Meier reizen. Zwar konnte niemand den Saalchef leiden, sah man von Alfred ab, dem Zuträger, in dessen Nähe sich jedes Gespräch ums Wetter drehte, aber alle krümmten den Rücken – bis auf Hannes.
„Ich bin“, stotterte er und ärgerte sich darüber, „etwas verkatert.“ Er fing sich. „Aber keine Bange, Herr Meier, die Pläne werden fertig und wenn mich niemand stört, auch rechtzeitig. Im Übrigen muss ich mitunter nachdenken – dienstlich versteht sich.“
Der Vorgesetzte drehte sich weg, zischte: „Das will ich hoffen, für Sie hoffen!“
Verbissen zeichnete Hannes, befahl sich, nicht ins Träumen zu geraten, viele warteten auf die Stelle. Da fiel ihm Kerns Angebot ein, er war auf den Job nicht angewiesen. Meier nahm am Freitag die Arbeit entgegen, schien zu bedauern, keine Fehler zu finden.
Es war zu spät, ins Moor zu fahren, er besuchte seine Stammkneipe, radelte in der kühlen Nachtluft nach Hause, summte vor sich hin.
Erika war noch auf. „Toll, jetzt fängt er auch noch zu trinken an!“ Es war Ausdruck ihrer besonderen Missachtung, ihn in der dritten Person anzusprechen.
Er verzichtete darauf, sich zu verteidigen. Noch ehe der Wecker rasselte, war er fertig, aß im Auto ein Brot, fuhr zur Brücke, hob das Rad heraus, radelte zum Moor. Das Boot lag nicht an seinem Platz. An die Birke gelehnt schaute er übers Wasser, verlor jedes Zeitgefühl. Nebel zog auf, gedämpft erklang der Schrei eines Vogels. Auf einmal hatte Hannes das Gefühl, nicht allein zu sein, horchte angespannt - nichts. Ein Windstoß trieb den Nebel auseinander, er hörte das Knarren von Riemen, sah das Boot auf sich zukommen, erkannte eine sitzende Gestalt, die allmählich Formen annahm, es war eine Frau. Sie legte die Ruder in die Dollen, ließ sich zum Ufer treiben. Golden wallten ihre Haare über die Schulter, langsam drehte der Kahn bei, ein bleiches, zartes Antlitz wandte sich ihm zu – das Spiegelbild im See.
„Komm Hannes, komm!“, kam es leise von ihren Lippen, er musste die Worte vom Mund ablesen. „Bei mir findest du Frieden.“
Er starrte auf die Erscheinung, wollte rufen: Wer bist du, wo kann ich zu dir finden, brachte aber keinen Laut hervor, nur das Herz pochte laut. Er wollte aufstehen, doch die Glieder gehorchten nicht. Ihr trauriges Lächeln brannte sich in seine Seele. Sie tauchte die Ruder ein, wendete und das Boot entschwand. Gebannt schaute er nach. Nun wich die Erstarrung, er formte die Hände zum Trichter, rief: „Komm zurück!“ Still lag der See vor ihm, der Nebelvorhang schloss sich.
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Aufgewühlt stolperte er über Wurzeln und Löcher, radelte durch die Enge zurück.
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Verwirrt sah er auf, Erika stand vor seinem Bett. „Du hast laut gerufen: Komm zurück...! Was ist los, bist du krank?“
Er schüttelte den Kopf.
Sie wies auf die Kleider am Boden. „Hast du getrunken?“
Abermaliges Kopfschütteln. „Ich war am Fluss.“
„Zu der Jahreszeit? Du angelst doch gar nicht!“ Sie verließ das Zimmer.
Die Sehnsucht war übermächtig geworden, es zog ihn zum Moorsee. Tief hingen die Wolken, Reif hatte Gräser und Büsche überzogen, Krähen kreisten über dem Moor. Nie vorher hatte er hier welche gesehen, hob verdutzt den Kopf, als er im Gekrächze einen Sinn zu erkennen vermeinte.
„Krah, krah, hart ist die Erde nun gefroren,
die Zugvögel sind gegen Süden gezogen.
Wenn viele Tiere an Erschöpfung sterben,
werden wir gierig ihr Fleisch zerhacken.
Oft müssen wir den Sensenmann geleiten,
wenn gebieterisch er mit dem Finger winkt.
Krah, krah, für Schwarzvögel gute Zeiten,
wenn Tag und Nacht Schnee herniedersinkt.“

Er blickte dem Flatterflug der Unglücksboten nach. Sie hatten Recht, bald würde der See zufrieren. Wie dann das Mädchen wieder sehen, wo suchen? Bis zum Frühjahr warten, nicht wissen, ob’s ein Wiedersehen gibt? Oder war auch es eine Ausgeburt der Einbildungskraft, ein Traum?
Kapitel 5
5.
In letzter Zeit hatte er viel zu tun, war abgespannt, nickte im Bus ein, hätte beinahe die Haltestelle verschlafen. Ihr Auto stand mit einem Hinterrad auf dem Bordstein, Erika war zu Hause, nichts mit dem Versinken in die Traumwelt bei Chopin. Er ließ sich Zeit, als er den Mantel über den Bügel hängte. Erika kam ihm im Flur entgegen, augenblicklich regte sich sein schlechtes Gewissen.
„Du kommst spät, hast sicher vergessen!“
Der erste Pfeil war ein Volltreffer. „Nein, nein...“
„Ach was, du vergisst stets, wenn ich mich auf etwas freue! Wir haben“, sie schaute ihn triumphierend an, „mit Walter und Frau vereinbart, das Orgelkonzert zu besuchen – heute!“ Abermals ein Treffer.
„Ach ja, das Orgelkonzert.“ Walter und Frau hörte sich an wie Walter & Co., die Büromittelfirma im Zentrum. „Aha, heute.“ Seinerzeit im Restaurant hatten sie beschlossen, auch das nächste Konzert in der Klosterkirche zu besuchen. Sonst mied er derlei gemeinsame Unternehmen, hier war ihm die Zustimmung leicht gefallen, er liebte Orgelmusik und das Kirchlein auf dem Hügel. „Wann geht’s los?“
„Sie werden jeden Augenblick eintreffen, du kannst dich umziehen oder etwas essen.“
„Eine schwerwiegende Entscheidungen“, brummte er. Mit den Fingern strich er fest über die Stirn, als könnte er den Druck im Kopf wegschieben. Also absagen? Dann lieber eine Fahrt in die Hölle, sagte er sich, als wochenlange Vorwürfe. Es klingelte, Erika öffnete.
„Hallo!“ dröhnte Walters Stimme durch die Wohnung. „Der Dame des Hauses meinen untertänigsten Gruß! Muss Gisela“, fragte er, „lange im Wagen ausharren oder soll ich sie holen?“
Das aufgesetzte Gehabe nervte Hannes, Walter lernte vermutlich Floskeln auswendig wie andere Lateinphrasen.
Erika dagegen fand ihn unterhaltsam. „Guten Abend Walter, pünktlich und gut gelaunt wie immer! Ich bin fertig.“
„Na dann los, die Pferde sind angeschirrt!“
In jedem dritten Satz brachte Walter einen Gemeinplatz unter und irgendwer lachte immer, seine Frau auf jeden Fall.
Hannes aß ein Brot im Lift. „Bin eben gekommen.“
„Dem Vornehmen geziemt es, bescheiden zu speisen.“ Walter, der sich genau merkte, wer über einen Kalauer nicht lachte, übersah großzügig, dass ihm Hannes nur einen schrägen Blick zuwarf. Schließlich konnte nicht jeder eine Frohnatur sein. Der Sechszylinder, Walters ganzer Stolz, schaukelte durch das schlafende Hügelland, ab und zu reflektierte ein Tümpel das kalte Mondlicht. Hannes saß neben dem Fahrer, ließ seine Sprüche über sich ergehen, warf mitunter ein „Aha!“ oder „Na so was!“ ein.
„Du hörst ja nicht richtig zu! Soll ich meine Perlen vor die Säue werfen?“
„Ja, ich meine nein“, verbesserte sich Hannes. „Habe alles mitbekommen. Die Hektik im Betrieb, du verstehst.“
Warnend hob Walter den Finger: „Du solltest dich nicht so in die Riemen legen, ein Herzkasper meldet sich nicht an und bleibt selten allein! Erika fände es wenig ergötzlich, dich im Rollstuhl durch die Fußgängerzone zu schieben.“
Die Vorstellung, die allseits bedauerte Ehefrau, die ihren Mann aufopfernd pflegte und durch die Ladenzeile schob, entlockte Hannes ein lautloses Glucksen. Sie könnte ihn nicht einfach stehen lassen, wenn er ihren Unwillen erregte: Was würden die Leute denken!
Walter spann den Faden weiter. „Dein Nachruf könnte lauten: ‘Ein arbeitsreiches Leben, mit siebenunddreißig in den Rollstuhl verbannt, zu Tode gepflegt von seiner Frau.’ “
Aufmerksam beobachtete Hannes den Sprücheklopfer, der nach dem Gelächter der Zuhörer gierte, dabei tat, als erforderte die Straße seine ungeteilte Aufmerksamkeit. Giselas Kichern zählte nur halb, zu früh durfte sie allerdings nicht lachen, bei seinen Witzen verstand er keinen Spaß.
Da prustete Erika los, Hannes triumphierte. Zuweilen wettete er mit sich, gewann er, spendierte er sich einen Eisbecher mit Früchten. „Der Nachruf gefällt mir, bedanke mich im Voraus. Keine Sorge, die Planung ist abgeschlossen, Erika braucht keinen Rollstuhl zu schieben.“ Eigentlich hätte sie sich längst einmischen müssen.
Und da hakte sie auch schon ein. „Du weißt doch Walter, Hannes nimmt sich alles zu Herzen. Sagt der Chef, etwas sei eilig, fasst er es als Kritik auf.“
„Sie weiß besser als ich, was ich denke“, brummte er.
„Wie bitte?“ fragte Walter.
„Wenn ich mich nicht irre“, lenkte Hannes ab, „müssen wir an der Kreuzung abzweigen.“
Walter bremste, bog in die Nebenstraße ein. „Mein Dank dem Kopiloten, wir hätten einen Riesenumweg gemacht und das halbe Konzert versäumt.“ Ein Kleinlaster kam in der Allee entgegen. „Nachher lade ich euch ins Café am Platz ein. Dort gibt’s Obsttorten, einfach traumhaft!“ Traumhaft war derzeit Favorit unter den Modewörtern, himmlisch und göttlich waren passé.
„Fein“, freute sich Erika, wandte sich an Hannes. „Dir fällt eine solche Überraschung nie ein!“
Walter enthob ihn einer Antwort. „Ach Kinder, ihr wisst doch, das macht mir Freude!“ Man hörte förmlich, wie er sich in die Brust warf.
Die Klosterkirche stand auf dem Hügel am Ortsrand, ein Kreuzweg schlängelte sich nach oben, gusseiserne Laternen leuchteten die Kehren aus. Eine Feldsteinmauer umschloss den Friedhof, in einigen Ampeln flackerten Kerzen. Hannes schaute vom Vorplatz auf den schmalen See, Tausende Irrlichter funkelten auf den Wellen. Der Glockenstuhl knarrte, der Wind trug das Läuten übers Dorf. Unwillkürlich passten die Besucher ihre Schritte dem Glockenklang an, traten gemessenen Schritts durchs Portal, die Männer nahmen die Hüte ab. Hannes blieb auf der obersten Stufe stehen.
„Gehst du nicht hinein?“ fragte Walter. Er schätzte es nicht, wenn jemand aus der Reihe tanzte.
„Halte mir bitte einen Platz am Gang frei!“ Es war nicht so sehr der Blick auf das mit milchigem Licht übergossene Land, das ihn zögern ließ, als vielmehr sein Herz, das gegen die Brust hämmerte, dass er dachte, es müssten alle hören. Das Geläut klang aus, letzte Besucher eilten ins Gotteshaus. Hannes schlüpfte am Küster vorbei, der das schwere in den Angeln quietschende Tor schloss, setzte sich neben Erika, drehte sich um: Über den Spieltisch geneigt horchte der Organist in die Orgel hinein. Das Instrument begann zu ächzen, als streckte es sich nach langem Schlaf, kraftvoll erklangen die ersten Akkorde, schwollen an, füllten das Kirchenschiff bis in den letzten Winkel. Jeder neu sich bildende Ton schob den gerade entstandenen vor sich her, löschte ihn aus und musste doch selbst, kaum geboren, dem nachfolgenden Platz machen. Wo blieben all die Klänge? Vagabundierten sie als winzige Energiewellen durchs All? Immer neue Töne entströmten den Pfeifen, verbanden sich zu Klangfolgen, verflochten sich zu Melodien. Hannes senkte den Kopf, schloss die Augen, seine Seele öffnete sich. Bis ihm einfiel, Erika könnte annehmen, er sei eingeschlafen und ihn in die Seite puffen; er richtete sich auf, hielt den Blick auf die Kerze im Leuchter gerichtet. Die durch den Raum flutende Musik hüllte das Denken ein, betäubte die Sinne. Ruhe breitete sich in ihm aus, kein bohrender Gedanke bedrängte ihn mehr, der Druck im Kopf verflog. In der Annahme, seine Frau hätte ihn am Ärmel gezupft, schaute er nach links, doch sie hörte andächtig zu, die Hände auf die Bank gestützt.
Der Mittelgang war leer gewesen, als er gekommen, auch hätte er das Quietschen des Portals gehört. Abermals spürte er das Ziehen am Ärmel, wandte den Kopf und plötzlich war es wieder da, das Hämmern in der Brust. Die Langersehnte stand neben der Bank, lächelte ihm zu. Jäh veränderte sich sein Pulsschlag, dumpf schlug das Herz.
Behutsam legte sie ihre Hand auf seine um das Eichenholz gekrampfte Rechte. „Gehen wir“, raunte sie. „Kümmere dich nicht um die anderen!“ Er fürchtete, die geringste Bewegung könnte die Erscheinung vertreiben, sie zog ihn zum Ausgang. niemand achtete auf sie, lautlos und ohne Mühe öffnete sie das eisenbeschlagene Tor, führte ihn durch den Kirchhof. Und auf einmal fühlte er sich schwerelos, glaubte zu träumen, erkannte im Mondlicht, dass sie durch ein Moor gingen.
Sie kam seiner Frage zuvor: „Ja, unser Moor.“
„Aber wie kommen wir hier...“
„Nicht fragen“, unterbrach sie. „Eines Tages verstehst du vielleicht.“ Leichtfüßig schritt sie über den schwankenden Boden, trat auf Stellen, die er bei Tag gemieden hätte. „Keine Bange, ich kenne jede Stelle.“ Sie schien seine Gedanken lesen zu können. „Hier ist das Boot.“
Sie nahm auf dem Bugsitz Platz, reichte ihm einen Schlüssel, das verrostete Schloss sprang auf. Er tauchte die Ruder ein, sanft teilte der Bug das spiegelglatte Wasser. Seltsam, schoss es ihm durch den Kopf, auf dem See unter der Klosterkirche waren Wellen. Gaben die Wolken den Erdtrabanten frei, leuchtete das Antlitz der mädchenhaften Frau auf. In der Mitte des Sees nahm sie die Riemenblätter hoch, legte sie ins Boot, lautlos glitten sie dahin. Mit einem Mal wendete der Kahn, obwohl er die Ruder gar nicht eingetaucht hatte, trieb zurück.
„Komm zu mir!“
Sie warf ihm einen Blick zu, balancierte nach hinten. Er legte den Arm um sie, fühlte ihr seidiges Haar an der Wange. Verdeckten Wolken den Mond, färbte sich das Wasser schwarz wie der Wald am anderen Ufer; brach er durch, goss sich flüssiges Silber über den See. Plätschernd trieb das Boot dahin, Hannes fröstelte, drückte sich an sie, sog ihren Duft ein.
„Nimm die Ruder, sie spielen schon den letzten Satz.“
Verstört fragte er: „Aber …“
Sanft aber bestimmt sagte sie: „Hannes, bitte!“
„Woher weißt du meinen Namen?“
Sie schüttelte den Kopf als wäre er ein ungezogenes Kind. Schweigend ruderte er zum Ufer, schloss das Boot an die Kette. Sie führte ihn durchs Moor zurück, plötzlich standen sie vor der Kirche, majestätisch ertönte das Finale.
„Schnell!“ Sie streckte die Hand aus. „Gib mir den Schlüssel, du kannst mich nicht besuchen!“
Er hatte etwas zum Anfassen behalten wollen, spürte Röte in die Wangen steigen.
„Erzähle niemandem etwas!“ Sie strich mit dem Handrücken über seine Wange, öffnete das Kirchentor, schob ihn hinein. Er drehte sich um, das Tor war zu. Die Leute beachteten ihn nicht, als er vorbeiging. Er starrte auf seinen Platz – dort saß jemand. Er eilte nach vorn, der Schlussakkord erklang, er erkannte seinen abgetragenen Mantel, sah das Gesicht, prallte zurück: Seines, er selbst saß da! Der letzte Ton verklang, Hannes nahm wahr, wie die Leute aufstanden, gedämpft redeten, hinausgingen. Er stierte vor sich hin, die Aufforderung Erikas: „Es ist aus!“ schien von weit her zu kommen.
In schärferem Ton wiederholte sie: „Hannes, das Konzert ist zu Ende!“
Ruckweise wie ein Roboter drehte er den Kopf, sie schrak zurück: Sein Blick durchbohrte sie, unwillkürlich drehte sie sich um, packte seinen Arm. Er rührte sich nicht. „Gott, was hast du, wie sieht du aus?“ Ihr Mann war ihr unheimlich geworden, fremd war er ihr schon geraume Zeit.
Gisela war seine unnatürlich steife Haltung während des Konzerts aufgefallen, sie hatte sich vorgebeugt. Sein Blick war durch sie hindurch gegangen, die Augen hatten gewirkt wie entseelt. Sie hatte Erika ein Zeichen gegeben, doch die hatte bloß die Schultern hochgezogen.
Erstaunt erkannte Walter Erikas Unsicherheit, sah ihren Hilfesuchenden Blick, schaute ungläubig auf Gisela, seine stille Gisela, die Hannes’ Hand ergriffen hatte, beruhigend auf ihn einsprach, bis die Starre aus seinem Gesicht wich. Sie spürte seine Verlorenheit, führte ihn am Ellbogen aus der Kirche, den Steig hinunter.
Am Fuß des Hügels lief Erika vor, ergriff seinen Arm. „Du musst zum Arzt, verhältst dich in letzter Zeit so merkwürdig und das eben in der Kirche – als wärest du geistig weggetreten. Konsultiere Doktor Waldmann!“
Mit schräg gehaltenem Kopf ließ Hannes den Klang auf sich wirken: Keine Besorgnis, keine Anteilnahme, der Rat einer Fremden für einen Fremden. „Du meinst den Psychiater?“
„Ja. Schieb’ es nicht auf, es könnte zu spät werden!“
Er schüttelte den Arm seiner Frau ab, sah zurück zu den Kirchenfenstern, die sich hell vor dem schwarzen Himmel abhoben. Eine Ewigkeit schien vergangen, seit sie losgefahren waren, eine Welt lag dazwischen, eine Welt von zwei Stunden. Er ging weiter, es war alles gesagt.
Im Café bemühte sich Walter, die Stimmung aufzulockern. Hannes beteiligte sich nicht am Gespräch, stopfte einen Bissen nach dem anderen – es war das zweite Tortenstück - in den Mund, ohne darauf zu achten, was um ihn vorging. Erika hatte Angst vor einem Skandal, war dankbar für Walters Redseligkeit. Hannes schwieg, auch zu Hause. Einen Tag später traf er Elmar, der sich erkundigte, ob er die Stelle angetreten habe.
„Bei Kern?“ fragte Hannes zerstreut. „Noch nicht.“
„Warst du wieder im Moor?“
„Es ist kalt...“
„Also ja. Zufällig habe ich“, er beobachtete Hannes’ Gesicht, „Erika getroffen, du weißt, sie mag mich nicht. Er ist seit dem Orgelkonzert so sonderbar“, hat sie gesagt.
„Sie meinte“, erwiderte Hannes, „ich soll den Psychiater aufsuchen. Glaubst du auch, ich sei reif für die Klapsmühle?“
„Quatsch, niemand denkt das, auch Erika nicht!“ In seiner bedächtigen Art fügte Elmar hinzu: „Wenn du überzeugt bist, das Richtige zu tun, dann lass dich nicht beirren.“
Kinder liefen von einer Lache zur anderen, krachend barst unter ihren Stiefeln das Eis auf den Pfützen. Hannes kratzte die Scheiben frei, kurbelte das Fenster auf, die Heizung funktionierte nicht. Erst als er den Hohlweg hinaufradelte, wurde ihm warm. Auf dem Schilf lag Reif, am Ufer hatte sich ein Kranz aus Eis gebildet, der Nordwest peitschte Graupelschauer übers Wasser. Die Kapuze in die Stirn gezogen marschierte Hannes am Ufer auf und ab. Er konnte das Mädchen nicht erreichen, nur warten und hoffen. Es dämmerte, als er sich auf den Weg zu Kerns Haus machte.
Martha öffnete. „Hannes, Sie!“ Die Doggen begrüßten ihn stürmisch. „Bei dem Sauwetter jagt man keinen Hund vor die Tür!“ Die Haushälterin hängte den Mantel über die Heizung, tischte Suppe, kalten Braten und Schwarzbrot auf. Kern meinte lachend, so verwöhnt werde nicht mal er. Sie ordneten Artikel, werteten Meldungen aus, gaben Umweltdelikte in den Computer ein. Hannes wunderte sich über die hohe Anzahl Freiwilliger, die für die Organisation arbeiteten. Kern fragte nicht, ob er sich entschieden habe.
Am Morgen fiel Schnee, der Hausmeister brachte Hannes zum Auto. Auf die Frage, ob Jäger nochmals die Lichter im Moor gesehen habe, schüttelte er den Kopf.
Die Woche zog sich hin, bis Hannes über die Brücke radelte. Hell glänzten die Steine im Bach, tief und blass stand die Sonne über dem See. An die Birke gelehnt schaute Hannes übers Wasser. Unvermittelt kam das Boot in Sichtweite, hielt auf ihn zu. Das Mädchen saß mit dem Rücken zu ihm, ihre blonden Haare hoben sich vom Mantel ab. Ehe der Kahn das Ufer erreichte, sprang sie an Land, warf sich in seine Arme. Mit beiden Händen umfasste er ihr Gesicht, presste seine Lippen auf ihre.
„Komm!“ Sie setzten sich ins Boot, er stieß ab, ruderte ein Stück, ließ es treiben.
„Ich liebe dich und kenne nicht einmal deinen Namen.“
„Ich habe keinen richtigen.“ Sein Erstaunen entlockte ihr ein Lachen.
„Deine Eltern müssen dich doch irgendwie gerufen haben!“
Ruhig schaute sie ihn an. „An sie kann ich mich nicht entsinnen, wahrscheinlich wie der Oheim: Maid.“
Er streichelte ihre Wange, schmiegte sich an sie, vertraute ihr an, seit Jahren von ihr zu träumen, ihr Bild in sich zu tragen, ohne ihr je begegnet zu sein.
„Ja, ich weiß.“ Ungläubig sah er sie an. „Du wirst manches nicht verstehen, nimm es einfach, wie es ist.“ Leise setzte sie hinzu: „Das fällt euch schwer…“
„Bald wird der See zufrieren, wie kann ich dich finden?“
Sie drückte seinen Kopf an ihren Busen. „Hannes, wir können Tage, Wochen, vielleicht auch Monate zusammen sein, aber nicht für immer – damit musst du dich abfinden. Sehen wir einmal“, sie lächelte spitz, „davon ab, dass du verheiratet bist.“ Bevor er die Frage formulieren konnte, legte sie den Zeigefinger auf seinen Mund. „Wir werden uns wieder sehen, das muss dir genügen. Nun das Wichtigste: Lebst du bei mir, wird die Zeit für dich rasend schnell vergehen, Tage werden dir vorkommen wie Stunden, aber du wirst gleich schnell altern wie deine Zeitgenossen. Eine Woche bei mir sind zehn Wochen bei euch.“ Sie sah in seine Augen. „Du denkst, das gibt es nicht.“
„Du meinst das auch nicht im Ernst!“
„Vertrauen ohne zu verstehen ist schwer. Wärst du bereit, etwas von deiner Lebenszeit zu opfern – für mich, für uns?“
„Um mit dir zusammen zu sein bin ich zu allem bereit.“
„Du kannst nicht abschätzen, auf was du dich einlässt: Die Zeitspanne bei mir wird dir auf deine Lebenszeit angerechnet, ist aber nur ein Bruchteil der tatsächlich gelebten Zeit.“
„Willst du damit sagen, die Tage bei dir sausen wie im Zeitraffer dahin?“
„Der Ausdruck ist mir nicht geläufig, aber er scheint zutreffend. Du hast nicht so viel Zeit wie bei Kern, um dich zu entscheiden. Sprich mit niemandem darüber, auch nicht mit Elmar!“
Verstört stammelte er: „Du weißt über Kern Bescheid, kennst den Namen meines Freundes...“
Wieder lächelte sie. „Vielleicht hast du im Traum geredet, im Boot?“ Ihre Augen wechselten die Farbe mit dem Licht, jetzt leuchteten sie wie Bernstein.
„Hast du mich beobachtet?“
„Ich musste dich prüfen.“
Ungläubig lachte er auf: „Prüfen? Und habe ich bestanden?“
Ernst erwiderte sie, sonst wären sie nicht zusammen, er habe sich gut gehalten. Entscheide er sich für sie, bedeute das Kampf, sein Leben lang. Sie drückte sich an ihn. „Überlege gut, es gibt kein Zurück!“ Ehe er erwidern konnte, er brauche keine Bedenkzeit, verschloss sie ihm den Mund mit einem Kuss, flüsterte: „Adieu Liebster, adieu!“
Steif und durchgefroren erwachte er im Boot. „Nein“, überlegte er laut, „das war kein Traum, sie war da!“ Als müsste er es sich selbst bestätigen, murmelte er: „Am Morgen war das Boot nicht hier, nun sitze ich drin!“ Verwirrt schnürte er den Rucksack zu, machte sich auf den Heimweg.
2. "Notizen aus Russland" Achtung
Die 69 Kurzgeschichten von Friedrich Karl Schmidt 'Notizen aus Russland', Norderstedt 2010, 288 Seiten, ISBN 978-3- 8391-6891-1, Ladenpreis € 16,80, können bei www.amazon.de oder www.buecher.de oder www.libri.de oder www.BoD.de oder in Buchhandlungen unter der ISBN-Nr. 978- 38391-6869-1 bestellt werden.
graphicDie Kurzgeschichten aus Russland bzw. der Sowjetunion beinhalten Erlebnisse und Beobachtungen aus der intensiven Zusammenarbeit russischer und deutscher Hochschulen bzw. Einrichtungen der Sozialen Arbeit sowie zahlreiche persönliche Begegnungen mit den Menschen des Riesenlandes in der Zeit zwischen 1986 und 2008. Die kurzen Geschichten sind eine überwiegend amüsante Einführung in die russische Mentalität.
Zu den Aktivitäten des Autors in Russland vergleichen Sie bitte: http://www.profschmidt.com oder klicken Sie in einer Suchmaschine Studium Sozialarbeit in Archangelsk an.
Exposé
Die „Notizen aus Russland“ sind ein Ergebnis von fast zwanzig Jahren Zusammenarbeit mit Institutionen eines Imperiums, das von Widersprüchen und Gegensätzen geprägt ist. Was westlichen Beobachtern skurril vorkommt, erscheint Russen normal. Für Andrej Bitow ist „das Absurde die traditionelle, sich ununterbrochen fortsetzende russische Kultur, die schon immer unter unvorstellbaren Bedingungen existiert hat.“ (Die Zeit, 9.10.2003)
Neunundsechzig Kurzgeschichten schildern das Land der Extreme aus der Sicht eines Westlers, der es oft besucht hat, die Sorgen und Nöte der Bewohner ernst nahm, ihre Eigenheiten und Traditionen akzeptierte. Wenn er in eine fremde Stadt gelangte oder ein Haus betrat, sagte ihm mitunter eine Vorahnung, es wäre klüger umzukehren; er hat es nie getan, ist eingetaucht in die andere Welt. Die Geschichten beruhen bis auf wenige Ausnahmen auf eigenen Erlebnissen und Beobachtungen. Die ersten spielen in der Sowjetunion, als eine Wende unvorstellbar schien. Wer Russland begreifen will, muss die Sowjetzeit berücksichtigen: Sie hat die Mentalität geprägt, hat die Passivität und das Hinnehmen der Anordnungen von oben verfestigt. Putin weiß, warum er die orthodoxe Kirche hofiert: In einem Kloster in Burjatien hat eine Nonne 2005 angesichts einer Kirche, die ein Dekabrist als Buße für sein Aufbegehren gegen die Willkürherrschaft des Zaren erbaut hat, gesagt: Wer gegen die Obrigkeit aufsteht, erhält die gerechte Strafe. Zwar gibt es bescheidene Ansätze von Demokratie, aber selten und wenn, sind sie kurzlebig. Eine Geschichte zeigt die ungebrochene Macht des FSB (früher KGB). Die 'Organe' haben ein langes Gedächtnis, deshalb wurden Namen geändert.
Die Kunst, jeden Anlass als Grund zum Feiern zu nehmen, um von der Tristesse des Alltags abzulenken, bot Gelegenheit, Verhalten zu beobachten. Nicht um die russische Seele zu erfassen, denn selbst wenn es eine gäbe, wozu den vielen Deutungen eine weitere hinzufügen? - Es sind lustige, komische, bittere, manchmal peinliche, selten tragische Geschichten. Die Leidensfähigkeit des russischen Volkes wurde oft beschrieben, zum Glück vergisst oder verdrängt der Mensch negative Erlebnisse eher denn heitere. Das Wiener Sprichtwort: ‚Die Lage ist hoffnungslos, aber nicht ernst!’ könnte von einem Russen stammen.
Spiritus der Lebensretter
Spiritus als Lebensretter
(Wiedergabe nach Prof. Wladimir N. Bulatow, erzählt 1995, † 2007)
An einem warmen Tag sah der Gast die Narben am Arm des Rektors, fragte danach. Der Österreicher wusste nicht, dass eine österreichisch-ungarische Expedition zur Erforschung des Nordpols 1873 die Inselgruppe östlich von Spitzbergen entdeckt und nach Kaiser Franz-Josef I. benannt hat.
Eine norwegisch-sowjetische Expedition war 100 Jahre später mit Hubschraubern auf einer Insel des arktischen Archipels gelandet. Mit Zeichnungen des Polarforschers Fridtjof Nansen fanden sie mit einem Minensuchgerät Metallhülsen und Bruchstücke der Schlittenkufen, auch die Grube, die Nansens Gefährten mit Stoßzähnen in den Felsuntergrund zum Überwintern gegraben hatten. Darüber hatten sie Holzstämme und Felle gelegt; Fleisch von Bären und Walrossen war ihre Nahrung gewesen.
Bereits am zweiten Tag fiel Wladimir Nikolajewitsch in eine Spalte mit dem Arm auf den Eispickel. Sie verbanden den Arm mit Stricken, mussten zwei Kilometer über den Gletscher zurückgehen. Vor und hinter ihm ging je ein Norweger am Seil, um ihn, sollte er ohnmächtig werden, zu halten, damit er nicht in den Abgrund fiel. Im Zeltlager musste der Thermoanzug runter.
„Nicht aufschneiden!“, rief Wladimir, es war ein teurer amerikanischer Anzug. Damit er den Schmerz beim Ausziehen aushielt, bekam er Whisky, zum Glück war es kein offener Bruch. Ein Hubschrauber brachte ihn auf die Insel Grenbell, dort rief man einen großen Hubschrauber vom Festland. Es gab keine Betäubungsmittel, also bekam er bis zur Ankunft des Hubschraubers Spiritus. Er trank jede Stunde ein Glas, schlief wieder. Auf der Insel Dikson wurde er geröntgt, es war ein komplizierter Bruch, er musste in Moskau operiert werden. Auf die eingerichteten Knochen wurde eine Metallplatte gesetzt, er steckte bis zum Gürtel in Gips. Der Chirurg sagte, der Spiritus habe ihn auf dem weiten Transport vor Thrombosen bewahrt. Wladimir schrieb seine Dissertation in Gips. Weil die Metallplatte im Arm bei jeder Kontrolle im Flughafen piepste, ließ er sich ein Attest geben, dass das Metall Teil seines Körpers war. (S. 173)
 
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Tanzbär
(Wiedergabe nach Prof. Wladimir N. Bulatow, erzählt 1995)
Wladimir Nikolajewitsch und ein Kollege hatten das Zelt in einer windgeschützten Niederung im Wald aufgestellt. Einer musste zur Basis zurück, Lebensmittel holen. Der Freund war an der Reihe, nahm das Gewehr. Wladimir wertete im Zelt Ergebnisse aus, als er sonderbare Laute hörte und zum Eingang eilte, wie erstarrt stehenblieb: Eine Bärin mit drei Jungen trottete auf ihn zu. Das Gewehr hatte der Kollege, davonlaufen keinen Sinn, Eisbären rennen schnell, er hätte keine Chance gehabt. Die Jungen waren aufgeregt, rochen etwas Fremdes, die Bärin schaute in seine Richtung. In Sekunden ratterten die Möglichkeiten durch Wladimirs Hirn, bis ihm einfiel: Bären reagieren auf Musik. Er begann im Zelteingang zu summen, kleine Trippelschritte zu machen, tanzte langsam hin und her, summte dazu. Die Bärin blieb mit den Jungen stehen. Es erschien Wladimir eine Ewigkeit, bis sich die Kleinen beruhigten. Er war schon müde, wusste aber, hörte er auf, könnte es das Ende bedeuten. Endlich gingen die Eisbärenjungen zur Seite, nach kurzem Zögern folgte die Bärin, die Familie verschwand zwischen den Bäumen. Zitternd setzte sich der Forscher ins Zelt und kochte Tee. Als der Kollege außer Atem zurückkam, wusste er schon Bescheid, hatte die Spuren gesehen und das Schlimmste befürchtet. Nichts
ahnend hatten sie ihr Zelt auf einem Pfad der Eisbären errichtet, brachen es ab und verlegten es.
Der Nacherzähler hat den Rektor als Respektsperson im riesigen Amtszimmer und bei offiziellen Gelegenheiten erlebt, nicht vermutet, dass er solche Erlebnisse hinter sich hatte. Von da an war das Verhältnis anders, Waldimir Nikolajewitsch begrüßte ihn nicht nur als Kollegen aus Deutschland, der Mittel für Projekte beschaffte, eher wie einen alten Freund.
Heldenallee 1999
Heldenallee (1999)
Sonntags waren sie bei Eirat, dem Armenier, eingeladen, der sich je nach Bedarf als Psychiater oder Psychologe vorstellte. Eirat produzierte am laufenden Band Ideen für die Kooperation, unternahm aber nichts, sie umzusetzen. Seine Frau war anders. Sie war es auch, die vom Krieg der Mafiabanden erzählte.
Ende der 90-er Jahre gab es wenige Taxis und nachts war es gefährlich, ein Auto anzuhalten, so gingen sie zu Fuß zurück, an baufälligen Holzhäusern vorbei, über trostlose Hinterhöfe ohne Gärten und Blumen. Wozu Blumen, sie würden doch gestohlen werden. Wo das Licht der Straßenlampen hinfiel, sah man Unkraut und kümmerliche Birken. Tamara kannte alle Abkürzungen, schmale Wege im moorigen Boden, natürlich unbeleuchtet. Sie ging schnell, es war unmöglich, eine Unterhaltung zu führen. In den hölzernen Bürgersteigen fehlten Bretter, es hieß aufpassen, um nicht in ein Loch zu stolpern. So ganz nebenbei fragte sie, ob er am Sonntag zum Grab ihres Vaters mitkomme. Natürlich wollte er, Friedhöfe sagen viel über eine Gemeinschaft aus. Auch hatte er ihren Vater, Professor an der Technischen Hochschule, gekannt, der ihm Fotos gezeigt hatte, als er sowjetischer U-Boot- Kommandant im Krieg gewesen ist. Ihr Vater hatte auch von Chruschtschows Befehl zum Maisanbau erzählt, nachdem er die Maisfelder in den USA gesehen hatte. Ein Freund war für den Maisanbau im Gebiet zuständig, hatte Angst, weil die Pflanzen erst zwanzig Zentimeter hoch waren und der Sommer fast um war. Ein Kollege aus Murmansk hatte ihn beruhigt: Bei ihm seien die Pflanzen erst zehn Zentimeter hoch. Nicht einmal Stalin hätte das Klima ändern können. 
Tamara und der Professor hatten sich am Flussbahnhof verabredet. Er wartete vor dem sechsstöckigen Block gegenüber auf den Bus Nummer sieben. Die Schaffnerin in der abgetragenen Uniform nahm die alten Rubel nicht, die Währung war gerade umgestellt worden. Es bedurfte artistischer Fähigkeiten, sich im vollen Bus bei dem Gerüttel festzuhalten und Geld aus dem Portemonnaie zu fischen. Die Stoßdämpfer hatten den Kampf gegen die Löcher längst aufgegeben.
Auf dem zentralen Omnibusbahnhof, dem riesigen Platz vor dem Flussbahnhof, wirbelte der Wind Staub auf. Auf dem Strom fuhren wenige Schiffe, die Wirtschaft lag danieder. Er befürchtete schon, sich Zeit oder Ort falsch eingeprägt zu haben, als sie kam, er kannte ihren energischen Gang. Sie trug ein locker geschnittenes Kleid in hellen Brauntönen, hatte es aus Indien mitgebracht und verlieh ihr das Aussehen einer Zigeunerin. Oleg, ihr Sohn, war mit, inzwischen groß geworden.
Es gab keinen Fahrplan und wenn es einen gegeben hätte, könnte man sich nicht darauf verlassen, erklärte sie. Es war warm, er kaufte am Kiosk Mineralwasser, bemerkte die sehnsüchtigen Augen des Jungen, nahm eine Literflasche Cola dazu, er musste es ja nicht trinken. Nach einer weiteren halben Stunde fragte er, ob am Sonntag ein Bus dorthin fahre. Im Prinzip schon, die Zeiten hätten in der Zeitung gestanden, aber vielleicht fahre er inzwischen anders. Die Dekanin mit Tochter kam vorbei, sie fuhren zu Besuch. Böen wirbelten Staub über den Platz und in die Augen. Eine Frau sprach Tamara an, sie sei eine Freundin ihrer Mutter gewesen. Schließlich fuhren sie mit der Straßenbahn. Kreischend nahm sie die Kurven, holperte an tristen Betonblöcken vorbei. Die Gleise hielten die abgefahrenen Räder widerwillig in der Spur, die Wagen stammten wohl aus der Zeit der Revolution. Die Polster waren durch Bretter ersetzt worden, Schienenstöße wurden direkt auf die Sitzenden übertragen, die Federn waren gebrochen oder ausgeleiert.
Auf die Bemerkung – er musste schreien – die Tram würde bei ihnen im Museum stehen, schaute sie ihn nur an. Er schämte sich, sie wusste doch selbst am besten, wie kaputt alles im Land war. Nach ihrer Rückkehr aus dem Westen war sie wie ein Pferd mit Scheuklappen durch die Stadt gelaufen, um es nicht zu sehen. Die Straßenbahn ratterte am im Sonnenlicht glitzernden Strom entlang, eine Straße kannte er. Erinnerungen an die Frau blitzten auf, die er vom Puppentheater her kannte. Sie war hübsch, lachte gern, hielt die Figur. Indirekt hatte sie nach einer Flasche Wein angeboten, er könnte bleiben. Es war an Details gescheitert, am schlechten Gewissen und besonders am Durchfall. Die Tram fuhr über eine Weiche, rüttelte ihn aus seinen Träumen. Hatte Tamara sein Grinsen bemerkt, es richtig gedeutet? Ihre Katzenaugen schienen durch ihn hindurch zu sehen – unmöglich zu erraten, was sie dachte. Kein Wunder, dass sie die Tiere mit dem unbeugsamen Willen liebte. Die Fahrgeräusche erlaubten nur an Haltestellen Fragen über Gebäude oder den Fluss, der zwischen Häusern, Sägewerken und Holzkombinaten durchschimmerte. Seine Wissbegier über Dinge, die ihr gleichgültig waren, hatte sie nie verstanden. Die Erklärung, als ehemaliger Journalist versuche er, aus Einzelinformationen ein Gesamtbild zu formen, tat sie achselzuckend ab. Umgekehrt war ihm ihre Grundhaltung fremd, dass alles, was ihr nicht schadete oder nützte, sie nichts angehe.
Sie kamen zur neuen Flussbrücke, er kannte die Station, war vor Jahren bei Hilde und ihrer Mutter zu Besuch, die nach Deutschland ausgewandert sind. Jäh wurde er aus den Erinnerungen gerissen, kreischend fuhr die Tram in die Umkehrschleife unter Birkenbäumen. Tamara packte ihn am Arm. „Aussteigen, Endstation.“ Oleg war abgesprungen, half seiner Mutter galant beim Aussteigen.
„Wir fahren ein Stück mit dem Bus, dann gehen wir.“ Der Wind hatte abgeflaut, es war warm geworden, sie tranken etwas. Der hoch gebaute Bus rumpelte über die Landstraße, er sah die Siedlungen am Fluss. Nach drei Stationen stiegen sie aus. Die asphaltierte Straße führte zwischen Birkenhainen auf der einen Seite und kleinen Fabriken auf der anderen schnurgerade über einen Hügel. Von der Kuppe sahen sie weit gegen Osten, in der Ebene verlor sich die Straße im Dunst. Oleg trottete neben seiner Mutter, redete ohne Unterlass, sie antwortete selten. Weit dehnten sich Land und Himmel, selten unterbrach ein Auto die Stille.
„Wir sind gleich da, ich sehe die ersten Grabkreuze.“
Tamaras Stimme schreckte ihn auf, er hatte das erneute Abbiegen nicht bemerkt. Das Gelände umgaben hüfthohe Eisengitter, die Zufahrt schlängelte sich zwischen den Grabfeldern durch. Oleg war vorausgelaufen, wies auf ein von einem niederen Gitter eingefasstes Grab in der dritten Reihe. Wachsblumen steckten in einem Glas, Unkraut spross. Mutter und Sohn begannen, die lehmige Erde auf dem Grab zu lockern, zu jäten. Es war zu eng, um zu dritt zu werkeln.
„Vorne rechts sind die Gräber der Mafiosi, von denen Eirats Frau erzählt hat. Ist nicht zu verfehlen, die Heldenallee. Wir kommen nach.“
Nach einer Wegbiegung sah er die Gräber der Gangster: Pompös, die Fotos der Ganoven waren eingraviert, der Boss hatte den größten Grabstein und die dickste Gravur. Golden glänzten Namen und Daten, die Sitzbänke zum Gedenken an die Toten waren aus Marmor, die Muttern, mit denen sie im Fundament verschraubt waren, glänzten golden, der Boden vor der Grabplatte war aus geschliffenem Marmor, bombastische Laternen hingen davor, als sollte auch nachts jeder lesen können, wie berühmt die Männer waren. Die Gräber der Bandenmitglieder waren um das des Anführers angeordnet, schwarze eiserne Ketten hingen über dem Boden, die Eckpfeiler markierten wie Grundsteine das Eigentum. Friedrich grinste: Alle Mafiosi waren im Jahr 1993 umgekommen. Die Prunkgräber waren gepflegt wie Gräber auf einem deutschen Dorffriedhof.
Tamara und Oleg kamen. Sie erklärte auf die Frage nach dem Todesjahr, damals habe in der Stadt ein Bandenkrieg getobt. „Schau dir die Visagen auf den Fotos an, kaum einer, dem man nicht ansieht, was er gemacht hat.“ Nach kurzem Nachdenken: „Die Banditen haben die Gräber, die vorne waren, in denen Wissenschaftler, Schriftsteller, hohe Militärs liegen, nach hinten gedrängt. Auch meinen Vater! Schau dir die Friedhofsstraße an! Fällt dir nichts auf?“
Er guckte. „Na ja, hier ist sie schmal, dann wird sie breit.“
„Genau: Freunde der erschossenen Verbrecher haben durchgesetzt, dass die Straße aufgerissen wurde, ihre Gräber nach vorne verlegt wurden, so sind sie in die ersten Reihen gekommen.“
Wieder musste Friedrich lachen. Eine Frau mit einem Kopftuch an einem Grab drehte sich um, schimpfte mit böser Stimme zu ihm.
„Die Mutter eines Gangsters. Sie sagt, auch sie empfinde Schmerz um ihren Sohn. Dein Lachen sei unpassend.“ Schweigend setzten sie sich auf die schmale Bank am Grab ihres Vaters, aßen Kuchen, tranken Mineralwasser. Nachdenklich räumte er ein: „Und sie hat Recht.“
Noch einmal gingen sie zu den Marmorgräbern, jenen des Adels vergleichbar. Eine vergrämte Frau kam auf sie zu, begann schnell und wild gestikulierend auf Friedrich einzusprechen. Verwirrt fragte er, was sie wolle. Tamara erklärte, sie sei nicht ganz richtig im Kopf, behaupte, sie hätte vom deutschen Staat eine Rente zu bekommen, sei in einem Lager gewesen, hätte alle Papiere eingereicht. Sie habe erkannt, dass er Ausländer sei. Sie fragte Friedrich, ob er aus der BRD komme. Trotz der Warnung Tamaras, nicht zu antworten, bejahte er. Die Alte hielt ihn am Arm fest, redete auf ihn ein, er verstand fast nichts, so schnell ging ihr Mundwerk. Er wollte seine Geldbörse ziehen, aber Tamara zischte: „Gib ihr nichts, sie läuft uns nach, wir kriegen sie nicht mehr los!“
Das passte ihm nicht, aber sie hatte ihn noch nie falsch beraten, kannte ihre Landsleute. Schnell machten sie sich davon, die Alte humpelte ein Stück nach, schwang drohend den Stock. Ein schaler Nachgeschmack blieb. Hätte er ihr doch was geben sollen, damit sie die Deutschen in besserer Erinnerung behalten hätte? Wenigstens einen.
Kaputte Glühbirnen
K aputte Glühbirnen (1998):
In einer Moskauer Metrostation saß mitten in der Stalinschen Pracht neben einem Kiosk ein altes Mütterchen mit Korb, hinter ihr lehnte eine Krücke. Sie verkaufte Glühbirnen, der Korb war voll. Auffallend war, dass es unverpackte, nackte Glühbirnen waren, spottbillig, dennoch lief das Geschäft schleppend. Die Alte trank dampfenden Tee aus der Kanne, aß Piroggen; nach den Resten auf der Jacke mit Kraut gefüllt. Sie rief: „Kaputte Glühbirnen, kauft kaputte Glühbirnen! Billig, fast geschenkt!“
Unsicher, ob er richtig verstanden hatte, fragte er die Begleiterin.
„Ja, kaputte Glühbirnen.“ Sie drängte zum Kaufhaus.
Er blieb stehen. „Welchen Sinn hat es, kaputte Glühbirnen zu verkaufen? Wer ist so blöd, sie zu kaufen?“
Ein mitleidiger Blick streifte ihn wie immer, wenn er hinterfragte, was jedem Russen klar war. „Die Frau ist nicht dumm und die Leute, die kaufen, sind es auch nicht!“
Erstaunt sah er einen Mann drei Stück kaufen und in der Aktentasche verstauen. „Was macht er damit?“
„Mein Gott“, sagte sie ungeduldig, „so kann nur ein Westler fragen! Er schraubt sie ein, was sonst!“
„Aber sie brennen nicht, sind doch kaputt!“
Die Russin grinste. „Natürlich brennen sie nicht. Wenn sie kaputt sind, können sie auch nicht brennen, oder?“
Er guckte verblüfft.
„Du musst noch viel lernen. Sie schrauben die Glühbirnen doch nicht zu Hause ein, sondern im Büro, in der Fabrik oder im Nachbarhaus!“
„Aber dort brennen sie doch auch nicht!“ rief er.
Wieder dieser Blick. „Du weißt, Glühbirnen sind ein Defizit!“ An seiner Miene konnte sie ablesen, dass er nicht verstand. „Ist doch klar: Sie schrauben die kaputten ein und nehmen die heilen mit!“ Gerade kam ein Passant und kaufte, das Geschäft belebte sich.
Einfache Vorhänge 1990
Einfache Vorhänge (1990)
Die Kollegen am Deutschlehrstuhl der Fakultät für Fremdsprachen der Pomoren Universität Archangelsk hatten auf den Sprachträger aus der BeErDe, wie es hieß, gewartet. Nachdem er eine Woche in der Hafenstadt gelebt hatte, konnte er die Mühe einschätzen, ein Auto zum Abholen zu organisieren, ganz von der Wohnung zu schweigen. Der Flughafen sah noch immer armselig aus, dafür war das Fliegen für Sowjetbürger billig. Der Schnee milderte die Tristesse der Stadt. Anfang April war vom Ende des Winters noch keine Spur. Die Isolation der dicken, mannshoch über der Erde führenden Rohre der Fernwärmeleitung war aufgerissen, der Schnee auf der Straße mit Dreck zu einem grauschwarzen Pulver vermischt. Sie bogen in die Straße ein, wo er wohnen sollte, die Plattenbauten machten einen tristen Eindruck.
„Hier ist ein Kino, auf der anderen Seite das Kaufhaus.“
Er kämpfte gegen das aufsteigende Heimweh an, die Lehrstuhlleiterin merkte es, drückte seinen Arm. „Wir sind so froh, dass Sie hier sind, haben wirklich auf Sie gewartet.“
Der Fahrer kurvte in der Nebenstraße vorsichtig an den Löchern vorbei, man sah ihnen ihre Tiefe nicht an. Er wusste, an das Zuknallen der hölzernen Schwingtüren, wenn jemand durch den gewinkelten Eingang kam, würde er sich nie gewöhnen. In einem Verschlag nach dem Eingang saßen zwei Männer, guckten prüfend durch das Schiebefenster. Die Lehrstuhlleiterin stellte ihn als Professor aus dem Westen vor, er werde hier wohnen. Der Lift arbeitete nicht, wie Russen sagen. In der Wohnung im sechsten Stock waren Studenten dabei, den Hausgang auszumalen. Die Kollegin erklärte, das machten sie statt des Subbotnik (Pflicht für Studenten und Dozenten, die Höfe von Studentenheim und Hochschule zum 1. Mai zu säubern.), es war absehbar und nicht kalt. Die Tapeten waren frisch geklebt. „In ein paar Tagen ist alles trocken.“ Sie liehen ihm Geschirr, Besteck, Töpfe und einen Reisigbesen. Im Warenhaus kaufte er Kleiderbügel aus Plastik, die sich verbogen, hängte er etwas auf. Aber es gab Toilettenpapier, sonst war das Warenangebot erschütternd. Allerdings hungerte niemand, Brot war spottbillig, das von gestern wurde weggeworfen. Beim Gasherd hatte er Angst, er könnte in die Luft fliegen. „Das geschieht äußerst selten“, beruhigte man ihn.
Friedrich war froh, die Schnüre zu haben, mit denen er Bücher verpackt hatte, spannte sie durch die Küche zum Wäschetrocknen. Seine Wäsche musste er unter laufendem Warmwasser im Becken waschen, es gab keine Stöpsel. Die Zentralheizungen hatten keine Ventile, geregelt wurde durchs Fenster. Als er von Verschwendung sprach, schauten alle verwundert. „Warmes Wasser und Heizung sind doch umsonst!“
Es gab keinen Kaffee, er stellte sich auf Tee um, war um den Tauchsieder froh. Anfangs gefiel es ihm, als jeden Abend, kaum saß er am Tisch, jemand klopfte und ihn einlud, man möchte ihn kennenlernen. Es wurde gesungen und Tee getrunken, manchmal mit, manchmal ohne Wodka. Nach zehn Tagen machte sich der Mangel an Schlaf bemerkbar. Neben den Übungen hielt er Vorträge an verschiedenen Fakultäten und in anderen Institutionen, musste die Feten einschränken.
Er brauchte Vorhänge, damit nicht jeder sah, dass er da war. Das Studentenheim war so gebaut, dass man übers Eck in die Wohnung blicken konnte.
graphic graphic Er fragte Viktor, wo es Vorhänge gebe.
„Wie viele Semester willst du denn bleiben?“ kam als Rückfrage.
Die erstaunte Antwort: „Ich möchte einfache Vorhänge, damit nicht jeder reingucken kann.“
Geduldig erklärte Viktor: „Die einzige Bohrmaschine der Hochschule wird nach einer Liste verliehen. Du kämst im September dran, wenn das Ersatzteil kommt. Jetzt ist sie bei der Reparatur.“ Das verblüffte Gesicht veranlasste Viktor zur Frage: „Hast du denn Stoff?“
„Kaufe ich.“
Mitleidig maß ihn der Germanist. „Du bist schon eine Weile hier. Hast du irgendwo Vorhangstoff gesehen, der nicht aussieht wie aus dem Zug gestohlen? Sag es, ich suche danach. Hast du Schiene, Dübel, Schrauben, Haken und was man sonst braucht?“
Unsicher geworden schüttelte er den Kopf.
„Und wenn du das hast: Woher nimmst du Werkzeug?“ Nach einer Pause: „Nun, das könnten wir ausleihen, aber ohne Stoff, ohne Schiene und ohne Bohrmaschine geht’s nicht.“ Er dachte nach. „Du hast doch Ersatzbatterien?“
Friedrich nickte.
„Ein Nachbar ist Nachtwächter, hat keine Batterien für die Lampe. Er würde uns Scheibenwischer dafür geben.“
„Viktor, ich brauche Vorhänge, keine Scheibenwischer!“
Der tat, als hätte er nichts gehört. „Haben wir diese, kann ich ein Farbband für die Schreibmaschine organisieren.“
Nun wurde Friedrich ungeduldig. „Weder Scheibenwischer noch Farbband – Vorhänge will ich!“
Viktor hielt den Kopf schief. „Du musst nicht laut werden, ich höre gut. Du weißt, wir haben nur Defizite. Jeder tauscht, jeder hat etwas gehortet. Habe ich ein Farbband, leiht mir ein Freund die Bohrmaschine aus der DDR. Er ist bei jedem Loch dabei, damit sie niemand kaputt macht oder Bohrer abbricht. Seine Frau hat eine Nähmaschine. Wenn du ihr“, er schaute traurig auf die letzte Dose Löscafé, „die Dose gibst, sie ist eh nicht mehr voll, näht sie Vorhänge. Vielleicht treibt sie auch Stoff auf.“
Friedrich war entmutigt. „Und was soll ich dafür geben, den Kassettenrecorder?“
Viktor kratzte sich hinterm Ohr. „Nu, das wäre zu viel. Lass sehen, was noch im Koffer ist!“
„Und wie lange wird es mit den Tauschgeschäften dauern?“
„Nun, drei bis vier Wochen.“
Friedrich begleitete Viktor in den Vorraum hinunter, wo die Wandtelefone hingen. Das Gespräch kostete zwei Kopeken, aber die Apparate waren dauernd besetzt, die Studenten hatten sich viel zu erzählen. Ob Viktor bei der bissigen Hausverwalterin eine Decke für ihn organisieren könne? Sie gab wirklich eine Decke heraus, nachdem Viktor ihr hässliches Kleid bewundert hatte. Friedrich hängte die Decke vors Fenster. Ihm war klar geworden: Ging ein einziges Tauschgeschäft schief, war das Semester vorbei.



  
Wolga - Nördliche Dwina 1990
Von der Wolga an die Nördliche Dwina
Hilde fasste im Gespräch so rasch auf, dass er glaubte, sie wusste eh schon, was er sagen wollte. Kolleginnen wie sie trugen zur Qualität des Studiums am Deutschlehrstuhl entscheidend bei. Doch spürte Friedrich, sie hatte vor etwas Angst, war sehr zurückhaltend. Als er das Schicksal ihrer Mutter erfuhr, verstand er warum.
Es war eine Überraschung, als sie während einer Pause fragte, ob er sie und ihre Mutter am Sonntag besuchen wolle. Dabei schaute sie unruhig herum, ob jemand zuhörte. Sie schrieb die Adresse auf. „Gegen vier warte ich an der Endhaltestelle der Straßenbahn an der neuen Brücke.“
Er besorgte am Kiosk neben der Tram- und Busstation Blumen und eine Bonboniere, fuhr zum Flussbahnhof, stieg um. Es war Mai, hatte zwei oder drei Grad über null. Die Straßenbahn ratterte die Ausfallstraße entlang, die Holzbänke gaben jede Unebenheit des maroden Unterbaus weiter; die Federung der Wagen war kaputt. Kreischend fuhr die Tram in die Kurven, nachts musste es die Leute aus dem Bett werfen. Es ging unter der Eisenbahnbrücke durch, an Fabriken und Sägewerken vorbei, Berge von Baumstämmen warteten auf die Verarbeitung. Holzhäuser tauchten auf, windschief und renovierungsbedürftig; für private Häuser hatte es kein Material gegeben, die Leute sollten in Wohnblocks umziehen. Manchmal glitzerte zwischen Häusern und Zäunen die Dwina durch. Es fuhren keine Schiffe, das Eis war erst vor wenigen Tagen aufgebrochen.
Wenige Fahrgäste fuhren bis zur Brücke.
graphic Auch am Stadtrand waren graue Wohnblöcke hochgezogen worden. Die Schienen glänzten, die Steine auf dem Bahndamm waren neu. Endstation, er stieg aus. Hilde begrüßte ihn wortkarg, führte ihn in ein zweistöckiges älteres Haus. Ihre Mutter, eine schmale weißhaarige Frau musterte ihn und nickte. Sie sprach ein altertümliches, hart klingendes Deutsch. Er überreichte ihr die Blumen und den letzten Löskaffee, Hilde die Bonboniere, zog im Hausgang ausgetretene Hausschuhe an. In der Küche saß ein alter Mann am Tisch.
„Andrej, ein guter Maler und alter Freund der Familie, er tut sich schwer mit dem Gehen“, stellte Hilde vor. „Er spricht nur russisch.“
Andrej saß im Lehnstuhl, wollte wissen, wie man in Deutschland lebe, ob es stimme, was die Propaganda bringe. Der Gast schilderte Wohlstand und Überangebot an Waren. Gebannt hörten sie zu, fragten nach Alterssicherung und Arbeitslosigkeit. Der Maler wollte Friedrich zeichnen, holte Skizzenblock und Kohle aus der Tischschublade. Die Mutter hatte einen Gugelhupf gebacken, sie tranken Kaffee, naschten Bonbons. „Wir haben lange keinen Kaffee getrunken“, erklärte Hilde. Andrew mümmelte Kuchen, trank hörbar mit Genuss. Mutter bekomme keine Rente und die von Andrew sei klein, davon könne er kaum leben. Hilde berichtete der Mutter, der Gast sein von Russlanddeutschen in Sewerodwinsk eingeladen worden, habe aber kein Visum für die U-Boot-Stadt bekommen.
Der Maler konnte nicht lange zeichnen. „Er bekommt für sein Nervenleiden keine Medizin.“ Andrew zeigte die Skizze, sie war gut. Die Mutter fragte den Gast, ob er es eilig habe.
Er schüttelte den Kopf. „Ich habe Zeit.“
„Gut“, sagte sie. „Ich habe gekocht und Andrew hat Wein aus Grusinien aufgetrieben. Sie sagen Georgien dazu.“
Das Wohnzimmer war sonst Hildes Schlaf- und Arbeitszimmer, wie die gestapelten Unterlagen zeigten. Es war gedeckt, Salate angerichtet, Fisch und Kartoffel auf den Herd gestellt. Hildes Mutter freute sich, als er zugriff. Andrew trank auf den Frieden zwischen den Völkern, auf die Gesundheit und ein langes Leben.
Dann begann Hildes Mutter zu erzählen. Schleppend zuerst, mit vielen Pausen. Hilde meinte, es strenge sie zu sehr an. Die Mutter tat, als hätte sie nichts gehört. Sie stamme wie viele Deutsche in der UdSSR aus dem Wolgagebiet, sei Lehrerin auf dem Dorf gewesen. 1941 nach Kriegsbeginn seien sie vertrieben worden. Sie könnten mit dem Feind kollaborieren. Sie durften nur das Notwendigste mitnehmen. Das bisschen Geld und die paar Wertsachen brauchten sie unterwegs, um nicht zu verhungern. Insgesamt hat sie zwölf Lager durchgemacht, bis sie in Archangelsk ankam. Große Strecken mussten sie zu Fuß gehen, Teile fuhren sie in Güterwagen, kalt und ohne Essen. Viele haben Märsche und Fahrten nicht überlebt. Erschöpft schwieg die Frau mit dem feinen Gesicht.
„Lass es, Mama, die Erinnerung strengt dich an!“, beschwor sie Hilde.
„Es tut gut, Töchterchen, wenn es rauskommt.“ Sie berichtete über das strenge Regime in den Lagern, erzählte, wie man die Familien trennte, den Ort hat der Autor vergessen. Zwei Güterzüge seien gegenüber gestanden, im einen seien Männer und größere Jungen gewesen, im anderen Frauen, Mädchen und Kinder. Willkürlich habe man Ehepaare und Familien getrennt, die Männer seien nach Sibirien, die Frauen nach Kasachstan oder in den hohen Norden geschickt worden. Unter ihnen sei ein frisch verheiratetes Paar gewesen, sie standen in den Viehwaggons fast gegenüber, dazwischen patrouillierten Posten mit Maschinenpistolen, sie durften nicht rufen oder sich verabschieden. Die frisch vermählte Frau bat den Posten, ihrem Mann das Rasierzeug bringen zu dürfen, zeigte auf ihren Mann. Der fragte den Vorgesetzten und er gestattete es, aber sie dürften kein Wort wechseln. Die Frau stieg hinunter, ging mit dem Rasierzeug im ausgestreckten Arm über die Geleise, reichte es ihrem Mann, schaute ihn lange an, drehte sich um und ging zurück. Die Züge sind abgefahren, jeder in eine andere Richtung, das Paar hat sich nie wieder gesehen. Erschöpft schwieg die alte Frau, starr blickten ihre Augen. Sie war müde, verabschiedete sich und ging schlafen. Andrew war schon fort.
„Ich bin hier geboren“, ergänzte Hilde. In den ersten Jahren sei es schwer gewesen. Ihr Vater, ein Russe, ein guter und fleißiger Mann, sei während der letzten Säuberungen eines Morgens abgeholt worden. „Weder erfuhren wir, warum, noch, was mit ihm geschehen ist. Jetzt bringe ich Sie zur Straßenbahn.“
Traurig fuhr Friedrich zurück, konnte nicht einschlafen, dachte an Frau und Kinder, wie gut sie es doch hatten. Ein halbes Jahr später war er ein zweites Mal bei Hilde. Der Maler war krank, das Bild wurde nie fertig. Die Familie ist später nach Niedersachsen ausgewandert. Sie haben Freunden und Nachbarn nichts von der geplanten Ausreise erzählt, aus Angst, man könnte ihnen die Papiere nehmen. Man wusste nie, wer für den KGB arbeitete, der trotz Perestroika weiterfunktionierte. Viele befürchteten, die alten Methoden könnten auferstehen, es hatte schon oft eine Entspannung gegeben; kaum waren Mutige hervorgetreten, waren sie kassiert worden.
Friedrich hatte Hilde vorgeschlagen, wenn sie sich in der Bundesrepublik eingelebt hätten, einen Film über das Leben ihrer Mutter zu drehen. Sie war einverstanden, auch die Mutter. Nach Monaten kam aus Niedersachsen ein Brief, in dem Hilde um Verständnis dafür bat, auf den Film zu verzichten. Ihre Mutter würde das gesundheitlich nicht durchstehen. Er könne sie gerne besuchen, sie würden sich freuen. Das wollte er, schob es auf, gab schließlich die Absicht auf. 
...wohnt im Kanal 2001
...wohnt im Kanal, was sonst (2001)
Andrew, Dekan der Fakultät Soziologie und Psychologie, führte den Gast durch Ulan Ude, die Hauptstadt Burjatiens. Vom Leninplatz mit dem größten Leninkopf der Welt ging’s im Viertelkreis um die Stadt. Der Abhang war mit Büschen bewachsen, zerbrochene Flaschen und Plastiktüten lagen herum, es war staubig und schmutzig. Die Kanalschächte zwischen dem Buschwerk wären ihm nicht aufgefallen, hätte er nicht den Mann mit Plastiktüten zu einem Schacht ohne Deckel gehen und einsteigen, die Tüten vom Rand nehmen und verschwinden sehen, als machte er das jeden Tag. Auf die Frage, was er da mache, antwortete Andrew: „Er wohnt da im Kanal, was sonst.“ Die Ruhe, mit der Absonderlichkeiten hingenommen werden, verblüffte den Gast stets aufs Neue. Am Ende der Straße fiel die Böschung dreißig oder vierzig Meter zur Selenga ab. Weit sah man über den Fluss mit Inseln und Seitenarmen, bis er sich im Westen zwischen den Bergen verlor. Unten spannte sich eine vierspurige Brücke mit Straßenbahn darüber. Neben ihnen stand ein Kreuz aus Stein mit der Inschrift, dass Kosaken im 17. Jahrhundert bis hierher gekommen waren und das Umland erobert hatten. Blockhäuser mit hohen Bretterzäunen standen am Abhang über der Straße, Hunde bellten. Die beiden Männer stiegen in den Stadtteil ab, wo Holzhäuser die Straßen säumen, ein Mann am Ziehbrunnen auf dem Bürgersteig Wasser pumpte.                                                                                         
graphic    graphic „Hier wohnen viele Arme, ein Problemviertel.“ Nahe am Ufer wurde eine große Kirche renoviert. Friedrich wunderte sich, dass dafür Geld da war. „Es wird gesammelt, man richtet Kirchen aus Spenden her, der Staat hat kein Geld.“  Beim Zurückgehen vom Arbat – heute Fußgängerzone – zum Leninplatz auf der steil ansteigenden Hauptstraße zeigte Andrew auf ein Haus gegenüber dem Theater, alt und klein. „Hier sind früher Strafgefangene gezählt worden, die in Ketten die Straße den Berg hinuntergeschlurft sind, über die Brücke in die Wälder zum Holzschlagen mussten. Auch unter Stalin sollen Strafgefangene vorbeigezogen sein. Vieles hat Tradition in Russland.“
Inhaltsverzeichnis
Inhaltsverzeichnis:
Abkürzungen
8
Einführung
9
Sowjetisches Forschungsschiff (1974)
11
Teil I: 1986 – 1989
14
Weiße Nacht in Leningrad (1986)
15
Tallinn (1986) Erstes Mal in
22
Moskau (1986)  
30
Chrysanthemen in Duschanbe (1987) 
35
Schwarzer Schafskopf (1987)
40
Brester Bier (1989)
44
Puppentheater (1989)  
 50
Wanjas Reise nach Lübeck   
53
Teil II: Gastdozent in Archangelsk (1990) 
60
Einfache Vorhänge 
61
Arbeit am Deutschlehrstuhl
65
Journalisten
72
Marxens Kreuz
77
Die kleinste Deutschlehrerin der Welt
81
Eine mutige Frau
82
Lisas Großmutter auf der Insel  
84
Estlands Kampf um Unabhängigkeit  
87
Breshnews Maske
 91
Russlands Beständigkeit
93
Letzter 1.Mai-Sternmarsch
95
Deutsche Kirche
98
Verhindertes Abenteuer .
100
Schwierige Fragen 
103
Kontakte (1989 – 95)
107
Teil III: 1991 – 1995
110
Von der Wolga an die Nördliche Dwina
111
Elektrostal (1991) 
115
Russische Maler (1991-2004)
120
Der Ziehharmonikaspieler (1992) 
123
Olgas Migräne (1993) 
125
Peinlich, peinlich (o. J.)
129
Ach, Moskau (1993 – 2001)
132
Trillerpfeife (1993)
132
Blaulicht (1995)
133
Tarakani (1995) 
134
Kaputte Glühbirnen (1998)
135
Mafia (2000)
136
Schaschlikkuchen (2001) 
137
Streit im Altenheim (1994) 
138
Jugendkolonie (1993) 
139
Kettenrasseln (1994) 
147
Unerwarteter Besuch im Zug (1994)
153
Chor der Gefangenen (1994)
160
Ein erbärmliches Russisch (1995)
163
Lager N 199 bei Nowosibirsk (1995)  
169
Spiritus als Lebensretter (W. B.)  
173
Tanzbär (W. B. 1995)
175
Kloster am See (1995) 
177
 Teil IV: 1996 – 2005
181
Totenstadt der Komponisten (1996)
182
Not der Psychiatrie (1996)
185
Vorführung der Knackis (1998)
187
Computer für Cholmogori (1998-2000) 
190
Zwei Rektoren in Cholmogori (1998) 
194
Der Neurochirurg (1999)
197
Heldenallee (1999)
199
Die Spende (2000) 
204
Der schwarze Wolga (2001) 
206
Zwischenfall in Moskau (2001)
208
Friedhof in Solombala (2001)
210
Dumme Ausländer (2001)
214
Ulan-Ude (2001) 
218
Wohnt im Kanal, was sonst (2001) 
225
Der Geometer (2002) 
227
Mit den Augen Peters (1996-2005)
235
Immer noch aktiv (1996-2006) 
241
Siegesfeier (2001)
243
Juniabend am Onega (2002)
246
Krasnojarsk: Das Ende? (2002) 
259
Das Sibirische Meer (2002)
264
Insel ohne Feuerwehr (2003)
269
Schwangere gesucht (2003) 
272
Der Ernst des Lebens (2005)
274
Mentalität und Projektarbeit
285
Nachklang
288
3. "Dorfgeflüster" Sehr gute Idee
Friedrich Karl Schmidt, "Dorfgeflüster" (Arbeitstitel) , Roman, ca. 365 S., wird im Herbst 2012 veröffentlicht.
Kurzfassung: Ein durch Bombennächte in Berlin geprägter Junge erlebt Kriegsende und Nachkriegszeit in einem Industrieort Westösterreichs. Gegen Hindernisse verwirklicht er seinen Traum, wird Journalist beim Fernsehen. Er geht Gerüchten über den behinderten Franzl, dessen Vater in eine Schmucksteinfabrik eingeheiratet hat, nach und stößt auf dubiose Eigentumsverhältnisse, setzt Franzls Erbansprüche durch. Er lernt die Schattenseiten des Journalismus kennen, berufliche und persönliche Krise treffen zusammen.
Exposé
Exposè: Flüstern im Dorf
Inhalt: Das Heulen von Sirenen und das Bellen der Flak, Luftschutzkeller und Angst prägen den verträumten Fritz. Die Familie entkommt der Bombenhölle Berlins, Vater tritt eine Stelle als Chemiker in einer Glasschmuckfabrik in Westösterreich an, doch auch die Landeshauptstadt wird bombardiert, sie ziehen ins Dorf, wo Vater arbeitet. Nach dem Krieg beschlagnahmt die amerikanische Besatzungsarmee das Wohnhaus, ein Büro im Lagerhaus wird ihr Heim. Fritz sammelt bei den Amis Zigarettenkippen, Vater weist ihn an, den Tabak ins Klo zu spülen. Nach der Schule bettelt der Junge beim Bäcker um Brot, bei Bauern in umliegenden Dörfer um Milch.
Autoritäre Erziehung und Vater-Sohn-Konflikt sind die zwei Seiten einer Münze; stumpfsinniges Wiederholen von Merksprüchen im Chor und körperliche Züchtigung gehören zum Schulalltag. Mit Kumpeln hänselt Fritz den behinderten Franzl, illegitimen Enkel des Unternehmers; über ihn sind Gerüchte im Umlauf, die seine Neugier erregen, doch als er Leute befragt, verbietet es Vater. Ein Gymnasiallehrer demütigt den aufmüpfigen Schüler, Fritz hasst die Schule, rebelliert und haut ab. Sein zwiespältiger Charakter – ängstlich und schüchtern, vorwitzig und abenteuerlustig – bringt ihn immer wieder in Schwierigkeiten. Er wechselt an die Fachschule, schwänzt oft, schafft sich Freiräume. Der Export von Glasschmuck floriert, die Fabrik wächst und verändert das Gesicht des Dorfes. Fritz beginnt in München das Studium Maschinenbau, doch der Mensch hinter der Maschine interessiert ihn mehr.
Auf einem Bierfest lernt er Rose kennen, die Frau Mikes, eines amerikanischen Sergeanten und Alkoholikers, er wird ihr hörig. Er bricht das Studium ab, arbeitet in der Glashütte und in der Bibliothek der Fabrik, findet Belege, dass die Gerüchte über Franzl und dubiose Besitzverträge nicht aus der Luft gegriffen sind. Vater drängt ihn, das Abitur nachzuholen, doch Fritz hat nur im Sinn, das Leben zu genießen.
Die wilden Jahre enden jäh, als er das Mädchen mit den traurigen Augen wieder trifft. Die Liebe pflügt sein Leben um, er erkennt die Kraft des Willens, schafft das Lateinabitur, stürzt sich auf das Studium, schließt es in Rekordzeit ab, wird Assistent. Der Professor beutet ihn aus, Fritz bewirbt sich beim Fernsehen, wird Redakteur, genießt es, hinter die Kulissen zu schauen, lernt mit Stress und Intrigen umzugehen. Kontakte mit einem ehemaligen CSSR-Agenten bringen Spannung und Gefahr. In Recherchen für einen Film über die Fabrik erfährt er, dass Franzls Vater ums Erbe geprellt wurde; ein Manager in der Leitung behindert die Nachforschungen und verhindert die Produktion des Films. Der Ex-Agent verschafft Fritz Dokumente, die Franzl und dessen Stiefbruder zu ihrem Erbe verhelfen. Intrigen und eigene Fehler bringen Fritz beruflich in Bedrängnis; als er besonders auf den Rückhalt der Familie angewiesen ist, droht sie zu zerbrechen. Er wird in die Abteilung Wissenschaft versetzt und dreht er in den Kanälen von Wien einen Film über Ratten.
Aufbau
Aufbau
Der Entwicklungsroman spielt zwischen 1941 und 1970 in Westösterreich, umfasst 23 Kapitel und weist auf ca. 370 Seiten fünf miteinander verflochtene Handlungsstränge auf: (1) Der Wandel des ängstlichen, durch Krieg, Nachkriegselend und autoritäre Erziehung geprägten Jungen zum selbstsicheren Journalisten; (2) die Umgestaltung des ehemaligen Bauerndorfs zum Industrieort, in dem eine Fabrik das wirtschaftliche, soziale und kulturelle Leben bestimmt; (3) die Lösung des Protagonisten aus dem heimatlichen Umfeld, die Verstrickung in fragwürdige Beziehungen und das Abgleiten auf die schiefe Bahn; (4) der innere Wandel durch Liebe und Verantwortung sowie der berufliche Aufstieg; (5) die Aufklärung der Gerüchte um den behinderten Franzl und die kriminelle Aneignung von Eigentumsanteilen an der Firma.
Das Besondere
Das Besondere
Bombennächte, Angst, häufiger Ortswechsel und autoritäre Erziehung haben den Protagonisten geprägt. Sein zwiespältiger Charakter – ängstlich und schüchtern, vorwitzig und abenteuerlustig – bringt ihn ständig in Schwierigkeiten. Er sucht das Abenteuer, will aber nicht auf Sicherheit verzichten, kämpft gegen autoritäre Strukturen und Verhaltensweisen, setzt sich oft in die Nesseln. Er hat einen starken Willen, benützt ihn aber nicht für das berufliche Fortkommen. Wie ein Schiff mit zerbrochenem Ruder treibt er dahin und läuft Gefahr, an den Klippen Alkohol und sexuelle Hörigkeit zu zerbrechen.
Erst die Liebe und Verantwortung für andere mobilisieren Tatkraft und Ausdauer, er sieht, was er mir der Kraft des Willens bewegen kann. Sein Jugendtraum ist der rote Faden, der ihm in der Karriereplanung Orientierung bietet. Er konzentriert sich ausschließlich darauf, vernachlässigt die Familie und erst als sie zu zerbrechen droht, versteht er, dass er es ohne ihren emotionalen Rückhalt nie geschafft hätte.
Kapitel 1
Bemerkung: Der Roman wurde für die Herausgabe durch einen Verlag (erscheint im Herbst 2012) überarbeitet, Kap. 1 natürlich auch, inhaltlich blieben wesentliche Teile erhalten.
1. Kindheit im Dorf
Das durchdringende Heulen der Sirene riss Fritz gerade aus dem Traum, als er so schön und weich Gitarre spielte wie Vater, und gleichzeitig drängte sich dessen scharfe Stimme ins Bewusstsein: „Aufstehen Fritz, Fliegeralarm, mach schnell!“
Schlaftrunken zog er Jacke und Mantel über den Pyjama, schnappte den am Bett lehnenden Rucksack, trippelte an der Hand der Mutter in den Keller, den Teddybären fest an sich gepresst. Vater hatte ihn als Teil der  Notausrüstung akzeptiert, kannte den Starrsinn des Jungen, wollte nicht wieder vom Luftschutzwart gerüffelt werden, als der Bub sich brüllend geweigert hatte, ohne Teddybär zu gehen. Die letzten Töne der Sirene hörten sich wie ein Röcheln an, als drehte ihr jemand die Luft ab. Hin und wieder übertönte ein gedämpftes ängstliches Rufen das Getrappel Dutzender Füße und das Schnaufen der Eilenden. Über der Stadt lastete eine Stille wie vor einem Gewitter, ehe der erste Donnerschlag Mensch und Hund zusammenzucken lässt. Der nach Staub, Kartoffeln und Kohlen riechende Keller hätte niemals einem Volltreffer standgehalten, das sagte niemand laut. Die Schutz Suchenden saßen vor den geweißten Ziegelwänden, zwischen ihnen saß die Angst, man konnte sie förmlich riechen. Unregelmäßig klopfte die Dampfheizung, ängstlich schmiegte sich Fritz an die Mutter, die Schwester hatte dem Vierjährigen eingeredet, in den Rohren wohnten Geister. Nachbarn und Besucher kauerten auf Bänken und Koffern, redeten leise miteinander oder starrten abwesend vor sich hin. Ein Fronturlauber hielt die Hand seiner Braut. Breitbeinig stand der Luftschutzwart in dunkler Uniform mit breitem Stahlhelm vor der Eisentür mit den zwei riesigen Riegeln, als wollte er verhindern, dass jemand vorzeitig den Schutzraum verließ. Er war ein mächtiger Mann, alle hatten seine Anordnungen zu befolgen, sogar Vater. Die Kleinsten lagen in grob zusammen genagelten Stockbetten, wälzten sich unruhig im Halbschlaf von einer Seite auf die andere. Das dumpfe Rumm, Rumm der schweren Flak und das hellere Bellen der Vierlingsflak zeigte an, dass die feindlichen Geschwader das Stadtgebiet erreicht hatten. Das Gemurmel im Keller verstummte, als das tiefe Brummen der Bomber wie die Bässe in einem Konzert einsetzte und trotz des wütenden Feuers der Flugabwehr deutlich zu hören war. Erste entferntere Einschläge und Explosionen ertönten, kamen näher, einige duckten sich oder hielten die Arme über den Kopf, Kinder drängten sich zitternd an die Eltern. Eine Mutter nahm ein wimmerndes Kleinkind aus dem Bett, drückte es an sich. Die junge Frau schmiegte den Kopf an die Brust des Soldaten, er legte seine verschränkten Hände wie ein kleines Dach schützend auf ihr Haar. Alle Gesichter wirkten grau, Angst schweißte die Hausbewohner zusammen. Nach langen Minuten ertönte die Entwarnung, sie waren davongekommen, die Notgemeinschaft zerfiel.
Die Berliner Zeit hatte Fritz Jahre später im Tagebuch festgehalten, ohne mit Sicherheit angeben zu können, was eigene und was fremde Erinnerungen waren. Er konnte nicht ahnen, dass ihn, als er schon in der Mitte des Lebens stand, das Sirenengeheul und das Brummen der Bomber bis in den Schlaf verfolgen würden. Und erst als er selbst Kinder hatte, verstand er die durch nichts zu erschütternde Loyalität des Vaters gegenüber dem Unternehmer, der die Flucht der Familie aus der Bombenhölle ermöglicht hat. Wochen nach ihrer Übersiedlung nach Österreich hatte eine Bombe das Haus schräg gegenüber getroffen, Mutters beste Freundin und ihr Baby waren umgekommen.
Zu den angenehmen Erinnerungen an Berlin gehörte, wenn Vater den schwarzen Koffer vom Schrank geholt, behutsam die Gitarre herausgenommen, gespielt und mit dem Fuß auf dem selbst gebastelten Fußschemel den Takt geklopft hat. Der kleine Jung, wie ihn Vater nannte, wenn er zärtlich war, saß still auf dem Fußboden und hörte zu. Vater blieb nicht verborgen, wie sehr der Kleine Musik mochte, ließ ihn manchmal die Saiten zupfen.
„Aber sachte, ganz sachte“, ermahnte er. 
Die Erfahrungen der Bombennächte im Luftschutzkeller hatten das Fundament für die Ängstlichkeit des Jungen gelegt und als er an der Hand der Mutter am zerbombten Haus der Großeltern vorbeikam, kroch die Angst erneut hervor. Nach der Abreise aus Berlin hatten sie in der riesigen Wohnung der Großmutter im dritten Stock Unterschlupf gefunden, bis Mutter im Wohnungsamt die Wohnung in einem Stadtteil weitab vom Bahnhof und dem verzweigten Netz der Rangieranlagen, Hauptangriffsziel der Bomber, erkämpft hatte. Erst als Fritz bereits studierte, hat ihm die älteste Schwester erzählt, dass die Vormieter Stern geheißen hatten und das Amt die große helle Wohnung unvermutet frei gegeben hatte. Die Beamten seien froh gewesen, die hartnäckige Frau mit den fünf Kindern los zu sein, hatte sie stolz hinzugefügt. Mutter spürte das Zittern des Buben, zog ihn schnell an der bis auf die Außenmauern ausgebrannten Front vorbei um die Ecke des Nachbarhauses, das nicht viel abbekommen hatte. Sie starrten auf die Rückfront ihres Hauses mit den unheimlichen schwarzen Fensterhöhlen. Mutter deutete zu den verkohlten, in die Luft ragenden Balkenstümpfen der Loggia hinauf.
„Dort hast du, wenn es warm war, Bauklötze aufgetürmt.“ Sie ging weiter, ihre Stimme klang verbittert. „Der einzige Platz in der Riesenwohnung, wo du deine Türme eine Weile stehen lassen konntest.“ Dann murmelte sie, Fritz verstand es kaum: „Nun hat sie auch nichts mehr davon, die Großmutter …“
Während die Erinnerungen an Berlin naturgemäß lückenhaft waren, hatte Fritz alles, was mit Franzl zu tun hatte, penibel im Tagebuch festgehalten, auch dass er sich daran beteiligt hatte, mit den Kumpeln den närrischen Kerl zu hänseln. Sie hatten sich sogar ein Lied ausgedacht: „Franzl Plä, fang uns doch, Franzl Plä Plä Plä, kannst eh nicht laufen…“ Sie brüllten es, bis ihnen Franzl mit einem Knüppel, einer Schaufel oder was er sonst in die Finger bekam, nachhinkte. Er konnte nicht laufen, sein rechter Fuß war nach innen verdreht. Nach Kriegsende war Franzl wieder aufgetaucht, niemand wusste, wo er gesteckt hatte. Seine Mutter war Monate früher gekommen, hat sich von allen abgesondert, soll, so hieß es, in einem Lager in Sibirien gewesen sein.
„Muss was Grauenhaftes gewesen sein“, erklärte Kurt wichtigtuerisch. „Alle sagen es und jeder erzählt noch schrecklichere Einzelheiten.“ Kurt wusste immer, welcher Tratsch im Dorf aktuell war. „Es gibt da noch etwas, das mit Franzl zu tun hat, aber niemand will darüber reden.“
Fritz hatte ein Gespür dafür, hinter welchen Aussagen sich ein Geheimnis verbergen könnte und obwohl nichts mehr zu vermelden hatte, war er sich sicher, dass dies so eine Information war. Er nahm sich vor, der Sache sein Augenmerk zu schenken, behielt die Absicht aber für sich. Und anders als bei Kurt, dem es nur um den Tratsch an sich ging, interessierte sich Fritz für den Fall, zumal er Erwachsene über Franzl gefragt hatte und sie sich zwar viel sagende Blicke zugeworfen, aber geschwiegen hatten, was seine Neugier erst recht anheizte.
Gesehen hatte er Franzl zum ersten Mal, als er an einem glasklaren Oktobertag Kühe durchs Dorf getrieben hatte. Mürrisch hatte ihm der Knecht, der nach Stall roch und alle naslang mit den Fingern durch die verfilzten Barthaare strich, erlaubt, beim Hüten zu helfen. Meist lag er im Gras und schlief, während der Junge unentwegt herumlief, um die Herde zusammenzuhalten. Der Hirte musste einen sechsten Sinn haben, denn kaum graste eine Kuh auf der Nachbarwiese, schrie er: „Mensch, Hornochs saublöder du, pass auf, so ein verdammter Hurenbock!“
Er ließ eine ganze Kaskade von Flüchen in einem wilden Dialekt los, der Sinn blieb Fritz meist verborgen. Warfen die kirchturmhohen Holzmasten der Materialseilbahn, weit sichtbares Überbleibsel der Wehrmacht, lange Schatten, war es Zeit, das Vieh zurückzutreiben. Kalt blies der Ostwind über die abgeernteten Felder. Fritz fröstelte, hatte seine Strickjacke zu Hause lassen. Dumpf knallte der Stock des Knechts auf den Rücken einer Kuh, jedes Mal zuckte der Bub zusammen. Die Tiere liefen ein paar Schritte, fielen sogleich wieder in ihr gewohntes Dahinzockeln zurück. Das Bimmeln der Glocken, die Rufe des Knechts – „Hoi, hoi, hoi“ – und das Klappern der Hufe auf der staubigen Dorfstraße waren Geräusche, die ihm, als er längst erwachsen war, in den Sinn kamen, wenn er an einem klaren Oktobertag an die Heimat dachte.
Ein großer ungeschlachter, dennoch kindlich wirkender Mann mit kurz geschorenem Haar stand hinter dem Zaun im Obstgarten des Krämers und stierte auf die Rindviecher, die sich zwischen den Zäunen zu beiden Seiten der Straße drängten. Eigenartig klingende Lockrufe drangen aus seinem Mund und als eine Kuh zum Zaun trottete, lächelte er selig.
„Franzl, lass die Viecher in Ruh!“, schrie der Knecht. „Sonst beißen sie dich!“
Augenblicklich erlosch das Lächeln, Franzl duckte sich hinter dem Zaun. Der Hüter rief jedes Tier beim Namen, wusste, in welchen Stall es gehörte. Es dämmerte, bis alle Kühe angekettet waren. Zu Hause schimpfte die jüngere Schwester, Fritz stinke nach Kuhmist. Statt einer Antwort verschränkte er die Finger und zog daran, dass es knackste.
„Lass das, es hört sich ja grauenhaft an!“, schrie sie.
Er hatte noch einige Male Kühe auf die Weide getrieben, bis Reif auf dem Gras lag. Zu den allerschönsten Kindheitserinnerungen gehörten die Geschichten, die Onkel Leo, zweiter Ehemann der Großmutter, erzählte. Auch als Fritz längst schon flüssig las, lauschte er gern seiner warmen Stimme. Kamen die Großeltern am Wochenende zu Besuch, hatte Onkel Leo für sie ein ernstes, ein lustiges Märchen und einen Krimi ausgedacht, führte die Kinder in eine Welt, aus der sie nur widerwillig zu ihren Alltagspflichten zurückkehrten: jäten, Schularbeiten machen, aufräumen, abtrocknen. Von Onkel Leo, der seine letzten zwanzig oder dreißig Haare sorgfältig über die Glatze kämmte, war nie ein böses Wort zu hören, er war immer freundlich und brachte der Mitwelt eine schier unerschöpfliche Geduld entgegen. Im Gegensatz zu Vater fand er nichts dabei, wenn der Junge Erlebtes und Tagträume vermischte, sich seine eigene Welt zimmerte, die anders war als Schule und Dorfgemeinschaft. Onkel
Leo bestärkte ihn sogar. „Träume sind reichhaltiger und farbiger als die Wirklichkeit.“
Und er musste es ja wissen, war schließlich Arzt. Es schmerzte den Jungen, wenn Vater über die Gutmütigkeit Onkel Leos spöttelte. Mochte es tausendmal stimmen, dass es weltfremd war, nur Gutes über seine Mitmenschen zu denken, sie noch zu entschuldigen, wenn sie ihn schamlos betrogen wie der Lagerverwalter am Bahnhof, der ein Trinkgeld bekam, wenn er Onkel Leo, der müde aus dem Zug stieg, die Tasche nach Hause trug. Der Stiefgroßvater hielt dem Bahnbediensteten die Geldbörse hin und der suchte nicht das ihm zugedachte Fünfzig- Groschen- Stück heraus, sondern einen Schilling. Der Enkel wusste, dass der alte Herr im Dunkeln schlecht sah, aber petzen, nein, das machte ein Junge nicht. 
Onkel Leo schmunzelte, als Fritz erzählte, dass ihn die Kumpel auslachten, als sie herausbekamen, dass er noch Märchen las, diesen Kinderkram.
„Lass sie nur, sie wissen nicht, dass Märchen der Nährboden sind, auf dem die Fantasie am besten gedeiht. Als es noch wenige Bücher gab und kaum jemand lesen konnte, wurde alles durch Erzählen überliefert.“
Die Mutter verstand den Buben gut, hatte selbst Märchen geschrieben, zwei waren sogar im Rundfunk gebracht worden, darauf war sie stolz. Sie schenkte ihm ein gebundenes Heft.
„Vielleicht willst du ein Tagebuch führen ...“
Kurz nach dem Krieg war so ein dickes Heft ein Schatz. Sie verschwieg, dass sie es dem Schrank ihres Vaters, in dem seine ungedruckten Novellen und Romane vergilbten, ohne sein Wissen entnommen hatte. Anfangs trug Fritz alles ein, was sich ereignete, bis er erkannte, dass sich vieles wiederholte. Als Vater Schmierpapier mitbrachte, alte Wetterkarten der Luftwaffe, die unerklärlicherweise in der Fabrik gelagert waren, schnitt er die steifen Blätter mit dem Brotmesser zurecht, notierte Stichworte, hielt nur noch Ereignisse für würdig, ins Tagebuch übernommen zu werden, die über den Tag hinausreichten. Manchmal schrieb er Wochen nichts ein. Erst viel später begann er, Erlebnisse aus dem Gedächtnis niederzulegen, schrieb sich in die Kindheit zurück und je tiefer er eintauchte, desto besser verstand er, warum er war, wie er war. Von der Wohnung in der Landeshauptstadt und vom Kindergarten – er ist mehrmals fortgelaufen, bis es Mutter aufgegeben hat, ihn hinzubringen – sowie vom ersten halben Jahr in der Schule war vieles bereits verblasst und die Gegenwart viel aufregender. Dagegen war fest im Gedächtnis verankert, wie er im Sandkasten einem Jungen im Jähzorn eine Fahrradpumpe ins Gesicht geschleudert hatte und der Spielkamerad fast ein Auge verloren hätte. Viele Jahre später sollte er daran erinnert werden, als er längst nicht mehr an den Vorfall dachte.
Die alliierten Bomber nahmen nicht nur Bahnhöfe und Depots ins Visier, sondern auch Gleisanlagen. Da ihre Wohnung in Sichtweite des Bahnviadukts lag, beschlossen die Eltern, in ein winziges Dorf zwanzig Kilometer östlich zu ziehen, hausten zu siebt in einem Zimmer im Gasthaus. Im letzten Kriegswinter herrschte klirrende Kälte, als Vater jeden Tag zehn Kilometer zur Arbeit radelte. Der Schneepflug räumte selten, Bus fuhr keiner und zum nächsten Bahnhof war es zu weit, abgesehen davon, dass die Züge unregelmäßig fuhren. Im Zimmer war es furchtbar eng, überall hing Wäsche zum Trocknen. Auf der steilen Wiese gegenüber rutschten die Geschwister auf dem Hosenboden herunter, Möbel und sonstige Sachen waren in der Wohnung geblieben. In der kleinen Schule wurden alle Klassen in einem einzigen Raum unterrichtet. Ein halbes Jahr später zogen sie wieder um, nun in eine schöne neue Wohnung im großen Dorf, wo die Fabrik steht, in der Vater arbeitete.
Der Krieg hatte gewaltige Lücken in die Lehrerschaft gerissen, der Unterricht fand umschichtig statt, eine Woche vormittags, eine nachmittags. Mancher Pauker war als körperliches und seelisches Wrack von der Front heimgekommen, so wurden pensionierte Lehrer zurückgeholt wie der Oberlehrer mit dem gewaltigen Bauch. Böse Zungen behaupteten, er lasse, was die Schulleistungen der Bauernkinder anbetraf, für Butter oder ein Stück Speck mit sich reden. An seinem Schnurrbart erkannten die Schüler, dass es Nudelsuppe gegeben hatte, der Oberlehrer liebte Suppen mit dünnen Nudeln über alles. Erwischte er Schüler beim Schwätzen oder ohne Hausarbeit, schlug er mit dem Zeigestock auf die ausgestreckten Handflächen, das brannte höllisch. Beim Sprechen versprühte er feine Tröpfchen wie Mutters Parfumzerstäuber, Fritz war froh, nicht in der ersten Bank zu sitzen. Einmal hatte der Junge den Zerstäuber mit Wasser gefüllt und gesagt, es rieche noch ein wenig, wenn man ganz fest schüttle. Mutter hatte ihm ein wehmütiges Lächeln geschenkt.
Den Oberlehrer kümmerte es nicht, dass ihn niemand mochte, solange man ihn als Schulleiter respektierte und er seine Nudelsuppe bekam. Wie er zu der hübschen Tochter kam, war allen ein Rätsel, die Mutter hatten sie nie zu Gesicht bekommen. Mathilde ging in die gleiche Klasse, war Fritz’ erste Liebe, wusste aber nichts davon und er war zu schüchtern, es ihr zu sagen, war auch nicht der einzige Verehrer. Und so wie er Wettkämpfen aus Scheu sich zu blamieren aus dem Wege ging, hätte er sich auf keinen Konkurrenzkampf um das Mädchen mit den dunklen Augen und schulterlangen Haaren einlassen.
Nach dem Unterricht stellten sich die Schüler in Zweierreihen im Gang auf, warteten, bis der Oberlehrer rief: „Heil…“, und sie schreiend ergänzten: „… Hitler!“ Er öffnete das Tor, sie stürmten die Steintreppe hinab in die Freiheit. Bei Fliegeralarm – Fritz konnte sich nicht erinnern, dass die Sirenen je den Unterricht unterbrochen haben, als hätte die Schule mit den Bombern ein Abkommen geschlossen, zur Schulzeit keinen Angriff zu fliegen – hetzte Mutter mit den Kindern zum Felsstollen am Eingang des Tals. Obwohl sie die Strecke im Eiltempo bewältigten, brauchten sie eine halbe Stunde. Eine Behelfsbrücke aus Holz überquerte das Tal, tief unten schäumte der Bach, Fritz schaute nicht hinab, ihm wurde schwindlig. Der Mutter erging es, gestand sie später, nicht anders, ließ es sich aber nicht anmerken. Schienen führten über die Brücke, Fremdarbeiter schoben Loren mit Gestein aus dem Stollen, kippten sie auf der anderen Talseite den Abhang hinunter. Den Schienen entlang patrouillierten Soldaten mit umgehängtem Gewehr. Schaffte es Mutter nicht, den Kinderwagen mit der Jüngsten und dem Rucksack über die Schienen zu heben, half ihr ein junger Pole. Einmal steckte sie ihm Zigaretten zu, weiß Gott, wo sie diese aufgetrieben hatte, Vater war selbst leidenschaftlicher Raucher.
Ein Bewacher hat es bemerkt, riss dem armen Kerl die Packung aus der Hand, ein zweiter Soldat brüllte Mutter an, das Gewehr im Anschlag: „Wenn Sie das nochmal versuchen, kommen Sie ins KZ!“
Die Mutter zuckte zusammen, Fritz konnte sich unter ‚Ka-Zet’ nichts vorstellen, doch das seltsame kurze Wort hatte einen bedrohlichen Klang. Die Soldaten waren aus dem Norden des Reichs, sprachen wie die Familie im Nachbarhaus. Erreichten sie endlich den Stollen, der als Luftschutzraum diente, hatten die silbrig glänzenden Bomber das Tal fast überquert, der Wind zerzauste ihre Kondensstreifen. Damals konnte der Bub nicht ahnen, dass Jahre später noch sein Herz beim Brummen viermotoriger Flugzeuge schneller klopfen würde. Der Stollen war etwa vierzig Meter unterhalb des Waldbodens ins Schiefergestein getrieben worden. Im rückwärtigen Teil lagerten Ersatzteile für Messerschmitt-Jäger, wie ihm Vater lange nach dem Krieg erklärte, deshalb die strenge Bewachung. Auf die Frage, warum die Alliierten den Industrieort nie bombardiert haben, wusste er keine zufriedenstellende Antwort.
Die Erwachsenen sprachen vor den Kindern nicht darüber, dass der Krieg verloren sei, doch so ganz blieb ihnen das Geraune nicht verborgen. Die Reaktionen der Großen waren unterschiedlich: Die einen hatten Angst vor dem Ende des Krieges, die Propaganda hatte mit der schrecklichen Rache der Sieger gedroht; die anderen waren erleichtert über das absehbare Ende des Schreckens. Es hieß, die Amerikaner würden einmarschieren und Fritz buddelte mit dem Freund vor dem halb fertigen Neubau gegenüber ein Loch, das sie mit Brettern abdeckten und Erde draufschaufelten. Nun mochten die Amis kommen mit ihren Panzern. Als sie wirklich anrückten, wurde eine Ausgangssperre verhängt, Fritz guckte zwischen den Spalten der Balkonbretter durch, konnte nichts sehen, hörte nur das Brummen von Autokolonnen und das Mahlen von Panzerketten, vertraute Geräusche. Die Sieger beeindruckten ihn, als er das erste Mal welche erblickte, durch ihre Lässigkeit: GIs ließen ein Bein über den Einstieg der Lastwagen mit dem weißen Stern baumeln, fast alle kauten Gummi.
Fritz’älteste Schwester, die in Berlin beim BdM gewesen war, staunte. „Was, diese quatschenden und lachenden Männer haben unsere zackige Wehrmacht besiegt?“
Enttäuschend kurze Zeit fiel der Unterricht aus. Im Klassenzimmer fehlte lediglich das Bild des Führers, an seiner Stelle hing ein Kreuz. Der helle Fleck unter dem Kruzifix war lange zu erkennen. Beim Aufstellen in Zweierreihen nach dem Unterricht grölten sie nicht mehr „Heil Hitler!“, sondern machten ein Kreuzzeichen und riefen, sobald der Oberlehrer ein kurzes Gebet gemurmelt hatte, im Chor: „Amen!“
Die Änderungen in der Schule hielten sich also in Grenzen, zu Hause änderte sich vieles. Ihre Wohnung, die sie erst vor einem halben Jahr bezogen hatten, wurde für amerikanische Offiziere beschlagnahmt.
„Wir müssen in fünf Tagen draußen sein“, stellte Vater beim Essen fest. „Also wieder umziehen ...“
„Und weißt du schon wohin?“, fragte Mutter, als sie glaubte, die Kinder seien außer Hörweite.
Fritz hatte sich unter dem Schreibtisch versteckt. Er sah, wie Vater den Kopf schüttelte. Aber irgendwie hatten es die Eltern doch geschafft, obwohl es keine Wohnungen gab und selbst die Baracken – im Krieg Unterkunft für Fremdarbeiter – mit Flüchtlingen überbelegt waren. Die Firma überließ ihnen das Büro in der Lagerhalle, das in aller Eile hergerichtet wurde. Weder ein Lastwagen noch Benzin war aufzutreiben, so karrten sie die Möbel mit einem großen Leiterwagen der Fabrik zum Lagerhaus. Eifrig half Fritz beim Aufladen der Möbel und beim Schieben des Leiterwagens durchs Unterdorf, dreimal machten sie Tour. Lieber wäre er in der neuen Wohnung geblieben und hätte die Umgebung erkundet. Innerhalb des hohen Maschendrahtzauns standen Schuppen und überdachte Regale mit Rohren, Metallteilen und Behältern, es gab viel zu erforschen und unzählige Versteckplätze, er war zufrieden mit dem Tausch. Die Lagerhalle war unglaublich lang, er brauchte auf dem Weg am Zaun entlang von einem Ende zum anderen vier Minuten. Anfangs waren sie ganz allein, dann wurde eine Art gemauerte Baracke in der Nachbarschaft gebaut und Fritz bekam Freunde. Die Buben schlossen Wetten über die Zahl der dunkelroten gebrannten Dachziegel ab, die Schätzungen schwankten zwischen tausend und zehntausend. Ein Lagerarbeiter meinte, es seien eher Zehntausende. Gegen Abend, wenn das Lagertor versperrt war – sie hatten das Loch im Maschendrahtzaun erweitert, machten es später wieder zu, man merkte es kaum –, saßen sie hinter einem Bretterstapel und schwätzten über Gott und die Welt, ignorierten die Rufe der Mütter, hier fand sie niemand. Die rote Ziegelmauer strahlte die gespeicherte Sonnenwärme ab.
Die Ferien gingen zu Ende, Fritz freute sich auf die Schule und verdrängte, dass es bis zu den Weihnachtsferien Monate dauern würde. Der neue Lehrer hatte einen noch längeren Schnurrbart als der Oberlehrer, war aber mager, offenbar kein Nudelsuppenfreund. Im Singen gab er mit der Fiedel den Ton an, spielte Lieder vor, bestrafte Schwätzen oder falsches Singen mit einem Schlag des Bogens auf die Finger. Er schlug nicht fest, Bögen und Pferdehaare gab’s nur auf dem Schwarzmarkt. Auch der dicke Pfarrer mit den Stoppelhaaren – für Fritz war Religion etwas völlig Neues – war beim Austeilen von Kopfnüssen nicht kleinlich. Körperliche Züchtigung gehörte zur Schule wie das stumpfsinnige Wiederholen von Merksätzen im Chor.
Nach dem Unterricht liefen die Buben zum Bäcker, bettelten um Brot. Schweigend schnitt der Meister dicke Scheiben ab, reichte jedem Kind eine. Kam seine Frau und wies ihn mit schmalem Mund zurecht, jetzt sei es aber genug, schaute er sie an und schnitt weiter, als hätte sie nichts gesagt. Das warme weiche Brot schmeckte herrlich, Fritz machte kleine Bissen und kaute langsam, damit er länger hatte. Der Hauserbäcker gab jedem Kind, das bettelte. Ihm wurde kein Denkmal errichtet oder zumindest eine Tafel am Haus angebracht: ‚Hier lebte ein wahrer Christ.’
Am Anfang und Ende der durch das Dorf führenden Hauptstraße standen Zelte der Besatzungsmacht, wer rein oder raus wollte, brauchte einen Passierschein. Mutter hatte keinen, war mit zwei Kindern zum Hamstern in die Nachbardörfer unterwegs. Der Posten zeigte auf den Sportwagen, in dem Rucksack und Regenzeug lagen – der Volksempfänger hatte ein Gewitter angekündigt –, brabbelte etwas, das sich anhörte, als kaute er einen Apfel, deutete mit gekreuzten Händen an, was passieren würde, erwischte man sie. Das Englisch der Mutter beschränkte sich auf ein entschiedenes „No!“.
Der Weg zum nächsten Ort auf der anderen Talseite zog sich. Mutter hatte eine Bekannte in der Marmeladenfabrik, bei ihr erwarb sie drei Becher Kunsthonig. Zurück mussten sie einen anderen Weg nehmen, die Kontrolle hätte den Honig beschlagnahmt und Mutter bestraft. So tippelten sie auf der Nordseite den staubigen Weg heimwärts, rasteten zweimal im Schatten eines Baums. Die Wasserflasche war längst leer.
Das Zeltlager der Amis am nordwestlichen Ortsrand zog die Buben wie ein Magnet die Eisenfeilspäne an, vor allem das Küchenzelt, aus dem es herrlich duftete. Auf dem Platz vor dem Lagertor fanden sie Zigarettenkippen, Fritz sammelte wie die anderen, leerte den Tabak in eine Schachtel. Nach Wochen war sie halb voll, er stellte sie auf den Schreibtisch, wartete, bis Vater vom Dienst kam. Doch beim Abendessen, Kartoffeln mit Salz und ein Hauch Butter, verlor er kein Wort. Kaum waren sie fertig, sagte er: „Komm, wir beide haben etwas zu besprechen!“
Der Klang seiner Stimme war anders als erhofft, die ältere Schwester flüsterte: „Wieder was ausgefressen?“
Auf dem Eichenschreibtisch lag die Schachtel. „Woher hast du den Tabak?“
Fritz berichtete. Die senkrechte Falte zwischen den Augen vertiefte sich.
„Ich soll rauchen, was andere im Mund hatten und weggeworfen haben?“
Das tat weh.
„Nimm das Zeug!“
Zögernd ergriff es der Bub.
„Komm!“Vater ging zur Toilette, deutete auf das Klosettbecken. „Leere es rein!“
„Aber …“
„Schütte es rein!“, wiederholte Vater in einem Ton, der keinen Widerspruch duldete. Fritz kippte den Tabak aus. „Jetzt zieh!“
Er zog die Kette, das Wasser spülte weg, womit er dem Vater eine Freude bereiten hatte wollen. Tränen brannten in den Augen, er konnte kaum was sehen. Vater setzte sich an den Schreibtisch, machte eine Handbewegung zu den Stühlen, die um den Ausziehtisch standen.
„Du hast es gut gemeint, ich weiß.“ Nach einer Pause fügte er schwer atmend hinzu: „Aber nimm mir nicht das letzte bisschen Stolz!“
Fritz schluckte.
„Ich glaube, du hast verstanden.“ Er stand auf, strich dem Jungen über den Kopf.
Vater liebte seine Kinder, hielt aber nichts davon, die Entwicklung von Selbständigkeit zu fördern, das untergrabe die Disziplin. Ihm waren vorlaute Kinder ein Gräuel und das Ergebnis lascher Erziehung. Bei ihm hatte alles in geordneten Bahnen zu verlaufen, wenigstens zu Hause sollte Ordnung herrschen, wenn schon halb Europa in Trümmern lag und überall Chaos herrschte. „Ordnung ist das halbe Leben“, pflegte er zu predigen. Bereits dessen Vater hatte es ihm eingebläut und so sollte es weitergehen, Generation für Generation. Ob er seine Ansicht revidiert hätte, wenn er vorausgesehen hätte, wie schnell sich die Welt verändern würde? Ein Spiegelbild seines Ordnungsfimmels war der Schreibtisch mit den parallel ausgerichteten, sorgfältig mit dem Taschenmesser gespitzten Bleistiften in der Schale aus schwarzem Stein, ansonsten war die Platte bis auf Löschwiege und Briefbeschwerer leer. Regelmäßig eine Stunde vor Rückkehr Vaters vom Dienst begann das große Aufräumen. Er sprach nie von Arbeit, der Begriff Job war unbekannt, er hätte ihn ohnehin nicht benützt. Dienst war mehr als Geld verdienen, bedeutete Treuepflicht dem Dienstherrn gegenüber und Pflichtbewusstsein. Mutter stand den Kampf, der das Aufräumen jeden Tag kostete, durch, um das die Kinder ängstigende Gebrüll des müden heimkehrenden Familienoberhaupts zu vermeiden. Spielzeug, das herumlag, brachte ihn in Weißglut, alle fürchteten seinen Zorn.
Als Fritz Bruno, dem Freund aus Litauen, vom ins Klo gespülten Tabak erzählte, nickte er.
„Hätte mein Vater genau so gemacht.“
Die vor den Russen geflohene Familie wohnte in einer Baracke zwischen Fabrik und Lagerhalle. Bruno hatte die Aufnahmeprüfung ins Realgymnasium ebenfalls geschafft, ging in die gleiche Klasse. Bei den Litauern roch es nach Mottenpulver und gekochtem Kraut, manchmal bekam Fritz einen Teller Krautsuppe. Zweimal im Jahr wurden die Baracken ausgegast, vorher wurden Fenster und Türen mit Klebestreifen abgedichtet, an den Türen klebten Zettel: ’Achtung Gift! Wanzenbekämpfung.’ Hinterher roch es tagelang scharf und süßlich.
Brunos Eltern schickten ihren Ältesten in die Dörfer der Umgebung zum Betteln um Milch. „Willst du nicht mitgehen?“, fragte Brunos Mutter den Freund.
Das Nachbardorf war drei Kilometer entfernt, das nächste zwei weitere und rechnete man die Wege zu den abgelegenen Höfen hinzu, tippelten die beiden zwei- oder dreimal pro Woche zehn bis zwölf Kilometer. Fritz, der im Geschäft wartete, bis man ihn fragte, was er wolle, beim Friseur andere vorließ, weil er zu schüchtern war, zu sagen, jetzt sei er an der Reihe, scheute sich, zu klopfen und zu bitten: „Können Sie uns bitte ein bisschen Milch geben?“ Ließ er aber Bruno fragen, schöpfte die Bäuerin ihm in die Kanne und er ging leer aus. Der Gedanke an die traurigen Augen der Mutter spornte ihn an, seine Befangenheit zu überwinden.
Bruno und Fritz, die nicht selten miteinander rauften, wobei Fritz regelmäßig den Kürzeren zog, waren sich in dem Punkt einig, dass die Bauern mit den meisten Kühen die größten Geizhälse waren. Ein Großbauer öffnete nach mehrmaligem Klopfen, brummte unwirsch: „Mir ham selber nix!“, und schlug ihnen die Tür vor der Nase zu. Durch das Fenster hatten sie beobachtet, dass vor Bauersleuten und Gesinde zwei Schüsseln mit Knödeln standen, ein riesiger Brotlaib auf dem Tisch lag, ein Klumpen Butter auf einem Teller. Offenbar hatten die bettelnden Jungen beim Tischgebet gestört. Die kleinen Bauern gaben immer was, auch der Bäcker im Ort spendierte eine Scheibe Brot, das sie heißhungrig verschlangen, während sie die Milch nach Hause trugen.
Fritz war zu müde, um Hausaufgaben zu machen, für Bruno gab’s kein Entrinnen: Im einzigen Wohnraum mit dem eisernen Bullerofen in der Mitte hielten sich Mutter, Großmutter, der Onkel mit Monokel und Spazierstock, den ein elfenbeinerner Knauf zierte, sowie der kleinere Bruder auf. Brachte Bruno eine Fünf nach Hause, setzte es Prügel. Sein Vater, Tischler in der Fabrik, war ein ruhiger Mann, schrie nie, schlug nie Türen zu, Fritz merkte ihm nicht an, wenn er zornig war. Hatten Bruno und sein Bruder Rimkus etwas angestellt, stellte er kurze Fragen, die Fritz ebenso wenig verstand wie die Antwort, verabreichte beiden eine Ohrfeige, dass sie gegen die Wand taumelten. Der Besucher wusste nicht, wohin schauen, es war ihm peinlich, Zeuge der Strafaktion zu sein.
Es war Spätherbst und kalt geworden, Bruno und Fritz nahmen nach der Betteltour die Abkürzung über die Felder. Schwarze Wolken verdunkelten den Himmel, heftiges Schneetreiben setzte ein, sie konnten keine fünf Schritte weit sehen. Erschöpft duckten sie sich unter einen Busch. Bruno, ein Jahr älter und robuster, murmelte: „Wir erfrieren, wenn wir bleiben. Du wartest hier, ich hole Hilfe.“
Fritz wollte nicht allein bleiben, fürchtete, selbst wenn Bruno durchkam, würde man ihn nicht finden. Er rappelte sich auf. „Ich gehe mit.“
„Du bist zu langsam, das schaffen wir nie.“
„Ich kann so schnell laufen wie du!“ Angst mobilisierte seine letzten Kräfte und als endlich im Wirbel der Flocken die Umrisse der Lagerhalle auftauchten, kam es ihnen wie ein Wunder vor.
Fritz’ Vater hatte den Litauern vorgeschlagen, einen Suchtrupp zu organisieren. Brunos Vater hatte ihn beruhigt: „Der Junge ist zäh, hat schon andere Dinge überstanden!“
Diesmal wurde Bruno nicht bestraft. Im Frühsommer wanderte die Familie nach Amerika aus, der glatzköpfige Englischlehrer schenkte ihm eine Drei. Das fand Fritz nicht gerecht, er musste hier bleiben und ihm schenkte der Glatzkopf nichts.
Föhn stürmte von den Bergen, die Temperatur schnellte nach oben, die Leute waren gereizt. Zu fünft liefen sie zur Krähenhütte am Rand eines kleinen mit Schilf bestandenen Sumpfes. Der Wind heulte um die Hütte, sie zogen die Tür zu. Kurt erklärte, die Jäger schießen aus den schmalen Luken auf Krähen, die in den kahlen Bäumen hocken. Die Jungen saßen auf der Bank an der Wand, unter ihnen war ein Malergeselle. Plötzlich hatten drei ihr bestes Stück in der Hand und begannen um die Wette zu masturbieren. Der viel ältere Geselle machte mit, hatte den größten Penis. Fritz als Spätzünder war das unangenehm, er wusste nicht, wo hinsehen, ging vor die Hütte.
Die Zeit der Märchenbücher war vorbei, Karl May, Wildwesthefte und Romane waren an der Reihe, manchmal ging ein Buch mit schlüpfrigen Bildern reihum. Bald las Fritz, was ihm unter die Finger kam, nur Gedichte mochte er nicht, das strenge Versmaß ließ wenig Raum für die Fantasie. Er las im Bett, im Zug und im Schwimmbad, lesen wurde zur Leidenschaft. Für sein Alter wusste er eine Menge, aber es war unsystematisch angelesenes Wissen, dem eine solide Grundlage fehlte. Kostbarkeiten lagerten neben Gerümpel, es war ein wildes Durcheinander, das darauf wartete, geordnet, ergänzt oder aussortiert zu werden.
 
 
4. Projekte
Abgeschlossene Projekte:
"Grenze im Nebel" (lieferbar, s. Bestellung)  
"Notizen aus Russland (lieferbar, s. Bestellung)  
"Dorfgeflüster", wird im Herbst 2012 veröffentlicht, Leseprobe 1. Kap.: Kindheit im Dorf
"Finnische Träume", Roman einer romantischen Liebe um ein Tabu, fertig gestellt, noch nicht angeboten;
a) abgeschlossene Aufgabe fertig
1) "Grenze im Nebel"   Kurzinhalt: Hannes, ein Träumer, gewinnt die Liebe Maids aus dem Moorland, wo Wochen wie Tage vergehen, die Natur noch heil ist. Er wird zum aktiven Naturschützer, kundschaftet Fabriken aus, führt Aktionen durch. Das Leben zwischen zwei Welten ist aufreibend und gefahrvoll; für Monate findet er bei Linda, einer Wirtin, Ruhe, muss weiter. Nach dem Boykott von Tankstellen wird er zusammengeschlagen, Maid rettet ihn. Ein Blick in die Zukunft wird ihm gewährt, er sieht, wie sich die Natur rächt.  
2) "Notizen aus Russland" (lieferbar, s. Bestellung): Die 69 Kurzgeschichten schildern das Land aus der Sicht eines Westlers, der oft dort war, sich den Menschen gegenüber offen verhielt. Das spürten sie, er kam an sie ran, erhielt Informationen, die andere nicht bekamen. Manchmal kam er in eine Stadt oder betrat ein Haus und eine Vorahnung sagte ihm, es wäre besser umzukehren – er hat es nie getan, ist eingetaucht in die andere Welt. - Russland ist ein von Widersprüchen und Gegensätzen geprägtes Land, vieles kommt westlichen Beobachtern skurril vor. Andrej Bitow hat „…das Absurde (als) die traditionelle, sich ununterbrochen fortsetzende russische Kultur (bezeichnet), die schon immer unter unvorstellbaren Bedingungen existiert hat.“ Die Geschichten beruhen bis auf drei auf eigenen Erlebnissen und Beobachtungen; die ersten spielen in der Sowjetunion, als der rapide Wandel nicht vorauszusehen war, die anderen im "neuen alten" Russland. Offizielle Feiern zeigen, Vergangenheit lässt sich nicht abstreifen wie ein Hemd, sie hat Mentalität und Verhalten geprägt. Ein Wiener Sprichwort kennzeichnet manche der Kurzgeschichten: 'Die Lage ist hoffnungslos, aber nicht ernst.'
3) "Dorfgeflüster"  (Arbeitstitel), erscheint im Herbst 2012; 
Exposé: Das Heulen der Sirenen, das Bellen der nahen Flak, das tägliche Rennen in den Luftschutzkeller – Angst prägt den kleinen Fritz. Die Familie entkommt der Bombenhölle Berlins, Vater wird Chemiker in einer österreichischen Schmuckglasfabrik. Der Junge erlebt Kriegsende und Besatzung in einem Industriedorf, sammelt bei den Amis Zigarettenkippen auf, Vater weist ihn an, den Tabak ins WC zu spülen. Nach der Schule bettelt Fritz mit anderen Buben beim Bäcker um Brot, in umliegenden Dörfern um Milch, muss seine Schüchternheit überwinden. - Mit Spielkameraden verspottet er Franzl, den behinderten illegitimen Enkel des Unternehmers; Gerüchte über ihn erregen Fritz’ Neugier, er fragt Leute aus, Vater verbietet es. Er rebelliert gegen die autoritäre Erziehung zu Hause und in der Schule, schwänzt, haut ab. - Der Export von Glasschmuck floriert, die Fabrik dehnt sich aus, verändert das Gesicht des Dorfs, beherrscht das Dorfleben. Fritz will sich der Vereinnahmung entziehen, studiert Maschinenbau, bricht ab, als er merkt, dass ihn der Mensch hinter der Maschine mehr interessiert als der Apparat. Er arbeitet in der Glashütte und in der Bibliothek, findet Belege, dass an den Gerüchten über Franzl und dessen Vater etwas dran ist. Das Leben in den Tag hinein endet jäh, als er das Mädchen mit den traurigen Augen wieder trifft, sich verliebt. Sie heiraten, er schafft das Studium in kürzester Zeit, wird Assistent, gerät an einen autoritären Professor, einen Ausbeuter. Er bewirbt sich beim Fernsehen, verwirklicht seinen Jungendtraum, wird Journalist. Der Job bringt Abwechslung und Spannung, Stress und Intrigen. Fritz recherchiert für einen Film über die Fabrik, findet heraus, dass Franzls Vater ums Erbe geprellt wurde; die Produktion des Films wird ihm untersagt. Später erfährt er, dass der Schwiegersohn des Unternehmers dahinter steckte; er war es, der einen ehemaligen Polizeioffizier beauftragt hat, in der Firma ein Spitzelsystem aufzubauen. Fritz gelingt es, die fehlenden Dokumente zu beschaffen, kann Franzl und dessen Stiefbruder zu ihrem Recht verhelfen. Nach Intrigen und eigenen Fehlern kommt er beruflich in Bedrängnis, gleichzeitig droht die Familie zu zerbrechen. Er wird in die Abteilung Wissenschaft versetzt, dreht in den Kanälen Wiens einen Film über Ratten.
"Finnische Träume" , ein zarter Liebesroman um ein altes Tabu; fertig gestellt, noch nicht angeboten;
5) "Straße der schwarzen Witwen", humorvoller Kriminalroman, fertig gestellt, noch nicht angeboten;
b) in Arbeit befindliche Aufgabe begonnen
"Geliebte Russin" , realistischer Liebesroman, der zum großen Teil in Russland spielt, begonnen;
5. Autorenvita
Sein erster Roman "Grenze im Nebel" ist unter dem Pseudonym Karl S. Friedrich erschienen. Sein langjähriges Interesse an ökologischen Fragen war der Antrieb für den Roman „Grenze im Nebel“, dem Kampf gegen die Zerstörung der Umwelt gewidmet. Friedrich Schmidt ist in Berlin geboren, in Österreich aufgewachsen, arbeitete nach dem Studium in München, Innsbruck und Wien (Dr. rer. pol.) beim ORF in Wien als Fernsehjournalist (Politik und Zeitgeschehen), wo er sich u. a. für den Natur- und Umweltschutz einsetzte. 1972 wurde er an die Fachhochschule Kiel berufen, hat am Fachbereich Soziale Arbeit und Gesundheit Politologie und Medienpädagogik gelehrt sowie dort das Institut für Medienpädagogik eingerichtet. Er hat maßgeblich den Studiengang "Multimedia" (jetzt "Medien") ,it aufgebaut sowie einen praxisbegleitenden Studiengang "AV-Journalismus" zusammen mit privaten Rundfunk- und Fernsehsendern installiert, der aus Geldmangel auslief.
graphic Im Rahmen der Professur hat er viele Jahre lang Projekte im Norden Russlands und in Zusammenarbeit mit anderen Gebieten Russlands, z. B. mit der Republik Burjatien in enger Zusammenarbeit mit deutschen und russischen Praxiseinrichtungen koordiniert. Im EU-Projekt für Archangelsk arbeitete er auch mit englischen und spanischen Hochschulen bzw. sozialen Einrichtungen zusammen. Die Pomoren Universität Archangelsk hat ihm für den Aufbau der Fakultät Soziale Arbeit das Ehrendoktorat Dr. h. c. verliehen.
graphic Bild bei der Dankesrede in Archangelsk.
Die „Notizen aus Russland“ umfassen 69 Kurzgeschichten über das Land der Extreme. Schmidt schöpfte hierfür aus persönlichen Erfahrungen und Beobachtungen vor Ort. Er ist verwitwet und hat vier erwachsene Kinder, lebt in Schleswig-Holstein und Westösterreich.
Weitere Buch-Projekte siehe dort: a) abgeschlossene und b) in Arbeit befindliche.
6. Presse
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Produktinformation: Notizen aus Russland (Kurzgeschichten) von Friedrich Karl Schmidt Verlag: Books on Demand, Norderstedt 2010, Taschenbuch, 288 Seiten, ISBN 978-3- 8391- 6869-1, Preis: EUR 16,80
Kurzbeschreibung: Die Notizen aus Russland spiegeln die Zusammenarbeit mit Institutionen eines Imperiums voller Gegensätze. Was westlichen Beobachtern oft skurril vorkommt, ist für Russen normal. Die Kurzgeschichten beruhen bis auf wenige Ausnahmen auf eigenen Erlebnissen, schildern das Land aus der Sicht eines Westlers, der oft dort war, die Sorgen und Nöte der Menschen ernst nahm, der ihre Traditionen ebenso akzeptierte wie ihre Eigenheiten, ihre Lern- und Improvisationsfähigkeit schätzen lernte. Es sind komische, groteske, lustige, bittere, manchmal peinliche, selten tragische Geschichten. Die ersten spielen in der Sowjetunion, als niemand eine schnelle Wende für möglich hielt. Das heutige Russland kann nur begreifen, wer die Sowjetzeit miteinbezieht; sie hat die Mentalität geprägt und das passive Hinnehmen von Anordnungen verfestigt. Etliche Geschichten gehen darauf ein, wie Bewohner des Riesenreichs versuchen, der Willkür der Behörden und der eigenen unverschuldeten Misere ein Schnippchen zu schlagen. Die Tristesse des Alltags war und ist oft nur zu ertragen, weil die Kunst, mit fast nichts eine Feier zu zaubern, hoch entwickelt ist. Wer Russland verstehen will, muss eintauchen in die andere Welt und sollte nie versuchen, sie nach westlichen Maßstäben zu messen und zu beurteilen. - Die Geschichten sind eine praktische Einführung in die manchmal schwer nachzuvollziehende russische Mentalität.
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Siehe auch "INFO SOZIAL", Rezessionen; http://www.info-sozial.de
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Karl S. Friedrich (Pseudonym): Grenze im Nebel“, Books on Demand, Norderstedt 2005, ISBN 3-8334-3102- 4.
Kieler Nachrichten, 14. Juni 2006
NORDWORT Karl S. Friedrich (Pseudonym) ist Professor im Bereich Sozialwesen der FH Kiel. Mit Grenze im Nebel (Books on Demand, 288 Seiten, 16,80 Euro) gibt er jetzt sein Debüt als Autor. Der phantastische Roman dreht sich um den Journalisten Hannes, der im Moorland Maid und die Natur lieben lernt und aktiver Naturschützer wird: Die Geschichte eines aufreibenden Lebens zwischen zwei Welten.                  kn
Kieler Nachrichten, Fleethörn 1- 7, 24103 Kiel. Tel. 0431/ 9032890, Fax 9032896, E- mail: kul.red@kieler- nachrichten.de
Pressetext (BoD): "Die Liebenden im Moorland" 
Darauf wartet die deutschsprachige Literaturszene schon lange: Mit seinem belletristischen Erstlingswerk „Grenze im Nebel“hat Karl S. Friedrich (Pseudonym für Friedrich Karl Schmidt) ein neues Genre erschaffen: den „romantischen Öko- Thriller“. Hannes ist ein Eigenbrötler, er meidet die Gesellschaft von Menschen, die ihn langweilen. Auch von der Ehefrau entfremdet, zieht er sich immer häufiger und länger in eine Traumwelt zurück. Dort im Moorland, wo eine andere Zeitrechnung herrscht und die Natur noch unversehrt ist, gewinnt er die Liebe Maids und verbringt harmonische und sinnliche Wochen. Das Verantwortungsbewusstsein für eine gesunde Umwelt holt den Träumer jedoch in das reale Leben zurück. Der sozial engagierte Industrielle Kern, inzwischen Initiator einer radikalen geheimen Umwelt- und Naturschützer- Organisation, erkennt Hannes’ Qualitäten und setzt ihn für seine Projekte ein. Hannes plant einen PR- Film für ihn und bespitzelt den Anti- Helden „Medienpaule“, einen skrupellosen und machtgierigen Medienmogul und Immobilien- Hai. Die Gefahr wird für Hannes immer größer, je offener er sich am Widerstand gegen umweltkriminelle Wirtschaftsunternehmen einsetzt. Nach dem Boykott von Tankstellen wird er zusammengeschlagen. Maid rettet ihn in seine Fantasiewelt. Sie und ihr Oheim gewähren Hannes einen Blick in die Zukunft, der zeigt, wie die Natur sich an der Menschheit rächt. Hannes’ Aufzeichnungen über die bedrohlichen Visionen überleben ihn und gelangen an eine Mitstreiterin in der Umweltschutzorganisation. - Das Motiv „die Natur schlägt zurück“, bewegt Leser und Leserinnen nicht erst seit dem Erfolg von Frank Schätzings „Der Schwarm“. Karl S. Friedrich schafft mit „Grenze im Nebel“ einerseits einen packenden Abenteuerroman mit Krimi- Elementen voller Brisanz und aktuellem Zündstoff. Andererseits bezaubert er durch die Magie des Moorlandes und seiner Einwohner. Ein neuartiger Erzählstil, der viele Anhänger gewinnen wird.
graphic Blick in den Wohld, Magazin Region Dänischer Wohld, Ausgabe Juni/ Juli 2008
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KN v. 19.08.2008
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7. Bestellung
"Grenze im Nebel" kann bei www.libri.de, www.buecher.de, www.amazon.de, www.BoD.de  oder im Buchhandel bestellt werden. Verlagsangaben: Karl S. Friedrich (Pseudonym), Grenze im Nebel, ISBN 3-8334-3102-4, Ladenpreis 16,80 Euro
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Die Sammlung von Kurzgeschichten "Notizen aus Russland" von Friedrich Karl Schmidt ' kann bei libri.de, buecher.de oder amazon.de oder in Buchhandlungen bestellt werden. Verlagsangaben: Friedrich Karl Schmidt, "Notizen aus Russland", Norderstedt 2010, 288 Seiten, Paperback, ISBN 978-3-    8391- 6891-1, Ladenpreis 16,14 €; Cover siehe Rubrik 'Notizen aus Russland'.  ____________________________
Einzelne Buchhandlungen haben das Buch lagernd z. B.:
Anke Petersen, Altenholz-Stift
Almut Schmidt, Kiel/ Friedrichsort  
Weiland, Buchhaus im Sophienhof, Kiel
8. Kontakt
Friedrich Karl Schmidt
Karl S. Friedrich (Pseudonym)
9. Rezensionen Entscheidung
"Notizen aus Russland":
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Notizen aus Russlands Nordwesten, 21. Juli 2010
 
Rezension bezieht sich auf: Notizen aus Russland: Kurzgeschichten (Taschenbuch)
Der Autor berichtet lebhaft und farbig in kurzen einprägsamen Geschichten über Episoden seiner über Jahre währenden Erlebnisse im Nordwesten Russlands. Der Leser kann nachvollziehen, wie schwer sich der Wandel von Sowjetunion zur Russischen Föderation in konditionierten Denkstrukturen zu behaupten versucht. Vieles allzu Menschliche illustriert das Leben abseits der Metropolen und weckt die Sympathie für einen aufgeschlossenen und freundlichen Menschenschlag. Der Leser findet ein leicht zu lesendes Buch, das ihm zugleich Zugänge zu einem Land öffnet, das vielen noch immer fremd ist. Neben vielen Analysen richtet es den Fokus auf den Menschen, der - so spürt man - stets der Mittelpunkt für den Autoren ist.
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Grenze im Nebel:
Kundenrezensionen Amazon.de
Durchschnittliche Kundenbewertung: 5.0 von 5 Sternen
5 von 5 Sternen
Phantastischer Roman mit hartem Bezug zur Realität, 19. November 2005
Rezensentin/Rezensent: schmidtschmidt aus Schleswig- Holstein Deutschland
Der spannend-romantische, sehr phantasievoll geschriebene Roman mit hartem Bezug zur ignoranten Wirklichkeit lässt einen eintauchen in eine völlig fremde und dennoch eigene Welt.
Manches Mal einem verbalen Hammerschlag ähnlich -  lässt einen die starke Sprache während des Lesens stutzen, aufschauen und an die immer wieder verpürte Ohnmachtsgrenze schreiender Unfassbarkeiten politischer und umweltvernichtender Klüngeleien stoßen, die jeder erahnt, zu kennen meint, und kaum auszusprechen wagt.
Der sooft zitierte erhobene Zeigefinger bleibt jedoch aus, man versinkt vielmehr mit der Hauptperson.
Diese denkt, philosophiert und handelt mit den Grundfesten der Menschlichkeit in einer Welt von Liebe und Korruption, Brutalität und dem von Sehnsucht geprägten surrealen Abenteuer zwischen den Welten.
Ein empfehlenswerter kurzweiliger Roman für Wirtschafts- Bosse und Politiker, dessen bildstarke Sprache sich im Sinne aller Folgegenerationen im Gehirn während des Lesens eingräbt und dort festsetzt...
Rezension libri.de
Kundenkommentare
Kampf gegen Umweltzerstörung von Eva Czechner, 11.12.2005
Ein spannend geschriebener Roman mit viel Phantasie. Das Thema ist höchst aktuell, intelligent verpackt und stimmt nachdenklich. Die augenblickliche Verharmlosung von Umweltzerstörung wird sachlich kritisch behandelt, fesselt aber dennoch den Leser nachhaltig.
Hannes, der Held des Romans, ist eine Figur, mit der sich der Leser in vielen Punkten identifizieren kann. Durchaus nachvollziehbar sind seine Beziehungen zum anderen Geschlecht, einfühlsam und romantisch gezeichnet. Ein fesselnder Blick in die Zukunft, der den Leser nicht los lässt. Ein sehr zu empfehlendes Buch, anspruchsvoll und interessant.
Rezension Katharina Klein, Kiel, 17.02.07:
"Ich habe das Buch gern gelesen. Es liest sich leicht; man muss sich einlassen auf Fantasie, Spannung und Horrorvisionen, packend zur aktuellen Klima- und Umweltdiskussion.
Ein gut zu lesendes Buch! Empfehlenswert! Es ist kurzweilig und spannend, aber auch in gewisser Weise bedrückend".
10. Links Beide Richtungen
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http://www.literaturcafe.de : Das Literatur-Café ist ein literarischer Treffpunkt im Internet und dient dem Meinungsaustausch aller an Literatur Interessierten.
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Zu den Aktivitäten des Autors in der Russischen Föderation bzw. Sowjetunion siehe: http://www.profschmidt.com  Daraus ist eine Sammlung von Kurzgeschichten hervorgegangenen, veröffentlicht unter dem Titel "Notizen aus Russland".
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http://www.regionen.ru ( s. Gebiet Archangelsk/ Bildung/ Pomoren Universität/ Fakultät Sozialarbeit)
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Hier werden Werke verschiedener Autoren vorgestellt.
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graphicDas Finanzplan-Team hat das Webprojekt 'Chefbuch' ins Leben gerufen. Es soll den Chefs dieser Welt helfen, mehr Gewinn zu erwirtschaften, im Chefalltag besser zu Recht zu kommen und dabei auch noch Spaß und Freude zu haben. Hier finden Sie alle Informationen zum Buch. ___________________________
graphicSylvia Wenig-Karasch, Arbeitslos - Die wichtigsten Schritte aus der Krise / Band 1, Die wichtigsten Schritte aus der Krise/Band 1, BoD-Verlag Norderstedt, ISBN 978-3- 8334- 6919-0, PB, 192 Seiten, 12,80
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Ja, ich lebe jetzt mein Leben!
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Paradisienne - Sagenhafte Geschichten
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