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Mit seinem belletristischen Erstlingswerk „Grenze
im Nebel“hat Karl S. Friedrich
(Pseudonym) ein neues Genre erschaffen: den „romantischen Öko- Thriller“.
....Mit gestrecktem Hals flatterten sie über den See, kreisten über das Schilf, ließen
sich nieder. Zögernd setzte die Dämmerung ein, nichts rührte sich, Moor und See
schienen zu schlafen. Da hörte er seinen Namen rufen, leise, aber deutlich...
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Die Sammlung von 69 Kurzgeschichten 'Notizen
aus Russland' von Friedrich
Karl Schmidt kann bei www.amazon.de, www.libri.de, www.buecher.de
oder
http://www.bod.de (Bestellzeit ca. 1 Woche) oder in Buchhandlungen (1 - 2
Wochen) bestellt werden. Norderstedt 2010, 288 Seiten, Paperback, ISBN 978- 3-
8391- 6891-1, Ladenpreis 16,80 €
Die 'Notizen' sind eine gute Einführung
in die nicht immer leicht zu verstehende
russische Mentalität. Umschlagbild siehe Rubrik 'Notizen aus Russland'.
darin: "Spiritus als Lebensretter":
... Eine norwegisch- sowjetische Expedition war
über 100 Jahre später mit Hubschraubern auf einer Insel des arktischen Archipels
gelandet. Mit Hilfe der Zeichnungen des Polarforschers Fridtjof Nansen fanden
sie.....
Über zwanzig Jahre Erfahrung in der
Zusammenarbeit mit Russland vgl. "Notizen
aus Russland" und unter "Studium Sozialarbeit in Archangelsk" in einer
Suchmaschine oder auf der Website http://www.profschmidt.com
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Karl S. Friedrich, „Grenze im Nebel,
Inhalt:
Im romantischen Öko-Thriller „Grenze
im Nebel geht es um Liebe und um den
Kampf gegen die Naturzerstörung. Hannes ist ein Träumer, der bei Nacht und
Nebel durch die Stadt läuft, sonntags durch die Wälder streift, mit Kindern ein Floß
baut, dem Trott im Büro und zu Hause entfliehen will. Auf seinen einsamen
Wanderungen lernt er Maid kennen und lieben, die ihn durch die Nebelgrenze ins
Moorland führt. Dort ist die Natur noch unversehrt und gilt eine andere Zeitrechnung:
Zwei Wochen dort sind in Wirklichkeit vier Monate.
Aufgerüttelt durch das Zerstören
natürlicher Lebensräume wird Hannes zum
Kämpfer und schließt sich den Radikalen Naturschützern an. Er kundschaftet
Fabriken aus, die giftige Substanzen in die Flüsse leiten oder durch den
Schornstein blasen; sein Gegenspieler ist ein skrupelloser Medienzar und
habgieriger Immobilienhai. Müde vom unsteten Leben zwischen zwei Welten findet
Hannes bei der Wirtin eines Landgasthauses Geborgenheit. Doch er muss weiter,
organisiert einen Boykott von Tankstellen, wird zusammengeschlagen.
Maid rettet und pflegt ihn im Moorland.
Er erkennt, das Paradies funktioniert nur,
weil die rigorose Geburtenkontrolle die Zahl der Bewohner konstant hält. Von
einem mysteriösen Berg aus sieht er in die Zukunft: Die Klimaänderung hat
Trockenheit und Verkarstung, Überschwemmung und ungenießbares Wasser zur
Folge, weite Landstriche werden unbewohnbar, die Natur rächt sich. Als er
absteigt, ist er ein alter Mann, legt mit letzter Kraft die ‚Erfahrungen aus der Zukunft
nieder.
„Grenze im Nebel ist ein packender
Abenteuer- und Liebesroman, der Krimi-
Elemente mit der Magie des märchenhaften Moorlandes verbindet.
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„Knarrend zerrte das Boot an der Kette,
Nebelschleier tanzten über den See.
Fröstelnd saß er auf einem umgestürzten Birkenstamm, das Schreien der
Wildgänse schreckte ihn auf. Mit gestrecktem Hals flatterten sie über den See,
kreisten über das Schilf, ließen sich nieder. Zögernd setzte die Dämmerung ein,
nichts rührte sich, Moor und See schienen zu schlafen. Da hörte er seinen Namen
rufen, leise, aber deutlich. „Hannes! Er spähte umher, fasste sich an die Stirn:
Halluzinationen, Fieber? Vor sich im Wasser bildeten sich konzentrische Kreise,
als hätte jemand einen Stein hineingeworfen. Die Oberfläche zitterte, als mühte
sich etwas, nach oben zu gelangen.
„
"In ihrer seelischen Not habe sie
gelernt, in sich hinein zu horchen: Nicht immer sei
die Melodie zu hören, aber es gebe eine. Der Großvater habe früher sein
dunkelbäuchiges Cello poliert, sie belehrt, es gebe Celli, die keine Seele hätten.
Bei den Menschen sei es ähnlich: Die meisten hätten eine Grundmelodie, nicht alle
hörten sie auch, aus manchen sei nicht mehr herauszuholen als Misstöne, etliche
blieben stumm."
„Unstet schweifte sein Blick durchs Zimmer,
während er die scharfen Kontrollen in
den Fabriken darstellte, die Kampagnen gegen die Organisation in den Medien,
die brutalen Methoden des Betriebsschutzes, das Hetzen gegen das Gesetz, das
Giftstoffe in der Fertigung verbot. Unversehens stöhnte Hannes auf, presste die
Fingerspitzen an den Kopf, fuhr über die Stirn, als wollte er einen Vorhang beiseite
ziehen. „Da war noch etwas, Gott, so hilf mir doch! Das Dunkel lichtete sich nicht,
die Gedanken verliefen sich, sobald er sie fassen wollte, Erinnerungen vermischten
sich mit Träumen. Er fühlte, etwas fehlte, das ihm im blinden Ablauf der Zeit
Geborgenheit und Halt geschenkt hatte.
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1.
Die spitzen Pfeile, getränkt mit
dem Gift fein dosierter Missachtung, fanden nach
Jahren noch ihr Ziel. Im Verlauf der ehelichen Dispute hatte Erika ihn einen
versponnenen Einzelgänger genannt, einen Mann ohne Durchschlagskraft und ohne
Ehrgeiz, der beruflich auf der Stelle trat, dem Anerkennung versagt blieb. Hatte sie
es anfangs umschrieben, weil offene Kritik nicht ihr Stil war, so wurde sie
deutlicher, als er wiederholt feststellte, der Bau der Schnellstraße sei nicht mehr
abzuwenden, die Vernichtung der Auen nicht aufzuhalten. „Du Träumer, du geißelst
mit Worten, ohne etwas zu tun ein Don Quijote ohne Pferd und Lanze.
Schweigend, mit unbewegter Miene nahm
er es hin, wunderte sich, dass das Gift
noch wirkte. Eine Stimme flüsterte: Hat sie nicht Recht, du grübelst und grübelst,
tust aber nichts? Die Kälte zu Hause und die Monotonie im Büro verstärkten den
Drang, sein Lebensschiffchen in andere Gewässer zu steuern Untiefen und Riffe
schreckten ihn nicht.
Es gab Anzeichen für eine Wende:
Die sich oft ins Unerträgliche steigernde Unrast,
verbunden mit einer Sehnsucht ohne Ziel, die wie eine Woge über ihm
zusammenschlug. In langen Märschen suchte er ihr zu entkommen. Glaubte er, ein
Ereignis bringe die Umkehr, musste er bald feststellen, wieder nichts. Im Kopf ging
ein Umschichtungsprozess vor sich, Gedanken und Erinnerungen ordneten sich
neu. Verwirrt merkte er, der Prozess lief ohne sein Zutun ab, das Bewusstsein war
nicht beteiligt. Mehr zu schaffen machte ihm der Druck, der sein Inneres wie ein
eiserner Reif umschloss, ihn einengte, dass er nach Atem rang. Der Hausarzt
konstatierte, das Herz sei in Ordnung, vermutete seelische Ursachen, empfahl
Doktor Waldmann, den Psychiater. Hannes zögerte, bis ihm Albträume so
zusetzten, dass er sich morgens zerschlagen fühlte. Der Psychiater machte ein
EEG: erhöhter Hirndruck, nichts Auffälliges. Sein Gehirn laufe ständig auf
Hochtouren, die Dauerbelastung lasse jeden Motor heißlaufen, führe zum
Kolbenfraß. Doktor Waldmann kaute auf dem Mundstück der kalten Pfeife herum,
fragte, ob Hannes nicht sagen wolle, was ihn belaste.
Er habe das Gefühl, antwortete dieser
zögernd, in seinem Kopf forme sich eine
eigene Welt, ein paralleler Gedankenkosmos, auf den er keinen Einfluss habe.
Aufmerksam betrachtete ihn der Seelenarzt über die Brillengläser, lächelte. „Wollen
Sie andeuten, nachts tröpfelten Informationen in Ihr Hirn wie durch einen Nürnberger
Trichter? Dann machte er ihm klar, das Gehirn könne riesige Datenmengen
speichern, aber nicht verarbeiten. Ob ers nicht mit dem Schlaflabor versuchen
wolle?
Hannes schüttelte den Kopf.
Das habe er vermutet, meinte der Arzt.
Die Dauerlast habe Auswirkungen auf die
Seele, zerfresse die Seele, führe zu einer Art Seelenkrebs, der das Ich zerstöre.
Der Psychiater bemerkte die abwehrende Haltung des Patienten.
„Psychopharmaka lehnen Sie ab, nehmen sie Johanniskraut, das beruhigt. Besser
wäre eine Therapie, aber sie setze die Bereitschaft voraus, den Therapeuten an
sich ranzulassen.
Der Psychiater hatte Hannes darin bestärkt,
seine Lebensweise zu ändern. Nur wie
den Kurs ändern, ohne das Ziel zu kennen? Seine Gedanken liefen im Kreis, er
hastete zwei Stufen auf einmal nehmend die Treppe hinunter, riss die Haustür auf,
lief an den Hausfronten entlang, bis ihn Seitenstechen zwang, in die normale
Gangart zu fallen. Er ahnte, das Laufen durch die nächtliche Stadt bei Nebel und
Regen war nicht nur Flucht vor der häuslichen Atmosphäre, sondern auch vor der
Kraft, die sein Bewusstsein ummodelte.
Von den Peitschenmasten flutendes Neonlicht
formte die s-förmige Straße zum
Lichterband. Scheinwerfer griffen nach der Fußgängerbrücke, ließen sie ins Dunkel
zurücksinken, fröstelnd stellte Hannes den Kragen auf. Er hasste die Umgebung:
Der Eingang zum Supermarkt mit der zuckenden Leuchtstoffröhre; der mit Graffiti
verschmierte Windschutz an der Busstation; die Telefonzelle mit dem Schild, der
Apparat sei mutwillig zerstört worden. Nach dem Einzug hatte er sich geschworen,
eine andere Bleibe zu suchen.
Kontakte mit Hausbewohnern mied er, hatte
der größten Klatschbase versichert, er
schätze Kaffeekränzchen oder bierselige Abende mit Leuten nicht, die immer die
Nadel in der gleichen Rille aufsetzen, ob eine Woche oder ein Jahr vergangen sei.
Die Schwätzerin hatte ihn nie wieder behelligt, im Haus grüßte man ihn merklich
kühler.
Die Einladung des Architekten, mit dem
er vor Monaten über die Flussverbauung
diskutiert hatte, überraschte ihn. Es komme, brüllte der Anrufer in den Hörer
Geräusche im Hintergrund wiesen auf einen Bauplatz hin , ein Anwalt aus
Übersee, der Umweltverbände verteidige. „Man rennen ihm die Bude ein, seit er
den Prozess gegen den größten Autokonzern gewonnen hat. Ein Fernsehredakteur
wird auch da sein.
In der Villa aus den Zwanziger Jahren
stellte der Architekt den auffallend mageren
Anwalt, den Journalisten und Hannes einander vor. „Redan hat Bücher über die
Zerstörung der Umwelt geschrieben, die international Beachtung gefunden haben.
Er ist in die USA ausgewandert, hatte genug von der klein karierten
Kultusbürokratie. Jetzt ist kämpft und schreibt er als Anwalt drüben.
Redan grinste. „Man merkt es meiner Aussprache
an, dass ich lange weg bin,
nicht? Trotz des Regens wollte er den Garten sehen. Unter den vor Nässe
triefenden Bäumen fragte er den Gastgeber, ob er noch Vorlesungen über
Städtebau halte.
„Das weißt du noch, Ralph?
Sie haben in Stockholm eine Tagung besucht, wo es
darum gegangen sei, dass sich in jeder Epoche die Psyche der Bewohner in der
Gestaltung der Stadt spiegle. „Das ist zehn Jahre her, fuhr der Architekt fort. Schon
damals hätten in Trabantenstädten Einsamkeit und Kontaktarmut dominiert.
Tausende Vorschriften regelten von der Geburt bis über den Tod hinaus alles,
schnürten kühnen Entwürfen die Luft ab. „Als könnten Shows und Erlebnisse aus
zweiter Hand urbanes Leben ersetzen. Ich ziehe Altbauten und knorrige Bäume vor.
„Wie passt das zusammen, fragte
der Journalist, „0815Bauten entwerfen und so
leben?
Der Jurist lächelte, als ahnte er
die Antwort. „Erwarten Sie, dass ich nach der Pfeife
des Geldgebers tanze und dies noch gern tue? Es dämmerte, er bat zum Tee in
den Wintergarten.
Redan, dessen scharf geschnittenes Gesicht
es erschwerte, das Alter zu schätzen,
schwieg meist.
Während der Architekt einschenkte
und Kuchen anbot, beobachtete Hannes das
von Furchen durchzogene Antlitz, die Einkerbungen in den Wangen und die
brennenden, tief in den Höhlen liegenden Augen Redans. Die anliegenden Ohren
und der in den Ecken schütter werdende Haaransatz machten den Schädel noch
schmaler. §Unvermittelt hob der Anwalt den Kopf, fixierte den Beobachter; seine
Lippen verzogen sich zu einem Lächeln, als hätte er gefunden, was er gesucht.
Hannes war froh, als der Architekt fortfuhr,
seine Psychologie des Städtebaus
auszufeilen. Es belaste die Bewohner, immer wieder mit der Nase darauf gestoßen
zu werden, in einem Gebäude zu leben, das Jahre nach dem Einzug aussehe, als
hätten die Geldgeber kurz vor Fertigstellung den Geldhahn zugedreht. Sei die
Umwelt nicht zu ändern, passe man sich eben an, nehme nur das Positive wahr:
Komfort, frische Luft, Sandkiste im Hof, den Stellplatz, um am Feierabend das
geliebte Vehikel zu wienern. „Einmal eingelebt lässt man nichts mehr über das
Milieu kommen.
„Genau!, rief der Fernsehjournalist,
dessen aufgedunsenes Gesicht die Vermutung
nahe legte, er habe den Kampf gegen den Alkohol aufgegeben. „Mein Film über
die Satellitenstadt hat das voll bestätigt. Nach dem Einzug hätten Mieter über
den
Mangel an Geschäften, Kindergärten, Spielplätzen und Handwerksbetrieben
geschimpft. Zwei Jahre später habe er erneut eine Reportage versucht:
Aufgebrachte Bewohner hätten sich der Kamera bemächtigen wollen und nur weil
der Kameramann geistesgegenwärtig aufs Dach des Kleinbusses geklettert sei
und weitergedreht habe, sei der Bericht möglich gewesen. Ein Mieter habe
geschrieen: „Wir haben es satt, uns im Fernsehen als Opfer der Wohnungspolitik
zu sehen! Wir leben nun mal hier, fühlen uns wohl! Eine Frau mit einem
greinendem Jungen habe gerufen, entscheidend sei, wie sie sich fühlten und nicht,
wie andere meinten, dass sie sich fühlen sollten. Nach fünf, sechs Stunden
Schuldienst, nerviger Schleichfahrt durch verstopfte Straßen freue sie sich auf ihr
Zuhause.
Der Anwalt fuhr zum Flughafen, Hannes
ging zu Fuß nach Hause, überlegte, ob die
Maschine im Nebel starten würde. Die wie glühende Kohlen in den Höhlen
liegenden Augen Redans ließen ihn nicht los. Gedankenverloren beobachtete er,
wie der Wind aus dem scharf umrissenen Lichtkegel der Straßenlampe
Nebelfetzen riss und die Lücke sich im Nu wieder füllte. Beim Weitergehen kam
ihm jener Sommerabend in den Sinn, als er schweißgebadet aus einem Albtraum
aufgeschreckt war: Auf allen vieren durch einen Stollen kriechend hatte er in der
Ferne Licht erblickt; der Gang war so eng geworden, dass ihn die Angst, verkehrt
zurückrobben zu müssen, aus dem Liegestuhl hochfahren hatte lassen. Nun konnte
er nach dem langen Marsch durch die Stadt eine ruhige Nacht erwarten.
Dröhnendes Gerassel weckte ihn, er
stürzte auf die Terrasse, sah einen Caterpillar
vom Tieflader rattern. Die Ketten stanzten tiefe Muster in die Wiese, quietschend
begann die Planierraupe die Erde aufzureißen. Hannes kam zu spät ins Büro,
missbilligend guckte der Oberingenieur, der ihn ohnehin nicht ausstehen konnte,
aus dem Glasverschlag. Zäh schlichen die Stunden vor dem Reißbrett und am
Bildschirm dahin.
Am Abend klafften breite Gruben, wo sich
gestern Gräser im Wind gewiegt hatten,
am Rand lagen meterhohe Erdhaufen. Hannes schaute durchs Glas zum Fluss, das
Wasser gleißte im Gegenlicht wie flüssiges Blei. Er schreckte zusammen, als ihn
Erika ansprach.
„Stundenlang starrst du zum Fluss! Du
triffst dich nie mit Freunden, sieht man von
Elmar ab. Sie bemerkte seine abwehrende Haltung, setzte schnell fort: „Du gehst
nie wie andere auf den Fußballplatz oder zum Golfen. Bist du schon immer ein
Eigenbrötler gewesen?
Auf die Diskussion wollte er sich nicht
wieder einlassen, sagte: „Am Ufer schlagen
sie markierte Pfähle ein, es geht los.
„Es stand vor Monaten schon in der Zeitung,
dass mit dem Bau begonnen wird.
„Ja gewiss, murmelte er. Seine Hoffnung,
das Land, das keine Mittel hatte, um
Lehrer modern auszubilden, das die Hochschulen verhungern ließ, werde auch das
Geld für den Bau überflüssiger Straßen nicht aufbringen, hatte sich als Trugschluss
erwiesen.
Es wurde allmählich wärmer,
er freute sich schon auf die Ausflüge in die
Umgebung, da erwischte ihn die Grippe. Im Bett hörte er das quietschende Mahlen
von Raupenketten, das zornige Brüllen von Motorsägen und der Wind trug das helle
Klingen von Axtschlägen heran. Trotz des nasskalten Wetters spazierte er, noch
wackelig auf den Beinen, zum Fluss. Planierraupen brachen durchs Unterholz,
walzten Erlen- und Weidenbüsche nieder, hinterließen breite Schneisen der
Verwüstung und Zerstörung. Auch im Krieg gegen die Natur kennt der Mensch kein
Erbarmen.
Sobald er hustete, durchzuckte ihn ein
stechender Schmerz, mit glühendem Kopf
schleppte er sich nach Hause, sank zähneklappernd ins Bett. Der Arzt
diagnostizierte Lungenentzündung. Im Fiebertraum weinte Hannes um die Bäume
in der Au, sprach mit dem Fluss wie mit einem Freund. Befremdet blickte Erika auf
ihn, überließ erleichtert der Pflegerin das Feld.
Nach drei Wochen stand er das erste Mal
wieder auf der Terrasse, beobachtete,
wie die Mischmaschine auf der Baustelle gegenüber Beton in den Kübel spie, der
Kran ihn hoch zog, schwenkte, herab ließ; Arbeiter mit gelben Helmen rissen den
Verschluss auf, Steine polterten gegen die Schalbretter. Hannes nahm das
Fernglas: Am Flussufer kippten Staubfontänen nachziehende Lastwagen Schotter
aus. Flussabwärts detonierten Sprengladungen, der Rauch des brennenden
Astwerks stieg auf.
Am Sonntag radelte er zur Baustelle: Kein
Baum mehr, der den Vögeln Schutz bot;
kein Busch, unter dem sich ein Kaninchen verkriechen konnte; kein Schilfhalm
beugte sich mehr im Wind. „Mein Gott", flüsterte er, „sie haben alles kaputt
gemacht! Die Natur wird sich eines Tages rächen, sie wird zurückschlagen." Der
Gedanke war ihm neu, schien sich von selbst in einem Winkel seines Hirns
entwickelt zu haben. Er schob das Rad an den in Reih und Glied abgestellten
Kipplastwagen und Kettenfahrzeugen vorbei. Auf einmal vernahm er ein Scheppern
und Stampfen im Takt, es klang wie der Gesang von Robotern.
Lasst
uns das Maschinenlied singen:
Bald
werden die Ketten wieder klirren,
unsre
Kolben auf und nieder sausen,
kein
Strauch, kein Halm bleibt stehen,
alles
Leben werden wir zermalmen,
unter
grauem Asphalt begraben.
Statt
Vogelgesang das Surren der Reifen,
Benzingestank
statt Blumenduft,
und
ewig das Dröhnen der Motoren.
Die Baufahrzeuge standen geordnet da wie
zuvor, weit und breit kein Mensch,
zwitschernd flog eine Schwalbe über den Platz, leise gurgelte das Wasser.
Kopfschüttelnd machte er sich auf den Heimweg. „Wohl das Fieber..."
Trotz des Vorsatzes, die Einweihung der
Schnellstraße zu ignorieren, radelte er hin,
wollte vor sich selbst nicht als Feigling dastehen, der nicht ertragen konnte, dass
die Zerstörung der Auen wie ein Volksfest zelebriert wurde.
Kamerabewusst zerschnitt der Minister
unter den Klängen der Blaskapelle das rote
Band. Links und rechts von ihm standen schwarz gekleidete Beamte, ratlos guckte
das Mädchen von einem zum anderen, die Herren mit dem gefrorenen Lächeln
ähnelten sich so. Der Lehrer flüsterte der Kleinen ins Ohr, sie drehte sich um,
überreichte den Blumenstrauß, ratterte ihr Sprüchlein herunter, der Minister dankte
gerührt. Arbeiter und Techniker bekamen Würstchen und Freibier, der
Chefingenieur einen Händedruck, in den Nachrichten pries der Minister die Arbeit
der Regierung.
Erste Autos rollten über den Asphalt.
Wenige Stunden und es war, als wären sie
immer hier entlang gebraust, als hätten nicht Monate zuvor Tausende Vögel in den
Auen geträllert und gezirpt. Hannes ertappte sich dabei, darauf zu warten, dass
jemand das Reifensurren und den Motorenlärm abdrehte wie das Licht. Selbst der
ins gemauerte Bett gezwängte Fluss beeilte sich, den ungastlichen Landstrich, wo
man seine Seitenarme amputiert, seine Auen abgeholzt und eingeebnet hatte,
hinter sich zu lassen. Gnädig schirmte der Rohbau gegenüber den Lärm ab,
verdeckte die Kahlschläge. Hannes Blick irrte die Fensterhöhlen auf und ab, als
müsste ein Durchblick zu finden sein.
Obwohl der Fluss von der Terrasse aus
nicht mehr zu sehen war, lag er dennoch an
lauen Abenden gern im Liegestuhl. Erika werkelte in den Blumentrögen oder
organisierte per Telefon Wohltätigkeitsbasare und Besuche. Sie hatte ihn des
Öfteren in ein Heft kritzeln sehen, vermutet, er schreibe ein Buch, werde, wenn er
Zeit finde, es ins Reine übertragen. Durch Zufall kam er dahinter. „Ich muss dich
enttäuschen meine Liebe, wieder mal enttäuschen: Es sind nichts als Eintragungen
ins Tagebuch." Ihm vertraute er Träume und Gedankensplitter an, die wie
Glasstückchen im Kaleidoskop bei jeder Drehung ein neues Muster ergaben.
Obwohl er nie eine Andeutung gemacht hatte,
ein Buch zu schreiben, fühlte sich
Erika betrogen, war sie doch vor der Eheschließung überzeugt gewesen, in ihm
stecke etwas Besonderes. Auch diese Hoffnung war nun perdu. Irgendwie war sie
erleichtert, dass sie das triumphierende: ‚Ich habs immer gesagt: Er ist ein
Nobody, wird ewig einer bleiben!' ihrer Mutter nicht mehr zu hören bekam. Deshalb
hätte sie nicht ausgerechnet am Geburtstag der einzigen Tochter sterben müssen,
als wollte sie ihr den Festtag für alle Zeiten vermiesen. Verwandte und Freunde
bekundeten Beileid, bemitleideten sie doppelt: Die Mutter zu verlieren „Zumal an
deinem Geburtstag! und mit dem Sonderling verheiratet zu sein. „Wir haben es
stets gut mit dir gemeint, sind immer für dich da!" Gut mit mir oder gut mit euch
hätte sie am liebsten zurückgefragt. Ein wenig musste Hannes' Denken abgefärbt
haben, ansonsten war ihr sein In-den-Tag- hinein-Träumen fremd geblieben. Sie
packte nur an, was Sinn ergab, zweckmäßig war. Dem Apothekerblatt hatte sie
entnommen, der Körper brauche so und soviel Liter Sauerstoff, Stunden Ruhe,
Einheiten Vitamine, hielt sich selbst im Urlaub daran.
Im ersten Ehejahr waren sie in den Süden
gereist. Sie hatte ein detailliertes
Programm ausgearbeitet, sich von seinen spöttisch hochgezogenen Augenbrauen
nicht verunsichern lassen, Sehenswürdigkeiten besucht. Am zweiten Tag hatte sie
allein die Liste abgearbeitet, während er in Trödlerläden gestöbert hatte, sich
im
Straßencafé die Mortadella und den Landwein munden ließ, das Treiben auf dem
Markt genoss. Es war ihr erster und letzter gemeinsamer Urlaub.
Er lauschte dem Rauschen des Regens, ließ
das Buch sinken. Wieder einmal
hatten seine Gedanken nach wenigen Seiten ein Eigenleben begonnen, flugs eine
neue Geschichte gesponnen. Nie legte er der Phantasie Fesseln an oder rief sie
zur Ordnung. Früher hatte ihn Erika angesprochen, wenn er, ein Buch auf dem
Schenkel, Löcher in die Luft gestarrt hatte. Doch hatte er so verloren geguckt, dass
sie es sein hatte lassen. Wie hätte er erklären sollen, dass sich wie Blätter im
Herbststurm dahinjagende Gedanken nicht festhalten oder beschreiben ließen?
Wie die Sehnsucht nach etwas verdeutlichen, das er selbst nicht benennen konnte?
Wie begreiflich machen, dass das Verlangen nach dem Unbekannten manchmal
so mächtig wurde, dass er glaubte, sein Herz zerspringe? Ihr gestehen, dass er
mitunter eine Leichtigkeit verspürte, als könnte er abheben? Sie würde darauf
dringen, abermals Doktor Waldmann aufzusuchen.
Er ahnte, dass etwas auf ihn zukam, das
sein Leben verändern würde und
befürchtete zugleich, den Zeitpunkt zu übersehen, an dem er so oder so handeln
musste. Oder ihm könnte wie vielen, die nach dem großen Los Ausschau halten
und das kleine Glück übersehen, die Zeit zwischen den Fingern zerrinnen. Und am
Ende wartete das Nichts, das ewige Schweigen. Über das Reich der Schatten,
größer und mächtiger als alle Reiche der Lebenden, wissen wir nichts und auch
vom Reich der Träume gibt es wenig Gesichertes, obwohl wir häufig dort weilen.
Zwischen dem Schattenreich und dem Traumland sind keine Grenzen gezogen, sie
gehen ineinander über.
Seit der Lungenentzündung verschonten
ihn die Albträume. Der Traum, der ihn in
letzter Zeit öfter heimsuchte, war harmlos und passte zur Vorstellung, er warte auf
etwas, das zwischen dem Gestern, das jedes Mal enttäuschte und dem
unbekannten Morgen liegen musste: Er stand auf der Bühne und saß gleichzeitig
im Zuschauerraum, sah sich selbst auftreten; doch der auf der Rampe beachtete
die Zurufe des Sitzenden nicht.
Immer öfter musste er sich in letzter
Zeit zwingen, die Figuren der Tagträume von
der Arbeitswelt fern zu halten. Sobald er den weißen Mantel in den Schrank hängte,
streifte er auch das Korsett ab, das die Phantasie im Zaum gehalten hatte.
Verbissen verteidigte er jede freie Stunde, plante nur, wenn es sich nicht
vermeiden ließ. Er bildete sich ein, die Zeit vergehe schneller, wenn er sie durch
Termine zerteilte, unternahm manchmal nichts, ließ die Gedanken wie den Schatten
eines Segelflugzeugs über Berg und Tal gleiten.
Als Junge hatte er sich am sehnsüchtig
erwarteten Sonntag oft nicht an den Spielen
beteiligt, damit der Tag nicht so rasch verfloss. Von seiner Baumhütte aus hatte er
das Wandern des Kirchturmschattens über Dorfplatz, Dächer und Zäune
beobachtet, der schließlich den Schatten der Zeder an der Friedhofsmauer
geschluckt hatte. Nach einer Ewigkeit hatte der lange den kurzen Schatten wieder
ausgespuckt. Selbst Großvater, der immer alles wusste, hatte nicht erklären
können, was mit dem kleinen Schatten im Bauch des großen geschah. Jeden
Augenblick auskostend hatte Hannes an die Zeit gedacht, die gerade verstrich
die doch in dem Augenblick bereits verronnen war. Niemand hätte ihn von der
Überzeugung abbringen können, vom Sonntag mehr zu haben als seine Kumpane,
die Räuber und Gendarm spielten, ohne darauf zu achten, wie die Stunden
verflogen.
Das Laufen lassen der Gedanken hatte Spuren
hinterlassen: Oft stierte er, ein Buch
in der Hand, auf den Einband, als wäre die Handlung durch den Buchdeckel zu
erkennen. Zuweilen wurde er sich seiner Verlorenheit bewusst, riss Mantel und Hut
vom Haken und begann durch die Stadt zu laufen, obs regnete oder stürmte.
Ein Ruhepunkt war das Café mit den
Plüschmöbeln am Marktplatz. Der Ober alter
Wiener Schule brachte den Mokka und ein Glas Wasser, ohne dass er bestellen
musste. Im Sommer saß Hannes in der Mittagspause draußen, schaute auf die
Passanten, ohne sie wahrzunehmen. Sie rückten ins Blickfeld und verließen es wie
vorüber ziehende Schatten. Es war eine Abwesenheit, in der in seinem Hirn etwas
vorging, das sich seinem Bewusstsein entzog. Die Absenzen hinterließen ein
Gefühl der Hilflosigkeit, als triebe er in einem reißenden Fluss, ohne dem Ufer
näher zu kommen.
Wanderte oder radelte er durch die Gegend,
wurde er ruhiger. Nicht nur einmal zog
er nach der Arbeit ohne Ziel los, fragte am Schalter, wohin er um einen Zehner
fahren könne. Gefiel ihm eine Station, stieg er eher aus, lief durch Wälder und über
Wiesen, kam abends in den Dorfkrug. War der letzte Zug fort, nächtigte er im
Wirtshaus, zur Not im Heu.
In den ersten Monaten der Ehe hatte er
mit Erika Ausflüge unternommen, nicht weit
und von ihr geplant. Während er auf einer Decke am Waldrand lag und einer in den
Kelch einer Akelei kriechenden Biene zusah, langweilte sich Erika. Wie konnte
jemand Insekten mehr Interesse entgegenbringen als gesellschaftlichen
Ereignissen? Ihre Interessen waren von jeher unterschiedlich, sie hatten nie den
Reiz verspürt, gemeinsam Neues zu entdecken, hatten sich auseinander entwickelt,
bis sie auch seinen Träumen fern blieb. Aber der Weg von der Erkenntnis bis zum
Vollzug der auf der Hand liegenden Konsequenz ist beschwerlich, deshalb lebten
sie weiter unter einem Dach, wenn auch in verschiedenen Welten. Schließlich
wanderte er wieder allein und fühlte sich frei, herrlich frei.
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2.
Irgendwann zwischen Jugend und Reife war
es der Bach leid geworden, immerzu
von Süden nach Norden zu fließen, war in weitem Bogen gegen Nordwesten
geschwenkt. Müde vom Lauf durch die Schlucht hatte er Felsbrocken abgelagert,
auf denen sich Moos, Gras und Krüppelkiefern angesiedelt hatten. Auf der Brücke
machte Hannes Rast, schaute durchs Fernglas auf das durch die Enge
schäumende Wasser, ehe er zur Badebucht weiter radelte.
Etwa zehn Kilometer vor der Einmündung
in den Strom, an dem entlang die neue
Schnellstraße führte, floss der durch die Aufnahme kleinerer Bäche selbst zum
kleinen Fluss gewordene Bach breit und gemächlich dahin. Die silbergrauen
Blätter von Sanddorn und Pappel verliehen dem Ufer einen Hauch von Schwermut.
In einer Bucht hatte ein Seitenarm eine Insel vom Ufer abgeschnitten, Kinder
wateten durch das warme Wasser, bewarfen sich mit Matsch. Die Eltern aalten
sich im Mehlsand. Hannes sperrte das Rad ab, schlenderte zur nächsten Bucht. In
den ins Wasser hängenden Ästen einer Weide hatten sich Bretter und Balken
verheddert, Spuren des letzten Hochwassers. Gedankenlos begann er, Bretter
herauszuziehen, bemerkte den rothaarigen Jungen erst, als dieser fragte: „Was
machst du damit, Brennholz?
Hannes drehte sich um. „Weiß es noch
nicht. Dann rutschte ihm der Satz heraus:
„Als ich so alt war wie du, wollte ich unbedingt ein Floß haben.
Begeistert rief der Junge: „Du willst
ein Floß bauen?
Ein Blick in das vor Aufregung rote Gesicht
und Hannes brachte es nicht über sich,
einen Rückzieher zu machen. So fischten sie zusammen Holz aus dem Wasser.
„Ich bin Hannes und wie heißt du?
„Eugen. Fangen wir morgen an?
„Morgen ist Sonntag, da wollte ich eigentlich...
Wieder ließ ihn ein Blick in die
Augen des Jungen anders entscheiden. „Gut, morgen gegen zehn.
Eugen war vor ihm da. Sie wickelten ein
Seil um etliche Bohlen, zogen sie im
Wasser zur Insel. Andere Kinder kamen hinzu, bald hatten sie einen Haufen Holz
beisammen. „Aber wie klein machen ohne Werkzeug?
Hannes zeigte auf seinen Platz. „Holt
mal den Jutesack! Zwei Jungen stürzten hin,
entnahmen eine Bogensäge, ein Beil, Zimmermannsklammern und eine Schachtel
Nägel. An der in den Sand gezeichneten Skizze wurde nur die fehlende
Piratenflagge bemängelt. Die Frage, ob Mädchen mitmachen dürften, entschied
Eugen: „Wenn sie eine Fahne mit Totenkopf und gekreuzten Knochen nähen,
können sie helfen. Aber, schränkte er ein, „Kapitän muss ein Junge sein!
Sie klammerten Balken zusammen, nagelten
Bohlen fest, setzten einen
Birkenstamm als Mast ein, schoben das Floß ins Wasser. Das Triumphgeschrei:
„Hurra, es schwimmt! schreckte die Vögel auf den Bäumen und die im Sand
dösenden Eltern auf. Zwei Väter halfen, bis zu den Hüften im Wasser stehend,
Pfähle einzurammen und ein Tau zu spannen. Ein Hemd war die Flagge, verknotete
Badetücher das Segel. Getauft wurde das Floß auf Schwarzer Pirat, Eltern
spendierten Limonade und Kekse. Jauchzend ließen sich die Kinder zum Wehr
treiben, zogen den Piraten zurück, die nächste Tour begann. Das Essen, sonst
Höhepunkt des Tages, wurde nebenbei verzehrt. Dem Planer wurde ein Apfel und
sogar eine halbe Tafel Schokolade zugesteckt. Am späten Nachmittag frischte der
Ostwind auf, das Hemd flatterte am Mast, es wurde kühl. Die Kinder zogen das
Floß aufs Ufer, fachten die Glut an, warfen Schilf drauf, um die Mücken zu
vertreiben. Als die Eltern zur Heimfahrt riefen, folgten die Kinder widerwillig.
Hannes schob das Rad auf dem Pfad durch die Au. Kröten sprangen in die
Lachen, ehe sein Schatten auf sie fiel.
Radelte er am Wochenende zur Insel, sah
er die Kinder Floß fahren, am Mast
flatterte die Piratenflagge mit Totenkopf und gekreuzten Knochen. Gegen Ende der
Ferienzeit strampelte er an einem Montag Ausgleich für Überstunden bei
starkem Gegenwind zur Insel, hörte von weitem das Quietschen von Raupenketten,
das polternde Schleifen eines Baggerlöffels. Er warf das Rad ins Gestrüpp, rannte
zum Ufer. Ein Bagger stand dort, belud einen Lastwagen mit Schotter, ein zweiter
wartete auf der durch die Au gewalzten Zufahrt. Ungläubig starrte Hannes auf die zu
zwei Drittel abgetragene Insel und die Trümmer vom Floß, watete hinüber, hob die
Piratenflagge auf, strich sie glatt. Verblüfft schauten die Fahrer seinem Treiben zu,
begannen laut zu lachen, einer rief den anderen zu: „Wenn ich das dem Boss
erzähle, macht er sich vor Lachen in die Hose!
Auf der Rückfahrt schenkte Hannes
dem tiefblauen Septemberhimmel keinen Blick,
empfand Wut und Zorn über seine Ohnmacht und hätte es doch besser wissen
müssen: Überall wurde Schotter für die Schnellstraße abgebaut. Unvermittelt fiel
ihm der Satz Redans ein: „Nur der organisierte Kampf bietet eine Chance, die
Zerstörung aufzuhalten. Mit einem Mal wurde ihm klar, er musste auch kämpfen.
Kaum hatte er den Entschluss gefasst, verschwand der Druck im Kopf, als hätte ein
Ventil den Überdruck abgesenkt. Er besuchte einen Naturschutzbund, doch nervten
ihn die Vereinsmeierei und die Ängstlichkeit, sich gegen Vorschriften zur Wehr zu
setzen. Die Projekte des Vereins waren von Redans Zielsetzung Lichtjahre entfernt.
Er ging zu den Sitzungen der Öko-Partei, doch die Macher waren vor allem mit
Auseinandersetzungen über Wahltaktik beschäftigt, der Kampf gegen die
Umweltzerstörung schien eine Nebenrolle zu spielen.
Bis er den Landwirt hörte, der zuerst
schwerfällig nach Worten suchte. Als er jedoch
auf das kam, was ihn bewegte, riss er Hannes mit. Der Bauer mit dem vom Wetter
gegerbten Gesicht sprach von Milliardensubventionen, die Agrarfabriken und
Tiermästereien kassierten, während kleine Bauern und Ökobauern leer ausgingen.
Man habe ihm unterstellt, er rege sich auf, weil er vom Geldregen nichts
abbekomme. Die klaren blauen Augen wanderten von einem zum anderen. Richtig
sei aber, dass Landwirte, die nachhaltig wirtschafteten und gesunde
Nahrungsmittel auf den Markt brächten, wirtschaftlich mit dem Rücken zur Wand
stünden. Die Gleichgültigkeit der Konsumenten fördere Betriebe, die Pestizide und
Kunstdünger einsetzten und die Zerstörung der gewachsenen Landschaft in Kauf
nähmen. „Konsumenten kaufen, was billig ist, egal, ob sie ihre Gesundheit oder die
ihrer Kinder ruinieren!
Endlich einer, der kein Blatt vor den
Mund nahm. Da hörte Hannes neben sich
flüstern: „Ist wohl was dran, dass er sauer ist, weil er nichts von den Subventionen
abbekam.
Der Landwirt wurde in der eigenen Partei
nicht ernst genommen. Beide
Organisationen vermochten Hannes nicht zu überzeugen, so beschloss er, zunächst
sein Wissen zu vertiefen, befasste sich mit der Entstehung und Entwicklung der
Erde. Nach Wochen intensiven Nachtstudiums wechselte er ins andere Extrem, zur
Astronomie, hoffte, im Werden und Vergehen von Sternen Hinweise über die
Weiterentwicklung der Erde zu finden.
Erika sah die Bücher auf seinem Schreibtisch,
fragte: „Wäre es nicht sinnvoller,
dich in dein Fachgebiet zu vertiefen? Sie konnte oder wollte sich nicht damit
abfinden, dass ihm seine Karriere nichts bedeutete.
Je tiefer er in die Theorien über
Entstehen und Vergehen von Galaxien eindrang,
auf desto mehr Widersprüche stieß er. Fachleute hätten ihm sagen können, das sei
bei einem Forschungsgebiet, wo man vom größten Teil der Studienobjekte noch
wenig wisse, zu erwarten gewesen. Alarmierend fand er dagegen, dass während
seiner Reisen ins Erdinnere und in die Welt der Sterne in seinem Kopf Prozesse
der Umorientierung stattfanden, bei denen er sich in die Rolle eines unbeteiligten
Zuschauers versetzt sah, während sein Verstand offenbar nachts laufend
Informationen aufzunehmen schien. Erstaunt stellte er fest, dass ihm am Morgen
Zusammenhänge klar waren, die ihm am Vortag höchstens ansatzweise bewusst
waren. Als wäre tatsächlich durch einen Nürnberger Trichter über Nacht Wissen ins
Hirn geträufelt worden. Er wusste genau, über dieses oder jenes Phänomen nichts
gelesen, keine anderen Medien genutzt zu haben. Der Prozess beunruhigte ihn,
weil er sich nicht steuern ließ. Oft war er am Morgen völlig zerschlagen.
Vermutlich hatte Doktor Waldmann Recht,
dass sich sein Gehirn gegen die
ständige Reizüberlastung zur Wehr setzte, die Fülle der Informationen nicht
verarbeiten konnte. Kopfschmerzen und Alpträume, die ihn seit der Erkrankung
verschont hatten, setzten wieder ein.
Nun wollte er es mit der empfohlenen Akupunktur
versuchen. Das Gesicht des
schmalen Inders wurde von dunkelbraunen großen Augen beherrscht, die Kraft und
starken Willen verrieten. Der Vertreter der chinesischen Medizin setzte geschickt
die Nadeln und nach einigen Behandlungen fühlte sich Hannes besser. Der Inder
riet ihm, alles, was sich in seinem Kopf abspiele, einfach zuzulassen, nicht
dagegen anzukämpfen, das koste Energie und bringe nichts. „Wie das Geräusch
eines Schnellzugs einfach kommen lassen, durchfahren und wieder verschwinden
lassen.
Ruhiger geworden nahm sich Hannes das
Buch Redans wieder vor. Und kaum
hatte er sich in seine Anleitung zum Handeln, dessen einziges Ziel war, der
Naturzerstörung Einhalt zu gebieten, eingelesen, hörte der bohrende Druck auf.
Redan behauptete, Europa sei dabei, das US-Modell zu übernehmen: Wichtige
Entscheidungen treffen nicht die Parlamente, sondern Konzernspitzen, die ihnen
genehme Politiker an die Macht hievten. Je intensiver er sich mit Redans Buch
beschäftigte, desto mehr gerieten Sichtweisen ins Wanken, die Hannes für
unumstößlich gehalten hatte. So machte der Glaube, die Demokratie habe
Gerechtigkeit und Wohlfahrt für alle zum Ziel, der Erkenntnis Platz, dass die
Schwachen erst dann an die Reihe kommen, wenn die Interessen der Mächtigen
befriedigt sind. Denn sie definieren, was Gemeinwohl ist. Wer über eine schwache
Lobby verfüge wie die Natur, falle durchs Raster. Das Umdenken war nicht nur eine
Folge von Redans Einfluss, sondern hing mit der Umschichtung seiner
Denkstrukturen zusammen. Als wäre sein Denken wie der Fluss in gemauerte
Bahnen gezwängt: Die Gedanken waren nicht mehr wirklich frei, etwas zwang sie,
sich in vorgezeichneten Bahnen zu bewegen. Speicherung und Einordnung dieser
Informationen verlief parallel zur Verarbeitung sonstiger Inhalte und Eindrücke, als
wäre es ein unabhängiges, in sich geschlossenes System, das sich zunehmend
verselbständigte.
Wenn er dagegen am Fluss war, fand er
Ausgeglichenheit, die gleichmäßig
strömenden Wassermassen hatten etwas Unwandelbares, Ewiges an sich. Ihm
gefiel der Glaube, ein Fluss spreche zu den Menschen.
Von der Brücke aus beobachtete er
den Strudel vor dem Pfeiler, der Blätter und
kleine Äste in die Tiefe saugte, wenige Meter weiter wieder hochschnellen ließ. Er
ließ das Rad die Brückenabfahrt hinunter rollen, fand einen Weg, der ihm nie
aufgefallen war, auch das Fahrverbot nicht: Ausgenommen Forstfahrzeuge und
Anrainer. „Anrainer?, murmelte er. „Welche Anrainer denn? Der Feldweg führte
an dichtem Buschwerk und Brombeergestrüpp entlang, wieder eine Tafel: Keine
Wendemöglichkeit. Keuchend strampelte er einen Hohlweg hinauf, stellte das Rad
ab, kletterte den Abhang hinunter. Das Rauschen verstärkte sich, dann stand er am
Rand der Schlucht, durch die die Gischt schoss. Abends beim Kartenspiel erzählte
er Elmar davon.
„Du hättest weiterfahren sollen!
Der Freund, die Zigarette im Mundwinkel, das
linke Auge zugekniffen, spielte einen Trumpf aus, brummte: „Auf dem Plateau liegt
eine Au, zu Fuß gut eine Stunde breit. Er deckte die Karten auf. „Gehört alles mir,
machst keinen Stich mehr! Er mischte, teilte aus. „Am Ende der Au steigt das
Land an, oben liegen ein Hochmoor und ein See. Er griff nach dem Glas.
„Betörend schön, ganz verträumt.
Verwundert blickte Hannes den Freund an,
solche Worte hatte er noch nie von ihm
vernommen.
„So viel ich weiß, ist alles Privatbesitz.
Nach der nächsten Runde: „Lassen wirs,
du passt nicht auf! Hab dir wohl einen Floh ins Ohr gesetzt...
Elmar hatte nicht übertrieben. Umgestürzte
Bäume lagen herum, in Tümpeln
spiegelten sich Weiden und Erlen, alles wucherte wild durcheinander. Pfeifend
umrundete Hannes die Pfützen, hielt vor einer Schranke: ‚Durchfahrt verboten,
Privatbesitz! Im Begriff, den Schlagbaum zu heben, sah er Schatten auf sich
zujagen, registrierte, auch in Gefahr nimmt das Hirn Nebensächlichkeiten wahr. Es
waren zwei Doggen, die wie von unsichtbaren Leinen zurückgerissen hinter der
Schranke zum Stehen kamen und knurrten. Hannes schüttelte die Erstarrung ab,
sprang aufs Rad, raste zurück, drehte sich einmal um: Regungslos standen die
Hunde dort, starrten ihm nach.
Elmar lachte ins Telefon. „Deshalb also
verirrt sich niemand dorthin. Wem die Au
gehört? Werde mich im Verein umhören, Angler wissen über jedes Wasser
Bescheid. Bis Freitag.
Hannes saß am Tresen, hatte das Glas
fast leer, als Elmar erschien, einigen
Gästen zunickte, zum Wirt rief: „Hallo Max! Das Geschäft läuft wie geschmiert,
was?
Der Wirt, der kaum mit dem Zapfen nachkam,
wischte sich die Hände trocken,
ergriff Elmars Rechte. „Ein Durst, als gäbe es Bier umsonst. Lange nicht gesehen,
alles in Ordnung?
„Bin viel auf Achse, du weißt ja,
Betriebsratswahlen.
Max schob ihm ein Glas zu. Gemächlich
zündete sich Elmar eine Zigarette an,
nahm einen Schluck, wischte den Schaum von den Lippen. „Also pass auf! Er
ignorierte Hannes Ungeduld, berichtete, der Auwald gehöre bis zum Flussufer
Kern, dem Industriellen, auch die Sumpfwiesen und das Moor; er habe verhindert,
dass der Weg ausgebaut werde. „Also nix mit einem Campingplatz dort. Kannst dir
vorstellen, das Grinsen ließ Elmars Gesicht noch breiter erscheinen, „wie traurig
wir Angler sind. Kern sei der größte Arbeitgeber und Steuerzahler der Region,
spende für soziale Vorhaben, habe sich durchgesetzt. Er trank aus, rief: „Max, hast
du noch mehr davon?
„Für dich reichts allemal,
schrie der Wirt, ließ Minuten später zwei volle Gläser
über die Theke sausen. Er neigte sich zu Elmar, flüsterte halblaut: „Unter uns: Im
Keller steht noch ein Fass!
Hannes Augen tränten, Elmar
spöttelte, er vertrage wohl die Kneipenluft nicht
mehr. Dann erzählte er, wie schlau es Kern eingefädelt habe, das Areal zu
erwerben. „Pass auf!
Es war sinnlos, Elmar zu drängen.
„Das Land benötigte Liegenschaften
zum Tausch, die Enteignung hätte Jahre
gedauert. Kern besaß Grund und signalisierte Bereitschaft - gleichwertigen Ersatz
vorausgesetzt. Elmar klopfte eine Zigarette aus der Schachtel, riss ein Streichholz
an. „Raffiniert, was?
„Würde doch jeder machen.
„Das Schlitzohr tat, als wollte es sich
nicht vom Familienbesitz trennen. Kapiert?
„Nein.
Elmar grinste mitleidig. „Als Makler würdest
du glatt verhungern. Überlege mal:
Weit und breit kein Ersatz, aber der Staat...
„...hat Gelände am Fluss und auf
dem Plateau! ergänzte Hannes. „Aber wozu
gleichwertigen Grund verlangen, wenn keiner vorhanden ist?
„Um den Preis hochzuschrauben, was sonst?
Der alte Fuchs hat getan, als wäre er
an der Au nicht interessiert. Erst als man ihm ein Vielfaches der Fläche angeboten
habe, sei die Gleichwertigkeit des Bodens nicht mehr wichtig gewesen.
Anerkennend hob Elmar das Glas. „Die Baubewilligung für ein Haus bekam er
auch. Den folgenden Satz ließ er auf der Zunge zergehen. „Die Wahl rückte näher
und das Mittelstück der Schnellstraße fehlte noch.
„Und die Au?
„Kommt gleich! Elmar war verstimmt,
dass die Feinheiten des Geschäfts nicht
gewürdigt wurden. Kern habe die Unterschrift hinausgezögert, bis die Widmung als
Erholungsgebiet zurückgenommen worden sei. Elmar kicherte.
Der Wirt eilte herbei. „Ein Witz, Elmar?
„I wo, ich beschreibe Kerns Meisterwerk.
Das Gesicht des kahlköpfigen Gastwirts
verklärte sich. „Das war es in der Tat!
Möchte bloß wissen, was er damit macht. Er latschte zum Zapfhahn zurück.
„Vielleicht will er einfach Ruhe haben,
murmelte Hannes.
Niemand wisse genau, fuhr Elmar fort,
wie groß die Fläche sei. Schließlich habe es
Kern geschafft, das Areal zum Naturschutzgebiet erklären zu lassen. Hannes fragte,
ob er isoliert lebe. Der Hausmeister bringe Listen zur Buchhandlung, hole nächstes
Mal die Bücher ab. Er nahm einen Schluck. „Wozu willst du das wissen? Du kennst
Kern nicht!
„Ein Gefühl sagt mir, dort wartet
etwas auf mich, das mein Leben verändert.
„Ja, griente Elmar, „die Doggen.
Sie werden dir ein Stück aus dem Hintern reißen.
Ich geh jetzt, muss früh raus.
Am nächsten Tag stand Hannes an der
Schranke, redete, respektvoll Abstand
halten, auf die Hunde ein, warf ihnen Fleischreste hin, doch die Biester rührten
nichts an, knurrten nur. Jedes Mal, wenn er kam, die gleiche Zeremonie, seine
Bestechungsversuche fruchteten nicht. Entweder waren die Hunde abgerichtet oder
sie hatten Charakter.
Erste bunte Blätter tänzelten
zur Erde. Auf dem Weg zur Au überlegte Hannes, ob
er aufgeben sollte. Als hätten es die Doggen geahnt, knurrten sie nicht, als hätten
sie beschlossen, nun sei es genug. Vorsichtig hob er den Schlagbaum, ließ sich
beschnuppern, schwang sich aufs Rad, die Hunde trabten neben ihm zum Ufer des
Baches. Er legte sich ins Gras, den Anorak unterm Kopf, die Altweibersonne
wärmte noch. Er ließ die Gedanken treiben wie die Wellen im Fluss, bis sie sich
irgendwo an verborgenen Hindernissen brachen. Auf einmal wurden die Doggen
unruhig, gaben aber nicht Laut. Schritte näherten sich, müde Schritte. Die Hunde
liefen auf einen alten Herrn mit Spazierstock zu.
„Können Sie nicht lesen? herrschte
er Hannes an.
„Doch, kann ich. Er stand auf, knöpfte
das Hemd zu.
Es musste Kern sein, der Eigentümer,
der ihn musterte. „Was haben Sie mit den
Hunden gemacht?
„Nichts, nur Geduld, viel Geduld
„Haben Sie ihnen etwas gegeben?
„Sie glauben Betäubungsmittel in
Fleisch verpackt oder dergleichen? Keine Sorge,
sie nehmen nichts.
Wieder ein prüfender Blick. „Das
hat noch niemand fertig gebracht. Freundlicher:
„Da Sie nun mal hier sind, kann ich Ihnen auch das Übrige zeigen. Er deutete mit
dem Stock auf Pflanzen oder einen Vogel, nannte die Namen. „Die Wiesen wurden
dem Auwald abgetrotzt, er hätte alles überwuchert. Jetzt blüht nicht mehr viel, Sie
hätten eher kommen sollen. Den Satz: „Man kommt so oft zu spät
, nuschelte
er
in sich hinein. Am Waldrand hob Kern die Hand. „Vorsicht! Eine Eidechse sonnte
sich auf einem Stein. „Dort hinauf, er deutete auf eine sumpfige Wiese, „führt der
Pfad zum Moor. Nach kurzem Zögern: „Und zum See.
„Ein Stück Eden, meinte Hannes.
„Touristen hätten das Paradies zerstört.
Der alte Herr drehte sich um, nickte.
„Deshalb also das hartnäckige Verhandeln:
Sie wollten das hier bewahren. Ich
heiße übrigens Hannes, Hannes Werner.
Kern schmunzelte. „Ich weiß.
Hannes guckte überrascht.
„Ich habe mich erkundigt und Sie haben
sich offenbar auch umgehört, wie der
verrückte Sonderling zu all dem kam.
Den Gedanken, wie Kern das wissen konnte,
verdrängte Hannes schnell. „Wer das
hier erhält, weiß, um was es geht. Verrückt sind die Gleichgültigen und jene, die
zerstören.
Prüfend schaute Kern sein Gegenüber
an. „Das schien von innen zu kommen! Er
ging weiter. „Es heißt, nachts spuke es im Moor Unsinn! Der Pfad führte im
Bogen zurück, bei jedem Schritt sank der Stock ein.
„Warum machen Sie nichts damit?
„Hat noch niemand versucht. In die
nur von Vogelrufen unterbrochene Stille hinein
sagte er: „Der See ist nicht groß, übt aber einen Zauber aus, dem sich niemand
entziehen kann. Es geht die Mär, es liege ein Fluch auf ihm, das ist natürlich
Quatsch. Schweigend gingen sie hintereinander, bis Kern sich abermals
umdrehte. „Der Bruchwald am anderen Ufer ist unzugänglich. Dahinter liegt ein
kleinerer See und nicht weit davon steht ein Häuschen, vermutlich inzwischen
verfallen. Dann kam ein Satz, mit dem Hannes nichts anfangen konnte. „Ich darf
nicht mehr hin, war Jahre nicht dort. Das klang traurig, es schien besser, nicht
daran zu rühren.
Aber das Haus am anderen Ufer ließ
Kern nicht los. „Angeblich hat man drüben
Licht gesehen. Erregt fügte er hinzu: „Habe nie eines gesehen, alles
Hirngespinste!
Die Heftigkeit des Ausbruchs überraschte
Hannes.
„Auch die Wirtschafterin und der Hausmeister
behaupten, im Winter hätte Licht
durch die Bäume geschimmert. Dummes Zeug! Er schnaubte. „Martha glaubt gar,
es seien Irrlichter, lächerlich! Er warnte noch vor den tückischen Stellen im Moor,
humpelte zurück.
Am nächsten freien Tag war Hannes
wieder dort. Als hätten sie sich verabredet,
wartete der Besitzer unter der Buche. Hannes bat um den Stock, schraubte eine
von Elmar gedrehte Aluminiumscheibe fest.
„Oh, Sie haben nicht vergessen!
Sie spazierten Richtung Moor. „Es geht sich
tatsächlich besser, danke. Ich mache jetzt kehrt. Folgen Sie dem Pfad, er führt
direkt zum See.
Er ging zwischen Moospolstern, Erlensträuchern
und Erika. Der Boden schwankte
bei jedem Schritt, der Geruch von Faulwasser und Modder stieg aus dem Moor, ein
dichter Algenteppich täuschte Moosboden vor, die Lichtreflexe verrieten das
Wasser. Der Stumpf einer Moorbirke reckte die Äste in die Luft, als riefe sie um
Hilfe. Ohne äußeren Anlass ergriff Hannes eine Spannung, die sich steigerte, bis er
den Schilfgürtel durchquert hatte und auf den See stieß. Der Himmel spiegelte sich
im Wasser, einsam stand eine Birke am Ufer. Ein Boot war angekettet, Hannes
nahm auf der Ruderbank Platz, schaute übers dunkle Wasser. Die Anspannung
wich, ein lange nicht verspürter Friede erfüllte seine Seele. Er spürte, alles war
darauf zugelaufen, hierher zu gelangen. Es war später Nachmittag geworden, als
ein Schatten aufs Wasser fiel, eine Stimme ihn aus seinen Überlegungen
schreckte.
„Tag, ich bin der Hausmeister Kerns, heiße
Jäger, bin aber keiner. Der
Alte, ich
meine der Chef, verbesserte sich Jäger, „erwartet Sie. Er lädt selten jemanden
ein, lebt wie ein Einsiedler.
In der Stimme des Hausmeisters schwang
ein Unterton mit, der Hannes missfiel. Er
stieg ans Ufer.
Jäger ging durch das bläulich
schimmernde Moor voran. Ein Winkelhaus und ein
kleineres Haus tauchten auf, beide mit Schilf gedeckt, der Auwald im Hintergrund
wirkte wie eine grüne Mauer. Reetdächer und Kletterrosen erweckten den
Eindruck, als hätten die Häuser immer hier gestanden. Hohe Flügeltüren führten
auf
die Terrasse. Mitten auf dem Rasen stand eine gewaltige Blutbuche. Jäger führte
Hannes in die Bibliothek mit Bücherregalen bis zur Decke.
Kern stemmte sich aus dem Lederfauteuil.
„Da sind Sie ja! Franz, sagen Sie
Martha Bescheid?
Jäger warf dem Hausherrn einen sonderbaren
Blick zu, Sekunden später drückte
sein Gesicht wieder Ergebenheit aus.
Kern beobachtete den Gast amüsiert,
der die Buchreihen abschritt. „Sie wundern
sich zu Recht: Eine der besten Bibliotheken über all unsere Frevel gegen die Natur.
Hannes zog den Band ‚Gefährdete Feuchtgebiete
und Gewässer heraus,
blätterte.
„Die Au mit dem Moor und der See wären
auch verzeichnet, erklärte der
Unternehmer, „hätte ich sie nicht gekauft.
Hannes nickte. „Die Flussauen fehlen noch.
Bei Kaffee und Kuchen schilderte er
seine ohnmächtige Wut, als man die Auen abgeholzt und den Fluss ins steinerne
Bett gezwängt hat, um die Schnellstraße zu bauen. „Redan hat regulierte Flüsse mit
toten Schlangen verglichen.
„Sie kennen den bekannten Umweltpionier
Ralph Redan?
„Wir waren zusammen eingeladen. Dass er
berühmt ist, erfuhr ich hinterher.
„Redans Analogie passt. Für mich
war die Schnellstraße ein Glück, ich hätte sonst
das Gelände nie erwerben können. Um Kerns Augen spielte ein Lächeln.
„Manchmal ist des einen Leid des anderen Freud. Er reichte Hannes ein Buch.
„Das ist von ihm, lesen Sie es. In den Staaten tun Konzerne alles, um moderne
Umweltgesetze zu verhindern, geben viel Geld für Anwälte aus. Es geht um Öl und
Autos, um Milliarden. Die Konzerne hätten zwar Prozesse verloren, holten aber nun
zum Gegenschlag aus, kauften Zeitungen, Fernseh- und Radiostationen auf.
Besonders aktiv sei ein Ölkonzern, der kein Mittel scheue, um Naturschützer zu
diskriminieren. Er habe Redan auf der Liste ganz oben stehen.
Mit bitterem Auflachen fügte Kern
hinzu, viele Industrielle betrachteten den Umwelt-
und Naturschutz als reine Kostenfaktoren. Konzerne und Banken übten Druck auf
die Politiker aus, um Kosten zu senken. Ein Wirtschaftsboss, der selbst
Abgeordneter sei, tue sich als ihr Sprecher hervor. Vor Jahren sei er in Kerns Werk
beschäftigt gewesen. Heute gehörten ihm ein Revolverblatt mit hoher Auflage,
Aktien des privaten Fernsehens und Immobilien, mit denen er spekuliere.
„Er hat in Ihrem Betrieb gearbeitet?
„Ja, er hat auch mich getäuscht.
Er greift den Naturschutz an, wo er kann. Paulsen
ist gefährlich, er geht über Leichen und hat mächtige Verbündete.
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3.
Ausgerechnet Regans Revolverblatt fand
Hannes nun jeden Tag in seinem
Briefkasten, obwohl nie bestellt. Jede Woche erschienen Hetzartikel gegen
Naturschützer und ihre Organisationen. Welten lagen zwischen der Zeitung und
Redans Büchern, obwohl sich beide mit der Umwelt beschäftigten, wenn auch unter
entgegengesetztem Vorzeichen. Redan kämpfte für die Erhaltung der Natur, setzte
mitunter Mittel ein, die über das Erlaubte hinausgingen. Das Sex-and-Crime-Blatt
Paulsens dagegen verunglimpfte den Natur- und Umweltschutz grundsätzlich, hätte
das Rad am liebsten zurückgedreht; teure Anwälte wurden engagiert, um jede
Lücke im Gesetz zu nutzen.
Hannes legte Regans Buch beiseite, lief
in die Nacht hinaus, an den
Peitschenlampen entlang, an denen schmutzig gelbe Nebelfetzen vorbeizogen. Die
Aussage des Architekten fiel ihm ein, dass Häuser Schutz vor Kälte, Nässe und
Feinden gewähren, Geborgenheit schenken, Einsamkeit erträglich machen,
Schwächen verbergen. Einem Impuls folgend fuhr Hannes mit dem Lift ins
Hochhauscafé, schaute auf die wie in Watte gepackten Dächer, auf die
verschwommenen Farbkleckse der Fenster. Alles war vage geworden, floss
ineinander. Nebel verwischt Grenzlinien, verwandelt Sein in Schein.
Verschwommen wie die Gebäude im Nebel
tauchten Brocken aus jenem Traum
auf, dem er zuerst keine Beachtung geschenkt hatte, der aber öfter kam. Das erste
Mal war nur das Gesicht aufgetaucht, später hatte der unheimliche Greis zu
sprechen begonnen und zuletzt war er neben ihm gegangen, hatte Ratschläge
erteilt. Der Ober riss ihn aus seinen Gedanken, er war der einzige Gast, starrte seit
einer Stunde auf die verhangene Stadt - bei einer Tasse Kaffee.
Hannes zahlte, lief durch den Park, verweilte
vor dem bronzenen Feldherrn zu
Pferd, der in die Ferne stierte. Denkmäler sind Markierungen im Strom der Zeit, ob
von Staatsmännern oder Tyrannen. In Geschichtsbüchern steht mehr über Kriege
und Katastrophen als über Friedenszeiten, eine Geschichte ohne Höhepunkte wird
wohl als Ungeschichte gewertet. Tafeln, die an Geknechtete, Gefolterte und
Ermordete erinnern, findet man selten, mitunter in einer Friedhofsecke.
Vor Unscharfwurden ihm einer Villa verweilte
er, die Silhouette einer Frau
zeichnete sich wie ein Schattenriss im Fenster ab. Sie drückte die Stirn an die
Scheibe, wölbte die Hände um die Augen, als könnte sie ihn im Dunkeln sehen.
Sie hatte ein schmales Gesicht, große Augen, dunkles Haar. Mit einem Ruck zog
sie den Vorhang zu. Klavierspiel erklang, aufgewühlt und zornig, wurde sanfter,
schwermütig dann. Minuten stand er im Nieselregen, plötzlich eine schrille
Dissonanz aus. Er schlenderte weiter, wusste, das schemenhafte Bild würde in
seine Traumwelt Einzug halten und wie andere Schattenwesen ein Eigenleben
beginnen. Wie immer auf seinen nächtlichen Rundgängen tauchten Erinnerungen
und seiner Traumwelt marschierte er durch die grauen Häuserschluchten. auf,
begleiteten ihn, so wie in der Kindheit die Telegrafendrähte dieer Eisenbahn: auf
und ab, auf und ab. Vergangenes und Verdrängtes meldete sich zu Wort, mitunter
vermischten sich Träume und Erlebtes.
Während er in seinen Tagträumen
locker und selbstbewusst auftrat, entsprach die
Wirklichkeit eher jenem Morgen, da er auf den Frühbus wartete: Die Frau mit nass
glänzendem dunklem Haar und großen Augen kam ihm bekannt vor, er kramte im
Gedächtnis, da fuhr der Bus vor, er wurde zum hinteren Einstieg gedrängt. Sich an
die Haltestange klammernd neigte er sich über die Sitzenden, entdeckte sie,
wandte den Blick nicht ab, bis sie fragend die Brauen hochzog, schließlich das
Lächeln erwiderte. Leute stiegen zu und auf einmal stand sie draußen, erwiderte
sein Winken. Nun kam die Erleuchtung: Sie war die Klavierspielerin am Fenster,
verlängerte die Liste versäumter Gelegenheiten.
Einige Nächte ließ ihn der Traum
in Ruhe, dann kam er gleich mehrmals wieder.
Eine tiefe Stimme rief seinen Namen, das von Furchen durchzogene Gesicht mit
dem stechenden Blick erschien. Der Greis sah ihn an, forderte ihn dann auf, endlich
aktiv zu werden, verschwand. Am Morgen fühlte er sich ganz zerschlagen.
Zwei Mitschüler auf der Durchreise
besuchten ihn. Siegfried, der ein Mädchen aus
der Parallelklasse geheiratet hatte, stellte nach dem ersten Was-ist- aus-dir-und-all-
den-anderen-geworden fest: „Hast dich kaum verändert, älter halt... Seine Frau -
sie war schon in der Schule extrem kurzsichtig - beugte sich über den Tisch,
musterte Hannes wie ein Insekt unter der Lupe.
„Älter sind wir alle geworden. Ihr
mögt doch Kaffee? Durch die mit einer Kommode
verstellte Durchreiche hörte er Siegfried sagen: „War immer ein Einzelgänger, hat
am helllichten Tag geträumt. Im Job fehlt ihm der Biss.
„Die Mädchen haben ihn gemocht, wohl
weil er anders und, fügte seine Frau hinzu,
„weil er ein Träumer war.
„Klingt, als hättest auch du für
ihn geschwärmt!
„Alle taten es und er merkte es nicht
einmal. Er strahlte etwas aus..., sie suchte
nach einem Vergleich, „wie der lesende Jüngling von Rembrandt im Zeichensaal.
Er hat sich völlig ins Schneckenhaus zurückgezogen, hast du bemerkt?
Siegfried hatte nicht, er war Geschäftsmann.
Höhepunkt und Ende seiner
romantischen Ära zugleich war die Heirat seiner Jugendliebe gewesen. Er drängte
zur Weiterfahrt.
Siegfried hatte Recht: Es kümmerte
Hannes nicht, dass Kollegen Sprosse um
Sprosse an ihm vorbei aufstiegen. Erika hatte gefragt, ob er denn keinen Ehrgeiz
habe. Seine Antwort: Nein, keinen! hatte ihr die Sprache verschlagen. Sie änderte
die Taktik, wies auf die Villen der Erfolgreichen hin, auf ihre Reisen in ferne Länder,
ihre Urlaubsfilme.
„Fünf Minuten pro Sehenswürdigkeit,
spottete er, „sind wirklich wenig. Im Film kann
man jede zehnmal anschauen.
Sie kniff die Augen zusammen. „Meyers,
du weißt schon, der Bankdirektor, machen
eine Weltreise, werden tolle Bilder mitbringen.
„Ah, wie ich mich freue, grinste
Hannes. „Das Ehepaar Meyer Meyer mit Ypsilon
wohl gemerkt betritt das Deck, feierlicher Rundgang, Schwenk übers Meer mit
Sonnenuntergang, majestätisch natürlich, Abgang. Wer den Film schon gesehen
hat, sollte um Wiederholung bitten, seltene Speisen und erlesene Weine haben
ihren Preis. Wozu Hitze, Dreck und Moskitos ertragen, wenn es niemand
bewundert?
Während er solch krause Ideen entwickelte,
dachte Erika an seine Weigerung, ein
Haus zu kaufen, weil er sich nicht mit Handwerkern oder Nachbarn herumstreiten
wollte. Dabei hätte ihnen Mutter das Geld geliehen.
Sprachen sie miteinander, redeten sie
meist aneinander vorbei. Als Erika
verkündete, sie fange wieder zu arbeiten an, verkniff er sich die Frage, warum sie
aufgehört hatte: Sie hatten keine Kinder, er aß in der Kantine, die Wäsche kam in
die Reinigung, an der Hausarbeit beteiligte er sich. Sie erwähnte, die neue Kanzlei
liege in der Nähe der Wohnung ihrer Mutter. Er verbiss sich das Lachen, erinnerte
sich an die Mahlzeiten bei der Schwiegermutter, die nach dem Motto gekocht
hatte: Geschwindigkeit ist keine Hexerei. Seine Frage, ob sie das Suppenhuhn
nicht besser kochen denn braten hätte sollen, bedeutete für ihn das Ende der
Hexenküche. Das muss nach der Operation des Schwiegervaters gewesen sein; er
war einen Tag früher entlassen worden, aber nicht nach Hause gekommen,
sondern hatte sich in seinem Stammlokal einquartiert, genauer bei der Besitzerin,
einer Witwe. Dem Skandal war die Scheidung auf dem Fuß gefolgt. Das Wirtshaus
lag am anderen Ende der Stadt, sonst wäre Hannes Stammgast geworden. Der
Schwiegerpapa hatte enorm zugelegt, aber das war nicht der einzige Grund für
seinen frühen Tod: Die üppige Wirtin schien nicht nur den Magen überbeansprucht
zu haben. An Erikas Tonfall merkte er, dass sie sich dem Ende näherte, schaltete
auf Aufnahme.
„
fange ich wieder beim gleichen
Anwalt an.
„War sicher langweilig, den ganzen Tag
allein. Die steile Falte auf ihrer Stirn
erinnerte ihn, dass sie überall erzählt hatte, er wünsche nicht, dass sie arbeite. Um
einer erneuten Auseinandersetzung zu entgehen, machte er sich zur Eckkneipe mit
dem beleuchteten Bierglas über dem Eingang auf den Weg. Die Straßenlampen
an den von Haus zu Haus gespannten Drahtseilen schaukelten im Wind. In die
Kneipe kamen Arbeiter nach der Schicht, zu später Stunde Taxifahrer und
Strichmädchen zum Aufwärmen. Der Wirt, in jungen Jahren Boxer, entschied, wer
genug hatte, da half kein Bitten, kein Wedeln mit einem Zehner.
Der Gegensatz zwischen Kneipengästen
und Erikas Bekannten hätte kaum größer
sein können. Selten ließ sich Hannes überreden, mitzugehen, die Einladung ihres
Chefs war eine Ausnahme. Die Herren rauchten im Salon, er saß mit einem Maler
bei den Damen. Eben wurde der junge Dirigent, der das Orchester aus dem
Dornröschenschlaf geweckt hatte, durch den Kakao gezogen. „Er springt herum
wie ein Kasper, degoutant geradezu! Das Organ der Frau, deren großzügiger
Ausschnitt erkennen ließ, dass nichts da war, das zu verbergen sich gelohnt hätte,
schrillte durch den Raum. Nun war die Solistin an der Reihe. „Dieses dünne
Stimmchen, weder Beifall noch Blumen hat sie verdient! Jede von uns hätte das
gebracht...
Hannes schauderte beim Gedanken, die von
der Natur so stiefmütterlich Bedachte
könnte ein Lied zum Besten geben.
Gegen zehn zogen sich die Herren wieder
zurück, bis auf ihn und den Maler, dem
die Frau des Gastgebers ein Bild abkaufen wollte. „Eine dringende Besprechung,
verkündete der Hausherr und bat, die Damen zu unterhalten. Am vom Hals in die
Wangen steigenden Rot erkannte Hannes, dass sich Erika ärgerte, nicht
zugezogen worden zu sein.
„Frau Krause hatte im Theater ein Kleid
an, sehr gewagt, ging das Sticheln weiter,
„in dem Alter! Es folgte ein Loblied auf die Schnellstraße und den Zeitgewinn.
„Der rasche Themenwechsel irritiert,
sagte Hannes über die Schulter zum Maler,
drehte sich um. Der Künstler schlief wie ein Huhn mit halb offenen Augen, den Kopf
an die Säule gelehnt. Der Klatsch wandte sich dem Pastor zu. „Hat er nicht bei der
Friedensdemo mitgemacht, sogar den Aufruf zum Ausstieg aus der Kernenergie
unterzeichnet - wo doch der Ministerpräsident persönlich die Sicherheit des
Atomkraftwerks garantiert hat? Die Anklägerin schaltete eine dramaturgisch
wirkungsvolle Pause ein, die Hälse reckten sich. „Der Pastor nimmt nicht zur
Kenntnis: Ein Drittel des Kirchenvorstandes hat ihm die Stimme verweigert, ich
auch. Empört schnaubte sie ins Taschentuch.
Die Hoffnung, sie würde den Faden
verlieren, erwies sich als frommer Wunsch, der
Kirchenvorstand war dran. Aber Hannes passte nicht auf, das unheimliche Gesicht
des Alten war wieder erschienen, dieses Mal am helllichten Tag. „Ist dir deine Zeit
nicht zu schade?, fragte der Greis. Das Antlitz verschwand, das Geschwätz ging
weiter.
„Sogar der Bischof soll zweifeln, ob der
Neue der Gemeinde gewachsen ist!
Hannes überlegte, ob das gegen den Pastor oder gegen die Gemeinde sprach.
Eine vollbusige Frau mit grell geschminkten Lippen, blondem Toupet und schlaffem
Hals rief: „Er hat gepredigt, die Masse der Bevölkerung habe die Naziverbrechen
hingenommen! Sollen unsere Enkel noch in Sack und Asche gehen? Schließlich
haben wir Milliarden gezahlt! Wie lange noch Wiedergutmachung?
Nun konnte sich Hannes nicht mehr zurückhalten.
„Der Tod eines Angehörigen kann
doch nicht durch Geld wieder gut gemacht werden!
Die einsetzende Stille schreckte den Maler
auf, er rief: „Bravo, bravo! Die
Hausherrin warf ihm einen vernichtenden Blick zu, er verstand die Welt nicht mehr,
sonst hatte es immer gepasst.
Hannes fuhr fort: „Die Mittel für Überlebende und für Israel waren in Ordnung, sie
wecken aber keine Toten auf. Gerade waren die Männer zurückgekommen,
glotzten ihn an wie ein Tier im Zoo, die Dame neben ihm rückte mit dem Stuhl ab.
Ein Schmerbauch mit Glatze fragte: „Wer um Himmels willen ist denn das?
Unbeirrt fuhr Hannes fort: „Keiner, der überlebt hat und kein Angehöriger wird die
Ansicht teilen, Geld wiege Leid, Folter und seelische Qualen auf.
Sekundenlanges Schweigen, bis Gespräche
und Gelächter wie auf Kommando
wieder einsetzten. Die Dame mit den klirrenden Armbändern fuhr fort, als wäre sie
nie unterbrochen worden: „Der Pastor billigt sogar die Rentenansprüche
ehemaliger Zwangsarbeiter! Ein Fass ohne Boden: Polinnen und Ungarinnen, die
Trümmer wegräumten, verlangen Entschädigung, als hätten nicht alle
Übermenschliches geleistet! Hart klopften ihre Ringe auf den Tisch.
Zustimmendes Gemurmel.
Der Maler, der die Chancen eines Bilderverkaufs
inzwischen realistisch
einschätzte, wandte ein: „Die Trümmerfrauen bekommen auch Rentenzeiten
angerechnet.
Empört hielt man ihm entgegen: „Aber
das sind unsere Leute!
Hannes stand auf, wandte sich dem Ausgang
zu. Die Gastgeberin fing ihn ab. „Sie
wollen schon weg? Hat Sie jemand gekränkt? Sie sind doch nicht, nein, das kann
nicht sein, sonst hätte Erika nicht..., oh pardon... Kalt glotzten ihn ihre Fischaugen
an.
Im Begriff, grußlos zu gehen, hängte
sich Erika bei ihm ein, bedankte sich für den
Abend und wies auf die Überarbeitung ihres Mannes hin. Zu Hause fuhr sie ihn an:
„Du hast die Frau meines Chefs blamiert und die Gäste schockiert!
Er war selbst überrascht, sich gegen
alle gestellt zu haben, früher wäre er einfach
gegangen. Es gab ein Nachspiel, die Frau des Anwalts rief an. Bevor er auflegen
konnte, flötete sie: „Lieber Herr Werner, das wäre nicht nötig gewesen, finde ich
aber ganz reizend!
„Ich weiß nicht ... stotterte
er.
Sie fiel ihm ins Wort: „Die hübschen
Blumen mit Karte kamen eben, danke und
grüßen Sie Ihre Frau!
„Das muss ein ... Den Irrtum hörte
sie nicht mehr, hatte aufgelegt. „Du Biest! rief er
in den tauben Hörer. Am Abend stellte er Erika zur Rede: „Du hast für mich Blumen
abgegeben, ich habe nichts Falsches gesagt.
Kurz angebunden gab sie zurück: „Du
wirst es künftig unterlassen, meine Leute zu
vergraulen!
Es war das letzte Mal, dass sie gemeinsam
zu einer Veranstaltung gingen, das
Zusammentreffen im Haus der Architekten war zufällig. Er lehnte an der Wand
neben dem Büfett, drehte das Glas zwischen den Fingern und überlegte, sich
davonzustehlen, als eine dunkelhaarige Frau auf ihn zusteuerte.
„Wagen Sie ein Tänzchen?
„Meinen Sie mich?
Lächelnd nickte sie.
„Nehmen Sie es mir nicht übel, ich
mache mir nichts aus der Hopserei. Sie
verzeihen hoffentlich. Leise setzte er hinzu: „Wenn nicht, geht die Welt nicht unter.
Sie lachte. „Nein, das wird sie nicht.
Erinnern Sie sich? Die Haltestelle, der Bus...
Er schlug sich mit der Hand auf die Stirn.
„Oh Gott, ich Esel!
Hell lachte sie auf, stellte sich auf
die Zehenspitzen, küsste ihn auf die Wange.
„Aber wahrscheinlich der einzige ehrliche Mensch hier.
In diesem Moment kam seine Frau dazu.
„Du hier? Das ist eine Überraschung! Du
unterhältst dich offenbar gut, willst du nicht vorstellen?
Der spitze Ton zerstörte die Stimmung,
dennoch konnte er das Grinsen nicht
unterdrücken. „Wollen schon, weiß nur den Namen nicht.
„Du lässt dich küssen und weißt
nicht, wie die Dame heißt?
„Ersteres kann ich schlecht leugnen, das
zweite können wir nachholen. Er deutete
eine Verbeugung an. „Hannes Werner, meine Frau, wie Sie vermutlich erraten
haben.
Die Dunkelhaarige ging auf das Spiel ein,
machte einen Knicks. „Ilse Selters, es
war nett, Sie wieder getroffen zu haben.
„Ich wollte Sie nicht vertreiben, bin
froh, wenn sich mein Mann amüsiert, der
Eigenbrötler.
„Ich vermute eher, entgegnete die
andere, „er meidet Menschen, die ihn
langweilen. Ich wollte ohnehin gehen, hat mich gefreut.
Erika glaubte ihm nicht, dass er die Frau
nicht kannte. Er wunderte sich über den
Anfall von Eifersucht, hatte sich ihr Sexualleben doch bald nach der Hochzeit auf
das von ihr festgelegte Maß beschränkt, war weniger geworden, schließlich zum
Erliegen gekommen. Jeder Ofen geht aus, wenn nichts nachgelegt wird.
Unbegreiflich war ihm der fremde Geruch Erikas, besser der abhanden
gekommene Körpergeruch. Früher wäre ihm das nicht aufgefallen, die
Empfindlichkeit seines Riechorgans musste zugenommen haben.
Längst ging jeder eigene Wege. Erika
traf sich mit Leuten, die ihrem Lebensstil
entsprachen, unterließ vergebliche Erziehungsversuche, hatte eingesehen, es
lohnte nicht, mit ihm zu streiten: Kritik glitt an ihm ab wie Regen am Ölzeug. Als sie
ihm wieder einmal vorwarf, nichts für seine Karriere zu tun, gab er zu: „Schon deine
Mutter hat mich als taube Nuss eingestuft: kein Amt, keine Auszeichnung, kein Titel,
nicht einmal Vorsitzender des Kaninchenzüchtervereins. Und?
Sie entgegnete: „Aber Rad fahren, nachts
durch die Stadt laufen und träumen kann
doch nicht alles sein!
Die Schatten waren lang geworden, Nebel
stieg vom Fluss hoch, strich über die
abgeernteten Äcker. Knarrend zerrte das Boot an der Kette, Nebelschleier tanzten
über den See. Fröstelnd saß er auf einem umgestürzten Birkenstamm, das
Schreien der Wildgänse schreckte ihn auf. Mit gestrecktem Hals flatterten sie über
den See, kreisten übers Schilf, beäugten ihre Schlafplätze, ließen sich nieder.
Zögernd setzte die Dämmerung ein, nichts rührte sich, Moor und See schienen zu
schlafen. Da hörte er seinen Namen rufen, leise, aber deutlich. „Hannes! Und:
„Hannes, komm zu mir! Das Ruderboot lag an der Kette, weit und breit kein
menschliches Wesen. Und wieder das feine Rufen: „Hannes, komm zu mir!
Er spähte umher, fasste sich mit
der Hand an die Stirn: Halluzinationen, Fieber?
Vor sich im Wasser bildeten sich konzentrische Kreise, als hätte jemand einen
Stein hineingeworfen. Die Oberfläche zitterte, als mühte sich etwas, nach oben zu
gelangen. Verschwommen wie hinter Milchglas erschien ein Mädchengesicht,
wurde deutlicher. Traurig blickten die Augen zu ihm auf. Hannes suchte das zum
Spiegelbild gehörende Objekt - nichts. Er zwickte sich in den Arm, das Antlitz im
Wasser blieb. Hell leuchteten die Haare, der Kopf wiegte sich im Takt einer
schwermütigen Melodie. Gebannt starrte er auf die Erscheinung, wollte ihr zurufen,
brachte keinen Laut hervor. Das Flehen in ihren Augen schnitt ihm ins Herz, dann
löste sich das Spiegelbild auf.
Benommen ging er zurück, fuhr den
Hohlweg hinunter, verstaute das Rad, kauerte
sich auf dem Rücksitz zusammen. Es war stockdunkel, als er vor Kälte schlotternd
erwachte, auf die Hauptstraße steuerte. Plötzlich bremste er, das Auto hinter ihm
kam ins Schleudern, der Fahrer hupte und blinkte. Hannes ließ den Wagen auf den
Randstreifen rollen, blieb stehen, saß starr hinter dem Lenkrad. Das Antlitz des
Mädchens hatte sich in seine Seele gebrannt, die Sehnsucht ein Ziel gefunden.
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4.
Novemberschwere lag auf den Stoppelfeldern,
kauerte zwischen den Bäumen, die
Konturen verloren ihre Schärfe. Hannes liebte die Zeit der langen Dämmerung und
der Unbestimmtheit, den Monat der tanzenden Irrlichter. Er kauerte auf der
Ruderbank, die Kapuze in die Stirn gezogen, bis die Kälte die Glieder hoch kroch
und er durchs nasse Gras zurückstapfte. Wedelnd liefen ihm die Hunde entgegen,
an der Lenkstange hing eine Plastikhülle mit einem Zettel: Kommen Sie doch zum
Kaffee! Die Dogge mit dem hellen Fleck am Hals stupste ihn mit der Schnauze, als
wollte sie der Einladung Nachdruck verleihen.
Das gedeckte Tischchen vor der Bücherwand
und das Feuer im Kamin schienen
auf ihn zu warten. Kern machte eine einladende Handbewegung, schenkte ein.
Stumm hingen sie ihren Gedanken nach, als säßen sie sich jeden Tag zur blauen
Stunde gegenüber. Je dunkler es wurde, desto mehr Schärfe gewann ihr
Spiegelbild in der Scheibe.
Genüsslich schlürfte Hannes
den Kaffee, streckte die Füße zum Kamin, Wohlgefühl
breitete sich aus. Just da begann das Kribbeln vom Herzen hochzusteigen, stets
Vorbote einschneidender Veränderungen.
Der Hausherr brach das Schweigen. „Hat
Sie der Moorsee also in seinen Bann
gezogen! Nachdenklich musterte er sein Gegenüber. „Ich möchte etwas mit Ihnen
besprechen. Sie haben doch Zeit?
Hannes nickte. „Ob ich jetzt oder später
fahre, ist egal, dunkel ist es allemal.
„Wartet niemand auf Sie?
Nach kurzem Zögern antwortete Hannes,
er sei zwar verheiratet, lebe aber
eigentlich allein. Die Umrisse der Bäume lösten sich im Dunkel auf.
„Sie übernachten am besten hier.
Jeden Einwand beiseite schiebend hob Kern
die Hand. „Einverstanden?
„Danke, im Dunklen ist das Fahren durch
den Hohlweg kein Spaß. Außerdem fühle
ich mich wohl hier.
Das strenge Gesicht leuchtete auf. „Meine
Frau und ich haben das Haus
gemeinsam geplant und eingerichtet. Ich
habe sie über alles geliebt. Jäh
erlosch
das Lächeln in den Augen. „Dann ist sie fort gegangen und nie mehr.
Eigenartig, die Formulierung für
sterben, dachte Hannes.
Der Unternehmer stand auf, sagte abweisend,
beinahe schroff: „Aber darüber
wollte ich nicht mit Ihnen reden!
Hannes wunderte sich, dass sich der ruhige
Mann erregte wie damals über das
Licht am anderen Ufer.
Es klopfte, eine mollige Frau schob einen
Teewagen herein. „Danke Martha, sieht
lecker aus. Das ist Hannes - meine Haushälterin, stellte er vor. „Ist alles fertig?
„Aber natürlich. Die Stimme
passte zum gutmütigen Gesicht.
Später fragte Hannes, ob er sich
seiner Sache immer so sicher sei.
„Keineswegs, in diesem Fall schon. Greifen
Sie zu! Er schenkte Rotwein ein, hob
das Glas. „Erbstücke, Biedermeier. Der Burgenländer wird Ihnen munden, kommt
direkt vom Winzer. Er nahm einen Schluck, ließ den Rebensaft von einem
Mundwinkel in den anderen fließen und ohne erkennbare Schluckbewegung durch
die Kehle rinnen. „Sie haben vermutlich gehört, dass ich zurückgezogen lebe. Ich
bin aber nicht von der Welt abgeschnitten. Er stand auf. „Ich zeige Ihnen was.
Nehmen Sie bitte das Tablett mit? Der Eichenschreibtisch im Raum nebenan war
mit Zeitungsausschnitten, Büchern und Kassetten übersät. „Ich schaffe es nicht, das
alles zu verarbeiten.
„Ein Unternehmer wie Sie müsste sich
einen Sekretär leisten können!
„Darum geht es nicht, erwiderte
Kern. „Sie werden gleich verstehen. Er zog einen
Band aus der Bücherwand, drückte auf einen Knopf, das Regal rollte zur Seite und
gab eine Stahltür frei. „Der erste Fremde, der das zu sehen bekommt. Sie
betraten den Raum, in dem Computer, Monitore, Drucker, Telefone und andere
Geräte standen. Kern tippte auf einer Tastatur, auf dem Schirm erschien: HClPF/
K/ 5231/ OK. „Was glauben Sie bedeutet das?
„HCl könnte Salzsäure sein,
das andere
Hannes zuckte die Achseln.
„Es geht in der Tat um Chlorverbindungen,
hochgiftige sogar. P steht für Papier, F
für Fabrik, K für Kanalisation. Das Zeug fließt von einer Papierfabrik in den Kanal,
der in den Fluss mündet. Er ließ eine Wandtafel zur Seite rollen, eine Landkarte
kam zum Vorschein. „Jedes Planquadrat ist in zehn weitere geteilt; die zwei ersten
Zahlen der Formel sind waagrecht, die zweiten senkrecht zu lesen. Von dieser
Papierfabrik, er wies mit dem Stock auf eine rote Nadel, „läuft mit dem Abwasser
Salzsäure in den Fluss. Unser VMann hat es gemeldet, wir haben nachgefragt.
„Und?
„Das Übliche: Abwiegeln, Zeit schinden,
das Auffinden des Lecks sei schwierig.
Wir drohten mit Anzeige, da wurde der Schaden behoben, dafür das OK.
„Hätten Sie angezeigt?
„Aber sicher! Die Kollegen, sein
Mund deutete ein Lächeln an, die Augen blieben
ernst, „wissen, dass wir nicht bluffen.
„Und die Behörden?
Um eine Daseinsberechtigung zu haben,
suchten Beamte nach Vorschriften, um
Innovationen zu behindern; sie reagierten, wenn überhaupt, träge. Um ihnen Dampf
unterm Hintern zu machen, lasse die Organisation Journalisten Informationen
zukommen. Seitdem ignoriere man Meldungen der RUNO nicht mehr. Das Staunen
des Gastes amüsierte Kern. „Sie haben von der Organisation gehört?
„Wollen Sie damit sagen, Sie arbeiten
für die radikalen Umwelt- und
Naturschützer?
Gelassen schenkte der Gastgeber nach,
erklärte, er leite sogar ein
Informationszentrum. Mitunter müssten sie Methoden einsetzen, die gesetzliche
Bestimmungen großzügig auslegten. Über die Aktionen schreie am lautesten, wer
selbst Dreck am Stecken habe. Es sei schwer gewesen, die Organisation
aufzubauen, es sei noch mühsamer, die Menschen zum Umdenken zu bewegen. Er
stierte auf die Karte. „Sie haben Redans Buch gelesen?
„Ja. Einer der Hunde hatte sich
zu seinen Füßen ausgestreckt, den Kopf auf
seinem Fuß.
„Nun schau mir einer den Kerl an!
Ein Lächeln hellte für Sekunden das Gesicht
Kerns auf. Redan beschreibe, dass nach wie vor produziert werde, als gäbe es
Rohstoffe bis in alle Ewigkeit, als wäre die Bedrohung der Natur eine Erfindung von
Spinnern. Er schildere auch, wie die Wirtschaft Wälder zu Holzlieferanten, Flüsse
zu billigen Verkehrsadern, Tiere zu Rohstoffbasen degradiert habe. Was zähle, sei
die Rentabilität. Er wies auf ein Regal. Der graue Ordner enthalte Leiter aktiver
Umweltbehörden. „Sie sehen, er ist dünn. Im gelben Ordner seien Journalisten
verzeichnet, die sich für den Naturschutz einsetzten, im grünen die Anwälte, alle
verschlüsselt. Längst sollte alles im Computer und vernetzt sein, aber sie hätten
Angst, die Gegner könnten zugreifen. Er nahm sein Glas, nippte. „Wozu ich Ihnen
das zeige? Zuerst eine Gegenfrage: Sind Sie bereit, gegen die Zerstörung der
Natur zu kämpfen? Falls nicht, vergessen Sie bitte alles.
„Sie haben sicher bemerkt, entgegnete
Hannes hitzig, „wie mich das fasziniert!
Und hätten Sie gesehen, mit welch ohnmächtiger Wut ich das Abholzen der Auen
verfolgt habe, würden Sie nicht fragen! Unwillkürlich war er lauter geworden,
stockte: „Entschuldigen Sie, ich ...
Kern winkte ab. „Wäre übel,
wenn Sie gleichmütig blieben. Außerdem wissen wir
über Sie Bescheid.
Im Gesicht des Jüngeren spiegelten
sich widersprüchliche Gefühle. „Heißt das, ich
wurde beobachtet?
„Nun, wir haben uns erkundigt. Wenn Sie
mehr über uns wissen, werden Sie
verstehen. Er klappte eine Mappe auf. „Politiker, für die Naturschutz mehr ist als
Wahlwerbung, wenige. Hier haben wir Chemiker und Biologen, die nicht fragen,
woher die Proben kommen, auch sonntags Analysen durchführen.
„Am Sonntag?
„Viele Umweltvergehen ereignen sich am
Wochenende wenig Mitwisser.
„Arbeiten Sie auch mit der Polizei zusammen?
Sie gäben Hinweise, aber die Polizei
schreite meist erst ein, wenn das Kind in den
Brunnen gefallen sei. Vor allem, seit übereifrige Polizisten Rügen erhielten. Der
Einfluss der Wirtschaft reiche bis ganz nach oben. Für die Karriere sei es
nützlicher, Diebe und Verkehrsrowdies zu verfolgen. Sie gingen ins Wohnzimmer
zurück.
Seltsam, ging es Hannes durch den Kopf:
Obwohl er das erste Mal davon höre,
kam ihm alles bekannt vor.
Kern schilderte, dass Mitarbeiter heimlich
Proben aus den Abwässern von
Fabriken entnehmen; bestätige die Analyse den Verdacht, werde die Organisation
tätig. Sie beschafften sich Informationen über geplante Fernstraßen, Flugplätze
und
Industrien; jeden Tag asphaltiere und betoniere man Quadratkilometer von
Grünflächen. Habe Widerstand eine Chance, mobilisierten sie Vereine,
verständigten die Presse.
„Gibt es keinen Gegendruck?
Es gebe Konzerne, die alles unternähmen,
um die Organisation zu kriminalisieren.
Und weil ihre Methoden nicht immer stubenrein seien, wenn sie etwas erreichen
wollten, sei das gar nicht so schwer. Noch immer stelle man gesundheitsschädliche
Produkte her. Das sei eigentlich verfassungswidrig, doch zögerten die Gerichte,
das Denken zu übernehmen.
„Obwohl es richtig ist?
„Recht haben und Recht bekommen sind zweierlei.
Müde fuhr Kern fort, das Recht
der Schwachen immer erkämpft werden müssen. Ihre Sachwalter seien
beschimpft, verfolgt, eingesperrt, gefoltert oder umgebracht worden. Wenige hätten
nach dem Tod Anerkennung gefunden. Kern legte ein Buchenscheit in die Glut,
beide beobachteten das Züngeln der Flammen.
„Aber wir leben in einem Rechtsstaat!,
wandte Hannes ein.
„Die Gleichheit vor dem Gesetz nützt
dem Jungen wenig, der im Kaufhaus ein Jojo-
Spiel mitgehen lässt und bestraft wird, während dem Gangster im
Nadelstreifenanzug, der die Umwelt für Generationen vergiftet, nichts passiert.
„Und wo bleibt die Gerechtigkeit?
„Gerechtigkeit! schnaubte Kern.
„Für den Jungen der Beginn einer kriminellen
Karriere, für den Beamten, der die Vorschriften missachtet, die Versetzung in den
vorzeitigen Ruhestand. Ein Fabrikant, der das Grundwasser vergifte, zahle, wenn
es zu einer Strafverfolgung komme, ein lächerliches Bußgeld. Früher habe man
Menschen vor Naturgewalten schützen müssen, heute sei die Natur vor dem
Menschen zu bewahren.
„Und die Umweltpolizei?
„Mit einzelnen Dienststellen arbeiten
wir gut zusammen. Er warf Hannes einen
prüfenden Blick zu. „Übrigens wurde ein Preis ausgesetzt, wer unsere Organisation
auffliegen lässt nicht offiziell natürlich.
Ungläubig fragte Hannes: „Eine Prämie
für Verrat?
Kern zuckte die Achseln. „Der Kampf ist
hart geworden, es geht um Milliarden.
Unsere Organisation muss rasch reagieren, wir sind auf schnelle, verlässliche
Angaben angewiesen.
Wie in einem Puzzle formte sich im Kopf
des Zuhörers allmählich ein Bild. „Sind
auch Mitglieder gespeichert?
„Nur ihre Codes.
„Eine Geheimorganisation! Hannes
schluckte. „Und warum vertrauen Sie mir das
an?
Kern ließ sich Zeit. „Ich brauche
einen Assistenten, der schweigen kann. Das ist ein
Angebot, überschlafen Sie es!
„Donnerwetter, zum Kaffee kommen und nun
dies! Der junge Mann stützte den
Kopf in die Hand. „Ich bin auf mein Gehalt angewiesen und nebenbei wird die
Arbeit hier nicht zu schaffen sein.
Wieder das warme Lächeln. „Wie Sie
andeuteten, kann ich mir in der Tat einen
Sekretär leisten. Sie würden gleich viel verdienen.
Hannes war seit dem Morgengrauen auf den
Beinen, nur Kerns eindringliche Art zu
sprechen verhinderte, dass er im Sitzen einschlief.
Naturschutz dürfe sich nicht nur
am Nutzen orientieren. Werde zum Beispiel
Insektengift gespritzt, habe das den Tod Zehntausender Vögel zur Folge; über
Umwege auch die Vergiftung des Grundwassers. Gott habe dem Menschen
geboten, sich die Erde untertan zu machen und über alles Getier zu herrschen
von Zerstörung habe er nichts gesagt. Kern stand auf, lief mit abgezirkelten
Schritten wie ein Wachsoldat hin und her. „Die Aufforderung, fruchtbar zu sein, hat
der Mensch übererfüllt. Beim Auftrag, über Gottes Geschöpfe zu herrschen, hat er
jämmerlich versagt.
Unwillkürlich folgten Hannes
Augen dem durchs Zimmer marschierenden
Gastgeber.
„Bevor der Mensch begann, die Erde auszubeuten,
zu verstümmeln und zu
zerstören, war sie ein sich selbst regulierender Organismus. Der Mensch als Maß
aller Dinge? Lächerlich! Überschwemmungen, Erdbeben und Vulkanausbrüche
zeigen ihm, wer der Herr ist.
Ein Lämpchen im Lichtschalter leuchtete
auf, Kern schob eine Tür in der
Vertäfelung auf, von den anderen Tafeln kaum zu unterscheiden. Ein Monitor stand
in der Vertiefung, Hannes blickte verblüfft auf ein Stück des Hohlwegs. Die
Scheinwerfer eines Autos blinkten zwischen den Bäumen auf. „Aha, der
Hausmeister kommt zurück, sagte Kern.
„Sie können ja, stammelte der
Besucher, „jeden, der des Weges kommt,
kontrollieren! Er überlegte: „Haben Sie mich auch beobachtet?
„Einige Male schon. Wir müssen vorsichtig
sein, haben mächtige Gegner. Es sind
drei Kameras installiert.
Hannes starrte auf den Schirm. Minuten
später näherte sich das Brummen eines
Motors, erstarb vor dem Haus.
„Es ist spät, beenden wir die Sitzung.
Übermüdet lag Hannes im Bett,
konnte lange nicht einschlafen. Während des
Gesprächs war der Druck im Kopf verschwunden und was ihn noch mehr wunderte:
Viele Informationen waren ihm bekannt vorgekommen, er wusste nicht woher.
Jäger hatte das Fahrrad an die Rückwand
des Geländewagens gehängt, die
Hunde saßen auf dem Rücksitz. „Ich bringe Sie zum Auto.
„Bin froh bei dem Sauwetter. Hannes
schaute zurück, der Unternehmer stand vor
der Tür, schaute ihnen nach.
Es regnete noch, als er bei Elmar klingelte.
„Ungern störe ich euren Sonntag, aber
ich brauche Rat.
„Komm rein!
„Ich möchte mit dir allein reden.
Sie setzten sich ins Auto.
Elmar zeigte sich von Kerns Angebot nicht überrascht, fragte in seiner bedächtigen
Art: „Mit Vertrag?
„Wurde nicht besprochen, nehme es an.
„Dann greif zu, die Chance kommt
nie wieder!
Gleichwohl schob Hannes die Entscheidung
hinaus, fuhr zum Moor, so oft er
konnte, mied aber Kerns Haus. Manchmal überkam ihn die Sehnsucht nach dem
Mädchen im See wie ein Fieber. Dann konnte er sich nicht konzentrieren, glotzte
aufs Zeichenbrett, auf dem sich Träger, Mauern und Fensteröffnungen bogen und
krümmten, wie außer Rand und Band geratene Geister übers Blatt tanzten, bis ihn
das blecherne Organ des Oberingenieurs aufschreckte.
„Wieder mal beim Träumen, Ingenieur
Werner? Er betonte das Wort Ingenieur, als
spucke er es aus. „Sie wissen doch, der Auftrag hat Dringlichkeitsstufe eins!
Den Kollegen war klar: Wie immer Hannes
reagierte, es würde Meier reizen. Zwar
konnte niemand den Saalchef leiden, sah man von Alfred ab, dem Zuträger, in
dessen Nähe sich jedes Gespräch ums Wetter drehte, aber alle krümmten den
Rücken bis auf Hannes.
„Ich bin, stotterte er und ärgerte
sich darüber, „etwas verkatert. Er fing sich. „Aber
keine Bange, Herr Meier, die Pläne werden fertig und wenn mich niemand stört,
auch rechtzeitig. Im Übrigen muss ich mitunter nachdenken dienstlich versteht
sich.
Der Vorgesetzte drehte sich weg, zischte:
„Das will ich hoffen, für Sie hoffen!
Verbissen zeichnete Hannes, befahl sich,
nicht ins Träumen zu geraten, viele
warteten auf die Stelle. Da fiel ihm Kerns Angebot ein, er war auf den Job nicht
angewiesen. Meier nahm am Freitag die Arbeit entgegen, schien zu bedauern,
keine Fehler zu finden.
Es war zu spät, ins Moor zu fahren,
er besuchte seine Stammkneipe, radelte in der
kühlen Nachtluft nach Hause, summte vor sich hin.
Erika war noch auf. „Toll, jetzt fängt
er auch noch zu trinken an! Es war Ausdruck
ihrer besonderen Missachtung, ihn in der dritten Person anzusprechen.
Er verzichtete darauf, sich zu verteidigen.
Noch ehe der Wecker rasselte, war er
fertig, aß im Auto ein Brot, fuhr zur Brücke, hob das Rad heraus, radelte zum Moor.
Das Boot lag nicht an seinem Platz. An die Birke gelehnt schaute er übers Wasser,
verlor jedes Zeitgefühl. Nebel zog auf, gedämpft erklang der Schrei eines Vogels.
Auf einmal hatte Hannes das Gefühl, nicht allein zu sein, horchte angespannt -
nichts. Ein Windstoß trieb den Nebel auseinander, er hörte das Knarren von
Riemen, sah das Boot auf sich zukommen, erkannte eine sitzende Gestalt, die
allmählich Formen annahm, es war eine Frau. Sie legte die Ruder in die Dollen,
ließ sich zum Ufer treiben. Golden wallten ihre Haare über die Schulter, langsam
drehte der Kahn bei, ein bleiches, zartes Antlitz wandte sich ihm zu das
Spiegelbild im See.
„Komm Hannes, komm!, kam es leise
von ihren Lippen, er musste die Worte vom
Mund ablesen. „Bei mir findest du Frieden.
Er starrte auf die Erscheinung, wollte
rufen: Wer bist du, wo kann ich zu dir finden,
brachte aber keinen Laut hervor, nur das Herz pochte laut. Er wollte aufstehen,
doch die Glieder gehorchten nicht. Ihr trauriges Lächeln brannte sich in seine
Seele. Sie tauchte die Ruder ein, wendete und das Boot entschwand. Gebannt
schaute er nach. Nun wich die Erstarrung, er formte die Hände zum Trichter, rief:
„Komm zurück! Still lag der See vor ihm, der Nebelvorhang schloss sich.
Aufgewühlt stolperte er über
Wurzeln und Löcher, radelte durch die Enge zurück.
Verwirrt sah er auf, Erika stand vor seinem
Bett. „Du hast laut gerufen: Komm
zurück...! Was ist los, bist du krank?
Er schüttelte den Kopf.
Sie wies auf die Kleider am Boden. „Hast
du getrunken?
Abermaliges Kopfschütteln. „Ich war
am Fluss.
„Zu der Jahreszeit? Du angelst doch gar
nicht! Sie verließ das Zimmer.
Die Sehnsucht war übermächtig
geworden, es zog ihn zum Moorsee. Tief hingen
die Wolken, Reif hatte Gräser und Büsche überzogen, Krähen kreisten über dem
Moor. Nie vorher hatte er hier welche gesehen, hob verdutzt den Kopf, als er im
Gekrächze einen Sinn zu erkennen vermeinte.
„Krah,
krah, hart ist die Erde nun gefroren,
die
Zugvögel sind gegen Süden gezogen.
Wenn
viele Tiere an Erschöpfung sterben,
werden
wir gierig ihr Fleisch zerhacken.
Oft
müssen wir den Sensenmann geleiten,
wenn
gebieterisch er mit dem Finger winkt.
Krah,
krah, für Schwarzvögel gute Zeiten,
wenn
Tag und Nacht Schnee herniedersinkt.
Er
blickte dem Flatterflug der Unglücksboten nach. Sie hatten Recht, bald würde
der See zufrieren. Wie dann das Mädchen wieder sehen, wo suchen? Bis zum
Frühjahr warten, nicht wissen, obs ein Wiedersehen gibt? Oder war auch es
eine Ausgeburt der Einbildungskraft, ein Traum?
|
|
5.
In letzter Zeit hatte er viel zu tun,
war abgespannt, nickte im Bus ein, hätte beinahe
die Haltestelle verschlafen. Ihr Auto stand mit einem Hinterrad auf dem Bordstein,
Erika war zu Hause, nichts mit dem Versinken in die Traumwelt bei Chopin. Er ließ
sich Zeit, als er den Mantel über den Bügel hängte. Erika kam ihm im Flur
entgegen, augenblicklich regte sich sein schlechtes Gewissen.
„Du kommst spät, hast sicher vergessen!
Der erste Pfeil war ein Volltreffer. „Nein,
nein...
„Ach was, du vergisst stets, wenn ich
mich auf etwas freue! Wir haben, sie schaute
ihn triumphierend an, „mit Walter und Frau vereinbart, das Orgelkonzert zu
besuchen heute! Abermals ein Treffer.
„Ach ja, das Orgelkonzert. Walter
und Frau hörte sich an wie Walter & Co., die
Büromittelfirma im Zentrum. „Aha, heute. Seinerzeit im Restaurant hatten sie
beschlossen, auch das nächste Konzert in der Klosterkirche zu besuchen. Sonst
mied er derlei gemeinsame Unternehmen, hier war ihm die Zustimmung leicht
gefallen, er liebte Orgelmusik und das Kirchlein auf dem Hügel. „Wann gehts los?
„Sie werden jeden Augenblick eintreffen,
du kannst dich umziehen oder etwas
essen.
„Eine schwerwiegende Entscheidungen,
brummte er. Mit den Fingern strich er fest
über die Stirn, als könnte er den Druck im Kopf wegschieben. Also absagen? Dann
lieber eine Fahrt in die Hölle, sagte er sich, als wochenlange Vorwürfe. Es klingelte,
Erika öffnete.
„Hallo! dröhnte Walters Stimme
durch die Wohnung. „Der Dame des Hauses
meinen untertänigsten Gruß! Muss Gisela, fragte er, „lange im Wagen ausharren
oder soll ich sie holen?
Das aufgesetzte Gehabe nervte Hannes,
Walter lernte vermutlich Floskeln
auswendig wie andere Lateinphrasen.
Erika dagegen fand ihn unterhaltsam. „Guten
Abend Walter, pünktlich und gut
gelaunt wie immer! Ich bin fertig.
„Na dann los, die Pferde sind angeschirrt!
In jedem dritten Satz brachte Walter einen
Gemeinplatz unter und irgendwer lachte
immer, seine Frau auf jeden Fall.
Hannes aß ein Brot im Lift. „Bin
eben gekommen.
„Dem Vornehmen geziemt es, bescheiden
zu speisen. Walter, der sich genau
merkte, wer über einen Kalauer nicht lachte, übersah großzügig, dass ihm Hannes
nur einen schrägen Blick zuwarf. Schließlich konnte nicht jeder eine Frohnatur sein.
Der Sechszylinder, Walters ganzer Stolz, schaukelte durch das schlafende
Hügelland, ab und zu reflektierte ein Tümpel das kalte Mondlicht. Hannes saß
neben dem Fahrer, ließ seine Sprüche über sich ergehen, warf mitunter ein „Aha!
oder „Na so was! ein.
„Du hörst ja nicht richtig zu! Soll
ich meine Perlen vor die Säue werfen?
„Ja, ich meine nein, verbesserte
sich Hannes. „Habe alles mitbekommen. Die
Hektik im Betrieb, du verstehst.
Warnend hob Walter den Finger: „Du solltest
dich nicht so in die Riemen legen, ein
Herzkasper meldet sich nicht an und bleibt selten allein! Erika fände es wenig
ergötzlich, dich im Rollstuhl durch die Fußgängerzone zu schieben.
Die Vorstellung, die allseits bedauerte
Ehefrau, die ihren Mann aufopfernd pflegte
und durch die Ladenzeile schob, entlockte Hannes ein lautloses Glucksen. Sie
könnte ihn nicht einfach stehen lassen, wenn er ihren Unwillen erregte: Was würden
die Leute denken!
Walter spann den Faden weiter. „Dein Nachruf
könnte lauten: Ein arbeitsreiches
Leben, mit siebenunddreißig in den Rollstuhl verbannt, zu Tode gepflegt von seiner
Frau.
Aufmerksam beobachtete Hannes den Sprücheklopfer,
der nach dem Gelächter
der Zuhörer gierte, dabei tat, als erforderte die Straße seine ungeteilte
Aufmerksamkeit. Giselas Kichern zählte nur halb, zu früh durfte sie allerdings nicht
lachen, bei seinen Witzen verstand er keinen Spaß.
Da prustete Erika los, Hannes triumphierte.
Zuweilen wettete er mit sich, gewann
er, spendierte er sich einen Eisbecher mit Früchten. „Der Nachruf gefällt mir,
bedanke mich im Voraus. Keine Sorge, die Planung ist abgeschlossen, Erika
braucht keinen Rollstuhl zu schieben. Eigentlich hätte sie sich längst einmischen
müssen.
Und da hakte sie auch schon ein. „Du weißt
doch Walter, Hannes nimmt sich alles
zu Herzen. Sagt der Chef, etwas sei eilig, fasst er es als Kritik auf.
„Sie weiß besser als ich, was ich
denke, brummte er.
„Wie bitte? fragte Walter.
„Wenn ich mich nicht irre, lenkte
Hannes ab, „müssen wir an der Kreuzung
abzweigen.
Walter bremste, bog in die Nebenstraße
ein. „Mein Dank dem Kopiloten, wir hätten
einen Riesenumweg gemacht und das halbe Konzert versäumt. Ein Kleinlaster
kam in der Allee entgegen. „Nachher lade ich euch ins Café am Platz ein. Dort
gibts Obsttorten, einfach traumhaft! Traumhaft war derzeit Favorit unter den
Modewörtern, himmlisch und göttlich waren passé.
„Fein, freute sich Erika, wandte
sich an Hannes. „Dir fällt eine solche
Überraschung nie ein!
Walter enthob ihn einer Antwort. „Ach
Kinder, ihr wisst doch, das macht mir
Freude! Man hörte förmlich, wie er sich in die Brust warf.
Die Klosterkirche stand auf dem Hügel
am Ortsrand, ein Kreuzweg schlängelte sich
nach oben, gusseiserne Laternen leuchteten die Kehren aus. Eine Feldsteinmauer
umschloss den Friedhof, in einigen Ampeln flackerten Kerzen. Hannes schaute
vom Vorplatz auf den schmalen See, Tausende Irrlichter funkelten auf den Wellen.
Der Glockenstuhl knarrte, der Wind trug das Läuten übers Dorf. Unwillkürlich
passten die Besucher ihre Schritte dem Glockenklang an, traten gemessenen
Schritts durchs Portal, die Männer nahmen die Hüte ab. Hannes blieb auf der
obersten Stufe stehen.
„Gehst du nicht hinein? fragte Walter.
Er schätzte es nicht, wenn jemand aus der
Reihe tanzte.
„Halte mir bitte einen Platz am Gang frei!
Es war nicht so sehr der Blick auf das
mit milchigem Licht übergossene Land, das ihn zögern ließ, als vielmehr sein Herz,
das gegen die Brust hämmerte, dass er dachte, es müssten alle hören. Das Geläut
klang aus, letzte Besucher eilten ins Gotteshaus. Hannes schlüpfte am Küster
vorbei, der das schwere in den Angeln quietschende Tor schloss, setzte sich neben
Erika, drehte sich um: Über den Spieltisch geneigt horchte der Organist in die
Orgel hinein. Das Instrument begann zu ächzen, als streckte es sich nach langem
Schlaf, kraftvoll erklangen die ersten Akkorde, schwollen an, füllten das
Kirchenschiff bis in den letzten Winkel. Jeder neu sich bildende Ton schob den
gerade entstandenen vor sich her, löschte ihn aus und musste doch selbst, kaum
geboren, dem nachfolgenden Platz machen. Wo blieben all die Klänge?
Vagabundierten sie als winzige Energiewellen durchs All? Immer neue Töne
entströmten den Pfeifen, verbanden sich zu Klangfolgen, verflochten sich zu
Melodien. Hannes senkte den Kopf, schloss die Augen, seine Seele öffnete sich.
Bis ihm einfiel, Erika könnte annehmen, er sei eingeschlafen und ihn in die Seite
puffen; er richtete sich auf, hielt den Blick auf die Kerze im Leuchter gerichtet. Die
durch den Raum flutende Musik hüllte das Denken ein, betäubte die Sinne. Ruhe
breitete sich in ihm aus, kein bohrender Gedanke bedrängte ihn mehr, der Druck
im Kopf verflog. In der Annahme, seine Frau hätte ihn am Ärmel gezupft, schaute er
nach links, doch sie hörte andächtig zu, die Hände auf die Bank gestützt.
Der Mittelgang war leer gewesen, als er
gekommen, auch hätte er das Quietschen
des Portals gehört. Abermals spürte er das Ziehen am Ärmel, wandte den Kopf
und plötzlich war es wieder da, das Hämmern in der Brust. Die Langersehnte stand
neben der Bank, lächelte ihm zu. Jäh veränderte sich sein Pulsschlag, dumpf
schlug das Herz.
Behutsam legte sie ihre Hand auf seine
um das Eichenholz gekrampfte Rechte.
„Gehen wir, raunte sie. „Kümmere dich nicht um die anderen! Er fürchtete, die
geringste Bewegung könnte die Erscheinung vertreiben, sie zog ihn zum Ausgang.
niemand achtete auf sie, lautlos und ohne Mühe öffnete sie das eisenbeschlagene
Tor, führte ihn durch den Kirchhof. Und auf einmal fühlte er sich schwerelos, glaubte
zu träumen, erkannte im Mondlicht, dass sie durch ein Moor gingen.
Sie kam seiner Frage zuvor: „Ja, unser
Moor.
„Aber wie kommen wir hier...
„Nicht fragen, unterbrach sie. „Eines
Tages verstehst du vielleicht. Leichtfüßig
schritt sie über den schwankenden Boden, trat auf Stellen, die er bei Tag
gemieden hätte. „Keine Bange, ich kenne jede Stelle. Sie schien seine Gedanken
lesen zu können. „Hier ist das Boot.
Sie nahm auf dem Bugsitz Platz, reichte
ihm einen Schlüssel, das verrostete
Schloss sprang auf. Er tauchte die Ruder ein, sanft teilte der Bug das spiegelglatte
Wasser. Seltsam, schoss es ihm durch den Kopf, auf dem See unter der
Klosterkirche waren Wellen. Gaben die Wolken den Erdtrabanten frei, leuchtete
das Antlitz der mädchenhaften Frau auf. In der Mitte des Sees nahm sie die
Riemenblätter hoch, legte sie ins Boot, lautlos glitten sie dahin. Mit einem Mal
wendete der Kahn, obwohl er die Ruder gar nicht eingetaucht hatte, trieb zurück.
„Komm zu mir!
Sie warf ihm einen Blick zu, balancierte
nach hinten. Er legte den Arm um sie, fühlte
ihr seidiges Haar an der Wange. Verdeckten Wolken den Mond, färbte sich das
Wasser schwarz wie der Wald am anderen Ufer; brach er durch, goss sich
flüssiges Silber über den See. Plätschernd trieb das Boot dahin, Hannes fröstelte,
drückte sich an sie, sog ihren Duft ein.
„Nimm die Ruder, sie spielen schon den
letzten Satz.
Verstört fragte er: „Aber
Sanft aber bestimmt sagte sie: „Hannes,
bitte!
„Woher weißt du meinen Namen?
Sie schüttelte den Kopf als wäre
er ein ungezogenes Kind. Schweigend ruderte er
zum Ufer, schloss das Boot an die Kette. Sie führte ihn durchs Moor zurück,
plötzlich standen sie vor der Kirche, majestätisch ertönte das Finale.
„Schnell! Sie streckte die Hand
aus. „Gib mir den Schlüssel, du kannst mich nicht
besuchen!
Er hatte etwas zum Anfassen behalten wollen,
spürte Röte in die Wangen steigen.
„Erzähle niemandem etwas! Sie
strich mit dem Handrücken über seine Wange,
öffnete das Kirchentor, schob ihn hinein. Er drehte sich um, das Tor war zu. Die
Leute beachteten ihn nicht, als er vorbeiging. Er starrte auf seinen Platz dort saß
jemand. Er eilte nach vorn, der Schlussakkord erklang, er erkannte seinen
abgetragenen Mantel, sah das Gesicht, prallte zurück: Seines, er selbst saß da!
Der letzte Ton verklang, Hannes nahm wahr, wie die Leute aufstanden, gedämpft
redeten, hinausgingen. Er stierte vor sich hin, die Aufforderung Erikas: „Es ist aus!
schien von weit her zu kommen.
In schärferem Ton wiederholte sie:
„Hannes, das Konzert ist zu Ende!
Ruckweise wie ein Roboter drehte er den
Kopf, sie schrak zurück: Sein Blick
durchbohrte sie, unwillkürlich drehte sie sich um, packte seinen Arm. Er rührte sich
nicht. „Gott, was hast du, wie sieht du aus? Ihr Mann war ihr unheimlich geworden,
fremd war er ihr schon geraume Zeit.
Gisela war seine unnatürlich steife
Haltung während des Konzerts aufgefallen, sie
hatte sich vorgebeugt. Sein Blick war durch sie hindurch gegangen, die Augen
hatten gewirkt wie entseelt. Sie hatte Erika ein Zeichen gegeben, doch die hatte
bloß die Schultern hochgezogen.
Erstaunt erkannte Walter Erikas Unsicherheit,
sah ihren Hilfesuchenden Blick,
schaute ungläubig auf Gisela, seine stille Gisela, die Hannes Hand ergriffen hatte,
beruhigend auf ihn einsprach, bis die Starre aus seinem Gesicht wich. Sie spürte
seine Verlorenheit, führte ihn am Ellbogen aus der Kirche, den Steig hinunter.
Am Fuß des Hügels lief Erika
vor, ergriff seinen Arm. „Du musst zum Arzt, verhältst
dich in letzter Zeit so merkwürdig und das eben in der Kirche als wärest du
geistig weggetreten. Konsultiere Doktor Waldmann!
Mit schräg gehaltenem Kopf ließ
Hannes den Klang auf sich wirken: Keine
Besorgnis, keine Anteilnahme, der Rat einer Fremden für einen Fremden. „Du
meinst den Psychiater?
„Ja. Schieb es nicht auf, es könnte
zu spät werden!
Er schüttelte den Arm seiner Frau
ab, sah zurück zu den Kirchenfenstern, die sich
hell vor dem schwarzen Himmel abhoben. Eine Ewigkeit schien vergangen, seit sie
losgefahren waren, eine Welt lag dazwischen, eine Welt von zwei Stunden. Er ging
weiter, es war alles gesagt.
Im Café bemühte sich Walter,
die Stimmung aufzulockern. Hannes beteiligte sich
nicht am Gespräch, stopfte einen Bissen nach dem anderen es war das zweite
Tortenstück - in den Mund, ohne darauf zu achten, was um ihn vorging. Erika hatte
Angst vor einem Skandal, war dankbar für Walters Redseligkeit. Hannes schwieg,
auch zu Hause. Einen Tag später traf er Elmar, der sich erkundigte, ob er die Stelle
angetreten habe.
„Bei Kern? fragte Hannes zerstreut.
„Noch nicht.
„Warst du wieder im Moor?
„Es ist kalt...
„Also ja. Zufällig habe ich,
er beobachtete Hannes Gesicht, „Erika getroffen, du
weißt, sie mag mich nicht. Er ist seit dem Orgelkonzert so sonderbar, hat sie
gesagt.
„Sie meinte, erwiderte Hannes, „ich
soll den Psychiater aufsuchen. Glaubst du
auch, ich sei reif für die Klapsmühle?
„Quatsch, niemand denkt das, auch Erika
nicht! In seiner bedächtigen Art fügte
Elmar hinzu: „Wenn du überzeugt bist, das Richtige zu tun, dann lass dich nicht
beirren.
Kinder liefen von einer Lache zur anderen,
krachend barst unter ihren Stiefeln das
Eis auf den Pfützen. Hannes kratzte die Scheiben frei, kurbelte das Fenster auf, die
Heizung funktionierte nicht. Erst als er den Hohlweg hinaufradelte, wurde ihm warm.
Auf dem Schilf lag Reif, am Ufer hatte sich ein Kranz aus Eis gebildet, der
Nordwest peitschte Graupelschauer übers Wasser. Die Kapuze in die Stirn
gezogen marschierte Hannes am Ufer auf und ab. Er konnte das Mädchen nicht
erreichen, nur warten und hoffen. Es dämmerte, als er sich auf den Weg zu Kerns
Haus machte.
Martha öffnete. „Hannes, Sie!
Die Doggen begrüßten ihn stürmisch. „Bei dem
Sauwetter jagt man keinen Hund vor die Tür! Die Haushälterin hängte den Mantel
über die Heizung, tischte Suppe, kalten Braten und Schwarzbrot auf. Kern meinte
lachend, so verwöhnt werde nicht mal er. Sie ordneten Artikel, werteten Meldungen
aus, gaben Umweltdelikte in den Computer ein. Hannes wunderte sich über die
hohe Anzahl Freiwilliger, die für die Organisation arbeiteten. Kern fragte nicht, ob
er sich entschieden habe.
Am Morgen fiel Schnee, der Hausmeister
brachte Hannes zum Auto. Auf die
Frage, ob Jäger nochmals die Lichter im Moor gesehen habe, schüttelte er den
Kopf.
Die Woche zog sich hin, bis Hannes über
die Brücke radelte. Hell glänzten die
Steine im Bach, tief und blass stand die Sonne über dem See. An die Birke
gelehnt schaute Hannes übers Wasser. Unvermittelt kam das Boot in Sichtweite,
hielt auf ihn zu. Das Mädchen saß mit dem Rücken zu ihm, ihre blonden Haare
hoben sich vom Mantel ab. Ehe der Kahn das Ufer erreichte, sprang sie an Land,
warf sich in seine Arme. Mit beiden Händen umfasste er ihr Gesicht, presste seine
Lippen auf ihre.
„Komm! Sie setzten sich ins Boot,
er stieß ab, ruderte ein Stück, ließ es treiben.
„Ich liebe dich und kenne nicht einmal
deinen Namen.
„Ich habe keinen richtigen. Sein
Erstaunen entlockte ihr ein Lachen.
„Deine Eltern müssen dich doch irgendwie
gerufen haben!
Ruhig schaute sie ihn an. „An sie kann
ich mich nicht entsinnen, wahrscheinlich wie
der Oheim: Maid.
Er streichelte ihre Wange, schmiegte sich
an sie, vertraute ihr an, seit Jahren von
ihr zu träumen, ihr Bild in sich zu tragen, ohne ihr je begegnet zu sein.
„Ja, ich weiß. Ungläubig
sah er sie an. „Du wirst manches nicht verstehen, nimm
es einfach, wie es ist. Leise setzte sie hinzu: „Das fällt euch schwer
„Bald wird der See zufrieren, wie kann
ich dich finden?
Sie drückte seinen Kopf an ihren
Busen. „Hannes, wir können Tage, Wochen,
vielleicht auch Monate zusammen sein, aber nicht für immer damit musst du dich
abfinden. Sehen wir einmal, sie lächelte spitz, „davon ab, dass du verheiratet bist.
Bevor er die Frage formulieren konnte, legte sie den Zeigefinger auf seinen Mund.
„Wir werden uns wieder sehen, das muss dir genügen. Nun das Wichtigste: Lebst
du bei mir, wird die Zeit für dich rasend schnell vergehen, Tage werden dir
vorkommen wie Stunden, aber du wirst gleich schnell altern wie deine
Zeitgenossen. Eine Woche bei mir sind zehn Wochen bei euch. Sie sah in seine
Augen. „Du denkst, das gibt es nicht.
„Du meinst das auch nicht im Ernst!
„Vertrauen ohne zu verstehen ist schwer.
Wärst du bereit, etwas von deiner
Lebenszeit zu opfern für mich, für uns?
„Um mit dir zusammen zu sein bin ich zu
allem bereit.
„Du kannst nicht abschätzen, auf
was du dich einlässt: Die Zeitspanne bei mir wird
dir auf deine Lebenszeit angerechnet, ist aber nur ein Bruchteil der tatsächlich
gelebten Zeit.
„Willst du damit sagen, die Tage bei dir
sausen wie im Zeitraffer dahin?
„Der Ausdruck ist mir nicht geläufig,
aber er scheint zutreffend. Du hast nicht so viel
Zeit wie bei Kern, um dich zu entscheiden. Sprich mit niemandem darüber, auch
nicht mit Elmar!
Verstört stammelte er: „Du weißt über Kern Bescheid, kennst den Namen meines
Freundes...
Wieder lächelte sie. „Vielleicht
hast du im Traum geredet, im Boot? Ihre Augen
wechselten die Farbe mit dem Licht, jetzt leuchteten sie wie Bernstein.
„Hast du mich beobachtet?
„Ich musste dich prüfen.
Ungläubig lachte er auf: „Prüfen?
Und habe ich bestanden?
Ernst erwiderte sie, sonst wären
sie nicht zusammen, er habe sich gut gehalten.
Entscheide er sich für sie, bedeute das Kampf, sein Leben lang. Sie drückte sich
an ihn. „Überlege gut, es gibt kein Zurück! Ehe er erwidern konnte, er brauche
keine Bedenkzeit, verschloss sie ihm den Mund mit einem Kuss, flüsterte: „Adieu
Liebster, adieu!
Steif und durchgefroren erwachte er im
Boot. „Nein, überlegte er laut, „das war
kein Traum, sie war da! Als müsste er es sich selbst bestätigen, murmelte er: „Am
Morgen war das Boot nicht hier, nun sitze ich drin! Verwirrt schnürte er den
Rucksack zu, machte sich auf den Heimweg.
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Die 69 Kurzgeschichten von Friedrich
Karl Schmidt 'Notizen aus Russland',
Norderstedt 2010, 288 Seiten, ISBN 978-3- 8391-6891-1, Ladenpreis € 16,80,
können bei www.amazon.de oder www.buecher.de
oder www.libri.de oder
www.BoD.de oder in Buchhandlungen unter der ISBN-Nr. 978- 38391-6869-1
bestellt werden.
Die
Kurzgeschichten aus Russland bzw. der Sowjetunion beinhalten Erlebnisse und
Beobachtungen aus der intensiven Zusammenarbeit russischer und deutscher
Hochschulen bzw. Einrichtungen der Sozialen Arbeit sowie zahlreiche persönliche
Begegnungen mit den Menschen des Riesenlandes in der Zeit zwischen 1986 und
2008. Die kurzen Geschichten sind eine überwiegend amüsante Einführung in die
russische Mentalität.
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Die „Notizen aus Russland
sind ein Ergebnis von fast zwanzig Jahren
Zusammenarbeit mit Institutionen eines Imperiums, das von Widersprüchen und
Gegensätzen geprägt ist. Was westlichen Beobachtern skurril vorkommt, erscheint
Russen normal. Für Andrej Bitow ist „das Absurde die traditionelle, sich
ununterbrochen fortsetzende russische Kultur, die schon immer unter
unvorstellbaren Bedingungen existiert hat. (Die
Zeit, 9.10.2003)
Neunundsechzig Kurzgeschichten schildern
das Land der Extreme aus der Sicht
eines Westlers, der es oft besucht hat, die Sorgen und Nöte der Bewohner ernst
nahm, ihre Eigenheiten und Traditionen akzeptierte. Wenn er in eine fremde Stadt
gelangte oder ein Haus betrat, sagte ihm mitunter eine Vorahnung, es wäre klüger
umzukehren; er hat es nie getan, ist eingetaucht in die andere Welt. Die
Geschichten beruhen bis auf wenige Ausnahmen auf eigenen Erlebnissen und
Beobachtungen. Die ersten spielen in der Sowjetunion, als eine Wende
unvorstellbar schien. Wer Russland begreifen will, muss die Sowjetzeit
berücksichtigen: Sie hat die Mentalität geprägt, hat die Passivität und das
Hinnehmen der Anordnungen von oben verfestigt. Putin weiß, warum er die
orthodoxe Kirche hofiert: In einem Kloster in Burjatien hat eine Nonne 2005
angesichts einer Kirche, die ein Dekabrist als Buße für sein Aufbegehren gegen
die Willkürherrschaft des Zaren erbaut hat, gesagt: Wer gegen die Obrigkeit
aufsteht, erhält die gerechte Strafe. Zwar gibt es bescheidene Ansätze von
Demokratie, aber selten und wenn, sind sie kurzlebig. Eine Geschichte zeigt die
ungebrochene Macht des FSB (früher KGB). Die 'Organe' haben ein langes
Gedächtnis, deshalb wurden Namen geändert.
Die Kunst, jeden Anlass als Grund zum
Feiern zu nehmen, um von der Tristesse
des Alltags abzulenken, bot Gelegenheit, Verhalten zu beobachten. Nicht um die
russische Seele zu erfassen, denn selbst wenn es eine gäbe, wozu den vielen
Deutungen eine weitere hinzufügen? - Es sind lustige, komische, bittere, manchmal
peinliche, selten tragische Geschichten. Die Leidensfähigkeit des russischen
Volkes wurde oft beschrieben, zum Glück vergisst oder verdrängt der Mensch
negative Erlebnisse eher denn heitere. Das Wiener Sprichtwort: ‚Die Lage ist
hoffnungslos, aber nicht ernst! könnte von einem Russen stammen.
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Spiritus als
Lebensretter
(Wiedergabe nach
Prof. Wladimir N. Bulatow, erzählt 1995, † 2007)
An einem warmen Tag sah der Gast die Narben
am Arm des Rektors, fragte danach. Der
Österreicher wusste nicht, dass eine österreichisch-ungarische Expedition zur Erforschung
des
Nordpols 1873 die Inselgruppe östlich von Spitzbergen entdeckt und nach Kaiser Franz-Josef
I. benannt hat.
Eine norwegisch-sowjetische
Expedition war 100 Jahre später mit Hubschraubern auf einer
Insel des arktischen Archipels gelandet. Mit Zeichnungen des Polarforschers Fridtjof Nansen
fanden sie mit einem Minensuchgerät Metallhülsen und Bruchstücke der Schlittenkufen,
auch
die Grube, die Nansens Gefährten mit Stoßzähnen in den Felsuntergrund zum Überwintern
gegraben hatten. Darüber hatten sie Holzstämme und Felle gelegt; Fleisch von Bären und
Walrossen war ihre Nahrung gewesen.
Bereits am zweiten
Tag fiel Wladimir Nikolajewitsch in eine Spalte mit dem Arm auf den
Eispickel. Sie verbanden den Arm mit Stricken, mussten zwei Kilometer über den Gletscher
zurückgehen. Vor und hinter ihm ging je ein Norweger am Seil, um ihn, sollte er ohnmächtig
werden, zu halten, damit er nicht in den Abgrund fiel. Im Zeltlager musste der Thermoanzug
runter.
„Nicht aufschneiden!“,
rief Wladimir, es war ein teurer amerikanischer Anzug. Damit er den
Schmerz beim Ausziehen aushielt, bekam er Whisky, zum Glück war es kein offener Bruch. Ein
Hubschrauber brachte ihn auf die Insel Grenbell, dort rief man einen großen Hubschrauber vom
Festland. Es gab keine Betäubungsmittel, also bekam er bis zur Ankunft des Hubschraubers
Spiritus. Er trank jede Stunde ein Glas, schlief wieder. Auf der Insel Dikson wurde er geröntgt,
es war ein komplizierter Bruch, er musste in Moskau operiert werden. Auf die eingerichteten
Knochen wurde eine Metallplatte gesetzt, er steckte bis zum Gürtel in Gips. Der Chirurg sagte,
der Spiritus habe ihn auf dem weiten Transport vor Thrombosen bewahrt. Wladimir schrieb
seine Dissertation in Gips. Weil die Metallplatte im Arm bei jeder Kontrolle im Flughafen
piepste, ließ er sich ein Attest geben, dass das Metall Teil seines Körpers war. (S. 173)
Tanzbär
(Wiedergabe nach
Prof. Wladimir N. Bulatow, erzählt 1995)
Wladimir Nikolajewitsch und ein Kollege
hatten das Zelt in einer windgeschützten Niederung
im Wald aufgestellt. Einer musste zur Basis zurück, Lebensmittel holen. Der Freund war an der
Reihe, nahm das Gewehr. Wladimir wertete im Zelt Ergebnisse aus, als er sonderbare Laute
hörte und zum Eingang eilte, wie erstarrt stehenblieb: Eine Bärin mit drei Jungen trottete
auf ihn
zu. Das Gewehr hatte der Kollege, davonlaufen keinen Sinn, Eisbären rennen schnell, er hätte
keine Chance gehabt. Die Jungen waren aufgeregt, rochen etwas Fremdes, die Bärin schaute in
seine Richtung. In Sekunden ratterten die Möglichkeiten durch Wladimirs Hirn, bis ihm einfiel:
Bären reagieren auf Musik. Er begann im Zelteingang zu summen, kleine Trippelschritte zu
machen, tanzte langsam hin und her, summte dazu. Die Bärin blieb mit den Jungen stehen. Es
erschien Wladimir eine Ewigkeit, bis sich die Kleinen beruhigten. Er war schon müde, wusste
aber, hörte er auf, könnte es das Ende bedeuten. Endlich gingen die Eisbärenjungen zur
Seite,
nach kurzem Zögern folgte die Bärin, die Familie verschwand zwischen den Bäumen. Zitternd
setzte sich der Forscher ins Zelt und kochte Tee. Als der Kollege außer Atem zurückkam,
wusste er schon Bescheid, hatte die Spuren gesehen und das Schlimmste befürchtet. Nichts
ahnend hatten sie ihr Zelt auf einem Pfad der Eisbären errichtet, brachen es ab und verlegten es.
Der Nacherzähler
hat den Rektor als Respektsperson im riesigen Amtszimmer und bei
offiziellen Gelegenheiten erlebt, nicht vermutet, dass er solche Erlebnisse hinter sich hatte. Von
da an war das Verhältnis anders, Waldimir Nikolajewitsch begrüßte ihn nicht nur als Kollegen
aus Deutschland, der Mittel für Projekte beschaffte, eher wie einen alten Freund.
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Heldenallee (1999)
Sonntags waren sie bei Eirat, dem Armenier,
eingeladen, der sich je nach Bedarf
als Psychiater oder Psychologe vorstellte. Eirat produzierte am laufenden Band
Ideen für die Kooperation, unternahm aber nichts, sie umzusetzen. Seine Frau war
anders. Sie war es auch, die vom Krieg der Mafiabanden erzählte.
Ende der 90-er Jahre gab es wenige Taxis
und nachts war es gefährlich, ein Auto
anzuhalten, so gingen sie zu Fuß zurück, an baufälligen Holzhäusern vorbei, über
trostlose Hinterhöfe ohne Gärten und Blumen. Wozu Blumen, sie würden doch
gestohlen werden. Wo das Licht der Straßenlampen hinfiel, sah man Unkraut und
kümmerliche Birken. Tamara kannte alle Abkürzungen, schmale Wege im
moorigen Boden, natürlich unbeleuchtet. Sie ging schnell, es war unmöglich, eine
Unterhaltung zu führen. In den hölzernen Bürgersteigen fehlten Bretter, es hieß
aufpassen, um nicht in ein Loch zu stolpern. So ganz nebenbei fragte sie, ob er am
Sonntag zum Grab ihres Vaters mitkomme. Natürlich wollte er, Friedhöfe sagen viel
über eine Gemeinschaft aus. Auch hatte er ihren Vater, Professor an der
Technischen Hochschule, gekannt, der ihm Fotos gezeigt hatte, als er sowjetischer
U-Boot- Kommandant im Krieg gewesen ist. Ihr Vater hatte auch von
Chruschtschows Befehl zum Maisanbau erzählt, nachdem er die Maisfelder in den
USA gesehen hatte. Ein Freund war für den Maisanbau im Gebiet zuständig, hatte
Angst, weil die Pflanzen erst zwanzig Zentimeter hoch waren und der Sommer fast
um war. Ein Kollege aus Murmansk hatte ihn beruhigt: Bei ihm seien die Pflanzen
erst zehn Zentimeter hoch. Nicht einmal Stalin hätte das Klima ändern können.
Tamara und der Professor hatten sich am
Flussbahnhof verabredet. Er wartete vor
dem sechsstöckigen Block gegenüber auf den Bus Nummer sieben. Die
Schaffnerin in der abgetragenen Uniform nahm die alten Rubel nicht, die Währung
war gerade umgestellt worden. Es bedurfte artistischer Fähigkeiten, sich im vollen
Bus bei dem Gerüttel festzuhalten und Geld aus dem Portemonnaie zu fischen. Die
Stoßdämpfer hatten den Kampf gegen die Löcher längst aufgegeben.
Auf dem zentralen Omnibusbahnhof, dem
riesigen Platz vor dem Flussbahnhof,
wirbelte der Wind Staub auf. Auf dem Strom fuhren wenige Schiffe, die Wirtschaft
lag danieder. Er befürchtete schon, sich Zeit oder Ort falsch eingeprägt zu haben,
als sie kam, er kannte ihren energischen Gang. Sie trug ein locker geschnittenes
Kleid in hellen Brauntönen, hatte es aus Indien mitgebracht und verlieh ihr das
Aussehen einer Zigeunerin. Oleg, ihr Sohn, war mit, inzwischen groß geworden.
Es gab keinen Fahrplan und wenn es einen
gegeben hätte, könnte man sich nicht
darauf verlassen, erklärte sie. Es war warm, er kaufte am Kiosk Mineralwasser,
bemerkte die sehnsüchtigen Augen des Jungen, nahm eine Literflasche Cola dazu,
er musste es ja nicht trinken. Nach einer weiteren halben Stunde fragte er, ob am
Sonntag ein Bus dorthin fahre. Im Prinzip schon, die Zeiten hätten in der Zeitung
gestanden, aber vielleicht fahre er inzwischen anders. Die Dekanin mit Tochter
kam vorbei, sie fuhren zu Besuch. Böen wirbelten Staub über den Platz und in die
Augen. Eine Frau sprach Tamara an, sie sei eine Freundin ihrer Mutter gewesen.
Schließlich fuhren sie mit der Straßenbahn. Kreischend nahm sie die Kurven,
holperte an tristen Betonblöcken vorbei. Die Gleise hielten die abgefahrenen
Räder widerwillig in der Spur, die Wagen stammten wohl aus der Zeit der
Revolution. Die Polster waren durch Bretter ersetzt worden, Schienenstöße wurden
direkt auf die Sitzenden übertragen, die Federn waren gebrochen oder ausgeleiert.
Auf die Bemerkung er musste schreien die Tram würde bei ihnen im Museum
stehen, schaute sie ihn nur an. Er schämte sich, sie wusste doch selbst am besten,
wie kaputt alles im Land war. Nach ihrer Rückkehr aus dem Westen war sie wie ein
Pferd mit Scheuklappen durch die Stadt gelaufen, um es nicht zu sehen. Die
Straßenbahn ratterte am im Sonnenlicht glitzernden Strom entlang, eine Straße
kannte er. Erinnerungen an die Frau blitzten auf, die er vom Puppentheater her
kannte. Sie war hübsch, lachte gern, hielt die Figur. Indirekt hatte sie nach einer
Flasche Wein angeboten, er könnte bleiben. Es war an Details gescheitert, am
schlechten Gewissen und besonders am Durchfall. Die Tram fuhr über eine
Weiche, rüttelte ihn aus seinen Träumen. Hatte Tamara sein Grinsen bemerkt, es
richtig gedeutet? Ihre Katzenaugen schienen durch ihn hindurch zu sehen
unmöglich zu erraten, was sie dachte. Kein Wunder, dass sie die Tiere mit dem
unbeugsamen Willen liebte. Die Fahrgeräusche erlaubten nur an Haltestellen
Fragen über Gebäude oder den Fluss, der zwischen Häusern, Sägewerken und
Holzkombinaten durchschimmerte. Seine Wissbegier über Dinge, die ihr
gleichgültig waren, hatte sie nie verstanden. Die Erklärung, als ehemaliger
Journalist versuche er, aus Einzelinformationen ein Gesamtbild zu formen, tat sie
achselzuckend ab. Umgekehrt war ihm ihre Grundhaltung fremd, dass alles, was ihr
nicht schadete oder nützte, sie nichts angehe.
Sie kamen zur neuen Flussbrücke,
er kannte die Station, war vor Jahren bei Hilde
und ihrer Mutter zu Besuch, die nach Deutschland ausgewandert sind. Jäh wurde er
aus den Erinnerungen gerissen, kreischend fuhr die Tram in die Umkehrschleife
unter Birkenbäumen. Tamara packte ihn am Arm. „Aussteigen, Endstation. Oleg
war abgesprungen, half seiner Mutter galant beim Aussteigen.
„Wir fahren ein Stück mit dem Bus,
dann gehen wir. Der Wind hatte abgeflaut, es
war warm geworden, sie tranken etwas. Der hoch gebaute Bus rumpelte über die
Landstraße, er sah die Siedlungen am Fluss. Nach drei Stationen stiegen sie aus.
Die asphaltierte Straße führte zwischen Birkenhainen auf der einen Seite und
kleinen Fabriken auf der anderen schnurgerade über einen Hügel. Von der Kuppe
sahen sie weit gegen Osten, in der Ebene verlor sich die Straße im Dunst. Oleg
trottete neben seiner Mutter, redete ohne Unterlass, sie antwortete selten. Weit
dehnten sich Land und Himmel, selten unterbrach ein Auto die Stille.
„Wir sind gleich da, ich sehe die ersten
Grabkreuze.
Tamaras Stimme schreckte ihn auf, er hatte
das erneute Abbiegen nicht bemerkt.
Das Gelände umgaben hüfthohe Eisengitter, die Zufahrt schlängelte sich zwischen
den Grabfeldern durch. Oleg war vorausgelaufen, wies auf ein von einem niederen
Gitter eingefasstes Grab in der dritten Reihe. Wachsblumen steckten in einem
Glas, Unkraut spross. Mutter und Sohn begannen, die lehmige Erde auf dem Grab
zu lockern, zu jäten. Es war zu eng, um zu dritt zu werkeln.
„Vorne rechts sind die Gräber der
Mafiosi, von denen Eirats Frau erzählt hat. Ist
nicht zu verfehlen, die Heldenallee. Wir kommen nach.
Nach einer Wegbiegung sah er die Gräber
der Gangster: Pompös, die Fotos der
Ganoven waren eingraviert, der Boss hatte den größten Grabstein und die dickste
Gravur. Golden glänzten Namen und Daten, die Sitzbänke zum Gedenken an die
Toten waren aus Marmor, die Muttern, mit denen sie im Fundament verschraubt
waren, glänzten golden, der Boden vor der Grabplatte war aus geschliffenem
Marmor, bombastische Laternen hingen davor, als sollte auch nachts jeder lesen
können, wie berühmt die Männer waren. Die Gräber der Bandenmitglieder waren
um das des Anführers angeordnet, schwarze eiserne Ketten hingen über dem
Boden, die Eckpfeiler markierten wie Grundsteine das Eigentum. Friedrich grinste:
Alle Mafiosi waren im Jahr 1993 umgekommen. Die Prunkgräber waren gepflegt
wie Gräber auf einem deutschen Dorffriedhof.
Tamara und Oleg kamen. Sie erklärte
auf die Frage nach dem Todesjahr, damals
habe in der Stadt ein Bandenkrieg getobt. „Schau dir die Visagen auf den Fotos
an, kaum einer, dem man nicht ansieht, was er gemacht hat. Nach kurzem
Nachdenken: „Die Banditen haben die Gräber, die vorne waren, in denen
Wissenschaftler, Schriftsteller, hohe Militärs liegen, nach hinten gedrängt. Auch
meinen Vater! Schau dir die Friedhofsstraße an! Fällt dir nichts auf?
Er guckte. „Na ja, hier ist sie schmal,
dann wird sie breit.
„Genau: Freunde der erschossenen Verbrecher
haben durchgesetzt, dass die
Straße aufgerissen wurde, ihre Gräber nach vorne verlegt wurden, so sind sie in
die ersten Reihen gekommen.
Wieder musste Friedrich lachen. Eine Frau
mit einem Kopftuch an einem Grab
drehte sich um, schimpfte mit böser Stimme zu ihm.
„Die Mutter eines Gangsters. Sie sagt,
auch sie empfinde Schmerz um ihren Sohn.
Dein Lachen sei unpassend. Schweigend setzten sie sich auf die schmale Bank
am Grab ihres Vaters, aßen Kuchen, tranken Mineralwasser. Nachdenklich räumte
er ein: „Und sie hat Recht.
Noch einmal gingen sie zu den Marmorgräbern,
jenen des Adels vergleichbar. Eine
vergrämte Frau kam auf sie zu, begann schnell und wild gestikulierend auf Friedrich
einzusprechen. Verwirrt fragte er, was sie wolle. Tamara erklärte, sie sei nicht ganz
richtig im Kopf, behaupte, sie hätte vom deutschen Staat eine Rente zu
bekommen, sei in einem Lager gewesen, hätte alle Papiere eingereicht. Sie habe
erkannt, dass er Ausländer sei. Sie fragte Friedrich, ob er aus der BRD komme.
Trotz der Warnung Tamaras, nicht zu antworten, bejahte er. Die Alte hielt ihn am
Arm fest, redete auf ihn ein, er verstand fast nichts, so schnell ging ihr Mundwerk.
Er wollte seine Geldbörse ziehen, aber Tamara zischte: „Gib ihr nichts, sie läuft uns
nach, wir kriegen sie nicht mehr los!
Das passte ihm nicht, aber sie hatte ihn
noch nie falsch beraten, kannte ihre
Landsleute. Schnell machten sie sich davon, die Alte humpelte ein Stück nach,
schwang drohend den Stock. Ein schaler Nachgeschmack blieb. Hätte er ihr doch
was geben sollen, damit sie die Deutschen in besserer Erinnerung behalten hätte?
Wenigstens einen.
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K aputte Glühbirnen (1998):
In einer Moskauer
Metrostation saß mitten in der Stalinschen Pracht neben einem Kiosk ein
altes Mütterchen mit Korb, hinter ihr lehnte eine Krücke. Sie verkaufte Glühbirnen, der
Korb
war voll. Auffallend war, dass es unverpackte, nackte Glühbirnen waren, spottbillig, dennoch
lief das Geschäft schleppend. Die Alte trank dampfenden Tee aus der Kanne, aß Piroggen;
nach den Resten auf der Jacke mit Kraut gefüllt. Sie rief: „Kaputte Glühbirnen, kauft kaputte
Glühbirnen! Billig, fast geschenkt!
Unsicher, ob er
richtig verstanden hatte, fragte er die Begleiterin.
„Ja, kaputte Glühbirnen.
Sie drängte zum Kaufhaus.
Er blieb stehen.
„Welchen Sinn hat es, kaputte Glühbirnen zu verkaufen? Wer ist so blöd, sie zu
kaufen?
Ein mitleidiger
Blick streifte ihn wie immer, wenn er hinterfragte, was jedem Russen klar war.
„Die Frau ist nicht dumm und die Leute, die kaufen, sind es auch nicht!
Erstaunt sah er
einen Mann drei Stück kaufen und in der Aktentasche verstauen. „Was macht
er damit?
„Mein Gott,
sagte sie ungeduldig, „so kann nur ein Westler fragen! Er schraubt sie ein, was
sonst!
„Aber sie brennen
nicht, sind doch kaputt!
Die Russin grinste.
„Natürlich brennen sie nicht. Wenn sie kaputt sind, können sie auch nicht
brennen, oder?
Er guckte verblüfft.
„Du musst noch
viel lernen. Sie schrauben die Glühbirnen doch nicht zu Hause ein, sondern im
Büro, in der Fabrik oder im Nachbarhaus!
„Aber dort brennen
sie doch auch nicht! rief er.
Wieder dieser Blick.
„Du weißt, Glühbirnen sind ein Defizit! An seiner Miene konnte sie
ablesen, dass er nicht verstand. „Ist doch klar: Sie schrauben die kaputten ein und nehmen die
heilen mit! Gerade kam ein Passant und kaufte, das Geschäft belebte sich.
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Einfache Vorhänge (1990)
Die Kollegen am Deutschlehrstuhl der Fakultät
für Fremdsprachen der Pomoren
Universität Archangelsk hatten auf den Sprachträger aus der BeErDe, wie es hieß,
gewartet. Nachdem er eine Woche in der Hafenstadt gelebt hatte, konnte er die
Mühe einschätzen, ein Auto zum Abholen zu organisieren, ganz von der Wohnung
zu schweigen. Der Flughafen sah noch immer armselig aus, dafür war das Fliegen
für Sowjetbürger billig. Der Schnee milderte die Tristesse der Stadt. Anfang April
war vom Ende des Winters noch keine Spur. Die Isolation der dicken, mannshoch
über der Erde führenden Rohre der Fernwärmeleitung war aufgerissen, der Schnee
auf der Straße mit Dreck zu einem grauschwarzen Pulver vermischt. Sie bogen in
die Straße ein, wo er wohnen sollte, die Plattenbauten machten einen tristen
Eindruck.
„Hier ist ein Kino, auf der anderen Seite
das Kaufhaus.
Er kämpfte gegen das aufsteigende
Heimweh an, die Lehrstuhlleiterin merkte es,
drückte seinen Arm. „Wir sind so froh, dass Sie hier sind, haben wirklich auf Sie
gewartet.
Der Fahrer kurvte in der Nebenstraße
vorsichtig an den Löchern vorbei, man sah
ihnen ihre Tiefe nicht an. Er wusste, an das Zuknallen der hölzernen Schwingtüren,
wenn jemand durch den gewinkelten Eingang kam, würde er sich nie gewöhnen. In
einem Verschlag nach dem Eingang saßen zwei Männer, guckten prüfend durch
das Schiebefenster. Die Lehrstuhlleiterin stellte ihn als Professor aus dem Westen
vor, er werde hier wohnen. Der Lift arbeitete nicht, wie Russen sagen. In der
Wohnung im sechsten Stock waren Studenten dabei, den Hausgang auszumalen.
Die Kollegin erklärte, das machten sie statt des Subbotnik (Pflicht für Studenten
und Dozenten, die Höfe von Studentenheim und Hochschule zum 1. Mai zu
säubern.), es war absehbar und nicht kalt. Die Tapeten waren frisch geklebt. „In ein
paar Tagen ist alles trocken. Sie liehen ihm Geschirr, Besteck, Töpfe und einen
Reisigbesen. Im Warenhaus kaufte er Kleiderbügel aus Plastik, die sich verbogen,
hängte er etwas auf. Aber es gab Toilettenpapier, sonst war das Warenangebot
erschütternd. Allerdings hungerte niemand, Brot war spottbillig, das von gestern
wurde weggeworfen. Beim Gasherd hatte er Angst, er könnte in die Luft fliegen.
„Das geschieht äußerst selten, beruhigte man ihn.
Friedrich war froh, die Schnüre zu
haben, mit denen er Bücher verpackt hatte,
spannte sie durch die Küche zum Wäschetrocknen. Seine Wäsche musste er unter
laufendem Warmwasser im Becken waschen, es gab keine Stöpsel. Die
Zentralheizungen hatten keine Ventile, geregelt wurde durchs Fenster. Als er von
Verschwendung sprach, schauten alle verwundert. „Warmes Wasser und Heizung
sind doch umsonst!
Es gab keinen Kaffee, er stellte sich
auf Tee um, war um den Tauchsieder froh.
Anfangs gefiel es ihm, als jeden Abend, kaum saß er am Tisch, jemand klopfte und
ihn einlud, man möchte ihn kennenlernen. Es wurde gesungen und Tee getrunken,
manchmal mit, manchmal ohne Wodka. Nach zehn Tagen machte sich der Mangel
an Schlaf bemerkbar. Neben den Übungen hielt er Vorträge an verschiedenen
Fakultäten und in anderen Institutionen, musste die Feten einschränken.
Er brauchte Vorhänge, damit nicht
jeder sah, dass er da war. Das Studentenheim
war so gebaut, dass man übers Eck in die Wohnung blicken konnte.
Er fragte Viktor, wo es
Vorhänge gebe.
„Wie viele Semester willst du denn bleiben?
kam als Rückfrage.
Die erstaunte Antwort: „Ich möchte
einfache Vorhänge, damit nicht jeder
reingucken kann.
Geduldig erklärte Viktor: „Die einzige
Bohrmaschine der Hochschule wird nach
einer Liste verliehen. Du kämst im September dran, wenn das Ersatzteil kommt.
Jetzt ist sie bei der Reparatur. Das verblüffte Gesicht veranlasste Viktor zur Frage:
„Hast du denn Stoff?
„Kaufe ich.
Mitleidig maß ihn der Germanist.
„Du bist schon eine Weile hier. Hast du irgendwo
Vorhangstoff gesehen, der nicht aussieht wie aus dem Zug gestohlen? Sag es, ich
suche danach. Hast du Schiene, Dübel, Schrauben, Haken und was man sonst
braucht?
Unsicher geworden schüttelte er den
Kopf.
„Und wenn du das hast: Woher nimmst du
Werkzeug? Nach einer Pause: „Nun,
das könnten wir ausleihen, aber ohne Stoff, ohne Schiene und ohne Bohrmaschine
gehts nicht. Er dachte nach. „Du hast doch Ersatzbatterien?
Friedrich nickte.
„Ein Nachbar ist Nachtwächter, hat
keine Batterien für die Lampe. Er würde uns
Scheibenwischer dafür geben.
„Viktor, ich brauche Vorhänge, keine
Scheibenwischer!
Der tat, als hätte er nichts gehört.
„Haben wir diese, kann ich ein Farbband für die
Schreibmaschine organisieren.
Nun wurde Friedrich ungeduldig. „Weder
Scheibenwischer noch Farbband
Vorhänge will ich!
Viktor hielt den Kopf schief. „Du musst
nicht laut werden, ich höre gut. Du weißt, wir
haben nur Defizite. Jeder tauscht, jeder hat etwas gehortet. Habe ich ein Farbband,
leiht mir ein Freund die Bohrmaschine aus der DDR. Er ist bei jedem Loch dabei,
damit sie niemand kaputt macht oder Bohrer abbricht. Seine Frau hat eine
Nähmaschine. Wenn du ihr, er schaute traurig auf die letzte Dose Löscafé, „die
Dose gibst, sie ist eh nicht mehr voll, näht sie Vorhänge. Vielleicht treibt sie auch
Stoff auf.
Friedrich war entmutigt. „Und was soll
ich dafür geben, den Kassettenrecorder?
Viktor kratzte sich hinterm Ohr. „Nu,
das wäre zu viel. Lass sehen, was noch im
Koffer ist!
„Und wie lange wird es mit den Tauschgeschäften
dauern?
„Nun, drei bis vier Wochen.
Friedrich begleitete Viktor in den Vorraum
hinunter, wo die Wandtelefone hingen.
Das Gespräch kostete zwei Kopeken, aber die Apparate waren dauernd besetzt,
die Studenten hatten sich viel zu erzählen. Ob Viktor bei der bissigen
Hausverwalterin eine Decke für ihn organisieren könne? Sie gab wirklich eine
Decke heraus, nachdem Viktor ihr hässliches Kleid bewundert hatte. Friedrich
hängte die Decke vors Fenster. Ihm war klar geworden: Ging ein einziges
Tauschgeschäft schief, war das Semester vorbei.
|
|
Von der Wolga an die Nördliche
Dwina
Hilde fasste im Gespräch so rasch
auf, dass er glaubte, sie wusste eh schon, was
er sagen wollte. Kolleginnen wie sie trugen zur Qualität des Studiums am
Deutschlehrstuhl entscheidend bei. Doch spürte Friedrich, sie hatte vor etwas
Angst, war sehr zurückhaltend. Als er das Schicksal ihrer Mutter erfuhr, verstand er
warum.
Es war eine Überraschung, als sie
während einer Pause fragte, ob er sie und ihre
Mutter am Sonntag besuchen wolle. Dabei schaute sie unruhig herum, ob jemand
zuhörte. Sie schrieb die Adresse auf. „Gegen vier warte ich an der Endhaltestelle
der Straßenbahn an der neuen Brücke.
Er besorgte am Kiosk neben der Tram- und
Busstation Blumen und eine
Bonboniere, fuhr zum Flussbahnhof, stieg um. Es war Mai, hatte zwei oder drei
Grad über null. Die Straßenbahn ratterte die Ausfallstraße entlang, die Holzbänke
gaben jede Unebenheit des maroden Unterbaus weiter; die Federung der Wagen
war kaputt. Kreischend fuhr die Tram in die Kurven, nachts musste es die Leute
aus dem Bett werfen. Es ging unter der Eisenbahnbrücke durch, an Fabriken und
Sägewerken vorbei, Berge von Baumstämmen warteten auf die Verarbeitung.
Holzhäuser tauchten auf, windschief und renovierungsbedürftig; für private Häuser
hatte es kein Material gegeben, die Leute sollten in Wohnblocks umziehen.
Manchmal glitzerte zwischen Häusern und Zäunen die Dwina durch. Es fuhren
keine Schiffe, das Eis war erst vor wenigen Tagen aufgebrochen.
Wenige Fahrgäste fuhren bis zur Brücke.
Auch am Stadtrand waren graue Wohnblöcke
hochgezogen worden. Die Schienen glänzten, die Steine auf dem Bahndamm
waren neu. Endstation, er stieg aus. Hilde begrüßte ihn wortkarg, führte ihn in ein
zweistöckiges älteres Haus. Ihre Mutter, eine schmale weißhaarige Frau musterte
ihn und nickte. Sie sprach ein altertümliches, hart klingendes Deutsch. Er
überreichte ihr die Blumen und den letzten Löskaffee, Hilde die Bonboniere, zog im
Hausgang ausgetretene Hausschuhe an. In der Küche saß ein alter Mann am Tisch.
„Andrej, ein guter Maler und alter Freund
der Familie, er tut sich schwer mit dem
Gehen, stellte Hilde vor. „Er spricht nur russisch.
Andrej saß im Lehnstuhl, wollte wissen,
wie man in Deutschland lebe, ob es
stimme, was die Propaganda bringe. Der Gast schilderte Wohlstand und
Überangebot an Waren. Gebannt hörten sie zu, fragten nach Alterssicherung und
Arbeitslosigkeit. Der Maler wollte Friedrich zeichnen, holte Skizzenblock und Kohle
aus der Tischschublade. Die Mutter hatte einen Gugelhupf gebacken, sie tranken
Kaffee, naschten Bonbons. „Wir haben lange keinen Kaffee getrunken, erklärte
Hilde. Andrew mümmelte Kuchen, trank hörbar mit Genuss. Mutter bekomme keine
Rente und die von Andrew sei klein, davon könne er kaum leben. Hilde berichtete
der Mutter, der Gast sein von Russlanddeutschen in Sewerodwinsk eingeladen
worden, habe aber kein Visum für die U-Boot-Stadt bekommen.
Der Maler konnte nicht lange zeichnen.
„Er bekommt für sein Nervenleiden keine
Medizin. Andrew zeigte die Skizze, sie war gut. Die Mutter fragte den Gast, ob er
es eilig habe.
Er schüttelte den Kopf. „Ich habe
Zeit.
„Gut, sagte sie. „Ich habe gekocht
und Andrew hat Wein aus Grusinien
aufgetrieben. Sie sagen Georgien dazu.
Das Wohnzimmer war sonst Hildes Schlaf-
und Arbeitszimmer, wie die gestapelten
Unterlagen zeigten. Es war gedeckt, Salate angerichtet, Fisch und Kartoffel auf den
Herd gestellt. Hildes Mutter freute sich, als er zugriff. Andrew trank auf den Frieden
zwischen den Völkern, auf die Gesundheit und ein langes Leben.
Dann begann Hildes Mutter zu erzählen.
Schleppend zuerst, mit vielen Pausen.
Hilde meinte, es strenge sie zu sehr an. Die Mutter tat, als hätte sie nichts gehört.
Sie stamme wie viele Deutsche in der UdSSR aus dem Wolgagebiet, sei Lehrerin
auf dem Dorf gewesen. 1941 nach Kriegsbeginn seien sie vertrieben worden. Sie
könnten mit dem Feind kollaborieren. Sie durften nur das Notwendigste
mitnehmen. Das bisschen Geld und die paar Wertsachen brauchten sie unterwegs,
um nicht zu verhungern. Insgesamt hat sie zwölf Lager durchgemacht, bis sie in
Archangelsk ankam. Große Strecken mussten sie zu Fuß gehen, Teile fuhren sie in
Güterwagen, kalt und ohne Essen. Viele haben Märsche und Fahrten nicht überlebt.
Erschöpft schwieg die Frau mit dem feinen Gesicht.
„Lass es, Mama, die Erinnerung strengt
dich an!, beschwor sie Hilde.
„Es tut gut, Töchterchen, wenn es
rauskommt. Sie berichtete über das strenge
Regime in den Lagern, erzählte, wie man die Familien trennte, den Ort hat der
Autor vergessen. Zwei Güterzüge seien gegenüber gestanden, im einen seien
Männer und größere Jungen gewesen, im anderen Frauen, Mädchen und Kinder.
Willkürlich habe man Ehepaare und Familien getrennt, die Männer seien nach
Sibirien, die Frauen nach Kasachstan oder in den hohen Norden geschickt worden.
Unter ihnen sei ein frisch verheiratetes Paar gewesen, sie standen in den
Viehwaggons fast gegenüber, dazwischen patrouillierten Posten mit
Maschinenpistolen, sie durften nicht rufen oder sich verabschieden. Die frisch
vermählte Frau bat den Posten, ihrem Mann das Rasierzeug bringen zu dürfen,
zeigte auf ihren Mann. Der fragte den Vorgesetzten und er gestattete es, aber sie
dürften kein Wort wechseln. Die Frau stieg hinunter, ging mit dem Rasierzeug im
ausgestreckten Arm über die Geleise, reichte es ihrem Mann, schaute ihn lange an,
drehte sich um und ging zurück. Die Züge sind abgefahren, jeder in eine andere
Richtung, das Paar hat sich nie wieder gesehen. Erschöpft schwieg die alte Frau,
starr blickten ihre Augen. Sie war müde, verabschiedete sich und ging schlafen.
Andrew war schon fort.
„Ich bin hier geboren, ergänzte
Hilde. In den ersten Jahren sei es schwer gewesen.
Ihr Vater, ein Russe, ein guter und fleißiger Mann, sei während der letzten
Säuberungen eines Morgens abgeholt worden. „Weder erfuhren wir, warum, noch,
was mit ihm geschehen ist. Jetzt bringe ich Sie zur Straßenbahn.
Traurig fuhr Friedrich zurück, konnte
nicht einschlafen, dachte an Frau und Kinder,
wie gut sie es doch hatten. Ein halbes Jahr später war er ein zweites Mal bei Hilde.
Der Maler war krank, das Bild wurde nie fertig. Die Familie ist später nach
Niedersachsen ausgewandert. Sie haben Freunden und Nachbarn nichts von der
geplanten Ausreise erzählt, aus Angst, man könnte ihnen die Papiere nehmen. Man
wusste nie, wer für den KGB arbeitete, der trotz Perestroika weiterfunktionierte.
Viele befürchteten, die alten Methoden könnten auferstehen, es hatte schon oft eine
Entspannung gegeben; kaum waren Mutige hervorgetreten, waren sie kassiert
worden.
Friedrich hatte Hilde vorgeschlagen, wenn
sie sich in der Bundesrepublik eingelebt
hätten, einen Film über das Leben ihrer Mutter zu drehen. Sie war einverstanden,
auch die Mutter. Nach Monaten kam aus Niedersachsen ein Brief, in dem Hilde um
Verständnis dafür bat, auf den Film zu verzichten. Ihre Mutter würde das
gesundheitlich nicht durchstehen. Er könne sie gerne besuchen, sie würden sich
freuen. Das wollte er, schob es auf, gab schließlich die Absicht auf.
|
|
...wohnt im Kanal, was sonst (2001)
Andrew, Dekan der Fakultät Soziologie
und Psychologie, führte den Gast durch
Ulan Ude, die Hauptstadt Burjatiens. Vom Leninplatz mit dem größten Leninkopf
der Welt gings im Viertelkreis um die Stadt. Der Abhang war mit Büschen
bewachsen, zerbrochene Flaschen und Plastiktüten lagen herum, es war staubig
und schmutzig. Die Kanalschächte zwischen dem Buschwerk wären ihm nicht
aufgefallen, hätte er nicht den Mann mit Plastiktüten zu einem Schacht ohne Deckel
gehen und einsteigen, die Tüten vom Rand nehmen und verschwinden sehen, als
machte er das jeden Tag. Auf die Frage, was er da mache, antwortete Andrew: „Er
wohnt da im Kanal, was sonst. Die Ruhe, mit der Absonderlichkeiten
hingenommen werden, verblüffte den Gast stets aufs Neue. Am Ende der Straße
fiel die Böschung dreißig oder vierzig Meter zur Selenga ab. Weit sah man über
den Fluss mit Inseln und Seitenarmen, bis er sich im Westen zwischen den Bergen
verlor. Unten spannte sich eine vierspurige Brücke mit Straßenbahn darüber.
Neben ihnen stand ein Kreuz aus Stein mit der Inschrift, dass Kosaken im 17.
Jahrhundert bis hierher gekommen waren und das Umland erobert hatten.
Blockhäuser mit hohen Bretterzäunen standen am Abhang über der Straße, Hunde
bellten. Die beiden Männer stiegen in den Stadtteil ab, wo Holzhäuser die Straßen
säumen, ein Mann am Ziehbrunnen auf dem Bürgersteig Wasser pumpte.
„Hier
wohnen viele Arme, ein Problemviertel. Nahe am Ufer wurde eine große Kirche
renoviert. Friedrich wunderte sich, dass dafür Geld da war. „Es wird gesammelt,
man richtet Kirchen aus Spenden her, der Staat hat kein Geld. Beim Zurückgehen
vom Arbat heute Fußgängerzone zum Leninplatz auf der steil ansteigenden
Hauptstraße zeigte Andrew auf ein Haus gegenüber dem Theater, alt und klein.
„Hier sind früher Strafgefangene gezählt worden, die in Ketten die Straße den Berg
hinuntergeschlurft sind, über die Brücke in die Wälder zum Holzschlagen mussten.
Auch unter Stalin sollen Strafgefangene vorbeigezogen sein. Vieles hat Tradition in
Russland.
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Inhaltsverzeichnis:
|
Abkürzungen
|
8
|
|
Einführung
|
9
|
|
Sowjetisches Forschungsschiff (1974)
|
11
|
|
Teil I: 1986 1989
|
14
|
|
Weiße Nacht in Leningrad (1986)
|
15
|
|
Tallinn (1986) Erstes Mal in
|
22
|
|
Moskau (1986)
|
30
|
|
Chrysanthemen in Duschanbe (1987)
|
35
|
|
Schwarzer Schafskopf (1987)
|
40
|
|
Brester Bier (1989)
|
44
|
|
Puppentheater (1989)
|
50
|
|
Wanjas Reise nach Lübeck
|
53
|
|
Teil II: Gastdozent in Archangelsk (1990)
|
60
|
|
Einfache Vorhänge
|
61
|
|
Arbeit am Deutschlehrstuhl
|
65
|
|
Journalisten
|
72
|
|
Marxens Kreuz
|
77
|
|
Die kleinste Deutschlehrerin der Welt
|
81
|
|
Eine mutige Frau
|
82
|
|
Lisas Großmutter auf der Insel
|
84
|
|
Estlands Kampf um Unabhängigkeit
|
87
|
|
Breshnews Maske
|
91
|
|
Russlands Beständigkeit
|
93
|
|
Letzter 1.Mai-Sternmarsch
|
95
|
|
Deutsche Kirche
|
98
|
|
Verhindertes Abenteuer .
|
100
|
|
Schwierige Fragen
|
103
|
|
Kontakte (1989 – 95)
|
107
|
|
Teil III: 1991 1995
|
110
|
|
Von der Wolga an die Nördliche Dwina
|
111
|
|
Elektrostal (1991)
|
115
|
|
Russische Maler (1991-2004)
|
120
|
|
Der Ziehharmonikaspieler (1992)
|
123
|
|
Olgas Migräne (1993)
|
125
|
|
Peinlich, peinlich (o. J.)
|
129
|
|
Ach, Moskau (1993 – 2001)
|
132
|
|
Trillerpfeife (1993)
|
132
|
|
Blaulicht (1995)
|
133
|
|
Tarakani (1995)
|
134
|
|
Kaputte Glühbirnen (1998)
|
135
|
|
Mafia (2000)
|
136
|
|
Schaschlikkuchen (2001)
|
137
|
|
Streit im Altenheim (1994)
|
138
|
|
Jugendkolonie (1993)
|
139
|
|
Kettenrasseln (1994)
|
147
|
|
Unerwarteter Besuch im Zug (1994)
|
153
|
|
Chor der Gefangenen (1994)
|
160
|
|
Ein erbärmliches Russisch (1995)
|
163
|
|
Lager N 199 bei Nowosibirsk (1995)
|
169
|
|
Spiritus als Lebensretter (W. B.)
|
173
|
|
Tanzbär (W. B. 1995)
|
175
|
|
Kloster am See (1995)
|
177
|
|
Teil IV: 1996 2005
|
181
|
|
Totenstadt der Komponisten (1996)
|
182
|
|
Not der Psychiatrie (1996)
|
185
|
|
Vorführung der Knackis (1998)
|
187
|
|
Computer für Cholmogori (1998-2000)
|
190
|
|
Zwei Rektoren in Cholmogori (1998)
|
194
|
|
Der Neurochirurg (1999)
|
197
|
|
Heldenallee (1999)
|
199
|
|
Die Spende (2000)
|
204
|
|
Der schwarze Wolga (2001)
|
206
|
|
Zwischenfall in Moskau (2001)
|
208
|
|
Friedhof in Solombala (2001)
|
210
|
|
Dumme Ausländer (2001)
|
214
|
|
Ulan-Ude (2001)
|
218
|
|
Wohnt im Kanal, was sonst (2001)
|
225
|
|
Der Geometer (2002)
|
227
|
|
Mit den Augen Peters (1996-2005)
|
235
|
|
Immer noch aktiv (1996-2006)
|
241
|
|
Siegesfeier (2001)
|
243
|
|
Juniabend am Onega (2002)
|
246
|
|
Krasnojarsk: Das Ende? (2002)
|
259
|
|
Das Sibirische Meer (2002)
|
264
|
|
Insel ohne Feuerwehr (2003)
|
269
|
|
Schwangere gesucht (2003)
|
272
|
|
Der Ernst des Lebens (2005)
|
274
|
|
Mentalität und Projektarbeit
|
285
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Nachklang
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Friedrich Karl Schmidt,
"Dorfgeflüster" (Arbeitstitel)
, Roman, ca. 365 S., wird
im Herbst 2012 veröffentlicht.
Kurzfassung: Ein durch Bombennächte
in Berlin geprägter Junge erlebt
Kriegsende und Nachkriegszeit in einem Industrieort Westösterreichs. Gegen
Hindernisse verwirklicht er seinen Traum, wird Journalist beim Fernsehen. Er geht
Gerüchten über den behinderten Franzl, dessen Vater in eine Schmucksteinfabrik
eingeheiratet hat, nach und stößt auf dubiose Eigentumsverhältnisse, setzt Franzls
Erbansprüche durch. Er lernt die Schattenseiten des Journalismus kennen,
berufliche und persönliche Krise treffen zusammen.
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Exposè: Flüstern im
Dorf
Inhalt: Das Heulen von Sirenen
und das Bellen der Flak, Luftschutzkeller und Angst
prägen den verträumten Fritz. Die Familie entkommt der Bombenhölle Berlins,
Vater tritt eine Stelle als Chemiker in einer Glasschmuckfabrik in Westösterreich
an, doch auch die Landeshauptstadt wird bombardiert, sie ziehen ins Dorf, wo
Vater arbeitet. Nach dem Krieg beschlagnahmt die amerikanische
Besatzungsarmee das Wohnhaus, ein Büro im Lagerhaus wird ihr Heim. Fritz
sammelt bei den Amis Zigarettenkippen, Vater weist ihn an, den Tabak ins Klo zu
spülen. Nach der Schule bettelt der Junge beim Bäcker um Brot, bei Bauern in
umliegenden Dörfer um Milch.
Autoritäre Erziehung und Vater-Sohn-Konflikt
sind die zwei Seiten einer Münze;
stumpfsinniges Wiederholen von Merksprüchen im Chor und körperliche
Züchtigung gehören zum Schulalltag. Mit Kumpeln hänselt Fritz den behinderten
Franzl, illegitimen Enkel des Unternehmers; über ihn sind Gerüchte im Umlauf, die
seine Neugier erregen, doch als er Leute befragt, verbietet es Vater. Ein
Gymnasiallehrer demütigt den aufmüpfigen Schüler, Fritz hasst die Schule,
rebelliert und haut ab. Sein zwiespältiger Charakter ängstlich und schüchtern,
vorwitzig und abenteuerlustig bringt ihn immer wieder in Schwierigkeiten. Er
wechselt an die Fachschule, schwänzt oft, schafft sich Freiräume. Der Export von
Glasschmuck floriert, die Fabrik wächst und verändert das Gesicht des Dorfes.
Fritz beginnt in München das Studium Maschinenbau, doch der Mensch hinter der
Maschine interessiert ihn mehr.
Auf einem Bierfest lernt er Rose kennen,
die Frau Mikes, eines amerikanischen
Sergeanten und Alkoholikers, er wird ihr hörig. Er bricht das Studium ab, arbeitet in
der Glashütte und in der Bibliothek der Fabrik, findet Belege, dass die Gerüchte
über Franzl und dubiose Besitzverträge nicht aus der Luft gegriffen sind. Vater
drängt ihn, das Abitur nachzuholen, doch Fritz hat nur im Sinn, das Leben zu
genießen.
Die wilden Jahre enden jäh, als er
das Mädchen mit den traurigen Augen wieder
trifft. Die Liebe pflügt sein Leben um, er erkennt die Kraft des Willens, schafft das
Lateinabitur, stürzt sich auf das Studium, schließt es in Rekordzeit ab, wird
Assistent. Der Professor beutet ihn aus, Fritz bewirbt sich beim Fernsehen, wird
Redakteur, genießt es, hinter die Kulissen zu schauen, lernt mit Stress und Intrigen
umzugehen. Kontakte mit einem ehemaligen CSSR-Agenten bringen Spannung
und Gefahr. In Recherchen für einen Film über die Fabrik erfährt er, dass Franzls
Vater ums Erbe geprellt wurde; ein Manager in der Leitung behindert die
Nachforschungen und verhindert die Produktion des Films. Der Ex-Agent verschafft
Fritz Dokumente, die Franzl und dessen Stiefbruder zu ihrem Erbe verhelfen.
Intrigen und eigene Fehler bringen Fritz beruflich in Bedrängnis; als er besonders
auf den Rückhalt der Familie angewiesen ist, droht sie zu zerbrechen. Er wird in die
Abteilung Wissenschaft versetzt und dreht er in den Kanälen von Wien einen Film
über Ratten.
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Aufbau
Der Entwicklungsroman spielt zwischen
1941 und 1970 in Westösterreich, umfasst
23 Kapitel und weist auf ca. 370 Seiten fünf miteinander verflochtene
Handlungsstränge auf: (1) Der Wandel des ängstlichen, durch Krieg,
Nachkriegselend und autoritäre Erziehung geprägten Jungen zum selbstsicheren
Journalisten; (2) die Umgestaltung des ehemaligen Bauerndorfs zum Industrieort, in
dem eine Fabrik das wirtschaftliche, soziale und kulturelle Leben bestimmt; (3) die
Lösung des Protagonisten aus dem heimatlichen Umfeld, die Verstrickung in
fragwürdige Beziehungen und das Abgleiten auf die schiefe Bahn; (4) der innere
Wandel durch Liebe und Verantwortung sowie der berufliche Aufstieg; (5) die
Aufklärung der Gerüchte um den behinderten Franzl und die kriminelle Aneignung
von Eigentumsanteilen an der Firma.
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Das Besondere
Bombennächte, Angst, häufiger
Ortswechsel und autoritäre Erziehung haben den
Protagonisten geprägt. Sein zwiespältiger Charakter ängstlich und schüchtern,
vorwitzig und abenteuerlustig bringt ihn ständig in Schwierigkeiten. Er sucht das
Abenteuer, will aber nicht auf Sicherheit verzichten, kämpft gegen autoritäre
Strukturen und Verhaltensweisen, setzt sich oft in die Nesseln. Er hat einen starken
Willen, benützt ihn aber nicht für das berufliche Fortkommen. Wie ein Schiff mit
zerbrochenem Ruder treibt er dahin und läuft Gefahr, an den Klippen Alkohol und
sexuelle Hörigkeit zu zerbrechen.
Erst die Liebe und Verantwortung für
andere mobilisieren Tatkraft und Ausdauer, er
sieht, was er mir der Kraft des Willens bewegen kann. Sein Jugendtraum ist der
rote Faden, der ihm in der Karriereplanung Orientierung bietet. Er konzentriert sich
ausschließlich darauf, vernachlässigt die Familie und erst als sie zu zerbrechen
droht, versteht er, dass er es ohne ihren emotionalen Rückhalt nie geschafft hätte.
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Bemerkung: Der Roman wurde für
die Herausgabe durch einen Verlag (erscheint
im Herbst 2012) überarbeitet, Kap. 1 natürlich auch, inhaltlich blieben wesentliche
Teile erhalten.
1. Kindheit im Dorf
Das durchdringende Heulen der Sirene riss
Fritz gerade aus dem Traum, als er so
schön und weich Gitarre spielte wie Vater, und gleichzeitig drängte sich dessen
scharfe Stimme ins Bewusstsein: „Aufstehen Fritz, Fliegeralarm, mach schnell!“
Schlaftrunken zog er Jacke und Mantel über den Pyjama, schnappte den am Bett
lehnenden Rucksack, trippelte an der Hand der Mutter in den Keller, den
Teddybären fest an sich gepresst. Vater hatte ihn als Teil der Notausrüstung
akzeptiert, kannte den Starrsinn des Jungen, wollte nicht wieder vom Luftschutzwart
gerüffelt werden, als der Bub sich brüllend geweigert hatte, ohne Teddybär zu
gehen. Die letzten Töne der Sirene hörten sich wie ein Röcheln an, als drehte ihr
jemand die Luft ab. Hin und wieder übertönte ein gedämpftes ängstliches Rufen
das Getrappel Dutzender Füße und das Schnaufen der Eilenden. Über der Stadt
lastete eine Stille wie vor einem Gewitter, ehe der erste Donnerschlag Mensch und
Hund zusammenzucken lässt. Der nach Staub, Kartoffeln und Kohlen riechende
Keller hätte niemals einem Volltreffer standgehalten, das sagte niemand laut. Die
Schutz Suchenden saßen vor den geweißten Ziegelwänden, zwischen ihnen saß
die Angst, man konnte sie förmlich riechen. Unregelmäßig klopfte die
Dampfheizung, ängstlich schmiegte sich Fritz an die Mutter, die Schwester hatte
dem Vierjährigen eingeredet, in den Rohren wohnten Geister. Nachbarn und
Besucher kauerten auf Bänken und Koffern, redeten leise miteinander oder starrten
abwesend vor sich hin. Ein Fronturlauber hielt die Hand seiner Braut. Breitbeinig
stand der Luftschutzwart in dunkler Uniform mit breitem Stahlhelm vor der Eisentür
mit den zwei riesigen Riegeln, als wollte er verhindern, dass jemand vorzeitig den
Schutzraum verließ. Er war ein mächtiger Mann, alle hatten seine Anordnungen zu
befolgen, sogar Vater. Die Kleinsten lagen in grob zusammen genagelten
Stockbetten, wälzten sich unruhig im Halbschlaf von einer Seite auf die andere.
Das dumpfe Rumm, Rumm der schweren Flak und das hellere Bellen der
Vierlingsflak zeigte an, dass die feindlichen Geschwader das Stadtgebiet erreicht
hatten. Das Gemurmel im Keller verstummte, als das tiefe Brummen der Bomber
wie die Bässe in einem Konzert einsetzte und trotz des wütenden Feuers der
Flugabwehr deutlich zu hören war. Erste entferntere Einschläge und Explosionen
ertönten, kamen näher, einige duckten sich oder hielten die Arme über den Kopf,
Kinder drängten sich zitternd an die Eltern. Eine Mutter nahm ein wimmerndes
Kleinkind aus dem Bett, drückte es an sich. Die junge Frau schmiegte den Kopf an
die Brust des Soldaten, er legte seine verschränkten Hände wie ein kleines Dach
schützend auf ihr Haar. Alle Gesichter wirkten grau, Angst schweißte die
Hausbewohner zusammen. Nach langen Minuten ertönte die Entwarnung, sie
waren davongekommen, die Notgemeinschaft zerfiel.
Die Berliner Zeit hatte Fritz Jahre später
im Tagebuch festgehalten, ohne mit
Sicherheit angeben zu können, was eigene und was fremde Erinnerungen waren.
Er konnte nicht ahnen, dass ihn, als er schon in der Mitte des Lebens stand, das
Sirenengeheul und das Brummen der Bomber bis in den Schlaf verfolgen würden.
Und erst als er selbst Kinder hatte, verstand er die durch nichts zu erschütternde
Loyalität des Vaters gegenüber dem Unternehmer, der die Flucht der Familie aus
der Bombenhölle ermöglicht hat. Wochen nach ihrer Übersiedlung nach Österreich
hatte eine Bombe das Haus schräg gegenüber getroffen, Mutters beste Freundin
und ihr Baby waren umgekommen.
Zu den angenehmen Erinnerungen an Berlin
gehörte, wenn Vater den schwarzen
Koffer vom Schrank geholt, behutsam die Gitarre herausgenommen, gespielt und
mit dem Fuß auf dem selbst gebastelten Fußschemel den Takt geklopft hat. Der
kleine Jung, wie ihn Vater nannte, wenn er zärtlich war, saß still auf dem Fußboden
und hörte zu. Vater blieb nicht verborgen, wie sehr der Kleine Musik mochte, ließ
ihn manchmal die Saiten zupfen.
„Aber sachte, ganz sachte“,
ermahnte er.
Die Erfahrungen der Bombennächte
im Luftschutzkeller hatten das Fundament für
die Ängstlichkeit des Jungen gelegt und als er an der Hand der Mutter am
zerbombten Haus der Großeltern vorbeikam, kroch die Angst erneut hervor. Nach
der Abreise aus Berlin hatten sie in der riesigen Wohnung der Großmutter im
dritten Stock Unterschlupf gefunden, bis Mutter im Wohnungsamt die Wohnung in
einem Stadtteil weitab vom Bahnhof und dem verzweigten Netz der
Rangieranlagen, Hauptangriffsziel der Bomber, erkämpft hatte. Erst als Fritz
bereits studierte, hat ihm die älteste Schwester erzählt, dass die Vormieter Stern
geheißen hatten und das Amt die große helle Wohnung unvermutet frei gegeben
hatte. Die Beamten seien froh gewesen, die hartnäckige Frau mit den fünf Kindern
los zu sein, hatte sie stolz hinzugefügt. Mutter spürte das Zittern des Buben, zog ihn
schnell an der bis auf die Außenmauern ausgebrannten Front vorbei um die Ecke
des Nachbarhauses, das nicht viel abbekommen hatte. Sie starrten auf die
Rückfront ihres Hauses mit den unheimlichen schwarzen Fensterhöhlen. Mutter
deutete zu den verkohlten, in die Luft ragenden Balkenstümpfen der Loggia hinauf.
„Dort hast du, wenn es warm war,
Bauklötze aufgetürmt.“ Sie ging weiter, ihre
Stimme klang verbittert. „Der einzige Platz in der Riesenwohnung, wo du deine
Türme eine Weile stehen lassen konntest.“ Dann murmelte sie, Fritz verstand es
kaum: „Nun hat sie auch nichts mehr davon, die Großmutter …“
Während die Erinnerungen an Berlin
naturgemäß lückenhaft waren, hatte Fritz alles,
was mit Franzl zu tun hatte, penibel im Tagebuch festgehalten, auch dass er sich
daran beteiligt hatte, mit den Kumpeln den närrischen Kerl zu hänseln. Sie hatten
sich sogar ein Lied ausgedacht: „Franzl Plä, fang uns doch, Franzl Plä Plä Plä,
kannst eh nicht laufen…“ Sie brüllten es, bis ihnen Franzl mit einem Knüppel,
einer
Schaufel oder was er sonst in die Finger bekam, nachhinkte. Er konnte nicht laufen,
sein rechter Fuß war nach innen verdreht. Nach Kriegsende war Franzl wieder
aufgetaucht, niemand wusste, wo er gesteckt hatte. Seine Mutter war Monate früher
gekommen, hat sich von allen abgesondert, soll, so hieß es, in einem Lager in
Sibirien gewesen sein.
„Muss was Grauenhaftes gewesen sein“,
erklärte Kurt wichtigtuerisch. „Alle sagen
es und jeder erzählt noch schrecklichere Einzelheiten.“ Kurt wusste immer, welcher
Tratsch im Dorf aktuell war. „Es gibt da noch etwas, das mit Franzl zu tun hat, aber
niemand will darüber reden.“
Fritz hatte ein Gespür dafür,
hinter welchen Aussagen sich ein Geheimnis
verbergen könnte und obwohl nichts mehr zu vermelden hatte, war er sich sicher,
dass dies so eine Information war. Er nahm sich vor, der Sache sein Augenmerk zu
schenken, behielt die Absicht aber für sich. Und anders als bei Kurt, dem es nur um
den Tratsch an sich ging, interessierte sich Fritz für den Fall, zumal er Erwachsene
über Franzl gefragt hatte und sie sich zwar viel sagende Blicke zugeworfen, aber
geschwiegen hatten, was seine Neugier erst recht anheizte.
Gesehen hatte er Franzl zum ersten Mal,
als er an einem glasklaren Oktobertag
Kühe durchs Dorf getrieben hatte. Mürrisch hatte ihm der Knecht, der nach Stall
roch und alle naslang mit den Fingern durch die verfilzten Barthaare strich, erlaubt,
beim Hüten zu helfen. Meist lag er im Gras und schlief, während der Junge
unentwegt herumlief, um die Herde zusammenzuhalten. Der Hirte musste einen
sechsten Sinn haben, denn kaum graste eine Kuh auf der Nachbarwiese, schrie er:
„Mensch, Hornochs saublöder du, pass auf, so ein verdammter Hurenbock!“
Er ließ eine ganze Kaskade von Flüchen
in einem wilden Dialekt los, der Sinn blieb
Fritz meist verborgen. Warfen die kirchturmhohen Holzmasten der
Materialseilbahn, weit sichtbares Überbleibsel der Wehrmacht, lange Schatten, war
es Zeit, das Vieh zurückzutreiben. Kalt blies der Ostwind über die abgeernteten
Felder. Fritz fröstelte, hatte seine Strickjacke zu Hause lassen. Dumpf knallte der
Stock des Knechts auf den Rücken einer Kuh, jedes Mal zuckte der Bub
zusammen. Die Tiere liefen ein paar Schritte, fielen sogleich wieder in ihr
gewohntes Dahinzockeln zurück. Das Bimmeln der Glocken, die Rufe des Knechts
– „Hoi, hoi, hoi“ – und das Klappern der Hufe auf der staubigen Dorfstraße
waren
Geräusche, die ihm, als er längst erwachsen war, in den Sinn kamen, wenn er an
einem klaren Oktobertag an die Heimat dachte.
Ein großer ungeschlachter, dennoch
kindlich wirkender Mann mit kurz
geschorenem Haar stand hinter dem Zaun im Obstgarten des Krämers und stierte
auf die Rindviecher, die sich zwischen den Zäunen zu beiden Seiten der Straße
drängten. Eigenartig klingende Lockrufe drangen aus seinem Mund und als eine
Kuh zum Zaun trottete, lächelte er selig.
„Franzl, lass die Viecher in Ruh!“,
schrie der Knecht. „Sonst beißen sie dich!“
Augenblicklich erlosch das Lächeln,
Franzl duckte sich hinter dem Zaun. Der Hüter
rief jedes Tier beim Namen, wusste, in welchen Stall es gehörte. Es dämmerte, bis
alle Kühe angekettet waren. Zu Hause schimpfte die jüngere Schwester, Fritz
stinke nach Kuhmist. Statt einer Antwort verschränkte er die Finger und zog daran,
dass es knackste.
„Lass das, es hört sich ja
grauenhaft an!“, schrie sie.
Er hatte noch einige Male Kühe auf
die Weide getrieben, bis Reif auf dem Gras
lag. Zu den allerschönsten Kindheitserinnerungen gehörten die Geschichten, die
Onkel Leo, zweiter Ehemann der Großmutter, erzählte. Auch als Fritz längst schon
flüssig las, lauschte er gern seiner warmen Stimme. Kamen die Großeltern am
Wochenende zu Besuch, hatte Onkel Leo für sie ein ernstes, ein lustiges Märchen
und einen Krimi ausgedacht, führte die Kinder in eine Welt, aus der sie nur
widerwillig zu ihren Alltagspflichten zurückkehrten: jäten, Schularbeiten machen,
aufräumen, abtrocknen. Von Onkel Leo, der seine letzten zwanzig oder dreißig
Haare sorgfältig über die Glatze kämmte, war nie ein böses Wort zu hören, er
war
immer freundlich und brachte der Mitwelt eine schier unerschöpfliche Geduld
entgegen. Im Gegensatz zu Vater fand er nichts dabei, wenn der Junge Erlebtes
und Tagträume vermischte, sich seine eigene Welt zimmerte, die anders war als
Schule und Dorfgemeinschaft. Onkel
Leo bestärkte ihn sogar. „Träume
sind reichhaltiger und farbiger als die
Wirklichkeit.“
Und er musste es ja wissen, war schließlich
Arzt. Es schmerzte den Jungen, wenn
Vater über die Gutmütigkeit Onkel Leos spöttelte. Mochte es tausendmal stimmen,
dass es weltfremd war, nur Gutes über seine Mitmenschen zu denken, sie noch zu
entschuldigen, wenn sie ihn schamlos betrogen wie der Lagerverwalter am
Bahnhof, der ein Trinkgeld bekam, wenn er Onkel Leo, der müde aus dem Zug
stieg, die Tasche nach Hause trug. Der Stiefgroßvater hielt dem Bahnbediensteten
die Geldbörse hin und der suchte nicht das ihm zugedachte Fünfzig- Groschen-
Stück heraus, sondern einen Schilling. Der Enkel wusste, dass der alte Herr im
Dunkeln schlecht sah, aber petzen, nein, das machte ein Junge nicht.
Onkel Leo schmunzelte, als Fritz erzählte,
dass ihn die Kumpel auslachten, als sie
herausbekamen, dass er noch Märchen las, diesen Kinderkram.
„Lass sie nur, sie wissen nicht,
dass Märchen der Nährboden sind, auf dem die
Fantasie am besten gedeiht. Als es noch wenige Bücher gab und kaum jemand
lesen konnte, wurde alles durch Erzählen überliefert.“
Die Mutter verstand den Buben gut, hatte
selbst Märchen geschrieben, zwei waren
sogar im Rundfunk gebracht worden, darauf war sie stolz. Sie schenkte ihm ein
gebundenes Heft.
„Vielleicht willst du ein Tagebuch
führen ...“
Kurz nach dem Krieg war so ein dickes
Heft ein Schatz. Sie verschwieg, dass sie
es dem Schrank ihres Vaters, in dem seine ungedruckten Novellen und Romane
vergilbten, ohne sein Wissen entnommen hatte. Anfangs trug Fritz alles ein, was
sich ereignete, bis er erkannte, dass sich vieles wiederholte. Als Vater
Schmierpapier mitbrachte, alte Wetterkarten der Luftwaffe, die unerklärlicherweise
in der Fabrik gelagert waren, schnitt er die steifen Blätter mit dem Brotmesser
zurecht, notierte Stichworte, hielt nur noch Ereignisse für würdig, ins Tagebuch
übernommen zu werden, die über den Tag hinausreichten. Manchmal schrieb er
Wochen nichts ein. Erst viel später begann er, Erlebnisse aus dem Gedächtnis
niederzulegen, schrieb sich in die Kindheit zurück und je tiefer er eintauchte, desto
besser verstand er, warum er war, wie er war. Von der Wohnung in der
Landeshauptstadt und vom Kindergarten – er ist mehrmals fortgelaufen, bis es
Mutter aufgegeben hat, ihn hinzubringen – sowie vom ersten halben Jahr in der
Schule war vieles bereits verblasst und die Gegenwart viel aufregender. Dagegen
war fest im Gedächtnis verankert, wie er im Sandkasten einem Jungen im Jähzorn
eine Fahrradpumpe ins Gesicht geschleudert hatte und der Spielkamerad fast ein
Auge verloren hätte. Viele Jahre später sollte er daran erinnert werden, als er
längst nicht mehr an den Vorfall dachte.
Die alliierten Bomber nahmen nicht nur
Bahnhöfe und Depots ins Visier, sondern
auch Gleisanlagen. Da ihre Wohnung in Sichtweite des Bahnviadukts lag,
beschlossen die Eltern, in ein winziges Dorf zwanzig Kilometer östlich zu ziehen,
hausten zu siebt in einem Zimmer im Gasthaus. Im letzten Kriegswinter herrschte
klirrende Kälte, als Vater jeden Tag zehn Kilometer zur Arbeit radelte. Der
Schneepflug räumte selten, Bus fuhr keiner und zum nächsten Bahnhof war es zu
weit, abgesehen davon, dass die Züge unregelmäßig fuhren. Im Zimmer war es
furchtbar eng, überall hing Wäsche zum Trocknen. Auf der steilen Wiese
gegenüber rutschten die Geschwister auf dem Hosenboden herunter, Möbel und
sonstige Sachen waren in der Wohnung geblieben. In der kleinen Schule wurden
alle Klassen in einem einzigen Raum unterrichtet. Ein halbes Jahr später zogen sie
wieder um, nun in eine schöne neue Wohnung im großen Dorf, wo die Fabrik steht,
in der Vater arbeitete.
Der Krieg hatte gewaltige Lücken
in die Lehrerschaft gerissen, der Unterricht fand
umschichtig statt, eine Woche vormittags, eine nachmittags. Mancher Pauker war
als körperliches und seelisches Wrack von der Front heimgekommen, so wurden
pensionierte Lehrer zurückgeholt wie der Oberlehrer mit dem gewaltigen Bauch.
Böse Zungen behaupteten, er lasse, was die Schulleistungen der Bauernkinder
anbetraf, für Butter oder ein Stück Speck mit sich reden. An seinem Schnurrbart
erkannten die Schüler, dass es Nudelsuppe gegeben hatte, der Oberlehrer liebte
Suppen mit dünnen Nudeln über alles. Erwischte er Schüler beim Schwätzen oder
ohne Hausarbeit, schlug er mit dem Zeigestock auf die ausgestreckten
Handflächen, das brannte höllisch. Beim Sprechen versprühte er feine Tröpfchen
wie Mutters Parfumzerstäuber, Fritz war froh, nicht in der ersten Bank zu sitzen.
Einmal hatte der Junge den Zerstäuber mit Wasser gefüllt und gesagt, es rieche
noch ein wenig, wenn man ganz fest schüttle. Mutter hatte ihm ein wehmütiges
Lächeln geschenkt.
Den Oberlehrer kümmerte es nicht,
dass ihn niemand mochte, solange man ihn als
Schulleiter respektierte und er seine Nudelsuppe bekam. Wie er zu der hübschen
Tochter kam, war allen ein Rätsel, die Mutter hatten sie nie zu Gesicht bekommen.
Mathilde ging in die gleiche Klasse, war Fritz’ erste Liebe, wusste aber nichts
davon und er war zu schüchtern, es ihr zu sagen, war auch nicht der einzige
Verehrer. Und so wie er Wettkämpfen aus Scheu sich zu blamieren aus dem Wege
ging, hätte er sich auf keinen Konkurrenzkampf um das Mädchen mit den dunklen
Augen und schulterlangen Haaren einlassen.
Nach dem Unterricht stellten sich die
Schüler in Zweierreihen im Gang auf,
warteten, bis der Oberlehrer rief: „Heil…“, und sie schreiend ergänzten: „…
Hitler!“
Er öffnete das Tor, sie stürmten die Steintreppe hinab in die Freiheit. Bei
Fliegeralarm – Fritz konnte sich nicht erinnern, dass die Sirenen je den Unterricht
unterbrochen haben, als hätte die Schule mit den Bombern ein Abkommen
geschlossen, zur Schulzeit keinen Angriff zu fliegen – hetzte Mutter mit den Kindern
zum Felsstollen am Eingang des Tals. Obwohl sie die Strecke im Eiltempo
bewältigten, brauchten sie eine halbe Stunde. Eine Behelfsbrücke aus Holz
überquerte das Tal, tief unten schäumte der Bach, Fritz schaute nicht hinab, ihm
wurde schwindlig. Der Mutter erging es, gestand sie später, nicht anders, ließ es
sich aber nicht anmerken. Schienen führten über die Brücke, Fremdarbeiter
schoben Loren mit Gestein aus dem Stollen, kippten sie auf der anderen Talseite
den Abhang hinunter. Den Schienen entlang patrouillierten Soldaten mit
umgehängtem Gewehr. Schaffte es Mutter nicht, den Kinderwagen mit der
Jüngsten und dem Rucksack über die Schienen zu heben, half ihr ein junger Pole.
Einmal steckte sie ihm Zigaretten zu, weiß Gott, wo sie diese aufgetrieben hatte,
Vater war selbst leidenschaftlicher Raucher.
Ein Bewacher hat es bemerkt, riss dem
armen Kerl die Packung aus der Hand, ein
zweiter Soldat brüllte Mutter an, das Gewehr im Anschlag: „Wenn Sie das nochmal
versuchen, kommen Sie ins KZ!“
Die Mutter zuckte zusammen, Fritz konnte
sich unter ‚Ka-Zet’ nichts vorstellen, doch
das seltsame kurze Wort hatte einen bedrohlichen Klang. Die Soldaten waren aus
dem Norden des Reichs, sprachen wie die Familie im Nachbarhaus. Erreichten sie
endlich den Stollen, der als Luftschutzraum diente, hatten die silbrig glänzenden
Bomber das Tal fast überquert, der Wind zerzauste ihre Kondensstreifen. Damals
konnte der Bub nicht ahnen, dass Jahre später noch sein Herz beim Brummen
viermotoriger Flugzeuge schneller klopfen würde. Der Stollen war etwa vierzig
Meter unterhalb des Waldbodens ins Schiefergestein getrieben worden. Im
rückwärtigen Teil lagerten Ersatzteile für Messerschmitt-Jäger, wie ihm Vater lange
nach dem Krieg erklärte, deshalb die strenge Bewachung. Auf die Frage, warum
die Alliierten den Industrieort nie bombardiert haben, wusste er keine
zufriedenstellende Antwort.
Die Erwachsenen sprachen vor den Kindern
nicht darüber, dass der Krieg verloren
sei, doch so ganz blieb ihnen das Geraune nicht verborgen. Die Reaktionen der
Großen waren unterschiedlich: Die einen hatten Angst vor dem Ende des Krieges,
die Propaganda hatte mit der schrecklichen Rache der Sieger gedroht; die
anderen waren erleichtert über das absehbare Ende des Schreckens. Es hieß, die
Amerikaner würden einmarschieren und Fritz buddelte mit dem Freund vor dem
halb fertigen Neubau gegenüber ein Loch, das sie mit Brettern abdeckten und Erde
draufschaufelten. Nun mochten die Amis kommen mit ihren Panzern. Als sie
wirklich anrückten, wurde eine Ausgangssperre verhängt, Fritz guckte zwischen
den Spalten der Balkonbretter durch, konnte nichts sehen, hörte nur das Brummen
von Autokolonnen und das Mahlen von Panzerketten, vertraute Geräusche. Die
Sieger beeindruckten ihn, als er das erste Mal welche erblickte, durch ihre
Lässigkeit: GIs ließen ein Bein über den Einstieg der Lastwagen mit dem weißen
Stern baumeln, fast alle kauten Gummi.
Fritz’älteste Schwester, die
in Berlin beim BdM gewesen war, staunte. „Was, diese
quatschenden und lachenden Männer haben unsere zackige Wehrmacht besiegt?“
Enttäuschend kurze Zeit fiel der
Unterricht aus. Im Klassenzimmer fehlte lediglich
das Bild des Führers, an seiner Stelle hing ein Kreuz. Der helle Fleck unter dem
Kruzifix war lange zu erkennen. Beim Aufstellen in Zweierreihen nach dem
Unterricht grölten sie nicht mehr „Heil Hitler!“, sondern machten ein Kreuzzeichen
und riefen, sobald der Oberlehrer ein kurzes Gebet gemurmelt hatte, im Chor:
„Amen!“
Die Änderungen in der Schule hielten
sich also in Grenzen, zu Hause änderte sich
vieles. Ihre Wohnung, die sie erst vor einem halben Jahr bezogen hatten, wurde für
amerikanische Offiziere beschlagnahmt.
„Wir müssen in fünf Tagen
draußen sein“, stellte Vater beim Essen fest. „Also
wieder umziehen ...“
„Und weißt du schon wohin?“,
fragte Mutter, als sie glaubte, die Kinder seien außer
Hörweite.
Fritz hatte sich unter dem Schreibtisch
versteckt. Er sah, wie Vater den Kopf
schüttelte. Aber irgendwie hatten es die Eltern doch geschafft, obwohl es keine
Wohnungen gab und selbst die Baracken – im Krieg Unterkunft für Fremdarbeiter –
mit Flüchtlingen überbelegt waren. Die Firma überließ ihnen das Büro in der
Lagerhalle, das in aller Eile hergerichtet wurde. Weder ein Lastwagen noch Benzin
war aufzutreiben, so karrten sie die Möbel mit einem großen Leiterwagen der
Fabrik zum Lagerhaus. Eifrig half Fritz beim Aufladen der Möbel und beim
Schieben des Leiterwagens durchs Unterdorf, dreimal machten sie Tour. Lieber
wäre er in der neuen Wohnung geblieben und hätte die Umgebung erkundet.
Innerhalb des hohen Maschendrahtzauns standen Schuppen und überdachte
Regale mit Rohren, Metallteilen und Behältern, es gab viel zu erforschen und
unzählige Versteckplätze, er war zufrieden mit dem Tausch. Die Lagerhalle war
unglaublich lang, er brauchte auf dem Weg am Zaun entlang von einem Ende zum
anderen vier Minuten. Anfangs waren sie ganz allein, dann wurde eine Art
gemauerte Baracke in der Nachbarschaft gebaut und Fritz bekam Freunde. Die
Buben schlossen Wetten über die Zahl der dunkelroten gebrannten Dachziegel ab,
die Schätzungen schwankten zwischen tausend und zehntausend. Ein
Lagerarbeiter meinte, es seien eher Zehntausende. Gegen Abend, wenn das
Lagertor versperrt war – sie hatten das Loch im Maschendrahtzaun erweitert,
machten es später wieder zu, man merkte es kaum –, saßen sie hinter einem
Bretterstapel und schwätzten über Gott und die Welt, ignorierten die Rufe der
Mütter, hier fand sie niemand. Die rote Ziegelmauer strahlte die gespeicherte
Sonnenwärme ab.
Die Ferien gingen zu Ende, Fritz freute
sich auf die Schule und verdrängte, dass es
bis zu den Weihnachtsferien Monate dauern würde. Der neue Lehrer hatte einen
noch längeren Schnurrbart als der Oberlehrer, war aber mager, offenbar kein
Nudelsuppenfreund. Im Singen gab er mit der Fiedel den Ton an, spielte Lieder
vor, bestrafte Schwätzen oder falsches Singen mit einem Schlag des Bogens auf
die Finger. Er schlug nicht fest, Bögen und Pferdehaare gab’s nur auf dem
Schwarzmarkt. Auch der dicke Pfarrer mit den Stoppelhaaren – für Fritz war
Religion etwas völlig Neues – war beim Austeilen von Kopfnüssen nicht kleinlich.
Körperliche Züchtigung gehörte zur Schule wie das stumpfsinnige Wiederholen von
Merksätzen im Chor.
Nach dem Unterricht liefen die Buben zum
Bäcker, bettelten um Brot. Schweigend
schnitt der Meister dicke Scheiben ab, reichte jedem Kind eine. Kam seine Frau
und wies ihn mit schmalem Mund zurecht, jetzt sei es aber genug, schaute er sie an
und schnitt weiter, als hätte sie nichts gesagt. Das warme weiche Brot schmeckte
herrlich, Fritz machte kleine Bissen und kaute langsam, damit er länger hatte. Der
Hauserbäcker gab jedem Kind, das bettelte. Ihm wurde kein Denkmal errichtet
oder zumindest eine Tafel am Haus angebracht: ‚Hier lebte ein wahrer Christ.’
Am Anfang und Ende der durch das Dorf
führenden Hauptstraße standen Zelte der
Besatzungsmacht, wer rein oder raus wollte, brauchte einen Passierschein. Mutter
hatte keinen, war mit zwei Kindern zum Hamstern in die Nachbardörfer unterwegs.
Der Posten zeigte auf den Sportwagen, in dem Rucksack und Regenzeug lagen –
der Volksempfänger hatte ein Gewitter angekündigt –, brabbelte etwas, das sich
anhörte, als kaute er einen Apfel, deutete mit gekreuzten Händen an, was
passieren würde, erwischte man sie. Das Englisch der Mutter beschränkte sich auf
ein entschiedenes „No!“.
Der Weg zum nächsten Ort auf der
anderen Talseite zog sich. Mutter hatte eine
Bekannte in der Marmeladenfabrik, bei ihr erwarb sie drei Becher Kunsthonig.
Zurück mussten sie einen anderen Weg nehmen, die Kontrolle hätte den Honig
beschlagnahmt und Mutter bestraft. So tippelten sie auf der Nordseite den
staubigen Weg heimwärts, rasteten zweimal im Schatten eines Baums. Die
Wasserflasche war längst leer.
Das Zeltlager der Amis am nordwestlichen
Ortsrand zog die Buben wie ein Magnet
die Eisenfeilspäne an, vor allem das Küchenzelt, aus dem es herrlich duftete. Auf
dem Platz vor dem Lagertor fanden sie Zigarettenkippen, Fritz sammelte wie die
anderen, leerte den Tabak in eine Schachtel. Nach Wochen war sie halb voll, er
stellte sie auf den Schreibtisch, wartete, bis Vater vom Dienst kam. Doch beim
Abendessen, Kartoffeln mit Salz und ein Hauch Butter, verlor er kein Wort. Kaum
waren sie fertig, sagte er: „Komm, wir beide haben etwas zu besprechen!“
Der Klang seiner Stimme war anders als
erhofft, die ältere Schwester flüsterte:
„Wieder was ausgefressen?“
Auf dem Eichenschreibtisch lag die Schachtel. „Woher hast du den Tabak?“
Fritz berichtete. Die senkrechte Falte
zwischen den Augen vertiefte sich.
„Ich soll rauchen, was andere im
Mund hatten und weggeworfen haben?“
Das tat weh.
„Nimm das Zeug!“
Zögernd ergriff es der Bub.
„Komm!“Vater ging zur Toilette,
deutete auf das Klosettbecken. „Leere es rein!“
„Aber …“
„Schütte es rein!“, wiederholte
Vater in einem Ton, der keinen Widerspruch
duldete. Fritz kippte den Tabak aus. „Jetzt zieh!“
Er zog die Kette, das Wasser spülte
weg, womit er dem Vater eine Freude
bereiten hatte wollen. Tränen brannten in den Augen, er konnte kaum was sehen.
Vater setzte sich an den Schreibtisch, machte eine Handbewegung zu den Stühlen,
die um den Ausziehtisch standen.
„Du hast es gut gemeint, ich weiß.“
Nach einer Pause fügte er schwer atmend
hinzu: „Aber nimm mir nicht das letzte bisschen Stolz!“
Fritz schluckte.
„Ich glaube, du hast verstanden.“
Er stand auf, strich dem Jungen über den Kopf.
Vater liebte seine Kinder, hielt aber
nichts davon, die Entwicklung von
Selbständigkeit zu fördern, das untergrabe die Disziplin. Ihm waren vorlaute Kinder
ein Gräuel und das Ergebnis lascher Erziehung. Bei ihm hatte alles in geordneten
Bahnen zu verlaufen, wenigstens zu Hause sollte Ordnung herrschen, wenn schon
halb Europa in Trümmern lag und überall Chaos herrschte. „Ordnung ist das halbe
Leben“, pflegte er zu predigen. Bereits dessen Vater hatte es ihm eingebläut und
so sollte es weitergehen, Generation für Generation. Ob er seine Ansicht revidiert
hätte, wenn er vorausgesehen hätte, wie schnell sich die Welt verändern würde?
Ein Spiegelbild seines Ordnungsfimmels war der Schreibtisch mit den parallel
ausgerichteten, sorgfältig mit dem Taschenmesser gespitzten Bleistiften in der
Schale aus schwarzem Stein, ansonsten war die Platte bis auf Löschwiege und
Briefbeschwerer leer. Regelmäßig eine Stunde vor Rückkehr Vaters vom Dienst
begann das große Aufräumen. Er sprach nie von Arbeit, der Begriff Job war
unbekannt, er hätte ihn ohnehin nicht benützt. Dienst war mehr als Geld verdienen,
bedeutete Treuepflicht dem Dienstherrn gegenüber und Pflichtbewusstsein. Mutter
stand den Kampf, der das Aufräumen jeden Tag kostete, durch, um das die Kinder
ängstigende Gebrüll des müden heimkehrenden Familienoberhaupts zu
vermeiden. Spielzeug, das herumlag, brachte ihn in Weißglut, alle fürchteten seinen
Zorn.
Als Fritz Bruno, dem Freund aus Litauen,
vom ins Klo gespülten Tabak erzählte,
nickte er.
„Hätte mein Vater genau so
gemacht.“
Die vor den Russen geflohene Familie wohnte
in einer Baracke zwischen Fabrik
und Lagerhalle. Bruno hatte die Aufnahmeprüfung ins Realgymnasium ebenfalls
geschafft, ging in die gleiche Klasse. Bei den Litauern roch es nach Mottenpulver
und gekochtem Kraut, manchmal bekam Fritz einen Teller Krautsuppe. Zweimal im
Jahr wurden die Baracken ausgegast, vorher wurden Fenster und Türen mit
Klebestreifen abgedichtet, an den Türen klebten Zettel: ’Achtung Gift!
Wanzenbekämpfung.’ Hinterher roch es tagelang scharf und süßlich.
Brunos Eltern schickten ihren Ältesten
in die Dörfer der Umgebung zum Betteln um
Milch. „Willst du nicht mitgehen?“, fragte Brunos Mutter den Freund.
Das Nachbardorf war drei Kilometer entfernt,
das nächste zwei weitere und
rechnete man die Wege zu den abgelegenen Höfen hinzu, tippelten die beiden
zwei- oder dreimal pro Woche zehn bis zwölf Kilometer. Fritz, der im Geschäft
wartete, bis man ihn fragte, was er wolle, beim Friseur andere vorließ, weil er zu
schüchtern war, zu sagen, jetzt sei er an der Reihe, scheute sich, zu klopfen und zu
bitten: „Können Sie uns bitte ein bisschen Milch geben?“ Ließ er aber Bruno
fragen, schöpfte die Bäuerin ihm in die Kanne und er ging leer aus. Der Gedanke
an die traurigen Augen der Mutter spornte ihn an, seine Befangenheit zu
überwinden.
Bruno und Fritz, die nicht selten miteinander
rauften, wobei Fritz regelmäßig den
Kürzeren zog, waren sich in dem Punkt einig, dass die Bauern mit den meisten
Kühen die größten Geizhälse waren. Ein Großbauer öffnete nach mehrmaligem
Klopfen, brummte unwirsch: „Mir ham selber nix!“, und schlug ihnen die Tür vor der
Nase zu. Durch das Fenster hatten sie beobachtet, dass vor Bauersleuten und
Gesinde zwei Schüsseln mit Knödeln standen, ein riesiger Brotlaib auf dem Tisch
lag, ein Klumpen Butter auf einem Teller. Offenbar hatten die bettelnden Jungen
beim Tischgebet gestört. Die kleinen Bauern gaben immer was, auch der Bäcker
im Ort spendierte eine Scheibe Brot, das sie heißhungrig verschlangen, während
sie die Milch nach Hause trugen.
Fritz war zu müde, um Hausaufgaben
zu machen, für Bruno gab’s kein Entrinnen: Im
einzigen Wohnraum mit dem eisernen Bullerofen in der Mitte hielten sich Mutter,
Großmutter, der Onkel mit Monokel und Spazierstock, den ein elfenbeinerner Knauf
zierte, sowie der kleinere Bruder auf. Brachte Bruno eine Fünf nach Hause, setzte
es Prügel. Sein Vater, Tischler in der Fabrik, war ein ruhiger Mann, schrie nie,
schlug nie Türen zu, Fritz merkte ihm nicht an, wenn er zornig war. Hatten Bruno und
sein Bruder Rimkus etwas angestellt, stellte er kurze Fragen, die Fritz ebenso
wenig verstand wie die Antwort, verabreichte beiden eine Ohrfeige, dass sie
gegen die Wand taumelten. Der Besucher wusste nicht, wohin schauen, es war ihm
peinlich, Zeuge der Strafaktion zu sein.
Es war Spätherbst und kalt geworden,
Bruno und Fritz nahmen nach der Betteltour
die Abkürzung über die Felder. Schwarze Wolken verdunkelten den Himmel,
heftiges Schneetreiben setzte ein, sie konnten keine fünf Schritte weit sehen.
Erschöpft duckten sie sich unter einen Busch. Bruno, ein Jahr älter und robuster,
murmelte: „Wir erfrieren, wenn wir bleiben. Du wartest hier, ich hole Hilfe.“
Fritz wollte nicht allein bleiben, fürchtete,
selbst wenn Bruno durchkam, würde man
ihn nicht finden. Er rappelte sich auf. „Ich gehe mit.“
„Du bist zu langsam, das schaffen
wir nie.“
„Ich kann so schnell laufen wie
du!“ Angst mobilisierte seine letzten Kräfte und als
endlich im Wirbel der Flocken die Umrisse der Lagerhalle auftauchten, kam es
ihnen wie ein Wunder vor.
Fritz’ Vater hatte den Litauern
vorgeschlagen, einen Suchtrupp zu organisieren.
Brunos Vater hatte ihn beruhigt: „Der Junge ist zäh, hat schon andere Dinge
überstanden!“
Diesmal wurde Bruno nicht bestraft. Im
Frühsommer wanderte die Familie nach
Amerika aus, der glatzköpfige Englischlehrer schenkte ihm eine Drei. Das fand
Fritz nicht gerecht, er musste hier bleiben und ihm schenkte der Glatzkopf nichts.
Föhn stürmte von den Bergen,
die Temperatur schnellte nach oben, die Leute
waren gereizt. Zu fünft liefen sie zur Krähenhütte am Rand eines kleinen mit Schilf
bestandenen Sumpfes. Der Wind heulte um die Hütte, sie zogen die Tür zu. Kurt
erklärte, die Jäger schießen aus den schmalen Luken auf Krähen, die in den kahlen
Bäumen hocken. Die Jungen saßen auf der Bank an der Wand, unter ihnen war ein
Malergeselle. Plötzlich hatten drei ihr bestes Stück in der Hand und begannen um
die Wette zu masturbieren. Der viel ältere Geselle machte mit, hatte den größten
Penis. Fritz als Spätzünder war das unangenehm, er wusste nicht, wo hinsehen,
ging vor die Hütte.
Die Zeit der Märchenbücher war
vorbei, Karl May, Wildwesthefte und Romane
waren an der Reihe, manchmal ging ein Buch mit schlüpfrigen Bildern reihum. Bald
las Fritz, was ihm unter die Finger kam, nur Gedichte mochte er nicht, das strenge
Versmaß ließ wenig Raum für die Fantasie. Er las im Bett, im Zug und im
Schwimmbad, lesen wurde zur Leidenschaft. Für sein Alter wusste er eine Menge,
aber es war unsystematisch angelesenes Wissen, dem eine solide Grundlage
fehlte. Kostbarkeiten lagerten neben Gerümpel, es war ein wildes Durcheinander,
das darauf wartete, geordnet, ergänzt oder aussortiert zu werden.
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Abgeschlossene Projekte:
"Grenze im Nebel" (lieferbar,
s. Bestellung)
"Notizen aus Russland" (lieferbar,
s. Bestellung)
"Dorfgeflüster",
wird im Herbst 2012 veröffentlicht, Leseprobe 1. Kap.: Kindheit im
Dorf
"Finnische Träume",
Roman einer romantischen Liebe um ein Tabu, fertig gestellt,
noch nicht angeboten;
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1) "Grenze im Nebel" Kurzinhalt: Hannes, ein Träumer, gewinnt die Liebe Maids
aus dem Moorland, wo Wochen wie Tage vergehen, die Natur noch heil ist. Er wird
zum aktiven Naturschützer, kundschaftet Fabriken aus, führt Aktionen durch. Das
Leben zwischen zwei Welten ist aufreibend und gefahrvoll; für Monate findet er bei
Linda, einer Wirtin, Ruhe, muss weiter. Nach dem Boykott von Tankstellen wird er
zusammengeschlagen, Maid rettet ihn. Ein Blick in die Zukunft wird ihm gewährt, er
sieht, wie sich die Natur rächt.
2) "Notizen aus Russland" (lieferbar, s. Bestellung): Die 69 Kurzgeschichten
schildern das Land aus der Sicht eines Westlers, der oft dort war, sich den
Menschen gegenüber offen verhielt. Das spürten sie, er kam an sie ran, erhielt
Informationen, die andere nicht bekamen. Manchmal kam er in eine Stadt oder
betrat ein Haus und eine Vorahnung sagte ihm, es wäre besser umzukehren er
hat es nie getan, ist eingetaucht in die andere Welt. - Russland ist ein von
Widersprüchen und Gegensätzen geprägtes Land, vieles kommt westlichen
Beobachtern skurril vor. Andrej Bitow hat „
das Absurde (als) die traditionelle,
sich ununterbrochen fortsetzende russische Kultur (bezeichnet), die schon immer
unter unvorstellbaren Bedingungen existiert hat. Die Geschichten beruhen bis auf
drei auf eigenen Erlebnissen und Beobachtungen; die ersten spielen in der
Sowjetunion, als der rapide Wandel nicht vorauszusehen war, die anderen im
"neuen alten" Russland. Offizielle Feiern zeigen, Vergangenheit lässt sich nicht
abstreifen wie ein Hemd, sie hat Mentalität und Verhalten geprägt. Ein Wiener
Sprichwort kennzeichnet manche der Kurzgeschichten: 'Die Lage ist hoffnungslos,
aber nicht ernst.'
3) "Dorfgeflüster" (Arbeitstitel),
erscheint im Herbst 2012;
Exposé: Das Heulen der Sirenen, das
Bellen der nahen Flak, das tägliche Rennen
in den Luftschutzkeller Angst prägt den kleinen Fritz. Die Familie entkommt der
Bombenhölle Berlins, Vater wird Chemiker in einer österreichischen
Schmuckglasfabrik. Der Junge erlebt Kriegsende und Besatzung in einem
Industriedorf, sammelt bei den Amis Zigarettenkippen auf, Vater weist ihn an, den
Tabak ins WC zu spülen. Nach der Schule bettelt Fritz mit anderen Buben beim
Bäcker um Brot, in umliegenden Dörfern um Milch, muss seine Schüchternheit
überwinden. - Mit Spielkameraden verspottet er Franzl, den behinderten illegitimen
Enkel des Unternehmers; Gerüchte über ihn erregen Fritz Neugier, er fragt Leute
aus, Vater verbietet es. Er rebelliert gegen die autoritäre Erziehung zu Hause und
in der Schule, schwänzt, haut ab. - Der Export von Glasschmuck floriert, die Fabrik
dehnt sich aus, verändert das Gesicht des Dorfs, beherrscht das Dorfleben. Fritz
will sich der Vereinnahmung entziehen, studiert Maschinenbau, bricht ab, als er
merkt, dass ihn der Mensch hinter der Maschine mehr interessiert als der Apparat.
Er arbeitet in der Glashütte und in der Bibliothek, findet Belege, dass an den
Gerüchten über Franzl und dessen Vater etwas dran ist. Das Leben in den Tag
hinein endet jäh, als er das Mädchen mit den traurigen Augen wieder trifft, sich
verliebt. Sie heiraten, er schafft das Studium in kürzester Zeit, wird Assistent, gerät
an einen autoritären Professor, einen Ausbeuter. Er bewirbt sich beim Fernsehen,
verwirklicht seinen Jungendtraum, wird Journalist. Der Job bringt Abwechslung und
Spannung, Stress und Intrigen. Fritz recherchiert für einen Film über die Fabrik,
findet heraus, dass Franzls Vater ums Erbe geprellt wurde; die Produktion des
Films wird ihm untersagt. Später erfährt er, dass der Schwiegersohn des
Unternehmers dahinter steckte; er war es, der einen ehemaligen Polizeioffizier
beauftragt hat, in der Firma ein Spitzelsystem aufzubauen. Fritz gelingt es, die
fehlenden Dokumente zu beschaffen, kann Franzl und dessen Stiefbruder zu ihrem
Recht verhelfen. Nach Intrigen und eigenen Fehlern kommt er beruflich in
Bedrängnis, gleichzeitig droht die Familie zu zerbrechen. Er wird in die Abteilung
Wissenschaft versetzt, dreht in den Kanälen Wiens einen Film über Ratten.
"Finnische Träume"
, ein zarter Liebesroman um ein altes Tabu; fertig gestellt,
noch nicht angeboten;
5) "Straße der schwarzen Witwen",
humorvoller Kriminalroman, fertig gestellt,
noch nicht angeboten;
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"Geliebte Russin"
, realistischer Liebesroman, der zum großen Teil in Russland
spielt, begonnen;
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Sein erster Roman "Grenze im Nebel"
ist unter dem Pseudonym Karl S. Friedrich
erschienen. Sein langjähriges Interesse an ökologischen Fragen war der Antrieb
für den Roman „Grenze im Nebel“, dem Kampf gegen die Zerstörung der Umwelt
gewidmet. Friedrich Schmidt ist in Berlin geboren, in Österreich aufgewachsen,
arbeitete nach dem Studium in München, Innsbruck und Wien (Dr. rer. pol.) beim
ORF in Wien als Fernsehjournalist (Politik und Zeitgeschehen), wo er sich u. a. für
den Natur- und Umweltschutz einsetzte. 1972 wurde er an die Fachhochschule Kiel
berufen, hat am Fachbereich Soziale Arbeit und Gesundheit Politologie und
Medienpädagogik gelehrt sowie dort das Institut für Medienpädagogik eingerichtet.
Er hat maßgeblich den Studiengang "Multimedia" (jetzt "Medien") ,it aufgebaut
sowie einen praxisbegleitenden Studiengang "AV-Journalismus" zusammen mit
privaten Rundfunk- und Fernsehsendern installiert, der aus Geldmangel auslief.
Im Rahmen der Professur hat er viele Jahre lang Projekte im
Norden Russlands und in Zusammenarbeit mit anderen Gebieten Russlands, z. B.
mit der Republik Burjatien in enger Zusammenarbeit mit deutschen und russischen
Praxiseinrichtungen koordiniert. Im EU-Projekt für Archangelsk arbeitete er auch
mit englischen und spanischen Hochschulen bzw. sozialen Einrichtungen
zusammen. Die Pomoren Universität Archangelsk hat ihm für den Aufbau der
Fakultät Soziale Arbeit das Ehrendoktorat Dr. h. c. verliehen.
Bild bei der Dankesrede in Archangelsk.
Die „Notizen aus Russland“
umfassen 69 Kurzgeschichten über das Land der
Extreme. Schmidt schöpfte hierfür aus persönlichen Erfahrungen und
Beobachtungen vor Ort. Er ist verwitwet und hat vier erwachsene Kinder, lebt in
Schleswig-Holstein und Westösterreich.
Weitere Buch-Projekte siehe dort: a) abgeschlossene
und b) in Arbeit befindliche.
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Produktinformation: Notizen aus
Russland (Kurzgeschichten) von Friedrich Karl
Schmidt Verlag: Books on Demand, Norderstedt 2010, Taschenbuch, 288 Seiten,
ISBN 978-3- 8391- 6869-1, Preis: EUR 16,80
Kurzbeschreibung: Die Notizen aus
Russland spiegeln die Zusammenarbeit mit
Institutionen eines Imperiums voller Gegensätze. Was westlichen Beobachtern oft
skurril vorkommt, ist für Russen normal. Die Kurzgeschichten beruhen bis auf
wenige Ausnahmen auf eigenen Erlebnissen, schildern das Land aus der Sicht
eines Westlers, der oft dort war, die Sorgen und Nöte der Menschen ernst nahm,
der ihre Traditionen ebenso akzeptierte wie ihre Eigenheiten, ihre Lern- und
Improvisationsfähigkeit schätzen lernte. Es sind komische, groteske, lustige,
bittere, manchmal peinliche, selten tragische Geschichten. Die ersten spielen in
der Sowjetunion, als niemand eine schnelle Wende für möglich hielt. Das heutige
Russland kann nur begreifen, wer die Sowjetzeit miteinbezieht; sie hat die
Mentalität geprägt und das passive Hinnehmen von Anordnungen verfestigt. Etliche
Geschichten gehen darauf ein, wie Bewohner des Riesenreichs versuchen, der
Willkür der Behörden und der eigenen unverschuldeten Misere ein Schnippchen zu
schlagen. Die Tristesse des Alltags war und ist oft nur zu ertragen, weil die Kunst,
mit fast nichts eine Feier zu zaubern, hoch entwickelt ist. Wer Russland verstehen
will, muss eintauchen in die andere Welt und sollte nie versuchen, sie nach
westlichen Maßstäben zu messen und zu beurteilen. - Die Geschichten sind eine
praktische Einführung in die manchmal schwer nachzuvollziehende russische
Mentalität.

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Karl S. Friedrich (Pseudonym): „Grenze
im Nebel“, Books on Demand, Norderstedt
2005, ISBN 3-8334-3102- 4.
Kieler Nachrichten, 14. Juni 2006
NORDWORT Karl S. Friedrich (Pseudonym)
ist Professor im Bereich Sozialwesen
der FH Kiel. Mit Grenze im Nebel (Books on Demand, 288 Seiten, 16,80 Euro)
gibt er jetzt sein Debüt als Autor. Der phantastische Roman dreht sich um den
Journalisten Hannes, der im Moorland Maid und die Natur lieben lernt und aktiver
Naturschützer wird: Die Geschichte eines aufreibenden Lebens zwischen zwei
Welten.
kn
Kieler Nachrichten, Fleethörn 1- 7, 24103 Kiel. Tel. 0431/ 9032890, Fax 9032896, E-
mail:
kul.red@kieler- nachrichten.de
Pressetext (BoD): "Die Liebenden im Moorland"
Darauf wartet die deutschsprachige Literaturszene
schon lange: Mit seinem
belletristischen Erstlingswerk „Grenze im Nebel“hat Karl S. Friedrich
(Pseudonym für Friedrich Karl Schmidt) ein neues Genre erschaffen: den
„romantischen Öko- Thriller“. Hannes ist ein Eigenbrötler, er meidet die
Gesellschaft von Menschen, die ihn langweilen. Auch von der Ehefrau entfremdet,
zieht er sich immer häufiger und länger in eine Traumwelt zurück. Dort im Moorland,
wo eine andere Zeitrechnung herrscht und die Natur noch unversehrt ist, gewinnt er
die Liebe Maids und verbringt harmonische und sinnliche Wochen. Das
Verantwortungsbewusstsein für eine gesunde Umwelt holt den Träumer jedoch in
das reale Leben zurück. Der sozial engagierte Industrielle Kern, inzwischen Initiator
einer radikalen geheimen Umwelt- und Naturschützer- Organisation, erkennt
Hannes’ Qualitäten und setzt ihn für seine Projekte ein. Hannes plant einen PR-
Film für ihn und bespitzelt den Anti- Helden „Medienpaule“, einen skrupellosen und
machtgierigen Medienmogul und Immobilien- Hai. Die Gefahr wird für Hannes
immer größer, je offener er sich am Widerstand gegen umweltkriminelle
Wirtschaftsunternehmen einsetzt. Nach dem Boykott von Tankstellen wird er
zusammengeschlagen. Maid rettet ihn in seine Fantasiewelt. Sie und ihr Oheim
gewähren Hannes einen Blick in die Zukunft, der zeigt, wie die Natur sich an der
Menschheit rächt. Hannes’ Aufzeichnungen über die bedrohlichen Visionen
überleben ihn und gelangen an eine Mitstreiterin in der Umweltschutzorganisation. -
Das Motiv „die Natur schlägt zurück“, bewegt Leser und Leserinnen nicht erst seit
dem Erfolg von Frank Schätzings „Der Schwarm“. Karl S. Friedrich schafft mit
„Grenze im Nebel“ einerseits einen packenden Abenteuerroman mit Krimi-
Elementen voller Brisanz und aktuellem Zündstoff. Andererseits bezaubert er durch
die Magie des Moorlandes und seiner Einwohner. Ein neuartiger Erzählstil, der
viele Anhänger gewinnen wird.
Blick in den Wohld, Magazin Region Dänischer Wohld,
Ausgabe Juni/ Juli 2008
KN v. 19.08.2008
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Die Sammlung von Kurzgeschichten "Notizen aus Russland" von Friedrich
Karl Schmidt ' kann bei libri.de, buecher.de oder amazon.de oder in
Buchhandlungen bestellt werden. Verlagsangaben: Friedrich Karl Schmidt,
"Notizen aus Russland", Norderstedt 2010, 288 Seiten, Paperback, ISBN 978-3-
8391- 6891-1, Ladenpreis 16,14 €; Cover siehe Rubrik 'Notizen aus Russland'.
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Einzelne Buchhandlungen haben das
Buch lagernd z. B.:
Anke Petersen, Altenholz-Stift
Almut Schmidt, Kiel/ Friedrichsort
Weiland, Buchhaus im Sophienhof, Kiel
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Friedrich Karl Schmidt
Karl S. Friedrich (Pseudonym)
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"Notizen aus Russland":
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Notizen aus Russlands
Nordwesten, 21. Juli 2010
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Rezension bezieht sich auf: Notizen
aus Russland: Kurzgeschichten
(Taschenbuch)
Der Autor berichtet lebhaft und farbig
in kurzen einprägsamen Geschichten über
Episoden seiner über Jahre währenden Erlebnisse im Nordwesten Russlands. Der
Leser kann nachvollziehen, wie schwer sich der Wandel von Sowjetunion zur
Russischen Föderation in konditionierten Denkstrukturen zu behaupten versucht.
Vieles allzu Menschliche illustriert das Leben abseits der Metropolen und weckt die
Sympathie für einen aufgeschlossenen und freundlichen Menschenschlag. Der
Leser findet ein leicht zu lesendes Buch, das ihm zugleich Zugänge zu einem Land
öffnet, das vielen noch immer fremd ist. Neben vielen Analysen richtet es den
Fokus auf den Menschen, der - so spürt man - stets der Mittelpunkt für den Autoren
ist.
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Grenze im Nebel:
Kundenrezensionen Amazon.de
Durchschnittliche Kundenbewertung: 5.0
von 5 Sternen
5 von 5 Sternen
Phantastischer Roman mit hartem Bezug
zur Realität, 19. November 2005
Rezensentin/Rezensent: schmidtschmidt
aus Schleswig- Holstein Deutschland
Der spannend-romantische, sehr phantasievoll
geschriebene Roman mit hartem
Bezug zur ignoranten Wirklichkeit lässt einen eintauchen in eine völlig fremde und
dennoch eigene Welt.
Manches Mal einem verbalen Hammerschlag ähnlich - lässt einen die starke
Sprache während des Lesens stutzen, aufschauen und an die immer wieder
verpürte Ohnmachtsgrenze schreiender Unfassbarkeiten politischer und
umweltvernichtender Klüngeleien stoßen, die jeder erahnt, zu kennen meint, und
kaum auszusprechen wagt.
Der sooft zitierte erhobene Zeigefinger
bleibt jedoch aus, man versinkt vielmehr mit
der Hauptperson.
Diese denkt, philosophiert und handelt
mit den Grundfesten der Menschlichkeit in
einer Welt von Liebe und Korruption, Brutalität und dem von Sehnsucht geprägten
surrealen Abenteuer zwischen den Welten.
Ein empfehlenswerter kurzweiliger Roman
für Wirtschafts- Bosse und Politiker,
dessen bildstarke Sprache sich im Sinne aller Folgegenerationen im Gehirn
während des Lesens eingräbt und dort festsetzt...
Rezension libri.de
Kundenkommentare
Kampf gegen Umweltzerstörung von
Eva Czechner, 11.12.2005
Ein spannend geschriebener Roman mit viel
Phantasie. Das Thema ist höchst
aktuell, intelligent verpackt und stimmt nachdenklich. Die augenblickliche
Verharmlosung von Umweltzerstörung wird sachlich kritisch behandelt, fesselt aber
dennoch den Leser nachhaltig.
Hannes, der Held des Romans, ist eine
Figur, mit der sich der Leser in vielen
Punkten identifizieren kann. Durchaus nachvollziehbar sind seine Beziehungen zum
anderen Geschlecht, einfühlsam und romantisch gezeichnet. Ein fesselnder Blick in
die Zukunft, der den Leser nicht los lässt. Ein sehr zu empfehlendes Buch,
anspruchsvoll und interessant.
Rezension Katharina Klein, Kiel, 17.02.07:
"Ich habe das Buch gern gelesen.
Es liest sich leicht; man muss sich einlassen auf
Fantasie, Spannung und Horrorvisionen, packend zur aktuellen Klima- und
Umweltdiskussion.
Ein gut zu lesendes Buch! Empfehlenswert!
Es ist kurzweilig und spannend, aber
auch in gewisser Weise bedrückend".
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Erklärung: Ich habe auf meinen Seiten Links zu anderen Seiten im
Internet gelegt. Ich betone, dass
ich keinerlei Einfluss auf die Gestaltung und die Inhalte der gelinkten Seiten hatte und habe. Ich
distanziere mich hiermit ausdrücklich von allen Inhalten der gelinkten Seiten auf meinen Webseiten
inklusive aller Unterseiten und mache mir keinerlei Aussagen der gelinkten Seiten zu Eigen. Für
die Inhalte der gelinkten Seiten ist der jeweilige Autor allein verantwortlich. Diese Erklärung
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oder Banner führen. Sollte ein Link auf eine rechtlich bedenkliche Seite führen, bitte ich
um
Mitteilung, so dass der Link gegebenenfalls entfernt werden kann.
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http://www.literaturcafe.de : Das
Literatur-Café ist ein literarischer Treffpunkt im
Internet und dient dem Meinungsaustausch aller an Literatur Interessierten.
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Hier werden Werke verschiedener Autoren
vorgestellt.
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Das Finanzplan-Team hat das Webprojekt 'Chefbuch' ins Leben gerufen. Es soll den
Chefs dieser Welt helfen, mehr Gewinn zu erwirtschaften, im Chefalltag besser zu Recht zu
kommen und dabei auch noch Spaß und Freude zu haben. Hier finden Sie alle Informationen zum
Buch. ___________________________
Sylvia Wenig-Karasch, Arbeitslos - Die wichtigsten Schritte aus der Krise /
Band 1, Die wichtigsten Schritte aus der Krise/Band 1, BoD-Verlag Norderstedt, ISBN 978-3- 8334-
6919-0, PB, 192 Seiten, 12,80 €
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Ja, ich lebe jetzt mein Leben!
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Paradisienne - Sagenhafte Geschichten
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